Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant lässt sich von Comic-Künstlerin Jing Liu Chinas Geschichtsbild erklären
5000 Jahre mit feinem Pinsel

Als Jing Lius Ehefrau vor neun Jahren schwanger wurde, fragte sich der Grafikdesigner: „Wie wird es mit meinem Land weitergehen?“ Er beschloss, für seinen Sohn (und nicht nur ihn) die Geschichte Chinas zu erklären, sie im wahrsten Sinne des Wortes aufzuzeichnen: Als Chronik in Comic-Form, die bis kurz vor der Epoche des Maoismus reichen wird, welche bislang noch tabu ist. Jing Liu war immer comic-begeistert, wählte diese Erzählform ganz bewusst. Wie er am Telefon erklärt, boomen die Bildergeschichten momentan im Reich der Mitte und heften sich den bislang erfolgreicheren japanischen Manga an die Fersen. Comics müssen stets vereinfachen, dabei aber ihre Themen präzise auf den Punkt bringen. Genauso erzählt Meister Jing mir von der Geschichte seines Landes – wobei Verlegerin Elisabeth Wolf unschätzbare Übersetzungshilfe leistet.

Mittwoch, 10.10.2018, 15:14 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant lässt sich von Comic-Künstlerin Jing Liu Chinas Geschichtsbild erklären: 5000 Jahre mit feinem Pinsel
Der Autor Jing Liu entwirft in seiner auf vier Bände angelegten historischen Comic-Reihe einen Überblick über 5000 Jahre der chinesischen Geschichte. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Ich habe gelesen, dass in Japan mehr Papier für Manga verbraucht wird als für Toilettenpapier – so beliebt sind die japanischen Comics! Ist das in China ähnlich?

Der japanische Comic blickt auf eine längere Geschichte zurück und zieht weltweites Interesse auf sich – daher ist er in einem reiferen Stadium. Wobei sich die Situation momentan rapide ändert: Der chinesische Comic ist stärker im Kommen. Weil er aber als Kunstform noch recht jung ist, hat er teilweise die Papierform übersprungen. Mittlerweile gibt es wahnsinnig viele Online-Comics, die auf Handys oder Tablets gelesen werden, vielleicht mehr als auf Papier.

 

Also ein echter Boom.

Der moderne chinesische Comic ist erst ca. 20 Jahre alt, deshalb sind die meisten Zeichner noch jung – Künstler in ihren Zwanzigern. Erst in Berlin sah ich plötzlich Artists, die bereits über 40 sind!

 

Sie haben Ihre Comic-Historie Chinas für Ihren Sohn gezeichnet, mit dem Ihre Frau vor neun Jahren schwanger war. Kann er die Bücher bereits erfassen?

Leider hat mein Sohn meine Bücher bislang noch nicht gelesen. Aber er hat mich in den vergangenen Jahren stets am Schreibtisch beim Malen beobachtet. Er liebt das Malen über alles, und ich beobachte ihn auf der Lesereise jetzt immer dabei. Auf dieser Reise hat er erstmals auch den Inhalt der Bücher seines Vaters gesehen.

 

Hatten Sie beim Arbeiten ausschließlich chinesische Kinder vor Augen – oder auch erwachsene Europäer wie mich, die von China kaum etwas wissen? Mich hat es jedenfalls sehr fasziniert.

Danke für das Lob. Ich habe mich vor neun Jahren entschlossen, auf Englisch zu schreiben, weil ich dachte, dass die Geschichte Chinas Menschen auf der ganzen Welt interessieren dürfte. Dennoch glaube ich, dass junge Leute vom Comic allgemein mehr angesprochen werden.

 

Stimmt mein Eindruck, dass Ihr Strich mehr von der traditionellen asiatischen Kunst inspiriert ist als vom Manga-Stil?

Ich würde sagen, mein Stil ist eine Kombination aus zwei Einflüssen: Gongbi – ein sehr feiner traditioneller Pinselstrich, den es seit Tausenden von Jahren gibt, aber ebenso aus Elementen der Comics. In den 80er Jahren habe ich vor allem Gongbi-Comics gelesen, später aber auch japanische Manga und amerikanische Comics.

 

Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass die Historie von 5000 Jahren in Ihrer Darstellung zu stark vereinfacht wird?

Wenn man Geschichte schreibt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man konzentriert sich auf bestimmte Personen oder Epochen – oder man schreibt eine Makro-Historie aus der Vogelperspektive. Genau das habe ich gemacht – die großen Entwicklungen dargestellt. Mir geht es darum, herauszuarbeiten, was für Kräfte die Geschichte vorantreiben. Diese Intention bestimmt das „Material“ im Buch. Daher konzentriere ich mich auf kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Hintergründe – nicht auf die Biografien einzelner Kaiser oder dergleichen.

 

Ich habe nun durch den ersten Band verstanden, dass die chinesische Geschichte in Zyklen abgelaufen ist. Betrachten Sie den Maoismus des 20. Jahrhunderts auch als einen solchen Zyklus? Oder als etwas anderes?

Ein Grund für meine Arbeit bestand – da meine Frau schwanger war – auch in der Frage: „Wie wird es mit meinem Land weitergehen?“ Ich nahm an, dass wir tatsächlich in einem Zyklus steckten, wie es der chinesischen Sichtweise entspricht.

 

Ich höre da Zweifel heraus?

Ja, denn während der Arbeit kam ich zu dem Schluss, dass das nicht stimmt. Die Geschichte bewegt sich für mich eher wie eine Spirale, die langsam nach oben verläuft. China hat jetzt den Weg der Industrialisierung beschritten – und es gibt keinen Weg mehr zurück. Entwicklungen sind manchmal unumkehrbar. Die Kommunisten sehe ich nicht mehr als Dynastie im traditionellen Sinn an.

 

Warum nicht?

China ist jetzt so stark mit der Welt vernetzt wie nie zuvor. Die 3000 Jahre der Zyklen sind durchbrochen. Bei anderen Industrienationen war es ähnlich.

 

Bereits in den 90er Jahren hat der US-Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ ausgerufen. Das Modell der westlichen Demokratien sei nicht mehr entwickel- oder gar überbietbar. Ich schätze, das glauben Sie nicht?

Spielen Sie mit der Frage auf den Stand der Demokratisierung in China an?

 

Auch ein bisschen…

Dazu muss man sagen: Es gibt zwei Vorstellungen – das große abstrakte Demokratie-Konzept, das die Freiheit sämtlicher Menschen betrifft, und daneben die konkrete Ausformung. Was heißt Demokratie jeweils konkret? Können sich die Menschen frei bewegen? Können Güter frei gehandelt werden? Können die Leute sich frei niederlassen? – Das alles ist in China noch ganz neu. Vielleicht haben Sie von der Problematik gehört, dass die Wanderarbeiter vom Land ihre Kinder nicht in der Stadt in die Schule schicken dürfen.

 

Nein, das wusste ich nicht…

Man kann Freiheit nur Stück für Stück einführen, nicht auf einmal. Und dafür braucht es materielle Grundlagen. Ohne diese ist es unmöglich, die Demokratie vollends zu installieren. Ich bin aber überzeugt, dass diese Basis geschaffen und die Demokratie daraufhin tatsächlich eingeführt wird.

 

Aber noch gibt es zu viele Barrieren?

Vor allem zuviel Armut. Ich glaube auch nicht, dass dieser Prozess weltweit abgeschlossen ist, sondern dass die Bürger überall noch deutlich mehr Rechte bekommen werden. (Verlegerin Elisabeth Wolf: Als Schweizerin fallen mir zum Beispiel Elemente direkter Demokratie ein – die haben Sie in Deutschland ja auch nicht … Es gibt kein Land mit 100 Prozent Demokratie – und keines mit 0 Prozent.)

 

Es überrascht nicht, dass für Sie als zeichnenden Chronisten die Epoche des Maoismus tabu ist. Allerdings überwachen autoritäre Regierungen gern die komplette Geschichtsschreibung ihres  Landes – daher glaube ich, dass Sie vielleicht bei bestimmten Kaisern oder Dynastien Probleme hatten.

(Elisabeth Wolf: Momentan gibt es noch keine Ausgabe in chinesischer Schrift in China – nur in Hongkong. Herr Jing Liu hat zwar einen Verlag gefunden, der allerdings wohl die vermeintlich heiklen Stellen zensieren wird.) Zunächst zum Maoismus: Der fünfte Band soll sich nur mit der Zeit von 1912-1949 befassen. Ich bin mir bewusst, dass Mao ein hochsensibles Thema ist, aber da ich eine makrohistorische Chronik schreibe, geht es eben nicht um einzelne Personen. Ich glaube, dass Mao viele Entscheidungen unter schwierigen Umständen getroffen hat. Manchmal haben Staatsoberhäupter kaum Optionen – das muss man berücksichtigen.

 

Und die Zensur?

Die festlandchinesische Ausgabe habe ich noch nicht gesehen – ich weiß also nicht, ob sie zensiert wird. Da es aber um Makrogeschichte geht, glaube ich, dass es nur wenige anstößige Stellen geben wird. Die Hongkong-Edition ist nicht zensiert, weil dort eine spezielle politische Situation herrscht. Die koreanische Variante wiederum wurde zensiert, weil die Koreaner ein anderes Geschichtsbild haben. Gewisse Ereignisse sollten auf Wunsch anders dargestellt werden.

 

Im Vorwort haben Sie geschrieben: „Der Westen berichtet in Bezug auf China immer nur über wirtschaftlichen Aufschwung.“ Spontan dachte ich: Das stimmt gar nicht!

Warum nicht?

 

Viele der linken Intellektuellen oder Politiker im Westen – in Deutschland etwa Jürgen Trittin – waren in ihrer Jugend Maoisten, deshalb wird eher spärlich über Chinas Blüte berichtet. Weil der Aufschwung durch marktwirtschaftliche Reformen zustande kam.

(Elisabeth Wolf: Ich glaube, diese jungen Linken hatten nur ein China-Traumland im Kopf, das mit dem realen China dieser Zeit nichts zu tun hatte.) Das Vorwort kam für Sie etwas missverständlich rüber. Ich meinte, dass die Massenmedien sich eben hauptsächlich auf den wirtschaftlichen Aufschwung stürzen, wenn es um China geht. Aber selbst die kommunistische Partei glaubt mittlerweile nicht mehr, dass China ein kommunistisches Land ist.

 

Wie lautet denn die offizielle Doktrin?

Sie lautet: „Wir sind immer noch auf dem Weg zur idealen Gesellschaft – der momentane ist nur eine Durchgangsphase“. Die KP bedient sich der Management-Techniken des Kapitalismus, um die Wirtschaft zu steuern, vermischt das aber mit konfuzianischen Anteilen, Konzepten der Pietät etc. Dieses Prozedere ist für China übrigens nichts Neues – es findet sich bereits in der Tang-Dynastie (Anm.: Kaiserdynastie von 618 bis 907): In dieser hat man sich aus Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus bedient. Damals war das Land sehr buddhistisch. Man hat sich immer genau dessen bedient, was jeweils funktionierte. Das hat Tradition, auch wenn es vielleicht sehr widersprüchlich wirkt.

 

Was ist für Sie die ideale Staatsform?

Ich bin Anhänger des Konfuzianismus. Der sagt: Alle in der Gesellschaft sollen die Verantwortung gegenüber den andern erfüllen – Eltern gegenüber ihren Kindern und umgekehrt. „Rén“ wird es im Konfuzianismus genannt – man kann es mit Barmherzigkeit oder Humanismus übersetzen. Eine ideale Regierung ist eine, die ein friedliches Umfeld schafft und die Bedingungen, in der erwähnten Weise konfuzianisch zu leben. Aber laut Konfuzius sollen die Leute dazu inspiriert werden – und nicht gezwungen.

 

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Jing Liu

Liu Jing wurde 1971 in Peking geboren. Er studierte Maschinenbau und Internationalen Handel. Im Jahr 1997 gründete er gemeinsam mit seiner Frau eine Grafikdesignfirma in Peking, Moli Design. Die BBC, die Ford Foundation und UNICEF zählen zu ihren zahlreichen Kunden. Der Autor Jing Liu entwirft in seiner auf vier Bände angelegten historischen Comic-Reihe einen Überblick über 5000 Jahre der chinesischen Geschichte. Die Chronik reicht von den Anfängen der halblegendären Shang-Dynastie (circa 3000 v. Chr.) bis zum Ende der Qing-Dynastie mit der Abdankung des letzten Kaisers (1912). Jing Liu arbeitet die großen Linien in der geschichtlichen Entwicklung Chinas heraus, und er zieht dabei auch Gebiete wie Geographie, Wirtschaft oder Philosophie heran.

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