Stadtgeflüster-Interview: Jörg Schröder und Dominik Irtenkauf stellen fest, dass sich in über 40 Jahren Kulturbetrieb wenig geändert hat
Zeitkapsel

Die Buchmesse ist vorbei. Die Frage aber bleibt: Was will Literatur? Im September ist die Neuauflage von „Siegfried“ erschienen. 1972 erzählte Jörg Schröder Ernst Herhaus das Buch. Auf Tonband aufgenommen, was zu dieser Zeit im deutschsprachigen Raum eine Novität für ein ganzes Buch darstellte. Es ist eine witzige Abrechnung mit selbstverliebten Paradiesvögeln, Autoren, Verlegern, Kritikern und sonstigen Koryphäen des kuriosen Literatur- und Kulturlebens der BRD. Im Buch taucht auch Münster auf – als zerschossene Panzer-Heimat. Wie Schröder unsere Stadt schildert, öffnet Augen. Nicht nur Literaturschnösel kommen zu Wort – Politik und Wirtschaft ebenso. Ein Panorama der Endsechziger, auferstanden aus Ruinen.

Mittwoch, 17.10.2018, 15:22 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Jörg Schröder und Dominik Irtenkauf stellen fest, dass sich in über 40 Jahren Kulturbetrieb wenig geändert hat: Zeitkapsel
Jörg Schröder wird vom Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel als „Mister BRD“ bezeichnet. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Warum verlegt man ein Buch nach über 40 Jahren erneut?

Vermutlich, weil der Inhalt nach wie vor aktuell ist. „Siegfried“ habe ich damals frei von der Leber weg erzählt. Das habe ich mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegen mich, gegen den Betrieb und gegen das, was ich damals „Muff“ genannt habe, getan. Das ist auch der Grund, weshalb „Siegfried“ zum Kultbuch wurde. Das Branchenmagazin „BuchMarkt“ schrieb vor kurzem einen Artikel mit der Überschrift „Kultbuch des Monats“.

 

Der Ton ist ziemlich originell.

Es ist ein ganz schön scharfer Ton, mit dem Literaten, Kulturkritiker sowie die Presse karikiert und abgestraft werden. Wie auch immer, das Buch muss etwas haben, was es zum Kultbuch machte. Es wurde damals auch gesagt, dass sich „Siegfried“ an den guten Manieren des Kulturbetriebs vergeht. Ich finde, dass es auch heute noch aktuell ist.

 

Hat sich also nicht viel verändert?

Der Mief im Kulturbetrieb ist sicher geblieben. Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass die gegenwärtig herrschende Panik in der Branche daher rührt, weil das Medium Buch und das Lesen immer stärker ins Hintertreffen geraten. Daran sind allerdings nicht nur Facebook und Amazon Schuld, sondern die Strukturen der Verlagsbranche mit ihrer Produktion von massenhaftem und langweiligem Schrott.

 

Man müsste da doch neue Wege finden können?

Vielleicht. Mal davon abgesehen, dass man Umsatz braucht, ist die Situation in den Verlagen aber nicht besser geworden, als sie im „Siegfried“ karikiert wird. Unter hohem kommerziellen Druck gibt es eben keine großen Freiheiten.

 

Oder man setzte eher auf kleine Auflagen…

Ja. Beziehungsweise man erfindet ein alternatives Modell, wie wir es taten. 1990 haben Barbara Kalender und ich ein solches Modell entwickelt. „Schröder erzählt“ erschien stets in einer verkauften Durchschnittsauflage von 300 Exemplaren. Veröffentlichen kann man vieles, aber es soll ja schließlich auch verkauft werden. „Schröder erzählt“ war ein solches neues Modell: Wir stellten die Folgen selbst her, vertrieben sie auch direkt. Jedes Buch wurde nummeriert, signiert und persönlich gewidmet.

 

Die Leser erhielten also ein wirklich exklusives Produkt. Aber den MÄRZ Verlag wiederaufleben lassen, das wolltest du nicht?

Ach, veröffentlichen möchte man natürlich immer so manches, aber das muss ja auch finanziert werden. Wir kamen 29 Jahre lang flachatmend mit „Schröder erzählt“ über die Runden, konnten aber damit kein Vermögen zusammentragen. Zum Leben hat es jedoch immer irgendwie gereicht.

 

Mit gewitzten Aktionen kann man sich vielleicht Freiräume schaffen? Ich denke da an Aktionen, die du unternommen hast.

Das ist im Anhang von „Siegfried“ ausführlich beschrieben. In „Das ganze Leben“ (Jörg Schröders Vita aufgezeichnet von Barbara Kalender) werden Aktionen, Arbeiten und Bücher ausführlich erwähnt. Hier erfährt der Leser, wie mein Leben weiterging bis heute. Es sind 170 Seiten geworden – mit 200 Fotos und Dokumenten. Denn als ich Ernst Herhaus den „Siegfried“ erzählte, war ich 34 Jahre alt und habe in den folgenden 46 Jahren noch so einiges mehr erlebt und gearbeitet. Das kann man nun in Barbaras Anhang nachlesen.

 

Willst du davon hier was erzählen?

Warum? Steht doch alles im Buch.

 

Vielleicht etwas von der Heiratsannonce aus Münster?

Das wurde ja nichts. Sie kam wie ein Panzer auf mich zu, wie ein westfälischer, zusammengeschossener Panzer mit kleinen Tarnsachen oben drauf. Ich war so geschockt, dass ich dachte: „Warum nicht?“ Weil ich nämlich unbedingt eine Frau haben wollte. Alle Frauen haben eine Chance. Der zerschossene Panzer hätte auch mit einem Holzbein kommen dürfen, ich hätte ihn mit Grandezza zum Essen geführt.

 

Was passierte dann?

Die Frau hatte ihre Chance vom ersten Moment an verspielt. Ich dachte mir: „Münster, Knipperdolling, dieser legendäre Muff, Wiedertäufer, Meister Bockelson – einmal Münster, immer Münster.“

 

Aber dein Buch hat nicht nur kritisiert, sondern doch auch geholfen?

Für viele junge Leute war das Buch „Siegfried“ eine Art Befreiungsschlag. Eine Anekdote: Ein Leser erzählte mir, dass er damals „Siegfried“ las, während er sich in einem Kloster-Internat auf das Abitur vorbereitete. Unter all dem Mief, den die Patres dort verbreiteten, war die Lektüre des Buches „Siegfried“ für ihn eine regelrechte Befreiung. Das trifft noch auf viele andere Menschen zu.

 

Ein Thema im Buch ist pornographische Literatur. Da hat sich ja einiges getan?

Das interessiert doch heute in Zeiten von YouPorn keinen mehr. Natürlich hat sich Pornografie demokratisiert, wie auch immer man das findet – gut oder schlecht, das ist jetzt egal. Damals war es aber eine Art von Befreiung und – zugegeben – auch ein lukratives Geschäft. Und dieses Geschäft mit der Olympia Press hat uns die Bücher des MÄRZ Verlags finanziert.

 

Inwiefern?

Zwei Jahre haben wir so viel Geld verdient, dass wir im März Verlag Titel von Carlos Castaneda, Leonard Cohen, Robert Crumb, Ken Kesey, Bernfeld, Münzenberg oder Nitsch veröffentlichen konnten. Gut, Amendts „Sexfront“ hatte zwar eine verkaufte Auflage von 100.000, war aber unterkalkuliert.

 

Das hat eine finanzielle Basis geschaffen?

Nein, Amendt hatte damals verlangt, dass sein Buch sehr billig sein muss, es sollte sich jeder leisten können. Fünf Mark und nicht mehr! Wir haben an „Sexfront“ keinen Pfennig verdient, denn es hatte ja vierfarbige Abbildungen. Also hätte das Buch mindestens zwölf DM kosten müssen. Diese sieben DM Unterschied fehlten also in der Kasse! Andere Bücher wie zum Beispiel „Acid“ waren ebenso weit unterkalkuliert.

 

Also eine Mischkalkulation?

Durchaus. Solche Sperenzchen konnte ich mir wegen der Olympia-Press-Titel leisten. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld lief damals in Frankfurt herum und fragte meinen Vertriebsleiter Peter Beitlich kopfschüttelnd: „Sagen Sie, wie kalkuliert dieser Schröder eigentlich?“ Da habe ich zu Beitlich gesagt: „Du kannst ihm ausrichten: Wir kalkulieren gar nicht.“

 

Manche haben dir vorgeworfen, dass du an Pornographie viel verdient hast.

Das kann jeder so sehen, wie er will. Die Pornographie war damals ein einträgliches Geschäft – aber der komplette Gewinn wurde bei März investiert. Das ist die eine Seite. Aber dann stelle ich die Gegenfrage: „Warum nicht?“ Sex hat immer auch dunkle Seiten, doch über die Pornographie von damals brauchen wir heute kein Wort mehr zu verlieren. Gegen das, was heute im Netz an Pornographie grassiert, waren die Bücher der Olympia Press harmlose Texte.

 

Gute Literatur will ja zeitlich unabhängig sein. Inwieweit ist das der Fall?

Literatur geriert sich stets als unabhängig, ist aber stark abhängig von den Konventionen – und die haben sich seit den 68ern, in denen „Siegfried“ erzählt wurde, eher verspießert. Vereinfacht kann man sagen, dass viele der Bücher, die heute produziert werden, nur langweilig sind.

 

Gehen den Verlagen die Themen aus?

Das weiß ich nicht. Wenn du „Siegfried“ liest, sprechen viele Themen im Buch Verhältnisse an, die heute in ähnlicher Form fortbestehen. Als ich in den 80er Jahren im Vogelsberg wohnte, war meine Geschichte mit den Mini-Nukes entlang der deutsch-deutschen Grenze eine heiße Sache. Heute suchen sie immer noch ein sogenanntes „Endlager“ für Atombrennstäbe – und außer ein paar Grünen kräht kein Hahn mehr danach.

 

Einige MÄRZ-Titel erschienen Anfang der 80er als Rowohlt-Taschenbücher neu auf dem Markt. Auch Bernward Vespers „Die Reise“, ein wichtiges Buch für die Zeitgeschichte der BRD. Nicht nur, weil er mit Gudrun Ensslin zusammen war.

„Die Reise“ erschien 1977, acht Jahre nach Bernwards Tod. Bernward Vesper hat in seinem unvollendeten Romanessay etwas vorweggenommen, was in seiner biographischen Entwicklung begründet war. Es hatte etwas mit dem allgegenwärtigen Zustand der Apathie in dieser Gesellschaft zu tun. Das ist übrigens ein Beispiel für Literatur, die nicht langweilig ist.

 

„Siegfried“ und „Schröder erzählt“ sind neben dem Autobiographischen auch Erzählungen. Wie siehst du das?

Das Buch „Siegfried“ erzählte ich Ernst Herhaus zunächst aufs Tonband. Er begann anschließend sofort mit der Transkription der Bänder. Und in drei Wochen war das Manuskript fertig. Seine große Leistung war, dass er den Text – mal abgesehen von den üblichen Redundanzen – so aufs Papier brachte, wie er erzählt worden war. Anders verhält es sich mit „Schröder erzählt“.

 

Inwiefern?

Hier haben wir zwar ebenfalls die Erzählungen aufgenommen, aber danach den Text redigiert und recherchiert. Nach 29 Jahren entstanden so über 3800 Seiten. In diesem Jahr erschien die 68. und letzte Folge mit dem Titel „Der Glücksgott“. Somit ist das Magnum Opus

abgeschlossen. Dieses Werk wird von der Literaturwissenschaft als große Erzählliteratur gerühmt.

 

Danke für das spannende Gespräch.

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Jörg Schröder

Jörg Schröder wird vom Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel als „Mister BRD“ bezeichnet. Das hängt mit seiner umfassenden Verlegertätigkeit in verschiedenen Häusern zusammen. Auch mit der zeitgeschichtlich relevanten Veröffentlichungsflut im MÄRZ Verlag. Und dem Einsatz für Themen, die eigentlich auf der deutschen Tagesordnung stehen sollten. Seit 2013 existiert eine gemeinnützige MÄRZ-Gesellschaft e.V., die einmal im Monat zu Vorträgen einlädt und auch das MÄRZ-Erbe betreut. Schröder liest im Theatertreff in der Neubrückenstraße.

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