Stadtgeflüster-Interview: Andrea Spatzek weiht Dominik Irtenkauf in die Hintergründe der Lindenstraße ein
Das Hobby zum Beruf machen

Seit 1985 läuft jeden Sonntag um 18:50 Uhr die Lindenstraße in der ARD. Von der ersten Folge an dabei:  die österreichische Schauspielerin Andrea Spatzek als Gabi Zenker. Ihre Figur ist integraler Bestandteil der ersten „Soap Opera“ des deutschen  Fernsehens. Das Gespräch fand vor der Mitteilung durch die Produzenten statt, dass die Lindenstraße 2020 ausläuft. Bis dahin werden aber noch 45 neue Folgen produziert – mit Gabi Zenker. Im Gespräch mit Andrea Spatzek richtet sich der Fokus vor allem auf die Faszination des Schauspiels.

Mittwoch, 28.11.2018, 11:48 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Andrea Spatzek weiht Dominik Irtenkauf in die Hintergründe der Lindenstraße ein : Das Hobby zum Beruf machen
Andrea Spatzek ist in Deutschland wohl am ehesten unter dem Namen Gabi Zenker bekannt. Sie ist seit der 1. Folge in der Lindenstraße dabei. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Sie sind von Anfang an dabei. Wie fühlt sich das an?

Es war am Anfang nicht abzusehen, wie lange die Serie laufen wird. Es war zunächst ein Jahr geplant, dann ein zweites Jahr, dann waren es noch mal drei Jahre. Das hat sich irgendwann verselbständigt. Ich bin stolz, dass ich Teil von so einem langlebigen Projekt bin. Das ist toll. Ja, doch. Es erfüllt mich mit Stolz, sagen zu können, dass ich mit 26 Jahren angefangen habe. Nächstes Jahr werde ich 60.

 

Die Kehrseite dieser Frage wäre natürlich: Ist es Ihnen nie langweilig geworden?

Nee, langweilig ist es mir auf keinen Fall geworden. Es ist ja nicht so wie bei der „Mausefalle“ in London. Ein Stück, das seit gut 60 Jahren aufgeführt wird. Da sind inzwischen die Enkelkinder der Schauspieler dabei, die in den ersten Jahren selbst gespielt haben. Das ist ein Stück, das sich nicht ändert.

 

Bei der Lindenstraße ist das sicher anders?

Klar. Bei uns ändert sich immer wieder etwas. Es gibt stets neue Geschichten und Konstellationen. So wie sich das reale Leben ändert, entwickeln sich auch die Figuren in unserer Serie. Und in 33 Jahren und fast 1700 Folgen, die bislang produziert und gesendet wurden, gibt es natürlich auch neue Charaktere, die hinzugekommen oder weggegangen sind.

 

Da ist immer Bewegung drin?

Ja, Leute gehen, Leute kommen. Es ergeben sich immer wieder unverbrauchte Situationen. Das hält das Ganze am Leben und spannend.

 

Und wenn Sie selbst etwas Anderes machen wollen?

Ich habe gern parallel zur Lindenstraße Theater gespielt. Das ist auch was Schönes, weil man den unmittelbaren Kontakt zum Publikum hat. Man muss nicht erst ein paar Wochen warten, bis die Folge im Fernsehen erscheint. Man bekommt es gleich mit, wenn etwas ankommt oder nicht. Das macht Spaß.

 

Können Sie das Theaterspielen mit der Lindenstraße gut vereinbaren?

Ja, ich konnte das gut verbinden. Aber es ist nicht so, dass ich nebenher ununterbrochen Theater spiele. In den letzten zwei Jahren stand ich zum Beispiel auf keiner Bühne.

 

Würde Ihr Charakter Gabi Zenker bei einem längeren Engagement am Theater in Kur geschickt werden?

Wenn ich jetzt langfristig wüsste, dass ich in einem Jahr Theater spielen würde, könnte ich natürlich darum bitten, dass man etwas Rücksicht auf mich nimmt. Sie könnten Gabi zum Beispiel in eine Kur schicken. Oder sie fährt mit Andy Zenker ins Ausland, nach Italien etwa, und sie machen einen mehrwöchigen Urlaub. Das könnte alles passieren, klar!

 

Das müsste man koordinieren?

Genau. Hauptsächlich beträfe das ja nur die Probenzeit, in der man am Theater etwas vermehrt in Anspruch genommen wird. Wenn dann die Vorstellungen laufen und der Theaterauftritt wäre im Raum Köln, Bonn oder Düsseldorf, wäre es kein Problem, tagsüber zu drehen und abends eine Vorstellung zu spielen. Das würde durchaus gehen.

 

Wie spielt man eigentlich eine Figur wie Gabi Zenker über solch einen langen Spielraum? Muss man sich immer wieder in diese Stimmung versetzen?

Natürlich ist es so, dass man nach Typ ausgesucht wurde. Ich habe damals, vor über 33 Jahren, in Wien vorgesprochen. Ich bin dafür gecastet und genommen worden, weil Hans W. Geißendörfer den Typ gesucht hat, den ich verkörpere. Danach habe ich mir zusammen mit Hans Geißendörfer den Lebenslauf meiner Figur überlegt: Gabi eben bis zu ihrem 25. Lebensjahr.

 

Das leuchtet ein. So wird  die Figur in der Serie  richtig lebendig.

Jeder Schauspieler fragt sich: Woher kommt meine Rolle? Wohin geht sie? Was hat sie für eine Herkunft? Wer sind ihre Eltern, wo wohnt sie, was hat sie für eine Schulbildung, welche Eigenschaften zeichnen sie aus? Gabi war immer gutmütig, hilfsbereit und anständig. Sie war nicht zimperlich, hat stets gern mit angepackt, war aber verhältnismäßig naiv und nicht überkandidelt.

 

Das stimmt. Floss dann auch einiges von Ihnen in die  Gaby Zenker?

Ja, ein großer Teil stimmt mit mir als Andrea überein. Die Herkunft zum Beispiel. Wir hätten damals sicher nicht sagen können: Die Gabi kommt aus Norddeutschland. Die Serie spielt ja in München. Der Produzent entschied: Okay, Gaby ist irgendwo an der Grenze zu Österreich aufgewachsen. Damit ist schon mal die Grundvoraussetzung geschaffen, dass die Gabi so spricht, wie sie spricht: mit einem leicht österreichischen Akzent.

 

Und müssen Sie sich immer wieder in die Gaby Zenker versetzen?

Nein. Im Laufe der Zeit hat es sich eingespielt. Das heißt, wenn ich jetzt einen Part im Drehbuch lese, weiß ich, wie sich die Gabi fühlt. Bei einer Szene, in der Andy, Helga und Gabi vorkommen, sehe ich kommen, wie Jo Bolling, der den Andy verkörpert, das umsetzen wird. Wie Marie-Luise Marjan, die die Helga Beimer spielt, das spielen wird. Und ich bin eben auch genau im Bilde, wie Gabi darauf reagieren wird.

 

Sie sind da also drin?

Ja, das ist wie eine zweite Haut. Man ist diese Person. Ich brauche nicht mehr zu überlegen, wie ich in eine betreffende Situation hineinkomme. Die ist schlicht da. Ich lese den Text, ich weiß, um was es geht, wie Gabi reagieren muss, wenn das und das eintrifft.

 

Interessant. Etwa auch, weil Sie von sich auch ein paar Charaktereigenschaften hineingelegt haben?

Ja, Hans Geißendörfer wird sich damals schon gedacht haben, warum er sich für mich als Besetzung für die Gabi entschieden hatte. Aber ich bin natürlich nicht Gabi Zenker, da gibt es schon viele Unterschiede.

 

Andrea Spatzek war dann die Gabi Zenker?

Gabi wurde auf mich hin geschrieben: mit meiner Stimme, meinen Bewegungen, mit meinem Auftreten.

 

Hätten Sie jetzt, – sagen wir: Nach fünf Jahren – aufgehört, wäre die Gabi dann gestorben oder weggezogen?

Das kann ich nicht beantworten, über solche Dinge entscheiden die Drehbuchautorinnen und Autoren. Vielleicht hätten sie die Rolle sterben lassen, vielleicht hätten sie sich einen anderen Abgang überlegt. Dabei fällt mir ein, dass es bei Gabis ganz kleinen Kindern einen Tausch gab. Mein Sohn Max ist am Anfang von Zwillingen gespielt worden…

 

Ach, das wusste ich nicht!

Es waren mehrere Zwillingspaare, die sich abwechselten, je nachdem, in welchem Alter die Kinder waren. Kinder dürfen nicht so lange drehen. Es gab eine Zeit, in der ich immer nur nachmittags drehte, weil der Max dabei war. Folglich war ich etliche Nachmittage mit einer Reihe von Szenen beschäftigt, die man ohne Kinder vielleicht innerhalb eines einzigen Tages abgedreht hätte.

 

Was mir bei der Lindenstraße auffällt, ist, dass die Leute schon recht sesshaft sind. Die ziehen da nicht so häufig weg?

Wir hatten schon Familien, die nur für kurze Zeit eingezogen sind, aber so oft wollten wir das nicht machen, um Unruhe zu vermeiden. Zu viele verschiedene Gesichter in einer Serie wären für die Zuschauer ein wenig anstrengend. Ich glaube, die Menschen sehen gern regelmäßig die Gesichter, die sie kennen, die ihnen vertraut sind.

 

Manchen Leuten wird es nach einer gewissen Zeit kribbelig und die ziehen weiter. In der Lindenstraße kann man anscheinend gut leben?

Man darf nicht vergessen, dass es, wie im realen Leben auch, genügend Leute gibt, die froh sind, in einem Umfeld zu leben, in dem sie sich zu Hause fühlen. Aber dennoch kann man sagen, dass es Bewegung in der Lindenstraße gibt. Gabi und Andy etwa haben schon in zwei, drei verschiedenen Wohnungen bei uns in der Lindenstraße gewohnt.

 

Die Charaktere durchleben schon sehr viele Phasen.

Schicksalsschläge.

 

Genau. Kann man denn sagen, dass es manche Figuren in der Lindenstraße häufiger trifft als andere?

Die einen trifft es häufiger, andere weniger. Aber treffen tut es uns alle, denn das macht es ja erst spannend. Es ist doch nichts langweiliger, als wenn man wirklich über eine halbe Stunde lang die Charaktere nur beim Frühstück und Zeitunglesen sieht. Es muss ja irgendetwas passieren. Anhand dieser Schicksalsschläge lernt man die Leute auch viel besser kennen.

 

Sie trifft es immer mal wieder in der Serie.

Gabi Zenker ist schon viel passiert: Ihr Kind wurde umgebracht, sie wurde taub, ihr erster Mann starb an Aids. Und in den letzten Jahren hatte sie mit Panikattacken zu tun. Das sind ja schwere Hämmer. Wir erzählen aber auch wie im echten Leben: Gabis Schwangerschaft etwa dauerte neun Monate, bis das Kind geboren wurde.

 

Zum Schluss noch eine Familien-Frage: Sie und Ihr Bruder Christian waren beide auf dem Mozarteum in Salzburg?

Ja. Er ist nach der Matura auf die Schauspielschule gegangen. Das war nicht weit von unserem Wohnort entfernt. Als ich die Matura gemacht habe, wollte ich zunächst Englisch und Französisch studieren, habe aber trotzdem die Aufnahmeprüfung fürs Mozarteum gemacht, weil ich das gerne ausprobieren wollte. 

 

Das hat ja zum Glück  geklappt.

Ich hatte mir gesagt: Wenn sie mich nehmen, gehe ich, wenn nicht, brauche ich mir wenigstens Jahre später keinen Vorwurf zu machen, warum ich es damals nicht probiert hatte. Diese bestandene Aufnahmeprüfung brachte mich dann wirklich zu dem, was für mich und meine Entwicklung wichtig und gut war.

 

Das hält Sie immer noch  am Spielen?

Ja, es ist natürlich ein Glück, wenn man das Hobby zum Beruf machen kann. Da kann sich jeder glücklich schätzen, der das geschafft hat.

 

Herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Gerne.

 

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Andrea Spatzek

In Deutschland wohl am ehesten unter dem Namen Gabi Zenker bekannt.  Seit der 1. Folge in der Lindenstraße dabei. Spielt neben der Serie leidenschaftlich gern an verschiedenen Theatern. Sie lebt in Köln.

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