Stadtgeflüster-Interview: Belinda Rose-Kuhsträter und Claudia Maschner über Babyschalen, Wasser trinken und Gymnastik fürs Gehirn
Stress lass nach!

Jeder zweite Grundschüler hat Lernstörungen oder ist verhaltensauffällig. Viele Kinder gehen nicht gern zur Schule, haben Angst, sind oft krank oder leiden unter Allergien. Alles eine Folge von Stress? Geht es hier um Manager oder geht es um Kinder? Lernblockaden erkennen und auflösen – Lernen überhaupt wieder möglich machen. Das will Belinda RoseKuhsträter. Mit Kinesiologie. Die Heilpraktikerin aus Münster hat jede Woche einen vollen Terminkalender. In Einzel- und Gruppenstunden lernen Kinder bei ihr wieder zu lernen.

Mittwoch, 03.10.2018, 14:09 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Belinda Rose-Kuhsträter und Claudia Maschner über Babyschalen, Wasser trinken und Gymnastik fürs Gehirn: Stress lass nach!
Belinda Rose-Kuhsträter ist Heilpraktikerin in Münster. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Kinesiologie soll Schülern helfen. Klingt ein bisschen esoterisch.

(lacht) Wörtlich übersetzt ist es die Bewegungslehre. Aber mit Grundlagen aus der Biologie, der Gehirnforschung oder der Physik. Wie hängt alles in unserem Körper zusammen? Bewegung, Muskeln, Organe, Hormone – alles. Die Pädagogische Kinesiologie sieht zum Beispiel die Ursache vieler Schulprobleme in Denk- und Lernblockaden. Und die sind stressbedingt.

 

Stress? Wir reden über Kinder.

Richtig, aber wir wissen ja längst, dass Stress nicht nur den ManagerInnen vorbehalten ist. Leistungsdruck, Reizüberflutung oder emotionale Probleme, das sind Stressfaktoren für fast jedes Kind. Und die Stressauswirkungen im Körper sind im Grunde nur eine gesunde Reaktion auf Gefahr. Kämpfen, flüchten oder tot stellen, das sind nun mal die Reaktionen, die in unserem Körper angelegt sind, wenn er eine Gefahrensituation wahrnimmt. Sonst hätten wir früher nicht überlebt.

 

Bereit für den Säbelzahntiger.

Genau. Der Körper bereitet sich auf schnelle Höchstleistung vor. Er soll kämpfen oder flüchten. Und er unterscheidet nicht zwischen Säbelzahntiger im Gebüsch oder vor der Klasse stehen und etwas nicht können. In beiden Fällen schaltet er um auf sein Stressprogramm. Und wenn der Stress über Bewegung nicht wieder abgebaut wird, weil wir eben nicht vor dem Tiger weglaufen, dann übersäuert der Körper.

 

Dann ein Stück Schokolade gegen den Stress.

Oder als Erwachsener noch einen Kaffee. Und dadurch übersäuert der Körper noch mehr. Das ist die Ursache für viele Krankheiten. Das einzige, was der Körper jetzt brauchen würde, wäre eben Bewegung, um diese Überproduktion abzubauen, aber genau das passiert oft nicht.

 

Wie erkennt man diesen Stress bei Kindern?

Wenn sie sich verweigern, wenn sie keine Lust mehr haben. Denn eigentlich ist jedes Kind neugierig und möchte lernen. Man hat in Studien gemessen, dass schon kleine Kinder Stresspegel wie vielbeschäftigte Manager haben. Im Speichel wird da das Stresshormon Cortisol gemessen.

 

Aber hat nicht jeder irgendwann Stress?

Natürlich kann man nicht alles abstellen. Es gibt eben Situationen, für Kinder und Erwachsene, die unangenehm und stressig sind. Aber wenn wir doch wissen, wo es herkommt, gibt es einfache Methoden, den Lern- und Denkblockaden vorzubeugen.

 

Wie geht das?

Zum Beispiel mit den Brain-Gym-Übungen. Da gibt es Energieübungen oder die sogenannten Mittellinienübungen, die man zu Hause ein paar Minuten am Tag machen kann. Am besten früh und ohne Druck. Die machen Spaß. Ich habe auch Lehrerinnen und Lehrer darin geschult. An manchen Schulen werden die Übungen in den Unterricht eingebaut.

 

Ein Beispiel?

Die Überkreuzübungen sind ein gutes Beispiel. Die rechte Hand klatscht auf das linke Knie und umgekehrt. Es geht um alles, was den Körper dazu bringt, die innere Mittellinie zu überqueren und so die rechte und die linke Gehirnhälfte zu verbinden.

 

So einfach?

So einfach. Um Probleme oder besser Aufgaben gut und kreativ lösen zu können, brauchen wir die Fähigkeiten beider Gehirnhälften. Links nimmt Dinge wahr, sammelt sie, analysiert und schaut, ob es eine Schublade dafür gibt. Die rechte Gehirnhälfte fügt aus den Teilen ein Ganzes zusammen, sie hat den Überblick, erfasst sozusagen das große Ganze.

 

Heißt für die Schule?

Dass wir immer darauf achten sollten, beide Seiten gut zu verknüpfen. Denn schon ganz am Anfang beim lesen lernen wird deutlich, dass es nicht reicht, jeden einzelnen Buchstaben zu erkennen. Ich muss ja auch das ganze Wort, seine Bedeutung, den ganzen Satz erfassen. Da müssen rechte und linke Gehirnhälfte viele Überkreuzbahnen haben, damit sie gut zusammen arbeiten können.

 

Und die schafft man durch ein paar Minuten Gymnastik am Tag?

Die Neurobiologen sagen, stell dir das Gehirn wie eine Wiese vor. Wenn du einmal einen Weg gehst, wird man das nicht sehen, das Gras richtet sich wieder auf. Aber wenn du jeden Tag morgens und abends denselben Weg läufst, wird man bald einen Pfad erkennen. Außerdem hat jeder eine dominante Seite und in Stresssituationen hat die das Sagen. Um Probleme oder besser Aufgaben, die sich uns im Leben stellen, gut bewältigen zu können und daraus zu lernen, brauchen wir aber die Talente beider Gehirnhälften.

 

Sonst passiert was?

Wir haben keinen Zugang mehr zu unserer Ordnung, zu unserem inneren System. Wir sagen, ich kann nicht mehr denken. Das sind Kinder, die sich überfordert fühlen und innerlich blockieren. Denkblockade, Lernblockade, nichts geht mehr rein in den Kopf. Das führt zum Rückzug oder zur Aggression.

 

Kritiker vermissen bei der Kinesiologie wissenschaftliche Untersuchungen.

Es gibt viele wissenschaftliche Bücher zum Thema. Wir arbeiten auch auf den Grundlagen der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin, wenn es um die Energielinien im Körper, die Meridiane geht. Und TCM ist von Krankenkassen anerkannt. Was Studien angeht, wer sollte die bezahlen? Ich denke manchmal, wenn ich ein teures Programm zur Lernförderung hätte, wäre es einfacher zu verkaufen als die kinesiologischen Übungen. Vielleicht ist es auch einfacher Ritalin oder ähnliches zu verschreiben, als sich mal mit Alternativen auseinander zu setzen. In der Schweiz können die Kassenpatienten übrigens wählen, ob sie zum Arzt oder zum Kinesiologen gehen.

 

Ab wann sollte man denn was tun?

Schon im letzten Kindergartenjahr kann man sehen, wie das Kind Eindrücke verarbeitet und ob diese Überkreuzverbindungen im Gehirn ausgeprägt sind. Wenn Eltern zu mir in die Praxis kommen, frage ich als erstes, ob das Kind früher genug gekrabbelt ist. Denn so werden die Gehirnbahnen angelegt. Allein durch das Kopf anheben werden bestimmte Bereiche im Gehirn angesprochen und trainiert. Dann sollte im Kindergarten geschaut werden, wie beim Vorschulkind irgendwann die Feinmotorik ausgeprägt ist. Das ist der sogenannte Pinzettengriff. Der zeigt sich auch darin, wie das Kind später in der Schule den Stift hält. Ist es verkrampft und übt viel Druck aus? Alles ein Zeichen für fehlende Verknüpfungen im Gehirn. 

 

Da fehlte dann also was in der Entwicklung?

Ja, denn man übergeht notwendige Schritte, wenn man Kleinkinder zum Beispiel vorzeitig hinsetzt oder hinstellt. Am schlimmsten ist dieses schlaffe, geknickte Liegen in der Babyschale. Da wird der Kopf nicht von selbst gehalten, die Beine sind im 90 Grad Winkel, obwohl das Kind noch gar nicht sitzen kann.

 

Aber Eltern finden sie so praktisch.

Ja und so bequem. Aus dem Auto auf das Kinderwagengestell oder auf den Einkaufswagen. Und wenn die Babys meckern, kommt der Schnuller oder es wird was zu essen in die Hand gedrückt. So erlernen wir auch gleich das erste orale Abhängigkeitsgefühl: In einer Stresssituation hilft es mir, etwas zu essen. Und da wundern wir uns über immer mehr dicke Kinder und falsches Essverhalten. Das wird früh geprägt.

 

Was wäre besser?

Wir sind keine Nesthocker und keine Nestflüchter, wir sind eigentlich Traglinge. Babys sollten liegen und sich bewegen können oder herumgetragen werden, sobald sie den Kopf halten können. Und sie sollten eben viel krabbeln dürfen, sobald sie es können. So bilden sich die später benötigten neuronalen Verknüpfungen aus.

 

Und wenn das schon zu spät ist?

Ich behaupte, das ist es nie. Sogar in höheren Klassen kann man noch einen Zugang zu den Kindern finden, sie merken ja auch, was ihnen gut tut. Dafür gibt es eben diese ganzen Übungen. Brain Gym-Übungen, Koordinations- und Rhythmusübungen, mit Bällen oder Säckchen. Ganz einfach zu lernen und nachzumachen. Die sind auch für uns Erwachsene gut, wenn wir merken, dass wir uns nicht mehr konzentrieren können, nach einer Problemlösung suchen und einfach nicht weiter kommen.

 

Dann ein bisschen Gehirngymnastik?

Unbedingt! Das lockert die Muskulatur, reguliert die Atmung. Oder Energieübungen machen, die aktivieren unsere Nervenbahnen. Gähnen, um wieder richtig zu atmen. Ein Glas Wasser trinken. Schließlich bestehen wir zu 70 Prozent aus Wasser und ohne ausreichend Flüssigkeit kann unser Gehirn gar nicht richtig arbeiten. 

 

Wie lange würde es denn dauern, bis man eine Verbesserung merkt?

Konzentrierter und wacher fühlt man sich sofort. Mit ein paar Übungen jeden Tag würde man nach drei Wochen schon merken, dass das Gehirn neue Bahnen erkannt hat. Aber die tägliche Übung ist wichtig.

 

Hört sich stressig an.

Ist es aber nicht. Morgens und Abends ganz kurze Einheiten. Und Stresssituationen gibt es natürlich immer wieder. Nicht nur in der Schule, sondern auch mit Freunden oder in der Familie. Rhythmische Bewegungen sind dann gut, um diesen Stress einfach abzubauen.

 

Und wenn das Kind gar nichts mitmachen will?

Kinder merken, was ihnen gut tut. Es ist so leicht, bessere Konzentration zu fördern und dadurch Selbstsicherheit und eben auch die Lernleistung zu steigern. Sie lernen dann, den Körper im Griff zu haben, sich selbst helfen zu können, wenn das Denken schwer fällt. Viele sind irgendwann in einem Teufelskreis aus Verweigerungshaltung und Unlust und das muss einfach nicht sein. Ich habe es schon so oft erlebt und es ist immer wieder schön, zu sehen, wie sich das verändern lässt.

  

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Belinda Rose-Kuhsträter

Der Begründer der Brain-Gym-Übungen ist Dr. Paul Dennison, ein amerikanischer Pädagoge, der zusammen mit seiner Frau Gail Dennison die Programme und die Ausbildung standardisiert hat. Ihre Erkenntnis: Bewegung ist die Tür zum Lernen! Gemeint sind nicht die Daumen- oder Wischbewegungen.

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