Stadtgeflüster-Interview: Jürgen Vogel und Dominik Irtenkauf reden über Europol und steinzeitliche Gebisse
Alles echt!

Über einen Mangel an Krimis kann man sich im Fernsehen sicher nicht beklagen. Das Genre eignet sich als soziales Barometer – das Format ist beliebt. Ab Oktober laufen im ZDF neue Folgen der europäischen Krimi-Reihe „Team II“. Die Serie ist alles andere als glattgebügelt, und Jürgen Vogel passt sich in die dunkle Atmosphäre sehr überzeugend ein. Über die aktuelle Produktion, aber auch andere Dringlichkeiten sprach das Stadtgeflüster mit dem Schauspieler.

Mittwoch, 24.10.2018, 10:55 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Jürgen Vogel und Dominik Irtenkauf reden über Europol und steinzeitliche Gebisse: Alles echt!
Jürgen Vogel galt lange als Garant für ruppige Rollen. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Die neuen „Team II“-Folgen drehen sich um ein aktuelles Thema: Kunstschmuggel im Syrien-Krieg.

Das Autorenteam hat unglaublich viel recherchiert. Besonders zur Verbindung zwischen internationalem Kunst- und Menschenhandel. Das ist ein hochbrisantes und -spannendes Thema.

 

Eindrücklich ist der Gegensatz zwischen der dänischen Behäbigkeit in diesem Dorf und der High Society, die sich im Kunsthandel ergeht.

Das ist ganz toll gemacht, wie ich finde, wie man so Einblicke bekommt in höchst unterschiedliche Arten und Welten dieser Story.

 

Lag darin der Reiz für dich?

Ich finde es spannend, bei einem europäischen Projekt mitzumachen. Die inhaltliche Zusammenarbeit macht auf jeden Fall viel Spaß. Mit Europol, zu der ich mit meiner Abteilung dazugehöre, entdeckst du als Polizist, wie das in anderen Ländern läuft. Aber auch als Zuschauer erlebst du automatisch an der Seite der Charaktere, wie es zwischen den Protagonisten läuft, wie die nach und nach zu einem Team zusammenwachsen. Stets mit dem Ziel, dass dieser komplizierte Fall gelöst werden kann.

 

Nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine organisatorische Zusammenarbeit…

Ja, das finde ich auf jeden Fall gut. Die Polizeibehörden aus Europa arbeiten bei Fällen des Terrorismus generell zusammen. Europol versucht natürlich, Fälle zu lösen oder an neue Information ranzukommen oder sich auszutauschen. Geheimdienste arbeiten ähnlich. Das wird es erst recht interessant.

 

Funktioniert das immer mit Europol? Oder haben die Drehbuchschreiber etwas für die Serie geschönt?

Ich will da nicht zu viel verraten, aber es gibt da natürlich immer auch Komplikationen, wenn mehrere Länder zusammenarbeiten. Das ist in die Geschichte integriert. Wer ist vorgesetzt, wer entscheidet über den nächsten Schritt? Solche Aspekte.

 

Bei Schauspielern besteht ja immer die Gefahr, dass man sich auf bestimmte Figuren fokussiert. Du bist für ruppige Rollen bekannt geworden. Wie sieht es damit heute aus?

Ich bin ja jetzt schon einige Jahrzehnte dabei. Ich habe gestern bei mir auf Facebook noch Fotos aus den letzten dreißig Jahren von den verschiedensten Projekten gepostet. Das ist schon lustig, wie unterschiedlich das war. Das macht richtig Spaß, sich das selber noch mal anzugucken. Manchmal erinnere ich mich: Ach stimmt, das habe ich ja auch gemacht. Ich habe mich eigentlich nie auf etwas festgelegt. Der Kommissar Weiss ist auf jeden Fall eine geniale Rolle.

 

Von seiner Art her oder wegen des familiären Backgrounds? Dieser kommt deinem realen Leben ja ziemlich nahe, nicht?

Es ist auf jeden Fall interessant, dass da jemand in so einem Patchwork lebt. Das finde ich total spannend. Da konnte ich viel Fantasie entwickeln und weiß zudem, wie man damit umgeht. Man ist da wie zerrissen, ich fand das schön dargestellt. Das funktioniert sehr gut als Hintergrund.

 

Wie läuft das privat? Ich habe jetzt einen kleinen Sohn. Mit der kreativen Arbeit ist das  immer ein Kunststück, das Kind zu berücksichtigen, oder?

Ich habe zum Glück vier erwachsene Kinder. Das hilft natürlich total. Der andere Sohn ist jetzt noch nicht zehn. Da ist das selbstredend zeitaufwendiger, aber da bin ich dann da. Ich habe ja mehr Zeit als ein normal arbeitender Mensch, der das ganze Jahr täglich acht Stunden leistet. Manchmal habe ich zwei, drei Monate am Stück frei.

 

Ok. Schaltest du nach dem Schauspielern komplett ab – oder läuft einer der Jobs immer noch weiter?

Nö. Ich gucke eher wahnsinnig viele Filme und treffe Leute. Sonst beschäftige ich mich mit ausreichend anderen Dingen. Also langweilig wird es für mich nie. Habe ich vor, etwas zu machen, kann ich das zum Glück. Da kann ich Sachen mitentwickeln oder produzieren, wie ich das möchte.

 

Die neuen Folgen von „Team II“ brauchen sich nicht vor internationaler Konkurrenz zu verstecken. Man wirft deutschen Produktionen im Krimi-Bereich gerne eine gewisse Gemütlichkeit vor.

Die neuen Folgen sind da anders, glaube ich. Habe jetzt noch nicht so viele deutsche

Serien außer „Blochin“ gemacht. Da bin ich eigentlich super happy mit, weil das alles besondere Sachen sind – und das Team ist für mich sowieso sehr besonders,durch diese internationale Zusammenarbeit.

 

Unterscheiden sich deutsche von dänischen Schauspielern?

Ich glaube, dass die Serie durch die skandinavischen Kollegen im besten Sinne insgesamt etwas trockener geworden ist. Der dänische Einfluss macht den Film düsterer, mutiger. Von der Erzählweise her zudem eine Idee klarer. Wir haben uns gesagt, dass wir die Serie auch relativ rough und real haben wollten. Einfach nicht so theatralisch.

 

Wie war das mit der Rolle? Als Polizist ist das ja doch eine andere Sache, oder?

Der Job ist viel zeitaufwendiger. Du bist viel weg, hast viel Schichtdienste. Das ist schon knüppelhart. Gerade in dem Fall, wenn du international agierst, also bei Europol, wenn du in aller Herren Länder

ermittelst, da bist du wirklich wahnsinnig wenig zu Hause. Das ist schon krass.

 

In der zweiten Folge bist du in dem Museum bei dem Professor und sprichst ihm deinen Dank aus.

Ich finde es generell gut, dass es Menschen gibt, die diese Kunst bewahren wollen. Das kann ich als Polizist nicht auch noch machen.

 

Ich meine, reell ist in Syrien und im Irak schon wahnsinnig viel antike Kunst zu Bruch gegangen…

Ja, oder ist natürlich geklaut worden. Ein absoluter Alptraum.

 

Sicher gehört es zur Menschheitsgeschichte, dass immer wieder etwas kaputtgeht. Aber diese Malou hat eine besondere Motivation, diesen Fries zu erhalten.

Ja klar. Das löst sich in der Serie später auf. Darum geht es ja letzten Endes. Das wird noch spannend!

 

Ein wichtiges Hobby von dir ist Kampfsport. Führt das zu mehr Actionrollen?

Das weiß ich nicht. Aber es ist nie falsch, sich fit zu halten. Dass man solche Rollen übernehmen kann. Da könnte ich jetzt aber auch Tänzer seit dreißig Jahren sein. Da bleibst du ebenso fit. Jeder muss für sich eben seinen Sport finden. Für mich war das immer Kampfsport. Das macht mich körperlich fit. Ich war immer interessiert – und gucke solche Kämpfe gern.

 

Und selber im Film anwenden?

Ich kann dadurch viele Szenen selbst übernehmen, die ganzen Schlägereien zum Beispiel. Das finde ich toll. Das mache ich gerne.

 

Aber einen reinen MartialArts-Film zu drehen, wäre das auch was?

Nee, das Genre gibt es in Deutschland ja kaum. Das ist hier nicht so ausgeprägt. Aber bei „Stereo“ zum Beispiel gibt es einige Sequenzen mit Kampfsport. Da war das also extrem von Vorteil, dass ich ständig in der Übung bin.

 

Manche Rollen fallen für dich eher raus. Bei Übergewicht müsstest du ziemlich Speck anlegen!

Gut, da gibt es ganz viele Schauspieler, die das übernehmen könnten. (lacht)

 

Ich habe ein altes Interview bei Harald Schmidt gesehen. Da hast du dich rigoros gegen eine Veränderung deiner Zähne gewehrt.

Bei solch starken Eingriffen mache ich nicht mit! Ich kann natürlich ein Gebiss einsetzen. In dem „Ötzi“-Film zum Beispiel habe ich seltsamerweise noch eines getragen, weil die Zähne zu jener Zeit ziemlich anders waren. Man kann viel mit Prothesen arbeiten. Das ist gut. Ansonsten bin ich natürlich ein Teil von mir. Ich habe jetzt nicht den Ehrgeiz, mich dick zu essen…

 

Das ist also nicht drin?

Nein. Ich weiß gar nicht, welche Rolle mich dermaßen reizen würde, dass ich mir sage, okay – da musst du jetzt unbedingt mitspielen. … Das könnte vielleicht auch jemand anders übernehmen.

 

Das Tattoo auf dem linken Arm ist auch immer dran?

Ja, aber das kannste ja wegschminken. Das haben wir bereits einige Male gemacht. Wenn das nicht gefragt ist, kannst du gut auch lange Hemden oder Longsleeves tragen. Ist ja nicht schlimm.

 

Kommissar Weiss hat das Tattoo. Da passt das gut zur Rolle.

Das hat sich ja alles zum Glück etwas aufgelöst, was Tätowierungen so bedeuten – und wer tätowiert ist und wer nicht.

 

In Berlin war vor Kurzem ein Prozess: Barbusige Frauen darf man als Polizist nicht als Tattoo haben, aber Löwen gehen klar.

Es ist schon gut, dass sich das alles ein bisschen verschiebt und das nicht mehr nach den Äußerlichkeiten geht, sondern nach der Arbeitsweise und wie eloquent man eben ist.

 

Rührt das Tattoo vom Interesse für Musik her?

Nee. Der Wunsch war für mich vorher schon da. Bereits als ich sehr jung war, wollte ich eine Tätowierung haben. Das hat sich in den Jahrzehnten des Älterwerdens einfach so ausgebaut. Das ist eine private Sache. So wie meine Nase auch ein Teil von mir ist. Die kann ich auch nicht abändern von Film zu Film. So ist es mit dem tätowierten Arm auch.

 

Eine andere Lösung wäre Computer Generated Imagery (CGI).

Das ist aber teuer. Einfacher ist es, du löst das übers Kostüm. In vereinzelten Szenen kannst du dich einfach überschminken. Das dauert zwar etwas länger, ist aber auch möglich.

 

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Jürgen Vogel

Galt lange als Garant für ruppige Rollen. Hat sich dem Etikett längst entwunden. Im Oktober startet die neue europäische Reihe „Team II“ mit ihm in einer der Hauptrollen (Die erste Folge lief am 21. Oktober 2018 im ZDF). Atmosphärisch dicht – und spannend erzählt.

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