Mi., 28.03.2018

Stadtgeflüster-Interview: Dominik Irtenkauf und Dr. Roland Seim schlagen sich durch den Zensurdschungel Zensur? Muss das sein?

Stadtgeflüster-Interview: Dominik Irtenkauf und Dr. Roland Seim schlagen sich durch den Zensurdschungel : Zensur? Muss das sein?

Dr. Roland Seim ist Autor, Verleger und Mediensoziologe. Foto: Stadtgeflüster

Das Grundgesetz garantiert in Deutschland die Freiheit der Meinung und der Kunst. Jedoch kann es immer mal wieder zu Konflikten kommen, wenn diverse mediale Erzeugnisse eine Grenze überschreiten. Sicher sind Horrorfilme und Punkplatten Geschmackssache. Für manche ganz schlimm, für andere das Höchste der Gefühle. Häufig stehen solche Werke im Fokus der Zensur. Auf Antrag wird die Bundesprüfstelle in Bonn tätig. Es kann dann zur Indizierung kommen. Oder Schlimmerem. Dr. Roland Seim ist studierter Soziologe aus Münster, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema auseinandersetzt.

Von Dominik Irtenkauf

Im GG Artikel 5 steht: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Ist deine Arbeit Makulatur?

Habe ich also die tausend Seiten alle umsonst geschrieben? (Lacht) Nee, das ist ja leider nicht der Fall. Artikel 5 besagt nur, dass keine Vorzensur stattfindet. Die Juristen schlawinern sich da ein wenig aus der Verantwortung heraus und sagen: Erstmal darf jeder machen, was er will – und danach muss man eben schauen, was daraus wird: entweder Indizierungen, Verbote, einstweilige Verfügungen. Es gibt ein Zivilrecht, ein Strafrecht, einen Persönlichkeitsschutz, Jugendschutzgesetz, es gibt Dutzende von Paragraphen, Bestimmungen, Institutionen, die sich um die Einhaltung von allem möglichen Kram kümmern. Abgesehen von der wirtschaftlichen und politisch-korrekten Geschichte, die eigentlich nur zwischen den Zeilen stattfindet.

 

Du hast dich vorwiegend mit Fällen beschäftigt, bei denen die Zensur deutlich zu sehen ist?

Bei mir ging es darum, im Idealfall eine zensierte gegen eine unzensierte Version zu stellen. Das war jeweils das Meisterstück. Gemeinsam mit Dr. Josef Spiegel haben wir die eine oder andere Ausstellung gemacht. Das war stets selbsterklärend, wenn man die unzensierte gegen die zensierte Fassung stellt.

 

Du meinst „Nur für Erwachsene“, das als Katalog erschienen ist?

Zum Beispiel „Nur für Erwachsene“. Da ging es um Plattencover. Wir haben den Fokus auch auf internationale Plattencover ausgeweitet. Gerade die Amerikaner sind ja ziemlich prüde. Das sieht man heute in Horrorfilmen auch noch. Da können Köpfe abgeschlagen werden, aber der BH bleibt an. Das ist der amerikanischen Prüderie geschuldet. Mit Gewalt haben sie kein Problem, aber mit Sex. Spätestens seit dem „Nipple Gate“ sind sie vorsichtig. Obwohl sie eine der größten Pornoindustrien haben.

 

Wahrscheinlich soll der Porno in seinem Metier bleiben. Und sich nicht mit Horror oder Kunst vermischen.

Genau. So ein abgezirkelter Bereich. Porno in Verbindung mit Gewalt ist bei uns ebenfalls verboten. Da kommt man in eine Problemzone, bei der es gerade auch mit der laufenden „#metoo“-Debatte echt schwierig ist, das unter künstlerischen Aspekten zu vertreten. Ob solch ein Menschenbild nötig ist. Das ist die Frage der Kunstfreiheit. Wenn das im Rahmen eines künstlerischen Werkes eine durch die Kunstform notwendige Darstellung im Werk ist, also noch vertretbar ist, kann man versuchen, das durch Gutachten vor Gericht durchzuboxen. Geht es hingegen nur um den voyeuristischen Aspekt, ist es tatsächlich Gewaltpornografie – und wird verboten.

 

Mal anders gefragt: Wie alt ist denn die Zensur?

Also die Zensur gibt es, seit es Massenmedien gibt. Wenn Leute etwas gesagt oder geschrieben haben, gab es immer Andere, die das nicht wollten. Und wenn man die Macht hatte, das zu verhindern, haben die das auch gemacht. Selbst die alten Ägypter haben die Kartuschen der Pharaonen, die ihnen nicht mehr in den Kram passten, wie zum Beispiel Echnaton, nach deren Tod oder Sturz rausmeißeln lassen. Das zieht sich durch die letzten 5000 Jahre Kulturgeschichte. Kein spezifisch deutsches Problem. Wir machen es höchstens besonders gründlich. (lacht)

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bundesprüfstelle gegründet.

Ja, 1954. Die Bundesprüfstelle wird auf Antrag tätig, indiziert gegebenenfalls Medien als Wahrnehmungserschwernis für Minderjährige zum Schutz ihrer Entwicklung vor schädlichen Einflüssen. Ein Dreier- oder Zwölfergremium bestimmt, was 80 Millionen Leute im Zweifel sehen, lesen oder hören sollen. Das ändert sich natürlich ständig – und die Meinungen waren stets umstritten.

 

Ein aktuelles Beispiel wäre „Texas Chainsaw Massacre“, das eine deutsche Filmfirma im Gerichtsprozess von jeglichem Verbot befreien konnte. Da zeigt sich, wie historisch gebunden die Urteile sind.

Das Schlimmste an diesen Filmen ist eher der Titel. „Kettensägenmassaker“ – da macht man sich im Kopf bereits ein Kino, was für furchtbare Dinge sich da abspielen könnten. Erstaunlicherweise sieht man fast nichts von diesen angeblichen Grausamkeiten. Turbine Medien und Christian Bartsch haben damals gesagt: Das kann nicht wahr sein, dass nach über 25 Jahren Verbot dieser Film immer noch nicht frei verfügbar ist. Sie haben versucht, als Rechteinhaber gemeinsam mit dem US-Regisseur Tobe Hooper, mir und ein paar anderen Leuten, den Film wieder freizukriegen. Das hat 2011 auch tatsächlich geklappt. Damit haben wir Rechtsgeschichte geschrieben.

 

Das war ja kein Einzelfall.

Mittlerweile sind auch einige andere wichtige Horrorfilme wie „Tanz der Teufel“ freigegeben, der fast 35 Jahre lang verboten und eingezogen war. Er hat jetzt eine FSK-16er-Freigabe. Das ist das Erstaunliche. Das war der am heftigsten verbotene Film. Jetzt ist er frei ab 16. Da fragt man sich: Haben sich die Menschen verändert? Oder der Film? Die Rechtsprechung? Die Sichtweise? Der Zeitgeist? Den zutreffenden Paragraphen 131 gibt es ja immer noch. Wie unterschiedlich solche Paragraphen ausgelegt werden können, zeigt sich gerade an solchem Beispiel. Wie überflüssig diese Passagen häufig sind.

 

Du sprichst hierbei die Verrohung an. Dass durch den Internetzugang die Kinder Zugang zu den verschiedensten Materialien leicht bekommen können.

Das stimmt natürlich, aber man kann ja nicht versuchen, die komplette Welt und das Internet auf ein jugendfreies Niveau zu bringen. Man muss die Kinder eher den Umgang mit solchen Medien lehren: Medienkompetenz, Medienkritik und Medienethik vermitteln. Nicht nur zwischen gut und böse, sondern auch zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Ein Handwerkszeug zu vermitteln, aber nicht aufgrund von Gesetzen, sondern aufgrund von einer Erziehung, von Role Models, von Vorbildern.

 

Das ist natürlich komplizierter und es hängt vielleicht doch noch mit einer gewissen hochkulturellen Bewertung von subkulturellen Medieninhalten zusammen?

Das Blutspritzen gehört zu Horrorfilmen werkimmanent dazu. Das wäre sonst wie ein Fußballspiel ohne Tore, die herausgeschnitten werden. Jeder, der sich einen Splatter- oder Slasherfilm anguckt, weiß das auch. Kaum jemand dürfte das als Gebrauchsanweisung für die Realität nehmen. Das ist eine Art von Kunstwerk im erweiterten Sinne, aber auch von Fiktion. Wie bei einer Geisterbahnfahrt. Da weißt du auch, das ist kein echter Geist. Es sterben keine echten Schauspieler.

 

Finden denn noch große Beschlagnahmungen statt?

Also im Filmbereich weniger. Die letzte spektakuläre Beschlagnahmung war „Hostel 2“ wegen Gewaltverherrlichung, aber das ist auch schon ein paar Jahre her. Das geschah wegen dieser Penisszene. Nicht schön. Was relativ häufig verboten wird, sind Metalplatten, wegen schlimmer Cover vor allem, und Bücher wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Die Beschlagnahmung von Medien hat aber nachgelassen. Häufiger ist die Indizierung von Webseiten. Diese Liste ist aber geheim. Sie wird nicht mehr veröffentlicht, seit 2003, seit dem neuen Jugendschutzgesetz.

 

Diese Liste bekommen nur die entsprechenden Stellen?

Genau, die Suchmaschinenbetreiber, um diese verbotenen bzw. indizierten Websites herauszufiltern.

 

Werden die auch vom Netz genommen?

Nicht unbedingt. Einige schon. Rotten.com zum Beispiel wurde nach einigen Jahren eingestellt. sexmuseum.com gibt es, glaube ich, auch nicht mehr. Aber nicht wegen der bundesdeutschen Indizierung, sondern einfach, weil es vorbei war. Das sind jetzt aber relativ wenige Fälle. Es stehen viereinhalb bis fünftausend URLs auf dieser Liste. Die sind im Vergleich zu den Milliarden von Websites im Internet nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das hat eher symbolischen Wert.

 

Diese Listen sind ja ein gutes Stück willkürlich. Bekannte Bands wie Cannibal Corpse stehen zum Beispiel drauf, aber zuweilen fallen Nachahmer, die es noch viel bunter treiben, unters Radar. Die Prüfstelle wird ja erst auf Antrag aktiv.

Das ist auch gut so. Wir leben ja in keinem Polizeistaat, wo rasterfahndungsgleich alles, was veröffentlicht wird, darauf hin kontrolliert wird, ob es gegen Gesetze verstößt. Das ist zum Glück nicht der Fall. Es sind immer Einzelfallentscheidungen. Wenn jemand sich aufregt und jemanden anzeigt, gucken sich Prüfstelle oder Richter das an. Sind sie dann der Meinung, dass es gegen irgendwelche Gesetze verstößt, wird es verboten oder indiziert. Wenn nicht, dann nicht.

 

Wenn man kulturwissenschaftlich oder journalistisch zu einem Tabuthema arbeitet und im Internet veröffentlicht, wird das auf der Seite mit Tags versehen, damit Leser das leichter finden. Der Algorithmus findet das dann aber auch – und entsprechende Überwacher.

Ein Programm ist erstmal doof. Das kann nicht unterscheiden zwischen Kriegsverherrlichung und Kriegsberichterstattung bzw. zwischen Gewaltverherrlichung oder entsprechender Berichterstattung. Wenn gewisse Schlagwörter auftauchen, dann gerät man in solch ein Raster. Wenn man Pech hat, kann es sein, dass man in geheime Suchlisten kommt. Wenn man sich für das Bombenbasteln in der Geschichte interessiert oder sich mit Terrorismus beschäftigt, dann kann es schon mal passieren, dass sich die NSA dafür interessiert, was du da machst.

 

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Dr. Roland Seim

Autor, Verleger und Mediensoziologe. Führt den Telos Verlag für Kulturwissenschaft in Münster und beschäftigt sich ausgiebig mit Zensurfällen. Seine Dissertation behandelt das Thema „Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen“ (1997), seitdem zahlreiche Publikationen zum Thema.



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