Stadtgeflüster-Interview: Harald Lesch und Dominik Irtenkauf blicken über den wissenschaftlichen Tellerrand
Die Suche nach der Wahrheit

Prof. Harald Lesch ist durch Funk und Fernsehen bekannt. In mehreren Sendungen präsentiert er Wissenschaft in leicht verständlicher,  aber nie vereinfachender Weise. Mehr noch verknüpft er die wissenschaftliche Arbeit mit politischer Stellungnahme.  Angesichts aktueller politischer Bewegungen, die zum Beispiel den Klimawandel leugnen, scheint eine klare Meinung zu  gelehrter Objektivität ein notwendiger Schritt zu sein. Anlässlich des Wissenschaftstages im ZDF entspann sich ein interessantes  Telefonat mit dem TV-Professor.

Mittwoch, 12.12.2018, 11:58 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Harald Lesch und Dominik Irtenkauf blicken über den wissenschaftlichen Tellerrand: Die Suche nach der Wahrheit
Neben seiner Professur für Astrophysik und für Naturphilosophie beschäftigt sich Harald Lesch für das ZDF mit wissenschaftlichen Fragen in seinen Sendungen „Leschs Kosmos“ bzw. „Frag den Lesch“ sowie bei „Terra X“. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Welchen Stellenwert nimmt Wissenschaft in der Gesellschaft ein? Wie nehmen  Falschmeldungen, die als  Fakten dargestellt werden, darauf Einfluss?

Das hat ja erstmal nichts miteinander zu tun. Diese Falsch- meldungen werden politisch  inszeniert. In den rechtspopulistischen Meldungen und Medien, nicht allein in Europa, auch in den Vereinigten Staaten, arbeiten sie mit Fake News als strategischen Mitteln, um zu verunsichern, zu destabilisieren. Das hat mit Wissenschaft erstmal gar nichts zu tun, sondern das ist quasi politisches Mittel zur Desinformation.

 

Dem ist also vorerst politisch zu begegnen?

Ja. Da müsste man auf einer ganz anderen Ebene argumentieren, als immer der Wissenschaft vorzuwerfen, sie hätte nicht genügend Plattformen, um sich bekannt zu machen. Wir tun, was wir tun können, um Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu bringen. Es gibt dennoch politische Bestrebungen, die dem entgegenwirken.

 

Inwiefern?

Denken Sie nur an die Energiewende. Da gibt es politische Absichten, Wissenschaft zu diskreditieren, die Objektivität derselben in Zweifel zu ziehen. Das ist keine Frage der Forschung mehr, sondern des gesellschaftspolitischen Rahmens. Da muss sich Gesellschaft einmal um sich selbst kümmern und kann nicht immer nur die Verantwortung auf die mediale Darstellung irgendeines Inhalts schieben.

 

Ich dachte auch daran, dass man durch wissenschaftliche Sendungen das Bewusstsein für kritisches Denken schärfen könnte?

Da stimme ich Ihnen auf jeden Fall zu. Aber Sie müssen sich als Individuum entscheiden, mit allen Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen, zu welcher Meinung Sie sich letztendlich durchringen. Das kann  keine Frage der wissenschaft- lichen Präsentation sein.

 

Wissenschaft trägt jedoch zur Meinungsbildung bei. Und in manchen Gesellschaftskreisen wird gerade das zurückgedrängt.

Da bin ich völlig bei Ihnen, und deshalb mache ich das auch. Ich bin davon überzeugt, wissenschaftliche Methodik, wissenschaftliche Inhalte der Gesellschaft zu präsentieren, zur eigenen Information, aber was gesellschaftspolitische Strömungen dann damit machen, das unterliegt ja nicht mehr der Verantwortung derjenigen, die Wissenschaftssendungen präsentieren.

 

Das sollte die Gesellschaft selbst regeln?

Genau. Meine Verantwortung als Wissenschaftsjournalist endet beim Schädelknochen meines Publikums. Was die Zuschauer mit diesen Informationen, die sie bekommen und woher sie sie auch immer erhalten, tatsächlich anstellen, unterliegt nicht mehr meinem Zugriff.

 

Das leuchtet ein. Sie selbst versuchen, Ihren Blick nicht einzuengen, sondern verfolgen einen interdisziplinären Zugang, was ich sehr gut finde. Sie sind habilitierter Astro- physiker, aber Sie beschränken sich nicht nur auf diese Wissenschaft, um das Universum zu erklären.

Ich habe die Hälfte meiner Lehrtätigkeit in Philosophie, und da geht es um Umwelt- und Technikethik. Also um Fragen, die etwas mit unseren Handlungsoptionen zu tun haben. Ich beschäftige mich auch mit ganz anderen Themen. Ich bin von Haus aus ein Spezialist für komplexe Systeme, wenn man das so sagen kann. Ich setze mich mit nichtlinearen Systemen auseinander, mit Systemtheorie und Systemanalyse. 

 

Auch mit gesellschaftlichen Systemen?

Es ist egal, ob ein komplexes System ein natürliches oder gesellschaftliches ist. Die Mechanismen sind stets recht ähnlich: Sobald ein kritischer Zustand erreicht ist, ändert solch ein System seine Daseinsform. Das erfolgt in der Natur genau so wie in Gesellschaften.

 

Wie würden Sie dann die  heutige Welt einschätzen?

Momentan scheint es so zu sein, dass unsere Gesellschaft auf dem Weg ist, wesentliche Grundlagen ihres Daseins zu gefährden. Nämlich dadurch, dass sie sich bei rechtspopulistischen Bewegungen einreiht. Die Geschäftsgrundlage, dass die Bundesrepublik Deutschland in Kooperation mit anderen Nationen in Europa lebt, würde durch solch eine Bewegung vernichtet.

 

Könnten Sie das ausführen?

Wenn man sich mal überlegt, wir hätten eine AfD-Regierung und alle anderen Länder Europas wählten auch solche rechtsnationalen Regierungen, wäre ja mit Europa nichts mehr zu haben. Die Geschäftsgrund- lage unseres Landes war bislang immer die EU. Wenn sich diese aber nun auflöst, weil sämtliche Teilnehmer rechtspopulistische Bewegungen wählen, so wäre die EU zerstört.

 

Wie hängt das mit Wissenschaft zusammen?

Mit dem Rechtspopulismus geht ja auch die Ablehnung von wissenschaftlichen Ergebnissen einher. Da werden Vorurteile  geschürt, da wird die Kohle verherrlicht. Ich bin im September durch Teile von Bayern gefahren, da wird die AfD zum Beispiel beworben mit Plakaten wie: „Diesel ist super. Wir schützen unsere Autoindustrie.“ „Deutsche Kohle soll deutschen Strom machen.“

 

Ziemlich deutliche Ansagen!

Mit solchen Slogans betreibt die AfD Werbung für die bayerische Landtagswahl. Da fällt einem doch nichts mehr ein! Das ist ja nicht nur eine Verneinung von Wissenschaft, sondern eine böswillige Karikatur, wie man mit wissenschaftlichen Ergebnissen umgehen kann.

 

Aus der Philosophie stammt der Wahrheitsbegriff, der für die Wissenschaften von zentraler Bedeutung ist, da er einen verantwortlichen Umgang mit Erkenntnissen nahelegt. Der Wissenschaft wird von solchen Kreisen häufig Manipulation an der Wahrheit vorgeworfen.

Die Wissenschaft ist ja zunächst die Suche nach der Wahrheit. In der empirischen Wissenschaft können wir Messungen, Beobachtungen und die Faktenlage vorweisen. Das Interessante bei diesen rechtspopulistischen Bewegungen ist ja, dass sie in der Lage sind, objektive Fakten zu verdrehen. Ich glaube, die würden sogar behaupten, das Wasser fließt den Berg hoch, statt den Berg runter.

 

Das ist schon ein starkes Stück Realitätsverkennung!

Es wird hier so getan, als könnte man die gesamte Tatsachensituation komplett vernachlässigen, weil die Wirklichkeit, wie sie uns gegenüber tritt, falsch sei, und so, wie sie diese rechtspopulistischen Strömungen gerne hätten, sei sie richtig. In all ihren politischen Meinungen, die sie abgeben, beschreiben sie eine Realität, die es gar nicht gibt – die aber nach der Haltung solcher Kreise die richtige ist.

 

Auf die politische Gesamtlage nimmt das sicher auch  Auswirkungen?

Es wird sich zeigen, wie lange die Gesellschaft es aushält, dass immerhin 15 Prozent der Bevölkerung diesen Rechtspopulisten nachhängt. Vor allem muss man sich vor Augen führen: Die AfD hat jetzt innerhalb eines Jahres drei Millionen potenzielle Wähler dazugewonnen. Das heißt: Jeden Tag entscheiden sich dreitausend Deutsche, in Zukunft AfD zu wählen, wenn sie sie denn wählen. Das muss uns alle sehr nachdenklich stimmen. Nicht nur die, die Wissenschaftssendungen betreiben, sondern alle.

 

Kommen Sie noch zu eigenen Forschungen? Der Wissenschaftsjournalismus nimmt sicher viel Zeit in Anspruch?

Das überschneidet sich häufig. Ich beschäftige mich mit komplexen Systemen in allen Varianten. Für meine Tätigkeit beim ZDF habe ich eine Nebenerwerbserlaubnis von der LMU. Meine Haupttätigkeit ist nach wie vor die Professur für Astrophysik an der LMU beziehungsweise für Philosophie an der Hochschule für Philosophie. Ich publiziere nicht nur im Bereich der Astronomie, sondern auch im Bereich der System- theorie.

 

Aber nicht nur im akademischen Kontext?

Nein. Gerade habe ich ein Buch mit Klaus Kamphausen veröffentlicht: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Da geht es um Fragen zum Klimawandel. Viele der Themen und Systemfragen, die ich im Fernsehen behandele, sind häufig zugleich meine Forschungsfragen.

 

Sie haben die rationale Herangehensweise betont. Gibt es für Sie auch teilweise emotionale Zugänge?

Es hilft ja nichts. Negiert man die Fakten, wird man emotional auch irgendwann in eine Situation gelangen, wo sich die Frage zwischen Sein und Schein stellt. Das heißt, die Faktenlage genau zu kennen, kann auch für die Darstellung einer emotionaleren Welt nicht schaden. Jeder Mensch trägt beide Seiten in sich. Aber ich kann meine eigene Emotionalität bei den Moderationen noch mit einbringen. Das tue ich auch. Ich glaube, sogar auf ziemlich starke Weise. Letzten Endes sind es die wissenschaftlichen Inhalte, die das Ganze tragen.

 

Mit Nachdruck weisen Sie in Talkshows immer wieder auf den Klimawandel hin.

Ja, dazu habe ich zwei Bücher geschrieben, wo ich das ausführe. Wir leben nicht im Anthropozän, sondern im Kapitalozän. Wir leben in einem Zeitalter, das vom Geld bestimmt wird. Wir tun Dinge, die wir ohne Geld niemals tun würden. Wir vernichten Natur ohne Sinn und Zweck. Ich weiß nicht, was die Leute mit der Rendite, die sie da erwirtschaften, alles anfangen.

 

Das hat wiederum politische Auswirkungen. Eine Partei wie die AfD leugnet ja den Klimawandel.

Stellen Sie sich mal vor, die AfD würde die Bundesregierung stellen. Dann würde beim Thema Klimaschutz nichts mehr passieren. Dann wäre die Energiewende zu Ende und sie werden wahrscheinlich noch mehr Braunkohlekraftwerke bauen. Was das bedeuten würde, darüber möchte ich gar nicht nachdenken.

 

Herr Lesch, vielen Dank für Ihre Zeit.

Gerne.

 

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Professor Harald Lesch

Neben seiner Professur für Astrophysik und für Naturphilosophie  beschäftigt sich Harald Lesch für das ZDF mit wissenschaftlichen Fragen in seinen Sendungen „Leschs Kosmos“ bzw. „Frag den Lesch“ sowie bei „Terra X“. Er engagiert sich zudem für eine rationale Auseinandersetzung mit dem Klimawandel. Ein 1997 entdeckter Asteroid wurde nach ihm benannt: (35357) Haraldlesch.

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