Mi., 06.06.2018

Stadtgeflüster-Interview: Anna Kramer und Cesar Millan plaudern über Hundetaschen, Mütter und Buddhismus Ein Hundeleben

Stadtgeflüster-Interview: Anna Kramer und Cesar Millan plaudern über Hundetaschen, Mütter und Buddhismus: Ein Hundeleben

Cesar Millan ist ein "Hundeflüsterer“. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Cesar Millan ist: „Der Hundeflüsterer“. Seine Philosophie: Gelassenheit, Disziplin und Liebe. Verängstigte, neurotische oder aggressive Hunde? Bald kein Problem mehr, wenn nur die Besitzer trainiert sind. Whaaat? Ich treffe ihn zur zweitägigen (!) Pressekonferenz in einem bayerischen Dorf. Mit dabei elf weitere Journalisten – und ihre Hunde. Wir bekommen einen Vorgeschmack auf seine Methoden:
Pferdeführen, Hundeführen, Rudelführung und ganz viel Theorie! Dann endlich: das Einzelinterview.

Von Anna Kramer

Cesar, was ist der Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Hundebesitzern?

Deutsche berücksichtigen die Natur des Hundes mehr. Sie gehen raus, spazieren, wandern, nehmen den Hund überall hin mit. Sie sind eher überaufmerksam oder besorgt. In den USA gehen sie mit ihren Vierbeinern gar nicht spazieren, sie tragen sie. Das ist ein riesiges, lukratives Business! Eine Industrie für Hundetragetaschen! Und die Tiere darin sind oft wahnsinnig wild.

 

Weil sie keinen Ausgleich haben.

Und es hassen! Es ist nicht schlimm, seinen Hund zu tragen, nachdem er viel Auslauf hatte. Dann genießt er es sogar.

 

Aber ihr habt doch viele Hundeparks?

Ein Hundepark ist wie ein Spielplatz, meist für Hunde, die sich bereits kennen. Sie wissen aber nicht, wie man sozial interagiert oder im Rudel läuft. Das heißt, wie man sich normal benimmt. Hunde in den USA feiern Geburtstagspartys! Mit einem Motto, Kuchen, Clowns! Ich kenne Kinder, die das nicht haben.

 

80 Prozent deiner Kunden sind Frauen, warum erleben die solche Führungsprobleme?

Frauen beweisen ständig gute Führung, mit Männern, in Ämtern, auf der ganzen Welt. Aber bei einem Hund werden sie zu unterwürfigen Bittstellern. Weil er das süße Baby ist! Das ist in ihrem Kopf. Emotion zuerst. Das ist brandgefährlich. Ein Hund verlangt Führungskraft, nicht nur Zuneigung.

 

Und strenge Trainingsmethoden? Manche Tierschützer werfen dir das vor.

Ja, aber diese Menschen haben meine Methoden entweder nicht verstanden oder schlicht keine eigene Erfahrung mit dem Hundetraining. Meine Leinen würgen zum Beispiel nicht, sie stoppen an einem Knoten. Aber sie sitzen höher als ein durchschnittliches Halsband, direkt unter dem Kieferknochen, um die Aufmerksamkeit des Hundes umzulenken und seinen Kopf zu heben. Ohne auf seine Luftröhre zu drücken!

 

Was ist denn nun genau deine Methode?

Ich habe nur eine einzige, simple Botschaft: Liebe, Frieden und Freude. Ich glaube an Energie. Ein Hund braucht vier Dinge: Gelassenheit, Auslauf, Disziplin und dann Liebe. In Amerika zum Beispiel verwechseln sie Disziplin mit Strafe. Sie fühlen sich schlecht, wenn sie zu irgendwas nein sagen. Auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin, förderten wir den natürlichen Instinkt der Welpen.

 

Und der wäre?

Die Fähigkeit zu folgen und brav zu sein! Das lernt ein Welpe schon am ersten Tag, indem er seiner Mama folgt. Wenn er es nicht tut, erinnert sie ihn. In der Tierwelt sind wir gleichbedeutend mit unserer Energie. Ein Hund sieht keinen Titel, keinen Namen, keine Hautfarbe. Er kennt diese Konzepte nicht, er versteht nur deine Energie.

 

Er fühlt, wie du dich fühlst?

Ja. Menschen sind instinktiv ruhig bei Pferden, denn die haben größere Kraft. Kinder sollten lernen, ein Pferd zu führen, bevor sie Computer kennenlernen. Das ist was für die Seele! Und Erwachsene sollten lernen, ein Pferd zu führen, bevor sie sich einen Hund anschaffen. In den USA sind die am besten erzogenen Hunde die der Obdachlosen: Sie laufen entspannt hinter ihren Besitzern her, ohne Leine.

 

Was machen die anderen Hundebesitzer falsch?

Die Besitzer zeigen nur Zuneigung, nie Gelassenheit. Sie sehen Hunde und quietschen hysterisch zur Begrüßung. Der Hund wird nervös, bellt und zieht. Dem Besitzer ist es peinlich, er wird noch aufgeregter und zieht ihn zurück. Ein Teufelskreis! Es ist verrückt!

 

Wenn Hunde sich untereinander ohne Leine begrüßen, zeigen sie Freude und Neugierde, aber auch Respekt und eine gewisse Distanz.

Respekt und Distanz sind wichtige Werkzeuge, die die meisten Besitzer vernachlässigen. Es gibt einen Unterschied zwischen Einladen und Aufdrängen. Du sitzt ruhig und lädst den ruhigsten Hund ein, statt den aufdrängenden, aufgeregten Hund mit Aufmerksamkeit zu belohnen.

 

Der Respektvolle bekommt mehr Aufmerksamkeit?

Genau. Aufgeregtheit und Unhöflichkeit bei Hunden halten wir fälschlicherweise für Freude und gesunde Lebendigkeit. Wir belohnen respektlose Hunde mit noch mehr hysterischer Wertschätzung. Damit konditionieren wir dieses schlechte Benehmen. Menschen haben verlernt, Energie zu spüren. Mein größtes Ziel im Leben ist, den Leuten die Bedeutung von Gelassenheit wieder beizubringen. Ein Hund hilft dabei.

 

Du sagst „Ich bringe euch den Hundeweg des Lebens bei“. Was heißt das?

Die Welt des Hundes ist simpel, er ist spirituell, energetisch. Er lebt stets in der Gegenwart, mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen. Menschen machen die Welt kompliziert. Sie können sich nicht auf die Energie einstimmen, leben nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft und der Vergangenheit. Ihr Geist ist ihnen im Weg. Ein Hund braucht Gelassenheit, Struktur und Liebe, das ist seine Natur. Wenn du einen Hund entsprechend behandelst, wirst du seinen Respekt erhalten. Er wird ein glücklicher Hund! Ich erziehe keine Hunde, ich erziehe die Menschen.

 

Das ist eine andere Perspektive auf die gleiche Beziehung.

Gelassenheit ist entspannte Präsenz des Geistes. Du brauchst das zum Trainieren, für Disziplin und Liebe. Was ist der Lebenssinn eines Hundes? Ein glücklicher Hund zu sein. Was ist dein Lebenssinn? Dein Wahres Ich zu entfalten. Um das zu erreichen, musst du eine erfüllende Aufgabe im Leben finden und so glücklich werden. Nicht durch Intellekt und Studium. Durch Spiritualität, Herz und Instinkt! Und dann erst der Geist. Menschen fangen mit dem Geist an und vertagen das Herz. Das führt zu Unglück.

 

Klingt ein bisschen wie Instinkt versus Intellekt.

Heutzutage wächst nur der Intellekt. Die Welt interessiert sich nicht für das, was in dir lebt, sondern für das, was du nach außen leistest. Deswegen fühlen wir diese tiefe Verbindung zum Hund und nennen ihn „den besten Freund“. Denn er mag dich bedingungslos und weiß immer, wie du dich fühlst. Du kannst einen Hund nicht anlügen.

 

Viele Menschen fühlen sich unglücklich und frustriert.

Wenn ein Hund zu lange mit einem emotional unausgewogenen Menschen lebt, wird er ihm nicht mehr folgen. Tiere folgen Instabilität nicht. Er wird versuchen, selbst zu führen; nicht aus Aggression, sondern weil er klare Strukturen braucht. Hunde sind großartige Imitatoren ihrer Besitzer, aber natürlich auch von deren dunklen Seiten. Mit Negativität macht man den Hund instabil.

 

Was wäre die Lösung?

Mach dir dein Verhalten, deine Emotionen bewusst und ändere sie! Der erste Schritt ist Achtsamkeit. Das bedeutet, die Stimmung des Hundes zu fühlen, sich in seine Energie hineinzuversetzen. Wenn ich einem Hund helfe, sein wahres Ich zu werden, also ein glücklicher Hund, wird er mir vertrauen. Und dann kann man mit dem Training anfangen. Also zuerst Gelassenheit üben.

 

Ist es schwer, die Beziehung zwischen Hund und Besitzer zu verändern?

Du kannst die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Deswegen trainiert der Hund zuerst mit einem anderen Menschen. Der Besitzer sieht, dass der Hund es kann! Er erkennt, dass er zuerst an sich selbst arbeiten muss.

 

Klingt nach einer ziemlich guten Motivation!

Die Leute kennen ja die Theorie und versuchen es. Aber dann praktizieren und üben sie die Gelassenheit nicht, sondern folgen wieder ihrem alten Lifestyle. Das Verhalten ihres Hundes wird sie allerdings sofort daran erinnern. Erst wenn sie ihre Lebensweise wirklich ändern, sehen sie dauerhafte Ergebnisse. Sie sind so glücklich und dankbar. Vor allem, wenn sie dadurch ihren Hund vor dem Einschläfern bewahren konnten – oder ihre Familie nicht mehr vor dem Haustier schützen müssen.

 

Ist es nicht schwierig, plötzlich dauernd achtsam zu handeln?

Nein, ist es nicht. (Lacht) Es ist eine Fähigkeit des Geistes. Fähigkeiten kann man trainieren. Aber ein neuer Lifestyle braucht Zeit. Menschen sind ungeduldig, sie denken, Gelassenheit käme schon von allein, wenn nur erst die äußeren Lebensumstände passen. Aber sie kommt aus dem Inneren!

 

Das erinnert mich stark an Zen und den buddhistischen Ansatz.

(lacht) Oh, Hunde sind meine Zen-Meister. Menschen sind vom Intellekt überwältigt, verwechseln Liebe und Respekt mit Zuneigung und Unterwürfigkeit. Der Hund ist ein Vehikel zur Neuverbindung mit dem spirituellen, instinktiven Selbst.

 

Spirituell, du meinst aber nicht religiös.

Nein, ich benutze keine Religion, ich meine nicht Glauben. Es gibt mehr Hundebesitzer als gläubige Kirchgänger. Meine Botschaft ist simpel, im Kern gesunder Menschenverstand: Lerne, dich einzustimmen, gelassen zu sein, zu respektieren und zu lieben. Das geht mit einem Haustier oft leichter als mit einem Menschen. Mit der Zeit sind diese dann aber auch in der Lage, Mitmenschen als gleiche Wesen anzuerkennen, zu lieben und über ihre Differenzen hinwegzusehen. Der Hund ist ein Weg.

 

Die Botschaft ist einfach. Sie reicht trotzdem, um mehrere Bücher, Fernsehsendungen und Bühnenshows zu füllen.

Ja, naja… Hunde in Dritteweltländern sind mager, aber haben keine psychologischen Probleme. Hunde in Amerika… Nun, die haben alles inklusive Dachschaden – und ich habe eine Show! Es ist eine verrückte Welt.

 

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Cesar Millan

Cesar Millan, geboren 1969 in Mexiko, mit 21 Jahren illegal in die USA eingewandert. Sein Talent im Umgang mit „Problemhunden“ machte ihn rasch berühmt. Hollywood-Stars wie Pink und Will Smith vertrauen ihm ihre Haustiere an. Er hostet TV- und Live-Shows und schreibt Bücher.



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