Stadtgeflüster-Interview: Regina Halmich und Julia Körtke reden über Selbstvermarktung und starke Frauen
Herrin der Ringe

Zwölf Jahre am Stück war sie ungeschlagene Weltmeisterin im Boxring. Die Beste ihres Sports. Als sie 2001 in einem  Showkampf Stefan Raab die Nase brach, wurde sie auch zum Quotengaranten im deutschen Fernsehen. Eine Frau, die in einem geerdeten  Gespräch ihre Karriere Revue passieren lässt – und zeigt, was es heißt, sich im wahrsten Sinne des Wortes durchzuboxen.

Mittwoch, 05.12.2018, 11:54 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Regina Halmich und Julia Körtke reden über Selbstvermarktung und starke Frauen: Herrin der Ringe
Regina Halmich ist eine Powerfrau, wie sie im Buche steht. Sie bestritt 56 Profiboxkämpfe und musste dabei nur eine Niederlage einfahren. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Wie sieht der Alltag als ehemalige Profi-Boxerin heute aus?

Im Prinzip würde ich mich als selbstständige Unternehmerin bezeichnen. Das Schöne daran ist, dass auch nach meiner Karriere kein Monat gleich aussieht. Ich mache viel für Firmen, ich halte Motivationsvorträge, nebenbei bin ich noch seit 2018 Sport1-Kommentatorin. Mein letztes Engagement waren jetzt Fitness-Tage im „Stock-Ressort“ in Österreich, einem Fünf-Sterne-Hotel in den Bergen. Oder auf der MS-Europa II zusammen mit Boxweltmeister Sven Ottke.

 

Gab es denn nach dem Ende der Profikarriere andere Berufsperspektiven? Sie sind ja gelernte Rechtsanwaltsgehilfin. Vielleicht ein Bürojob?

Nein. Boxen ist das, was ich am längsten, am intensivsten betrieben habe. Das ist einfach meine Kernkompetenz. Da habe ich das Know-how. Zudem habe ich in den vielen Jahren in Sachen Sport auch meinen Horizont erweitert: Fitness- und Functional-Training, Crossfit. Dadurch, dass ich viele Jahre in einem Fitness-Unternehmen tätig war, schaut man auch, was sind die Trends von morgen, was gibt es für Programme. Das beschäftigt mich schon sehr.

 

Stand das Boxen ganz  oben auf Ihrer Wunschliste  als Kind?

Nein, überhaupt nicht. Durch eine Freundin bin ich zum Kampfsport gekommen. Also, ich habe zuerst klassisches Karate gemacht. Dann Kickboxen. Der Trainer hat mich zum Kickboxen gebracht, weil er gemerkt hat, dass ich da immer zugeschaut habe. Das fand ich noch spannender. Irgendwann stellte sich heraus, dass ich besonders stark mit den Fäusten bin. Ich sage immer, es war Zufall, auch wenn es natürlich Menschen gibt, die nicht an Zufälle glauben.

 

Es ist diesen Monat elf Jahre her, dass Sie Ihre aktive Karriere beendet haben. Was hat sich denn seitdem im Boxsport getan?

Es ist auf jeden Fall schwerer geworden. Ich habe ja bei Null angefangen, hab die Marke Regina Halmich aus dem Nichts aufgebaut. Ich habe aber auch das Glück gehabt, dass das ZDF meine Kämpfe übertragen hat –  das ist heute schon ein bisschen schwieriger. Denn ZDF, ARD und RTL übertragen nicht mehr. Daher muss jetzt abermals Aufbauarbeit geleistet werden. Es gibt natürlich nach wie vor gute Boxer, aber die Fernsehübertragung fehlt.

 

Das erhöht wahrscheinlich auch die Hemmschwelle für junge Boxer, in den Profisport zu gehen, oder?

Es ist in der Tat äußerst schwierig geworden. Es gibt nur eine Handvoll Profis in Deutschland, die noch einigermaßen davon leben können. Deswegen ist es momentan eine schwierige Zeit im Boxen, aber ich denke, das ändert sich wieder.

 

Bei Ihnen war es ja auch das TV-Duell gegen Stefan Raab, das letztendlich die Aufmerksamkeit der Menschen auf  Sie lenkte.

Sie sagen es. Es waren eben auch Nicht-Boxinteressierte, die sich meine Kämpfe angeguckt haben. Aus dem Gesichtspunkt der Presseberichte war das super für mich, es hat meiner Karriere einen Push gegeben. Aber danach musste ich abliefern. Wären meine echten Kämpfe dann nicht so gut gewesen, weniger interessant, wären die Zuschauer nicht drangeblieben.

 

Meinen Sie denn, dass es sich beim Boxen mehr um ein Marketing-Problem handelt? Dass die Leute eigentlich interessiert sind, aber die Aufmerksamkeit eher auf andere Sportarten gelenkt wird?

Boxen ist schon noch eine der beliebtesten Sportarten. Wenn man mal Deutschland ein bisschen außen vor lässt. Weltweit liegt es, meine ich, auf Platz vier der Besuchszahlen und Einschaltquoten. Aber das Marketing muss noch mehr außerhalb des Ringes stattfinden. Die Leute wollen den Menschen hinter dem Boxer kennenlernen. Er muss sich gut vermarkten lassen können, nicht nur gut kämpfen. Dadurch, dass es wie Tennis ein Einzelsport ist, hat es mehr mit der Person zu tun.

 

Wie viel Persönlichkeit braucht man denn neben dem Talent, um im Ring bestehen zu können. Um bekannt zu werden?

Wichtig ist, dass der Zuschauer sich mit dem Boxer identifizieren kann. Er muss ihn sympathisch finden oder, von mir aus, auch nicht leiden können, egal. Wenn er polarisiert, ist das auch gut. Die einen lieben ihn vielleicht, die anderen mögen ihn hassen. Beides ist gut für die Karriere. Man ist im Gespräch. Der Mensch muss was auslösen im Zuschauer, egal, in welche Richtung. Diese Selbstvermarktung, die Show um die eigene Person, muss neben dem Sporttalent vorhanden sein.

 

Im Boxsport klafft ja nach wie vor eine Interessenslücke zwischen Männer- und Frauensport. Die Kämpfe der Männer werden mehr geguckt als die der Frauen.

Das stimmt vielleicht für Deutschland, aber weltweit ist das gar kein so gravierender Unterschied. Es gibt inzwischen Frauen wie Clarissa Shields aus Amerika oder Katie Taylor in Irland. Das sind Superstars. Die füllen Hallen. Etwa in Mexiko Mariana Juarez. Da brummen mittlerweile Stadien vor Menschen, die diese Topstars kämpfen sehen wollen. Nur Deutschland hinkt zurzeit ein wenig hinterher. Aber ich glaube, dass sich das auch wieder ein bisschen angleichen wird. Doch natürlich bleibt Boxen eine Männersportart. Das ist die größte Männerdomäne, die es gibt – das ist einfach so.

 

Woran könnte das liegen?

Man assoziiert mit dem Sport oft testosterongeladene Kampfmaschinen. Man wird als Frau dort vielleicht oft nicht für voll genommen.

 

Hatten Sie damit denn in Ihrer Karriere viele Probleme, oder war das ein Ansporn?

Das war immer eher ein Ansporn. Da kann ich mich noch heute bei meinen Kritikern bedanken. Die haben mich noch stärker gemacht. Denn je mehr man mich in Frage gestellt hat, desto mehr wollte ich es denen zeigen. Je höher die Herausforderungen gesteckt waren, desto mehr konnte ich abliefern. Meine Kritiker waren dabei meine Motivation.

 

Hat man bei den ganzen Vorurteilen manchmal das Gefühl, dass man seine  Weiblichkeit unter Beweis stellen muss?

Nein. ich bin mir einfach treu geblieben. Nur weil ich geboxt habe, fand ich mich nicht weniger feminin. Und ich bin ja auch außerhalb des Boxrings stets sehr weiblich rumgelaufen. Wenn man es so nennen kann, habe ich mich immer für typische Frauensachen interessiert: Handtaschen, Schmuck oder Kosmetik. Vielleicht war es genau dieser Gegensatz, der mich interessant gemacht hat. Dass ich kein maskuliner Frauentyp bin, wie sich manche das so vorstellen.

 

Trifft dieses Bild denn oft zu?

Das ist immer noch eine totale Fehlvorstellung. Wenn man sich die bedeutenden Boxerinnen der letzten Jahre so anguckt, sind das doch alles recht feminine Frauen. Nicht maskuliner als in anderen Profisportarten zumindest.

 

Was raten Sie denn anderen Frauen in den klassischen Männerberufen?

Also ich sag immer: Das Wichtigste ist, dass man an sich glaubt, sich nicht vom Weg abbringen lässt. Dieser Selbstzweifel, das ist so ein typisches Frauending. Den darf man nicht zulassen. Man darf ruhig selbstbewusst sein und sagen „Ja ich bin gut, in dem, was ich tue“. Da müssen die Frauen noch viel an sich arbeiten.

 

Könnte eine Frauenquote helfen?

Da bin ich kein Freund von. Vielleicht war es wichtig für den Anfang, weil es eben nicht anders ging. Aber im Prinzip sollte man nach Qualifikation einstellen, nicht nach Geschlecht. Es ist viel wichtiger, die Frauen in ihrem Selbstbewusstsein  zu stärken.

 

Wie könnte das aussehen?

Teil des Problems ist, dass man, wie Sie jetzt eben, diese Berufe als Männerberufe tituliert. Das setzt die Hemmschwelle für Frauen, genau dort anzufangen, unnötig herauf. Man muss von diesem Schubladendenken wegkommen, davon halte ich gar nichts. Wer gut ist in dem was er macht, der schafft es – und wer nicht, der nicht.

 

Und mit einer Niederlage in 56 Kämpfen gehörten Sie definitiv zu den Besten in Ihrem Beruf. Was steht denn in nächster Zeit an Projekten an?

Bei mir geht es im Prinzip so weiter. Es stehen die nächsten Termine an, wo ich Boxen kommentiere. Es geht im Februar erneut an Bord der MS Europa II auf der Route nach Tahiti und Neuseeland. Ich bin ausgebucht. Bis Ende nächsten Jahres habe ich bereits Aufträge. Auch für Motivationsvorträge und andere Coachings.

 

Irgendwelche Wünsche für die Zukunft?

Im Prinzip wünsche ich mir immer, dass es so gut und so spannend weiterläuft. Ich bin wunschlos glücklich. Schöner kann es nicht sein. Der größte Luxus ist, wenn man sich seine Jobs aussuchen kann und die Sicherheit genießt, dass die Erfolgswelle im Beruf erst einmal nicht abbricht. Zumindest nicht in absehbarer Zeit.

 

Nebenher schaffen Sie es ja noch, sich in Hilfsorganisationen und im Tierschutz zu engagieren?

Das sind dann noch so Projekte nebenher. Ich habe mir irgendwann gesagt, dass ich so viel Glück hatte im Leben, auch wenn es hart war. Aber man muss etwas zurückgeben. Sowohl das Deutsche Kinderhilfswerk als auch der Tierschutz bei Vier Pfoten e.V. sind daher Herzensangelegenheiten. Ich bin sehr tierlieb und setze mich auch für Frauenrechte ein.

 

Keine Selbstverständlichkeit bei einem so randvollen Terminkalender!

Das sind zentrale Themen, so etwas sollte jeder, der in der Öffentlichkeit steht, tun. Das liegt ein stückweit auch in unserer Verantwortung.

 

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Regina Halmich

Regina Halmich ist eine Powerfrau, wie sie im Buche steht. Sie bestritt 56 Profiboxkämpfe und musste dabei nur eine Niederlage einfahren. Eine Karriere, wie sie besser nicht laufen könnte. Heute schaut sie dennoch selbstreflektiert und mit bewundernswerter Bodenständigkeit zurück. Sie gibt Fitness-Trainings und hält Motivationsvorträge. Denn von dem Ehrgeiz und Selbstbewusstsein dieser Frau kann man sich Einiges abschauen.

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