Mi., 14.03.2018

Stadtgeflüster-Interview: Dr. Peter Frey gewährt Dominik Irtenkauf einen Blick hinter die Kulissen einer Medienanstalt Chefsache ZDF

Stadtgeflüster-Interview: Dr. Peter Frey gewährt Dominik Irtenkauf einen Blick hinter die Kulissen einer Medienanstalt: Chefsache ZDF

Dr. Peter Frey ist seit 2010 Chefredakteur des ZDF. Foto: Stadtgeflüster

Dr. Peter Frey ist aktuell der Chefredakteur des ZDF und unter anderem zuständig für alle Nachrichtenformate des Senders. In einer Welt des Wandels steht das ZDF für Beständigkeit. Aber auch vor dem Sender machen Umbrüche keinen Halt. Sparziele sollen verwirklicht werden, Medienkritik tönt lauter, antidemokratische Bewegungen nehmen zu. Es bleiben genügend Herausforderungen für ein Medienhaus. Peter Frey nimmt sich eine halbe Stunde Zeit für das Stadtgeflüster und informiert über manche Entwicklung, in der sich das ZDF momentan befindet.

Von Dominik Irtenkauf

Man kann sagen, dass Sie beim ZDF durch das ganze Haus gewandert sind. Als Chefredakteur werden  Sie jetzt eher integrative Funktionen übernehmen…

Ja, das ist eine andere Rolle als bei meinen Stationen davor. Als Korrespondent musst du erstmal berichten und dabei darauf achten, faktentreu und möglichst interessant für die Zuschauer zu sein. Als Moderator und Interviewer muss man auf den Punkt kommen, die Gesprächspartner mit den kritischen Aspekten eines Themas konfrontieren und nachhaken, wenn’s nötig ist.

 

Wie schaut es damit jetzt aus?

Als Chefredakteur ist es meine Aufgabe, zu integrieren, das Programm interessant zu gestalten und den Laden innovativ nach vorne treiben. Das ist eine journalistische Herausforderung, aber natürlich auch in besonderer Weise eine Management-Aufgabe, wenn es um Personal, Strukturen, Finanzen und so weiter geht. Aber alle diese Fragen hängen in einem Haus wie dem ZDF immer – zumindest indirekt – mit unseren journalistischen Angeboten und unserem publizistischen Profil zusammen.

 

Gerade bei einem Massenmedium wie dem ZDF ist es sicher manchmal schwierig, die Nachrichtenlage einzuschätzen und zu entscheiden, welche Themen man reinnimmt und welche man außen vor lässt?

Das ist eigentlich nicht der Job des Chefredakteurs. Der Chefredakteur befindet sich, ich möchte mal sagen, in einer gesunden Halbdistanz zur Aktualität, auch zu seinen Redaktionen. Weil ihm natürlich wichtig ist, dass Programmentscheidungen in den Redaktionen diskutiert und gefällt werden. Mir persönlich ist dieses Prinzip der „inneren Meinungsfreiheit“ und ZDF-internen Pluralität enorm wichtig.

 

Wie nehmen Sie dennoch Einfluss?

Mein wesentliches Instrument besteht in der Kritik nach der Sendung. Ich sehe so ziemlich alles, was zum Programmsegment Information im ZDF gehört und äußere mich dazu. Darüber übe ich Einfluss aus. Aber die täglichen Entscheidungen, z. B. welcher Interviewpartner abends dran ist, überlasse ich dem „heute-journal“ selbst. Über die „ZDFspezial“-Sondersendungen entscheidet aber der Chefredakteur.

 

Haben Sie da auch Veränderungen wahrgenommen, in der Informationsbeschaffung, den Methoden, Techniken?

Natürlich. Da gab es einen grundlegenden Wandel in den letzten 25 Jahren. Als ich zum Beispiel 1992 Redaktions- und Produktionsleiter des „ZDF-Morgenmagazins“ wurde, das ich mit den Kollegen Maybrit Illner, Gundula Gause und Cherno Jobatey aus der Taufe gehoben habe, haben wir uns voll auf das ZDF-Hauptprogramm konzentriert, die Zeit von 6.00 bis 9.00 Uhr im Auge gehabt.

 

Was ist heute anders?

Heute müssen die Kollegen an die unterschiedlichsten Plattformen und Ausspielwege denken, losgelöst von Sendezeiten. Insbesondere das Internet hat das Informations- und Nachrichtengeschäft komplett umgekrempelt. Unsere Wirtschaftsredaktion hat z. B. einen Ausspielweg im ZDF-Hauptprogramm mit der Sendung „WISO“, verantwortet aber auch ein Magazin namens „makro“ für 3Sat, betreut die tägliche Verbrauchersendung „Volle Kanne“, liefert Texte für heute.de, verantwortet Dokumentationen auf ZDFinfo und ist aktiv im Bereich Social Media...

 

Ich verstehe, das ist einiges an Mehrarbeit.

Wir wissen, dass wir auf den unterschiedlichen Plattformen eben auch sehr unterschiedliche Publika erreichen, und versuchen unserem Anspruch nachzukommen, für jeden in der Gesellschaft und jede Altersgruppe da zu sein – und ihr gerecht zu werden.

 

In den letzten Jahren hat die Medienkritik an Sendern wie dem ZDF zugenommen (– teilweise auf unprofessionelle Art und Weise). Wie geht man damit um?

Ich glaube, dass die Kritik erstmal zeigt, dass wir als wichtig und gesellschaftlich relevant wahrgenommen werden. Insofern bin ich dafür, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen und sie auf die Punkte abzuklopfen, die berechtigt sind. Wenn es sich aber um Kritik handelt, die erkennbar nur das Ziel hat, Glaubwürdigkeit zu untergraben oder zu zerstören, müssen Journalisten selbstbewusst genug sein, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ohne Selbstbewusstsein kann es keinen guten Journalismus geben.

 

Häufig wird der Vorwurf der einseitigen Berichterstattung aufgeworfen.

Man muss die Kritik, die es gibt und gab, ernstnehmen und sich z. B. mit der Frage auseinandersetzen, ob wir wirklich in alle Ecken unserer Gesellschaft hineingucken. Auch Journalisten sind Menschen, leben in bestimmten Milieus. Zum Beispiel lieber in den Städten als auf dem Land. Die Frage ist: Sind wir dicht genug dran an den gesellschaftlichen Entwicklungen überall in Deutschland? Also nicht nur im Prenzlauer Berg, sondern auch irgendwo in Niedersachsen an der Küste?

 

Im Unterhaltungsbereich gibt es auch gewisse Konzentrationen. Zugespitzt gesagt: An Krimis fehlt es dem Zweiten Deutschen Fernsehen nicht.

Wir bieten unserem Publikum eine breite Palette von Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Dazu gehören natürlich auch Krimis – ein Genre, das viele unserer Zuschauer und Beitragszahler sehr gerne sehen und das die Chance bietet, unterhaltsam gesellschaftliche Wirklichkeit ins Programm zu bringen. Ich bin zum Beispiel ein Fan von „SOKO Leipzig“. Da lernt man eine Menge über ostdeutsche Befindlichkeit. Informationssendungen profitieren immer wieder vom Erfolg von Unterhaltungssendungen – und umgekehrt. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle die Idee eines Hauptprogramms erklären.

 

Ja, gerne.

Das bedeutet ja, dass man Programmsparten so miteinander verbindet, dass sie sich gegenseitig stützen. So profitiert etwa unsere „heute-journal“-Sendung von einer Serie wie dem „Bergdoktor“. Die fünf bis sieben Millionen Menschen, die diese Serie verfolgen, bleiben am Donnerstag zu einem großen Teil auch bei unserem Nachrichtenmagazin, weiterhin im ZDF, sehen dann noch „maybrit illner“. Dieser sogenannte Zuschauer-Flow zwischen unterhaltenden und informierenden Formaten ist eine der Stärken eines Haupt- und Vollprogramms. Umgekehrt hilft eine stark eingeschaltete „heute“-Sendung um 19.00 Uhr der nachfolgenden Serie.

 

Ein Problem ist, dass sich Journalismus gerade finanziell ganz anders aufstellen muss und Druck herrscht, ja manche Recherchen gar nicht mehr gut möglich sind.

Die ökonomische Lage bei vielen Medienhäusern ist schwierig – ein nachhaltiges Finanzierungsmodell für die digitale Gegenwart und Zukunft ist noch nicht gefunden. Wir als Öffentlich-rechtliche sind da ohne Frage privilegiert. Aber auch wir stehen unter enormem Spardruck.

 

Das heißt?

Wir haben zum Beispiel einige Sendungen eingestellt, zuletzt das profilierte Magazin „ML mona lisa“. Die Arbeitsbelastung für den Einzelnen hat sich erhöht, man muss als Chefredakteur dafür sorgen, dass die Qualität dennoch nicht auf der Strecke bleibt. Es muss weiterhin Redakteure geben, die einen größeren Freiraum genießen, etwa um investigative Recherchen anzugehen.

 

Ich wollte noch auf Ihr Buch aus dem Jahr 2004 eingehen. Sie schreiben darin viel von den Hürden, denen Journalisten begegnen, um einen Bericht bringen zu können. Vermissen Sie denn jetzt als Chefredakteur diese teilweise abenteuerliche Komponente?

Natürlich gibt es Momente, in denen man sich zurücksehnt in die Zeit, in der man nur Verantwortung für sich selbst und den Bericht hatte, den man gerade produzierte. Man denkt dann an Reisen nach Russland oder in den Nahen Osten, die Begegnungen mit den Menschen und Konflikten. Aber ich bin überhaupt nicht nostalgisch, jetzt bin ich einfach in einer anderen, spannenden Lebensepoche.

Besondere Momente?

Die Zeit in Berlin, die Reisen mit Schröder und Merkel nach China, Indien oder – of all places – nach Liberia. Diese Erfahrungen verleihen mir übrigens auch Glaubwürdigkeit als Entscheider, Manager und Chef.

Sie wissen somit, wie es den Kollegen vor Ort ergehen kann.

Genau. Das schafft Verständnis dafür, wie die Kollegen unterwegs sind, wenn sie fremde Länder bereisen oder aus Kriegs- und Krisengebieten berichten. Aber das ist ja das Reizvolle am journalistischen Beruf, dass er so viele Facetten birgt. Reporter und Korrespondent ist eine Facette, Moderator eine andere, Programmgestalter und Manager der dritte hochinteressante Aspekt.

Woran erinnern Sie sich hierbei noch?

Ich habe es zum Beispiel geliebt, Redaktionsleiter des „ZDF-Morgenmagazins“ zu sein, ein ganz neues Programm aus der Taufe zu heben. Das war eine Art Abenteuer, im wiedervereinten Berlin das erste bundesweite öffentlich-rechtliche Nachrichtenprogramm auf die Beine zu stellen, mit Mitstreitern aus Ost und West.

 

Und jetzt?

Jetzt bin ich für das journalistische Profil des ZDF insgesamt verantwortlich. Dafür, dass der Laden funktioniert, dass wir journalistisch anständig, sauber, vielfältig und vor allem faszinierend für unsere Zuschauer arbeiten können. Das bedeutet viel Verantwortung und birgt auch einen großen Reiz.

 

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Dr. Peter Frey

Jahrgang 1957, studierte Politikwissenschaft und Spanisch. Seit 1983 beim ZDF, zunächst Redakteur und Reporter beim „heute-journal“; 1991-92 Korrespondent in Washington. Er moderierte das „ZDF-Morgenmagazin“, das „auslandsjournal“ sowie zahlreiche „ZDFspezial“-Sendungen, ab 2001 Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, seit 2010 Chefredakteur.



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