Stadtgeflüster-Interview: Ralph Ruthe spricht mit Jonas Wintermantel über Cartoons, soziale Medien und Humor in der AfD
Lachen erwünscht

Man könnte meinen, Cartoons fristeten in einer digitalisierten Welt, ein einsames Dasein am publizistischen Rand. Ralph Ruthe beweist mit  seiner Arbeit das Gegenteil. Allerdings wäre es ein Fehler, ihn auf seine Cartoons zu reduzieren. Seitdem er mit 14 Jahren  als Comic-Autor anfing, probiert er sich aus, wo er kann. Als Komiker, Zeichner, Autor oder Musiker.  Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: Die Menschen zum Lachen bringen.

Mittwoch, 21.11.2018, 11:44 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Ralph Ruthe spricht mit Jonas Wintermantel über Cartoons, soziale Medien und Humor in der AfD: Lachen erwünscht
Ralph Ruthe ist ein klassisches Allround-Talent. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Ralph, in deinen Cartoons genügen meist ein, zwei Sprechblasen, um den gewünschten Inhalt zu vermitteln. Dabei muss alles auf ein Bild passen. Wünschst du dir manchmal mehr Platz?

Das Schöne ist ja, dass ich mir das aussuchen kann. Tatsächlich ist das Tolle an einem Cartoon: Es gibt einfach keine schnellere Möglichkeit, eine Pointe zu transportieren. Das ist der Unterschied zu Comics, bei denen du teilweise eine Leistung als Betrachter erbringen musst. Im Idealfall erklärt sich die Situation innerhalb von drei bis vier Sekunden, und das liebe ich daran. Das ist ein ganz anderes Medium – das Beste, um einen Witz zu transportieren.

 

Und wenn der Platz nicht reicht?

Wenn ich merke, dass die Idee nicht passt, mache ich ein Video daraus. Das ist das Tolle: Da habe ich also die Wahl. Im Endeffekt geht es immer nur um Ideen und Figuren. Das ist genau wie bei einem Roman oder bei einem Film. Solange die Zuschauer sich nicht für die Figuren interessieren, sie das Thema nicht kapieren, ist das alles total uninteressant.

 

Gibt es bestimmte Charaktere, in denen auch etwas Ralph Ruthe steckt?

Ja, es gibt so ein ordinäres, brüllendes Schaf. (lacht) Es ist ein Teil von mir, den ich mit dieser Figur auslebe, auf jeden Fall. Die ordinäre Sprache, dieses unglaublich Gutgelaunte, das bin schon sehr ich, aber in einer totalen Überzeichnung.

 

Du kannst auf knapp 30 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Woher nimmst du denn da noch tagtäglich die Inspiration? Wird das schwieriger mit der Zeit?

Nee, im Gegenteil. Es ist wie alles, was man übt. Völlig egal, ob es ein Muskel ist, den man trainiert, oder wenn man in einer Fabrik arbeitet und einen bestimmten Handgriff immer wieder machen muss. In der Regel wirst du besser darin. Mir fiel es schon immer leicht, mir in irgendeiner Form Geschichten auszudenken, im besten Fall solche, die die Leute zum Lachen bringen.

 

Das wird dir nicht langweilig?

Glücklicherweise ist dieser Bereich äußerst vielfältig, bunt und unterschiedlich. Ich mache eigentlich nie jeden Tag das Gleiche. Es gibt nicht die eine Sache, die ich betreibe. Das ist wahrscheinlich das Geheimnis, warum es mir immer noch gut gefällt und warum ich nie das Gefühl habe, in irgendeiner Ecke zu stecken, in irgendeiner Schublade zu hocken.

 

Woher kam die Idee, Tiere als Protagonisten zu nutzen?

Die Idee ist ja nicht von mir. Das ist das klassische Fabel-Thema, in der Literatur gab es das schon immer. Bei Comics und Cartoons ist das eh traditionell der Fall. Es ist für meinen Geschmack einfach schon zeichnerisch interessanter, einen Geier zu zeichnen statt eines Menschen. Das macht viel mehr Spaß – auch dem Betrachter.

 

Es geht also auch um  die zeichnerische  Herausforderung.

Vereinfachung. Es ist viel einfacher, einen lustig guckenden Biber zu zeichnen, als einen lustig guckenden Menschen. Es ist auch automatisch lustiger, ein Pferd in einer sehr menschlichen Situation zu sehen. Da ist Komik quasi vorprogrammiert.

 

Gibt es ein bestimmtes Thema, das dich in deiner Arbeit  besonders interessiert?  Bist du politisch motiviert?

Ich bin auf jeden Fall ein politisch interessierter Mensch, aber es ist überhaupt nicht mein Ziel, politische Karikaturen zu machen. Letztendlich kann man ja alles immer herunterbrechen auf zwischenmenschliche Situationen. Wenn jetzt zum Beispiel zwei Länder im Clinch liegen, kann man daraus etwas machen: Position A möchte etwas, was Position B nicht will. Das kannst du auf jeden Küchentisch herunterbrechen – oder in meinem Fall auf zwei Bäume auf einer Wiese oder ein Zebra und einen Löwen.

 

Du veröffentlichst deine Arbeit auf verschiedenen Plattformen, zum Beispiel YouTube, Twitter oder Facebook, hast inzwischen eine Community mit über 1,3 Millionen Followern aufgebaut. Stehst du mit denen in Austausch?

Total, auf jeden Fall. Das war eine Entwicklung, die ich auch nicht geplant habe. Von dem Moment an, wo die Leute, die deine Arbeit genießen, die Möglichkeit haben, zu kommentieren, hast du zwei Optionen: Entweder du ignorierst das – oder du wirst Teil des Dialogs. Ich habe irgendwann angefangen, auf Kommentare zu reagieren und das war wirklich ich, kein Social-Media-Team oder so. Das war einfach mein Wunsch, mit den Leuten in Austausch zu kommen.

 

Nimmt das Auswirkungen auf deine Arbeit?

Social Media hat mir geholfen, den Leuten zu zeigen: Ich bin nicht ausschließlich Zeichner, ich spreche auch die Figuren – und wenn ihr Musik im Video hört, habe ich die gemacht, und so weiter. Das hat sehr geholfen, den Leuten dieses Gesamtbild zu verkaufen.

 

Es wird zurzeit viel über die Verrohung der Gesprächskultur gesprochen, vor allem in den sozialen Netzwerken. Wie sieht es da bei dir in der Community aus?

Ich merke das ein bisschen, wenn ein Video von mir sehr viral geht, mit Millionen von Klicks. Da merke ich, dass die Leute das in ihre Timeline gespült bekommen, weil es gerade sehr viel gesehen wird. Das sind also keine Fans von mir, die entdecken das in dem Moment neu. Da merkt man, dass der Ton sich manchmal minimal verändert. Ich glaube, es ist auch Arbeit, sich eine Fanbase so zu erarbeiten, wie man sie haben möchte. Ich habe mich ja auch sehr früh menschlich positioniert zu bestimmten Themen; zur Flüchtlingssituation, zu Umweltthemen.

 

Wie ist da die Resonanz?

Die Leute, die mir folgen, wissen, dass ich Vegetarier bin, das ist denen entweder scheißegal oder sie finden es albern. Zum allergrößten Teil sagen sie: „Cool und gut, dass du uns damit nicht auf den Sack gehst.” Die Leute wissen, wer ich bin und dass ich freundlich auf Kommentare reagiere. Das übernehmen die, und so kannst du dir deine Fanbase, natürlich nur bis zu einem gewissen Grad, aufbauen.

 

Gut erzogen, also…

Ich merke, dass der Grundton bei mir zwischen den Menschen sehr freundlich ist. Das ist schön und schlicht das Ergebnis von jahrelanger Arbeit. Ich kann den Leuten das wirklich nur immer wieder sagen: Zeigt, dass ihr da seid. Zeigt den Leuten, von denen ihr wisst, dass sie eure Arbeit gut finden, dass es Sinn ergibt, freundlich zu reden, selbst wenn einer scheiße ist.

 

Du reagierst auf Anfeindungen und Kritik meist mit deiner humoristischen Art. Beispiel: AfD. Gegen die hast du eine Abneigung, aus der du öffentlich keinen Hehl machst. Meinst du, man bekommt den Rechtspopulismus mit Humor klein?

Sagen wir so: Was wäre das Leben ohne Humor? Es ist mir völlig unverständlich, wie man nicht über bestimmte Sachen lachen kann. Das unterscheidet uns wirklich von Tieren. Du erzählst jemandem einen Witz – und der lacht. Das ist eine Emotion, die uns Menschen vorbehalten ist und das finde ich total großartig. Das ist verbindend.

 

Meistens…

Wenn ich mal einen Witz über die AfD mache, dann weniger, weil ich annehme, ich könnte damit irgendein Problem lösen. Es wird einfach nur für mich und meine Filterblase ein guter Witz sein und das war’s, aber es schadet ja auch nichts, da bin ich mir ziemlich sicher. Es ist einfach mein Ventil, um damit umzugehen, dass hier offen lebende Rechtsradikale inzwischen eine Öffentlichkeit haben, dass die sich trauen, Sachen zu sagen, für die man früher als Berufspolitiker ganz klar hätte einpacken müssen.

 

Ein humorloser Haufen?

Es gibt ja diesen Spruch: Böse Menschen haben keine schönen Lieder. (lacht) Man sieht das bei Chemnitz, auf der Seite der Rassisten, der Menschen, die von Hass getrieben werden. Da gibt es beim besten Willen extrem selten Leute, die Empathie zeigen, doch Empathie ist für Humor unerlässlich. Du kannst nicht lustig sein, du kannst keinen Humor schaffen, wenn du dich nicht mit dem Gefühlsleben Anderer beschäftigst. Das gibt es auf der Seite einfach nicht.

 

Irgendwie schade.

Vielleicht ist es leider auch einfach mal wichtig, dass sie da sind. Sodass man wieder merkt, worum es hier eigentlich geht und wie wichtig das alles ist. Wenn es das braucht, um manche Leute aufzurütteln, und vielleicht auch etwas zu politisieren, war es das vielleicht auch schon wert.

 

Jetzt sind wir aber sehr politisch geworden.

Ja. (lacht)

 

Kommen wir zurück zu  deiner Arbeit.

Tatsächlich ist es ja Teil meiner Arbeit. Wenn ich eins mache, dann ist es ja die redaktionelle Betreuung meiner sozialen Kanäle. Das ist wie Leserbriefe beantworten, das findet statt. Also es ist Teil meiner Arbeit und Teil auch meines Erfolgs, deswegen finde ich es gut, dass wir darüber sprechen!

 

Man kann dich keiner konkreten Berufsgruppe zuordnen, das haben wir bereits festgestellt. Du bist Cartoonist, Komiker, Musiker. Autor bist du auch. Selbst bezeichnest du dich oft als „Witzbildmaler“. Welchen Titel würdest du dieser Liste gerne noch hinzufügen?

Äh. (Überlegt) Ich zähle es nie auf, aber eigentlich bin ich es ja auch schon: Regisseur, weil ich bei den Videos ja auch Regie führe. Aber bald werde ich einen Kinofilm machen. Es gibt noch nicht so wahnsinnig viel zu erzählen, es geht jetzt daran, anzufangen, etwas auszuarbeiten, alles Vertragliche abzuklären – und dann machen wir das. Und dann bin ich wohl Regisseur.

 

Was ist das für ein Gefühl?

Frag mich doch nochmal, wenn der Film fertig ist. (lacht)

 

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Ralph Ruthe

Ralph Ruthe ist ein klassisches Allround-Talent. Die meisten Stimmen für seine Sketche spricht er selbst ein. Seit 2006 präsentiert er seine  Arbeit in eigenen Bühnenprogrammen und steuert die Musik dazu bei.  

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