Stadtgeflüster-Interview: Claudia Maschner spricht mit Elena-Katharina Sohn über die beste Beziehung
Hilfe?!

Noch ein Beziehungsratgeber? Ja, aber einer, der auch für Singles geeignet ist. Die Reaktionen auf das offenkundige Herumliegenlassen von „Goodbye Beziehungsstress“ der Berliner Autorin Elena-Katharina Sohn sind vielfältig. Von „Ach, hast du das nötig?“ bis zu „Musst du mir unbedingt mal leihen“ ist alles dabei. Mit ihrer Agentur „Die Liebeskümmerer“ hilft die frühere PR-Beraterin sonst Menschen mit Liebeskummer. Echt wahr. Dafür gibt es eine Agentur. Wer die braucht? Frauen und Männer, in ihren Zwanzigern, Dreißigern… keine Altersgrenze nach oben. Frau Sohns Fazit nach vielen Jahren Beratung und Coaching: Beziehungsglück ist keine Glückssache.

Mittwoch, 31.10.2018, 11:24 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Claudia Maschner spricht mit Elena-Katharina Sohn über die beste Beziehung: Hilfe?!
Elena-Katharina Sohn hat Deutschlands erste „Anti-Liebeskummer-Agentur“ gegründet. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Die Sache mit Topf und Deckel darf ich also vergessen?

Eindeutig jein! So krass würde ich das nämlich nicht ausdrücken. Es gibt natürlich Menschen, die in ihrer Art miteinander umzugehen, perfekt zueinander passen. Aber diese romantische Vorstellung, ich muss nur den Einen oder die Eine finden und mit dem oder der passt dann alles? Damit überlässt man dem Schicksal zu viel und verpasst Chancen, die man hätte, wenn man es selbst in die Hand nehmen würde. Du selbst kannst sehr viel dafür tun, eine glückliche Beziehung zu führen.

 

Ganz allein?

In meinem Buch ermögliche ich erst mal eine kritische, ehrliche Selbstbetrachtung. Wie habe ich bisher in Beziehungen gelebt, wie habe ich mich verhalten? Wie habe ich Beziehungsglück verhindert, ohne es selbst zu merken.

 

Müsste der Partner da nicht mitmachen?

Das wäre natürlich am besten, wenn man den Partner in die Arbeit mit dem Buch einbezieht. Oder wenn man es gemeinsam nutzt. Am Ende kann ja auch die Erkenntnis stehen, es passt nicht mehr. Aber ansonsten ist das für beide eine ganz tolle Bereicherung.

 

Und viel Arbeit an sich selbst.

Arbeit klingt so negativ, klingt anstrengend und ich glaube, dass die Menschen mit denen ich arbeite... oh, da ist es wieder. Ich muss mal übers wording nachdenken. Also, zwar empfinden die Menschen, die zu mir kommen und diesen Erkenntnisprozess durchlaufen, das vielleicht auch als anstrengend, aber vor allem als eine persönliche Reifung. Mir ist es wichtig, dass es eigentlich um etwas ganz Positives geht.

 

Aber die Leute kommen schon wegen etwas Negativem?

Sie kommen zu meiner Agentur, weil sie Liebeskummer haben und ich gehe mit ihnen durch einen Wachstumsprozess, an dessen Ende sie auch meist eine neue Beziehung finden oder eine glücklichere Beziehung führen. Sie sind dann natürlich total happy mit dem, was sie da erlebt haben. Und sie sagen mir häufig, das war ja eigentlich die Chance meines Lebens, dieser Liebeskummer.

 

Eine Agentur gegen Liebeskummer. Wie kam das?

Ganz einfach, weil ich selber mal so schlimm Liebeskummer hatte. Das ist ungefähr zehn Jahre her. Zum damaligen Zeitpunkt hätte ich nicht damit gerechnet, mich irgendwann mal selbstständig zu machen. Ich war auch nicht auf der Suche nach einer Geschäftsidee. Es ist tatsächlich so gewachsen.

 

Aber wie war der Schritt vom Kummer zum kümmern?

Mir ging es damals wirklich sehr schlecht. Ich arbeitete in einer großen PR-Agentur und merkte, die Arbeit kann mich gar nicht auffangen. Deshalb habe ich mir eine Auszeit erbeten. Ein paar Monate raus aus dem Job. In dieser Zeit, die ich brauchte, um wieder zu mir selbst zu finden, kam dann die Idee. Ich hatte mit so vielen Leuten gesprochen, die auch schon Liebeskummer hatten und irgendwann dachte ich, für jedes Wehwehchen gibt es eine Anlaufstelle, aber für Herzschmerz?

 

Zum Psychotherapeuten?

Das könnte man tatsächlich, aber die Hemmschwelle ist dann doch sehr hoch. Zumindest, wenn man es genauso nennt. Wir Liebeskümmerer sind auch alle psychotherapeutisch ausgebildet, das steht aber auf unserer Website nicht so im Vordergrund.

 

Wie helft ihr?

Anfangs mit Liebeskummer-Reisen. Allerdings kam oft die Mindestteilnehmerzahl gar nicht zusammen. Die Leute gehen damit nicht offen um. Aber sie haben in der Situation einen schnellen, kurzfristigen Beratungsbedarf. Es war also viel besser, einzelne zu beraten. Und so hat sich das Angebot nach und nach der Nachfrage der Kunden angepasst. Jetzt sind wir acht Kolleginnen und Kollegen mit jeweils vier bis fünf Kunden.

 

Haben diese Menschen alle keine beste Freundin?

(lacht) Die Möglichkeiten auch der besten Freundin sind wohl irgendwann erschöpft. Vor allem, wenn sie selber die gleichen Fehler in Beziehungen macht. So einzigartig wir sind, unsere Paarprobleme sind es nicht. Der Erfolg der Agentur ist schon ambivalent.

 

Warum?

Natürlich freue ich mich für mein Team und für mich persönlich, dass wir so vielen Leuten helfen können, denn niemandem geht es danach schlechter. Aber andererseits ist es doch traurig, dass es überhaupt so viele gibt, die Hilfe bei Liebeskummer brauchen.

 

„Goodbye Beziehungsstress“ will schon vorher helfen?

Richtig. Nach meinem ersten Buch  „Goodbye Herzschmerz“, kamen viele Reaktionen von LeserInnen. Nach dem Motto, hätte ich diese Erkenntnisse doch nur vor dem Herzschmerz gehabt, dann wäre es in der Beziehung anders gelaufen. Und sie wollten auch etwas im Freundeskreis weitergeben. Mal ehrlich, wer kennt denn keine Beziehung, in der einer oder beide unglücklich und unzufrieden sind. Und so kam es zu diesem zweiten „Goodbye“-Buch. Darin geht es erst mal um die Erkenntnis, was Beziehungsglück verhindern kann, welche Muster dahinter stecken.

 

Zum Beispiel?

Häufig denken wir, unser Glück hängt nur an dieser einen Person. Einer der zehn großen Irrtümer. Wie auch „Mein Partner gehört mir“ oder „Sollte sich für mich verändern“ oder „Man sollte doch alles zusammen machen“ und so weiter. Dazu gibt es viele Fallbeispiele und Selbsttests. Im zweiten Teil des Buches finden sich die Erkenntnisse von Paartherapeuten und Psychologen zu glücklichen Beziehungen und im dritten Teil geht es ans Eingemachte.

 

Mit der „Anleitung zum Zusammen-Glücklichsein“. Ist das nicht zu viel versprochen?

Ich bin der festen Überzeugung, wenn man die Übungen im Buch wirklich durchführt, wird man sich positiv verändern. Das innere Kind kennenlernen, die eigenen Glücksquellen finden, eine Bucket-Liste oder einen idealen Nachruf auf sich selber verfassen. Das sind nur ein paar Beispiele. Viele Menschen überfliegen so was oder gehen die Aufgaben nur in Gedanken durch.

 

Deine Anleitungen erinnern ein bisschen an Aufstellungsarbeit.

Das stimmt und wer mit Therapie oder Coaching nichts zu tun hat, der rollt vielleicht nur mit den Augen, wenn man da von Energie spricht, die sich verändert. Aber wenn man es wirklich so macht und auch praktisch so umsetzt, wie ich es beschrieben habe, wird das garantiert mit jedem Menschen ganz viel anstellen. 

 

Ziel ist es mit sich selbst zufrieden zu sein, bleibe ich dann nicht besser gleich alleine?

Kann ich, aber muss ich ja nicht. Ich sag ja nicht, dass Partnerschaft nicht notwendig ist. Es ist nur sehr zuträglich für eine Partnerschaft, wenn man nicht überlebensabhängig von ihr ist. Und nur wer mit sich selber glücklich ist, kann auch mit jemand anderem glücklich sein.

 

Ist das Brigitte-Psychologie oder Religion?

(lacht) Keine Ahnung, ich bin weder von dem einen noch vom anderen inspiriert. Ich bin ganz unspirituell und unreligiös, aber ich glaube schon, dass es da Anklänge gibt. Man erfindet das Rad natürlich nicht neu. Bestimmt gibt es in verschiedenen Lehren auch Ansätze, die in die Richtung gehen. Weil es einfach so ist. Weil viele Menschen an vielen Orten auf der Welt und zu vielen Zeiten wahrscheinlich schon die Erfahrung gemacht haben, dass genau das der Schlüssel ist, mit sich selber glücklich zu sein.

 

Kollektive Weisheiten?

Jeder kennt sie, aber trotzdem existiert ja immer noch dieses romantische Hollywood-Ding: „Ich finde den richtigen und dann passt es“. Sich selbst zu lieben als Voraussetzung,  jemand anderen lieben zu können, ist schon fast eine Plattitüde, aber die wenigsten Leute fühlen es wirklich. Oder verstehen, was es tatsächlich meint, geschweige denn, wie es funktioniert.

 

Wird es eine „Goodbye...“-Trilogie?

(lacht) Mal sehen. Ich bin im Februar Mutter geworden und mein Mann sagt, ich müsste als nächstes „Goodbye Babystress“ schreiben. Aber ernsthaft, es gibt viel Bedarf. Und da ist ein Aspekt interessant. Diese Renaissance der Torschlusspanik. Die Bereitschaft von Frauen und Männern, sich fest zu binden, verschiebt sich immer weiter nach hinten. Man kann schon sagen emotional und psychisch betrachtet ist Vierzig das neue Dreißig. Wenn man Kinder möchte, kann das aber auch schon mal schwierig werden.

 

Ist eine gute Beziehung denn eine Frage der Reife oder der Lebenserfahrung?

Das muss ja nicht sein. Ich kenne Frauen jenseits der Sechzig, die haben ihr Leben lang am Partner geklebt. Dann finden sie eine neue Stabilität in sich selber und sind auch schockiert, weil sie erkennen, was sie alles aus ihrem Leben hätten machen können. Oder es gibt Liebeskummer-Kundinnen in ihren Zwanzigern, denen kann ich sagen, sei froh, dass du das jetzt alles schon klar bekommst. 

 

Hattest du auch schon hoffnungslose Fälle?

Nein. Wer ganz in seinem Schmerz ist, weil er Liebeskummer hat, braucht eine Weile. Aber dann ist es schön zu sehen, wie sich irgendwann die Erkenntnis und die positive Energie frei setzt. Viele meiner Kunden halten auch nach Ende der Beratung über Jahre noch den Kontakt zu mir, aus einer Dankbarkeit heraus. Das ist eine ganz tolle Arbeit, weil man so viel zurück bekommt von den Menschen. Sie erleben es als eine Verwandlung und sind dann im Nachhinein tatsächlich dankbar für den Kummer, den sie hatten.

 

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Elena-Katharina Sohn

Elena-Katharina Sohn hat Deutschlands erste „Anti-Liebeskummer-Agentur“ gegründet. Sie ist studierte Politologin, Autorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. In ihrer Beratung und mit ihren Büchern will sie uns helfen, glücklichere Beziehungen zu führen. 

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