Mi., 06.06.2018

Stadtgeflüster-Interview: Bernd Brinkmann und Dominik Irtenkauf erörtern die Kunst und Praxis der forensischen Sektion Leidenschaft Forensik

Stadtgeflüster-Interview: Bernd Brinkmann und Dominik Irtenkauf erörtern die Kunst und Praxis der forensischen Sektion : Leidenschaft Forensik

Prof. Bernd Brinkmann war von 1981 bis Juli 2007 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der WWU. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Professor Bernd Brinkmann liebt knifflige Fälle. Als Koryphäe im Bereich der Forensik wurde er zu manchem spektakulären Fall hinzugezogen. Sein Arbeitseifer scheint auch im hohen Alter nicht nachzulassen. An einem Montagmorgen machen sich der Stadtgeflüster-Autor und Prof. Brinkmann zudem einige Gedanken zu den ethischen Aspekten der Arbeit im Sektionssaal.

Von Dominik Irtenkauf

Bei Ihrem Beruf bietet sich die Frage an: Schauen Sie eigentlich Krimis?

Der WDR ist zu mir gekommen, als sie am Münster-Tatort geschrieben haben. Aus Interesse habe ich dann den ersten gesehen. Ich glaube, auch noch den zweiten. Das ist schon ein paar Jahre her. Das soll jetzt nicht arrogant klingen. Doch für mich ist das nicht so interessant. Häufig reicht die Zeit auch gar nicht. Das kommt ja abends um acht Uhr, und da bin ich immer noch am Arbeiten gewesen.

 

Wie unterscheidet sich die Realität vom Film?

Das Berufsbild des Rechtsmediziners unterscheidet sich schon recht deutlich von dem Bild im Kriminalfilm. Wir arbeiten bei den Sektionen sehr fachspezifisch. Wie ein Arzt gehen wir an eine solche Geschichte ran. Nicht so spektakulär in Wechselwirkung mit der Polizei und dem Staatsanwalt. Das ist eigentlich in der Praxis nicht der Fall.

 

Der doch recht extravagant dargestellte Boerne im Münster-Tatort greift häufig ein.

Den ermittelnden Rechtsmediziner gibt es eigentlich nicht. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu ermitteln. Das ist Aufgabe der Ermittlungsbehörden. Ich glaube, wir würden dann auch gefährliche Grenzüberschreitungen begehen. Das ist eine Art Anmaßung, wenn wir in einem Fall ermitteln. Wir sind Helfer der Justiz, aber nicht selbst Ermittler.

 

Es besteht dann sicher auch eine gewisse Unabhängig keit von den Ermittlungs behörden?

Ja klar. Das muss auch so sein. Darauf lege ich sehr viel Wert. Es gibt im Europaparlament eine Kommission, die sich dieser Frage der Unabhängigkeit der Rechtsmedizin sehr angenommen hat. Sie können sich vorstellen, in einigen europäischen Ländern gab es eine zu große Nähe zwischen der Rechtsmedizin und der Polizei. Die saßen in einem Institut, in einem Gebäude und arbeiteten natürlich sehr eng zusammen. Das darf nicht sein.

 

In anderen Interviews mit Ihnen habe ich auch über Ihren Einsatz für internationale Standards gelesen. Man denkt, in manchen Nationen wird eher geschlampt. Aber auch in Deutschland gibt es ein Problem bei der Ausstellung von Totenscheinen. Man mag es gar nicht glauben.

Das ist natürlich ein sehr altes Problem. Das hängt auch zusammen mit der anderen Frage: Gibt es den perfekten Mord? Das ist ja im Grunde nur eine Umkehr dessen. Wir haben in der Vergangenheit furchtbar viel untersucht über die Dunkelziffer bei Tötungsdelikten. Es gab dann natürlich Fälle, die uns Anlass gaben, dieser Frage nachzugehen.

 

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben diese Frage etwas beforscht, indem wir zum Beispiel eine bundesweite Umfrage Ende der 90er Jahre durchgeführt haben, bei der alle Institute nur die Fälle gemeldet haben, die durch Zufall entdeckt wurden. Diese wurden also nicht durch den systematischen Apparat entdeckt. Wir haben diese Zahl dann auf die in Deutschland nicht entdeckten Tötungsdelikte hochgerechnet, das war dann ziemlich genau 1:1.

 

Was heißt das?

Die vorsichtigste Schätzung hatte von einem Verhältnis von 1:1 auszugehen. Auf einen entdeckten Mord fällt immer auch ein nicht entdeckter. An diesem Verhältnis hat sich aber auch gar nichts verändert. Ich selbst bin ja nicht mehr in der Sektion tätig, aber wenn ich Kollegen frage, ob sich an diesem Verhältnis was geändert habe, sagen sie übereinstimmend: Nein, gar nicht. Eher im Gegenteil. Einer der Hauptgründe, zumindest hier in Deutschland, für die Nichtentdeckung von Tötungsdelikten war schlampige Leichenschau. Aus der Leichenschau müssen auch Entscheidungen hervorgehen. Ob zum Beispiel weiter ermittelt wird.

 

Wenn bei der oberflächlichen Leichenschau nichts gefunden wird, müsste man noch tiefer forschen.

Es gibt so eine Fallgruppe bei Todesfällen, die nennen wir „spurenarmen Tod“. Man sieht der Leiche die Todesursache nicht an. Das kann man sowieso sehr selten. Es gibt dann diese „spurenarme Tode“, wie Vergiftung, manche Erstickung, wo wir der Leiche äußerlich nichts ansehen und wenn dann noch eine schlampige Leichenschau dazu kommt, dann ist natürlich der Weg dieser Leiche bis zur Beerdigung oder Kremation frei. Da müssten bereits Hausärzte besser untersuchen.

 

Sie haben auch spektakuläre Fälle, wie den des erhängten Vatikan-Bankers Roberto Calvi, übernommen. Ist bei diesen Fällen der Reiz da, weil sie besonders knifflig sind?

Ich habe es eigentlich immer geliebt, knifflige Fälle zu lösen. Wenn es ganz schwierig ist, dann hat es mir besonders viel Spaß gemacht. Wenn man so etwas macht, hat man den großen unbekannten Fall, bei dem noch nichts klar ist. Man weiß natürlich, da muss man eine Menge Arbeit reinstecken. Man muss auch am Ball bleiben. Man kann nicht sagen: Okay, jetzt springe ich ab und für die und die Frage bin ich nicht mehr zuständig. Man muss zäh sein und Ausdauer haben. Das ist sehr wichtig, glaube ich. Davon abgesehen, dass man auch viel Fantasie mitbringen sollte. Wenn man einen schwierigen Fall lösen möchte, dann braucht man viel Fantasie.

 

Die Fantasie neben der Naturwissenschaft?

Wir sagen dazu ja manchmal auch wissenschaftliche Fantasie. Nur wenn man die hat, findet man dann und wann was Neues. Es gibt schon die kniffligen Fälle, die mich immer interessiert haben. Sie sprachen jetzt den Calvi an – also viele Kollegen kannten den Fall, weil der sich fünfzehn Jahre vorher ereignet hatte, bevor wir tätig wurden – und sie haben alle eigentlich übereinstimmend gesagt: Warum gehst du an den Fall ran? Das war doch ein Suizid. Dann weiß man natürlich im Vorfeld, wenn Sie sich den Fall selbst angucken, das wird zu 98% auf einen Suizid hinaus laufen. Das macht einen natürlich nicht besonders interessiert. Bei diesen Fällen muss man eine gewisse Zähigkeit beweisen. Sich sagen: Ok, jetzt habe ich da einmal Ja gesagt, jetzt muss ich da auch durch. Alles untersuchen, was man untersuchen kann. Vielleicht bringt es ja etwas Neues.

 

Muss man dann manchmal auch auf Umwegen erforschen? Neben den Fakten, die sich aus der Leichenschau ergeben, gibt es beim Suizid zum Beispiel noch die räumliche Anordnung. Verschiedene Aspekte müssen dann verbunden werden.

Man muss häufig neue Wege gehen, neue Werkzeuge in Bewegung setzen. Das ist gar nicht mal so selten. Man müsste das eigentlich im Anschluss nochmals publizieren, wenn man etwas Neues entwickelt hat, zum Beispiel hatten wir damals diesen Fall Grams. Der war ja auf den Gleisen schon sterbend vorgefunden worden. Da ging es um die Frage: Wer hat ihm den Schuss gegeben? Er selbst? Oder einer von den Polizeibeamten? Mehr oder weniger zufällig sind wir auf einen Gegenstand gekommen: die Pistole, die ursprünglich neben ihm gelegen hatte. Da waren feine Blutspritzer drauf. Die Art und Weise, wie diese Blutspritzer dann entstanden waren, haben wir versucht, zu rekonstruieren. Das war der Schlüssel zum Ergebnis. Das war ein neuer Weg gewissermaßen.

 

Bei ihm war es ja kein Suizid. Bei Roberto Calvi jedoch schon.

Bei Calvi war es ein richtig gut fingierter. Der hing an solch einem Malergerüst unter der Brücke. Das ist in London, wie ich dann erfuhr, gar nicht mal so selten, dass dort an der Themse, da gibt es ja viele Winkel, dass sich da jemand aufhängt. Dann spielen die Umstände diesem fingierten Suizid noch zu: Wer hat schon mal an einem Malergerüst gemordet? In diesem Gerüst hingen Stricke, mit denen er auch aufgehängt war. Am unteren Ende schwammen sie im Themsewasser, verhedderten sich und blieben da liegen. Da konnte man sagen: Wer da mit Selbstmordabsichten hingeht, der hatte es auch einfach.

 

Ist bei manchen Fällen dann zu schlampig gearbeitet worden? Ich habe gelesen, dass stellenweise die Spuren komplett aufgebraucht werden und so zum späteren Zeitpunkt DNA–Spuren zum Untersuchen fehlen.

Da sprechen Sie ein Thema an, das wirklich sehr bedeutsam ist. Es gibt natürlich sehr viele Fälle, bei denen man so hätte vorgehen sollen. Da findet man eine Zigarettenkippe, und es werden im Fernsehen auch immer wieder Fälle gezeigt, wo eine Kippe vollständig aufgebraucht wurde mit den Mitteln von vor 20 bis 30 Jahren. Wenn man auch nur 10% damals übrig gelassen hätte; ich sag dann immer: dann hätten wir heute kiloweise DNA. Das ist also recht häufig der Fall.

 

Gibt es manchmal auch schwierige Situationen bei Ihrer Arbeit?

Es ist natürlich durchaus so, dass die Leichen nicht unbedingt appetitlich riechen, wenn ich das mal so sagen darf. Vor allem, wenn sie schon in Fäulnis übergegangen sind. Aber daran gewöhnen wir uns extrem schnell. Wenn wir jetzt eine Leiche untersuchen, dann haben wir eigentlich nur das Ziel vor Augen. Es geht dann vor allem um das Handwerk, das wir abliefern müssen und wollen. Für einen Laien ist das vielleicht häufig unästhetisch. Die denken natürlich in anderen Dimensionen. Ich sehe immer nur das Ziel. Die schrecklichen Gerüche habe ich dann gar nicht wahrgenommen.

 

Sie haben aber schon ein Mittel für die Nase?

Nein. Macht man nicht. Man möchte ja auch möglichst auffällige Gerüche wahrnehmen. Es könnten ja Vergiftungsgerüche darunter sein. Und es wäre schrecklich, wenn man dann die Nase zu hat.

 

Vielen Dank für das spannende Gespräch.

 

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Prof. Bernd Brinkmann

Rechtsmediziner, feiert nächstes Jahr seinen 80. Geburtstag, zeigt keine Ermüdungserscheinungen. Von 1981 bis Juli 2007 war er Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der WWU. Gründete 2009 das Institut für Forensische Genetik in Münster-Roxel. Er soll für den extravaganten Karl-Friedrich Boerne,  Tatort-Pathologen, die Vorlage abgegeben haben. Beim Interview zeigt sich, diese Legende entspricht kaum der Wahrheit. Der leichte Hamburger Akzent ist viel zu charmant.



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