Mi., 27.06.2018

Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Oliver Welke bei der Regiebesprechung vor der Fußball-WM Projekt Titelverteidigung

Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Oliver Welke bei der Regiebesprechung vor der Fußball-WM: Projekt Titelverteidigung

Oliver Welke, 1966 in Bielefeld geboren, ist Publizist, Journalist, Moderator, Satiriker und Komiker. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Sportjournalisten. Über wen würde in deutschen Wohnzimmern, auf der Arbeit oder am Tresen gestritten, wenn es sie nicht gäbe? Überschatten ihre Moderationen in vielen Fällen doch die grottige Leistung der eigenen Mannschaft und dienen als Kompensation. Doch machen wir uns nichts vor: Was wäre die Fußball-Fernsehwelt ohne sie? Vermutlich ein ganzes Stück ärmer.

Von Tom Feuerstacke

Du bist als Moderator bei dieser Fußball-WM für das ZDF in Russland dabei und wirst uns mit Oliver Kahn analytisch die Spiele im heimischen Wohnzimmer erklären?

Fast. Ich bin in Baden-Baden. Diesmal teilen sich ARD und ZDF wieder ein Studio. Aber nicht an der Copacabana und in Paris, wie beim letzten Mal, sondern beim SWR in Baden-Baden.

 

Wirkt das auf die transportierte Stimmung nicht abträglich, wenn du nicht persönlich   vor Ort bist?

Man muss fairerweise sagen: In Rio de Janeiro stand ich auf einer wunderbaren Terrasse an der Copacabana, habe von der Wettkampfstätte auch nicht so wahnsinnig viel mitgekriegt. Da war ich nur im Stadion, wenn die ARD übertragen hatte, ich deswegen überhaupt Stadionluft schnuppern konnte. In Paris saßen wir im internationalen Sendezentrum, das war quasi in so einer Art Gewerbegebiet von Paris, da war es das gleiche. Das macht jetzt für die Moderation keinen Unterschied.

 

Wie ich erfahren habe, bist du wieder mit dem Titanen Oliver Kahn unterwegs. Dementsprechend kann das Projekt Titelverteidigung starten?

Also, wenn wir uns als Glücksbringer betrachten wegen 2014, haben wir unseren Beitrag zur Titelverteidigung geleistet, weil wir abermals gemeinsam am Start sind. Der Unterschied ist nur, dass wir diesmal den ganzen langen Tag in der Gruppenphase nicht komplett alleine bestreiten: Der Kollege Jochen Breyer macht den ersten Teil des Tages, wir stoßen irgendwann am Nachmittag dazu.

 

Was erwartest du als Sportmoderator und Journalist von der WM in Russland?

Ja, das wird natürlich eine besondere WM. Es ist ja zu Recht nach wie vor nicht unumstritten, ob Russland oder Katar wirklich so eine gute Wahl als WM-Gastgeber waren. Auch dort leben sicherlich total viele Fußballbegeisterte und wahnsinnig nette Menschen. Aber gerade Russland wird das Turnier als Projektionsfläche für seine Propaganda benutzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin sich diese Chance entgehen lassen wird. Man wird im Auge behalten, wie die Staatsmacht reagiert bei irgendwelchen Demonstrationen. Das ist ja ein höchst umstrittenes Thema, wie viel Sinn es macht, solche Turniere an autokratische Staaten zu vergeben. Es gibt die Menschen, die sagen, dass es gerade in Zeiten, wo das Klima so ein bisschen angespannt und giftig ist, wichtig ist, dass man über den Sport in Kontakt bleibt. Natürlich ist es nicht zu bestreiten, dass gerade solche Staaten das für ihre Zwecke nutzen. Da darf man sich auch nicht naiver stellen, als man ist.  

 

Was erwartest du sportlich von dieser WM?

Durch die Gruppenphase, da muss man erst mal durch. Da sind natürlich auch ein paar Paarungen dabei, die kein Klassiker im engeren Sinne sind, sage ich mal. In den ersten Wochen sind Begegnungen darunter, auf die ich mich intensiver vorbereiten muss, weil ich wirklich fast keinen Spieler kennen werde. Aber ab der K.O.-Phase wird es dann wie immer interessant. Ich sehe Deutschland in jedem Fall unter den Top vier, was jetzt auch kein Geheimtipp ist. Ich hoffe einfach, dass wir wie immer ein, zwei echte Überraschungskandidaten haben werden. Aber das hatten wir eigentlich auch bei jedem Turnier, dass irgendein Team, das man noch gar nicht auf dem Zettel hatte, durchgestartet ist. Damit rechne ich für diesmal natürlich auch.

 

Lass uns nochmal auf die politische Sicht zurück: Du produzierst und moderierst eine politische Satiresendung, verpackst dort aktuelle Ereignisse und Entwicklungen. Jetzt musst du dich neben allem Sportlichen auch mit Politik befassen, wobei du allerdings nicht das Mikrofon nehmen und einen Joke zum Besten geben kannst. Die Pressefreiheit ist aufs deutlichste eingeschränkt in Russland – und der Umgang mit Menschen, die politisch nicht auf Linie sind, ist fragwürdig. Meinst du, dass du das ausblenden kannst?

Muss ich gar nicht. All das wird in unseren Übertragungen thematisiert. Im Übrigen konnte ich meine beiden Rollen schon immer sehr gut trennen, weil ich beides wahnsinnig lange mache. Ich habe mit Fußball im Fernsehen 1996 angefangen – und nie so richtig aufgehört. Sehr wohl habe ich dabei aber immer unterscheiden können, in welcher Rolle ich tätig bin. Wenn man gerade Sportjournalist ist, ist es ja logisch, dass man sich ein bisschen zurücknimmt und in erster Linie eine reine Servicefunktion bedient.  

 

Als du für die WM in Russland gebucht wurdest, hast du dir da mehr Bedenkzeit genommen als bei anderen Verträgen?

Bei jedem Vertrag, den ich unterschreibe, denke ich darüber nach. Natürlich ist mir schon bewusst, dass es zum ersten Mal ein Spielort und eine WM-Vergabe sind, über die wir in der heute-show berichtet haben. Kritisch. Normalerweise gibt es gar keine Schnittmenge zwischen heute-show und Champions League oder den großen Fußballturnieren, die ich gemacht habe. Weil wir in der heute-show fast nur über Politik berichten, so gut wie gar nicht über Sport.

 

Das ist diesmal anders…

Jetzt hat es zum ersten Mal die Schnittmenge gegeben, weil das politisch sehr umstritten war und man auch über Korruption bei der FIFA in der heute-show mehrfach gelästert hat. Deswegen habe ich mich tatsächlich gefragt, ob ich da ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen könnte. Doch ich kenne das Konzept des ZDF und der Sportredaktion für solche Turniere inzwischen gut. Ich weiß, dass die mit Markus Harm und anderen richtig gute Filmemacher an der Hand haben, die auch diese kritischen Aspekte eines Turniers, von Korruption über Doping bis hin zum autoritären Gebaren eines Staates, ausführlich thematisieren. Das ist, glaube ich, bei der Redaktion in guten Händen. Das Entscheidende ist, dass man das neben dem Sportlichen immer wieder thematisiert. Also wenn es das Turnier gibt in dem Land, dann steht an erster Stelle der Sport. Ich kann mir aber sicher sein bei der Redaktion, dass die anderen Aspekte nie unter den Tisch fallen werden. Deswegen war es für mich okay, das  zu machen.

 

Du bist bei der WM mit dem Titan zu sehen. Hast du bei ihm eigentlich keine Sorge, dass er dir an den Hals springt und dich würgt?

Der ist ja jetzt auch mittlerweile in seiner altersmilden Phase angekommen. Ich habe ihn vor über zwanzig Jahren als junger Reporter am Spielfeldrand genauso gefürchtet wie jeder andere. Weil er eben dieses Alpharüden-Gehabe zur Kunstform erhoben hatte. Irgendwann habe ich begriffen, dass es nur eine Masche ist, um sich Interviews zu ersparen. Ich habe im Laufe der letzten Jahre einen anderen Olli Kahn kennengelernt. Einen reflektierten Menschen, der zur Selbstironie fähig ist.

 

Du sagtest vorhin, dass ihr  in stressigen Momenten bis  zu drei Spielen an einem  Tag seht. Schaut ihr die  alle gemeinsam?

Ja, wir gucken zusammen mit der Redaktion. So war es in Rio und Paris, dass wir da miteinander auf dem Sofa sitzen. Das ist superwichtig, weil wir relativ wenig Zeit haben, uns abzusprechen, bevor es danach pünktlich zum Abpfiff ins Studio zur Liveanalyse geht. Da muss man sich vorher mit der Redaktion einigen: Welche Szenen zeigen wir nochmal? Das, was in der Champions League meist über den Tonknopf im Ohr passiert, weil die Kollegen woanders sitzen. Wir sind ja im Stadion und die Redaktion im Ü-Wagen. Hier bei der WM wird es wieder so sein, dass wir mit dem engsten Zirkel der Redaktion die Spiele gucken. Dass wir gemeinsam überlegen, was ist unsere Position dazu, welche Szenen sind interessant, um die nochmal zu zeigen. So kann sich Olli Kahn schon mal überlegen, was er fachlich dazu sagen will.

 

Wie schafft man es, sich als Fan zu fokussieren und Moderator zu werden, wenn gerade deine Lieblingsmannschaft ausgeschieden ist?

Bei einer EM oder WM sind die meisten ja privat Deutschlandfans. Aber das hat mit der Arbeit ja gar nichts zu tun. Man darf selbst mit dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft seiner persönlichen Trauer nicht ausführlich Raum geben. Man muss den Leuten das liefern, was die, die sich zuhause in Emotionen suhlen dürfen, erfahren möchten. Man muss in die Analyse gehen und zeigen: Warum hat es denn nicht gereicht? Gefühle hin oder her. Wir sind ja alle keine Roboter. Man wird immer etwas Emotion merken. Aber der Job muss die Oberhand behalten. Man muss den Leuten diesen Mehrwert liefern, den sie im Idealfall bekommen sollten, wenn sie den Ton vom Fernseher überhaupt laut gedreht haben. Ich mache mir keine Illusionen, dass in so einem Wohnzimmer oder Garten während eines großen Turniers sicherlich alle gebannt zuhören. Alle werden auch zwischendurch ihre eigene Analyse vornehmen, durcheinanderschreien oder labern. Aber für die, die hinhören, muss man einen vernünftigen Job abliefern. Das passiert aber auch von ganz alleine: Wenn man das ein paar Jahre macht, den Druck einer Livesendung kennt, besteht eigentlich gar nicht die Gefahr, dass man in seinen eigenen Emotionen versinkt.

 

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Oliver Welke

Der 1966 in Bielefeld geborene Publizist, Journalist, Moderator, Satiriker und Komiker ist seit 1996 nicht mehr vom Fußball zu trennen und liefert feine analytische Ergüsse frei Haus in deutsche Wohnzimmer. Nebenbei ist er Mitbegründer des ersten deutschen Gummistiefelweitwurf-Vereins: „Gib Gummi 03 Berlin“.



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