Stadtgeflüster-Interview: Anastacia und Dominik Irtenkauf schwärmen für die Archäologie des Alltags
Evolution

Sie gehört zu den internationalen Superstars. Zugleich bewahrheitet sich bei ihr die alte Weisheit vom Propheten im eigenen Lande. In den USA ist sie nicht ganz so populär. Anastacia gibt sich im Telefonat klug und persönlich. Coole Popmusik ist genau das: leichte und schillernde Oberfläche, darunter die Tiefen des menschlichen Strebens. Die US-Amerikanerin hat trotz schwerer Krankheit und anderer Probleme stets den Weg  zurückgefunden. Ihr unbeugsamer Wille schimmert auch im folgenden Gespräch durch.

Mittwoch, 14.11.2018, 11:38 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Anastacia und Dominik Irtenkauf schwärmen für die Archäologie des Alltags: Evolution
Anastacia ist eine Soul-Dame mit Ecken und Kanten. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Du scheinst in Deutschland sehr populär zu sein.

Für mich ist es eine große Ehre, wie das deutsche Publikum mich annimmt.

 

Fallen dir Gründe dafür ein, warum man hierzulande so an deiner Musik interessiert sein könnte?

Die meisten Deutschen sagen mir, es wäre meine Stimme, die sie anspricht. Ich bin eine ziemlich bodenständi-ge Künstlerin. Ich singe ohne Playback – das schätzt das deutsche Publikum sehr. Ich denke, jeder Fan wird eine andere Wahrnehmung haben. Aber ich bin einfach froh, dass sie mich so akzeptieren.

 

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es für dich etwas Tolles sein muss, in Deutschland aufzutreten. Du füllst ja immer Arenen. Wolltest du auch mal wieder in Klubs spielen – oder ist das nicht mehr drin?

Ich spielte eigentlich von Anfang an in mittelgroßen bis großen Locations. Ich weiß also gar nicht, wie es in kleinen Klubs ist. Ich liebe das aber. Ich genieße diese intime Atmosphäre, die man in kleineren Läden erlebt. Wenn du mit dem Publikum redest, dann wirklich mit jedem Zuschauer im Raum. Ein tolles Gefühl. Es hat was von einem Vortrag an der Universität.

 

Manche Künstler schaffen diesen Spagat.

Ich glaube, Prince hat das häufiger gemacht. Nach seinen großen Shows hat er im Anschluss in einem Klub gespielt. Früher habe ich mich immer gefragt, warum er nach den Stadionkonzerten in die Klubs gegangen ist.

 

Und hast du eine Antwort gefunden?

Er kommt von dort. Er wollte zurückkehren, weil es da dieses gewisse Etwas der Live-Atmosphäre gibt. Ein Kon-zert zu spielen – und die Menschen können dich beinahe anfassen … Das ist schön.

 

Du bist in eine Familie mit starken Wurzeln im Showbiz geboren worden. Stand deine musikalische Karriere von Anfang an fest?

Als ich ein Teenager war, wusste ich noch nicht genau, wo mich mein späteres Leben hinführen würde. Als Kind faszinierte mich Archäologie. Ich liebte den Anblick von Archiven und Artefakten. Ich fand das alles faszinierend. Ich hatte ein Mikroskop, habe mich viel mit Naturwissenschaften beschäftigt. Als ich älter wurde, ver-schwand das alles etwas aus dem Blick.

 

Kamen dann Zweifel?

Ja, ein wenig. Ich wusste nicht, ob ich das wirklich machen wollte. Es war kein Traum von mir, in die Musikindustrie einzusteigen, weil ja schon meine Eltern in dieser Branche arbeiteten. Ich wollte nicht in ihre Fußstapfen treten. Auch wenn mir viele Menschen sagten, Anastacia, du hast ein Talent. Ich ging davon aus, dass jeder Mensch dieses Talent besaß.

 

Und was meinten deine Eltern?

Meine Eltern sagten mir stets, dass ich wohl singen könne, aber sie betrachteten das nie als ein besonderes Geschenk. Keine erfolgreiche Sängerin hatte eine Stimme wie ich. Ich klang nämlich nicht wie Mariah Carey, Cher oder Barbara Streisand. Nur mit einer solchen Stimme konnte ich mir eine reelle Chance auf Erfolg vorstellen. Als ich in meinen Zwanzigern versuchte, einen Deal an Land zu ziehen, war das für mich schwierig – eben weil ich nicht wie besagte Sängerinnen geklungen habe.

 

Denkst du, das könnte ein Grund für weniger Popularität in deinem Heimatland USA sein?

Nein, damit hatte es nichts zu tun. Ich glaube, das lag eher an einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Radiosendern und der Plattenfirma. Die schlug mir dann vor, es ohne die Sender zu versuchen – und die erste Platte kam in Europa sehr gut an. In den USA fehlte der Support der Radiostationen – und als ich beim dritten Album angelangt war, fand ich es bereits zu spät, in den USA nochmals von vorne anzufangen.

 

Sicher schade, oder?

Ich kann heute gut damit leben. Es hatte nichts mit meiner Stimme oder meinem Aussehen zu tun. Es waren Machtspiele. Ich sage mir, dass es eigentlich beschämend ist, dass ich in Amerika mit meiner Musik und meinen Texten nicht mehr Leute erreichen kann.

 

Das hat sicher auch Vorteile?

Der positive Aspekt ist ganz klar, dass ich hier ein relativ normales Leben führen konnte. Wenn ich in den Supermarkt gehe, muss ich nicht befürchten, dass ich auf jeden Fall erkannt werde. Dass ich mich so relativ frei in den USA bewegen kann, ist für mich das Beste aus zwei Welten. Viele große Künstler erzählen mir neidisch: Mein Gott, was würde ich dafür geben, mich völlig unerkannt auf einem großen Platz bewegen zu können.

 

Denkst du, dass Popmusik glamourös sein muss?

Um ehrlich zu sein, denke ich, dass es immer eine gewisse Bewertung gibt. Wenn du dir einen Rockmusiker vorstellst, eine Popkünstlerin, einen Folkkünstler oder eine Opernsängerin. Du hast stets ein bestimmtes Bild vor Augen. Ich denke, das ist ziemlich normal. Ich passte nie in eine Kategorie. Ich war ein weißes Mädchen mit langem Haar, deshalb war ich eher eine Popmusikerin.

 

Das ist interessant.  Wie meinst du das?

Ich kleide mich einerseits eher wie eine Rockmusikerin, singe stellenweise wie eine Rocksängerin, mit einer tieferen Stimme. Dann habe ich noch eine andere Persönlichkeit, die nicht schüchtern ist – der Gegensatz zwi-schen der Person auf der Bühne und jenseits davon.

 

Musst du dich zwischen diesen zwei Seiten entscheiden?

Ich denke, wir leben heute in einer Welt, in der du eine Mischung aus beidem sein kannst. Eine Welt, in der sich die Dinge mischen können. Heute gibt es Zugang zu verschiedenen Arten von Musik.

 

Bekommst du mit, was sonst heutzutage so läuft?

Die sozialen Medien verändern heute so rasant die Aufmerksamkeit für Künstler. Man kommt hoch, aber dann taucht bereits der nächste auf. Es ist mir ein Rätsel, wie Interpreten in unsrer Zeit berühmt werden können. Ich höre mir einiges an Musik an, genieße die tollen Stimmen, aber viele von ihnen sind so jung. Ihre Lieder sind auch anders.

 

In der Rockmusik werden meist auch andere Inhalte behandelt.

Wenn es Rockmusik ist, dann akzeptiere ich das. Meistens ist das Dichtung. Die Songs, die ich für mein Coveralbum ausgewählt habe, hatten poetische Texte. Oft sang ich etwa über mich selbst in diesen Stücken, selbst wenn sie ursprünglich ein anderes Thema hatten. Auf diese Weise war ich in der Lage, eine neue Perspektive einzunehmen, wenn ich die Nummer sang. Der Song „Back In Black“ etwa wurde so ein Lied über mich, wie ich von einem dunklen Ort zurückkehrte. (Hält kurz inne, stimmt das Lied an)

 

Cool, dass du mir den AC/DC-Song jetzt vorgesungen hast. Vielen Dank!

Ich habe mir den Text durchgelesen und wusste zunächst nicht, um was es in diesem Stück eigentlich ging. (lacht) Ich dachte nur: Ach, das ist jetzt aber ein interessantes Wort. Kenn ich das? (lacht) Wenn ich nun zurückblicke, so hat der Inhalt des Songs für mich Sinn ergeben, weil ich zurück bin. Eben: Back in black!

 

Auch back in life, weil du schwere Krankheiten durchstehen musstest.

Ja, manchmal war es etwas schwerer. In meiner Kindheit hatte ich eine Immunschwäche, verursacht durch Morbus Crohn. Es war für mich natürlich unerwartet, als ich Krebs bekam. Aber es war für mich nicht das Ende der Welt. Ich begann mich zu informieren, sprach viel über die Krankheit. Es ging auch darum, ob es eine solche Krankheitsgeschichte in meiner Familie gegeben hat.

 

Das brachte dich vielleicht auch zu dunkleren Texten in deiner Musikkarriere?

Weil ich immer die positiven Aspekte im Leben sehe, kann ich auch mal über ein schwieriges Thema singen. Ich kann immer einen Weg finden, in einem Stück Licht zu finden. In meinem ersten Lied zum Beispiel – ‚I’m Out Of Love’ – geht es um eine Beziehung, die nicht funktionierte. Die wirklich großen Wörter in dem Stück sind in der Bridge: „I’ll be stronger!“ (Ich werde stärker sein!).

 

Eine frohe Botschaft, also?

Ich bin vielleicht gerade ohne Liebe, aber ich werde das durchstehen. Für mich ist es wichtig, ein Lied zu schreiben, das Hoffnung verbreitet, auch wenn man sich in einer dunklen Phase befindet. Diese Hoffnung ist wichtig. Ich weiß nicht, wie man sich Lieder anhören kann, die einem ständig sagen, dass dein Leben vorbei sei. (lacht)

 

Was mich zum Schluss noch interessiert, wäre, ob der Titel des Albums von 2017 – „Evolution“ – mit deinem Interesse an der Archäologie zu tun hat?

Ich habe das noch nie aus dieser Perspektive gesehen. (lacht) Ich glaube, dass manche Gedankenblasen ins Leben zurückkehren können. Für mich bedeutet Evolution, dass wir uns als Menschen ständig weiterentwickeln. Wir wehren uns ziemlich häufig gegen diese Entwicklung. Wir sind häufig wütend auf die Veränderung, frustriert – und wollen uns nicht verändern.

 

Es handelt sich also um persönliche Reifung. Nicht um eine geographische oder biologische Evolution?

Ja, es geht vor allem um persönliche Evolution. Unterbewusst habe ich mein Leben vielleicht unter solch evolutionären Aspekten wahrgenommen, weil Archäologie in meiner Kindheit der erste Einblick in die Evolution gewesen ist. Und jetzt bringe ich in meinen Fünfzigern ein Album heraus, das den Titel „Evolution“ trägt. Vielleicht habe ich jetzt, wo ich ein halbes Jahrhundert alt bin, endlich meinen Zugang zum Leben gefunden.

 

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Anastacia

Anastacia ist eine Soul-Dame mit Ecken und Kanten. Im Interview gibt sie sich altersweise, ohne arrogant zu wirken. Vielmehr wirkt sie wie eine reflektierte Teilnehmerin der Kulturindustrie. Und wie eine einfach sehr gute Sängerin mit leicht rauchiger Stimme. Am 17. November tanzt und singt Anastacia in der Emsland-Arena in Lingen.

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