Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant fragt Münsters Chefdirigenten Golo Berg nach einer ersten Zwischenbilanz
Dirigent & Gentleman

Die gelassene Gentleman-Art von Golo Berg ist einnehmend. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Er ist ein Künstler, der genau weiß,  was er will. Das muss er als Münsters Generalmusikdirektor (GMD) wohl auch sein. Diesen Posten hat Golo Berg nun seit letztem Jahr inne, und die Zufriedenheit ist ihm anzumerken. Zwischen Berg und unserem Sinfonieorchester stimmt die Chemie, und beim Publikum ist es nicht anders. Obwohl der Dirigent es den Klassikfans keineswegs leichtmachen will: Seine Programme sollen herausfordern. Sogar bei einem altvertrauten Schmachtfetzen wie der Puccini-Oper „Madama Butterfly“ interessiert ihn besonders das Sozialdrama unter der Oberfläche. Dass einer wie Berg in puncto  Musikhalle niemals aufgeben würde, versteht sich von selbst. Und er ist sicher: Da geht noch was…

Donnerstag, 03.01.2019, 12:18 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant fragt Münsters Chefdirigenten Golo Berg nach einer ersten Zwischenbilanz: Dirigent & Gentleman
Golo Berg ist seit der Spielzeit 2017/18 Chefdirigent in Münster. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Sie leben jetzt knapp zwei Jahre in Münster – hat die Stadt Sie in einem bestimmten Punkt überrascht?

Die Stadt ist so lebenswert, und man wird so gut aufgenommen, dass ich sagen kann: Münster hat mich nicht überrascht – und wenn, dann  nur positiv.

 

Sind Sie mit unserem  Orchester noch im „Honeymoon“, oder gibt es ersten Beziehungsstress?

Keinerlei Stress (lacht). Die Arbeit mit dem Orchester wird zunehmend besser – wir sind jetzt auf einem Level großen Vertrauens. Konzert für Konzert gelingt uns immer mehr, und ich sehe da kein Ende der Skala. Ich freue mich übrigens, dass das münstersche Publikum sich verstärkt auf herausfordernde Programme einlässt. Das ist großartig.

 

Es gibt Konzertbesucher, die bereits mit einem Prokofjew-Stück nichts mehr anfangen können.

Das ist eine Diskussion, die wir Musiker häufig führen. Selbst Musik, die etwa 100 Jahre alt ist, wird oft als zu modern empfunden. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass wir Hörgewohnheiten ändern können. Vieles läuft dabei auch über die Identifikation mit uns, den Interpreten. Wenn wir dahinterstehen, wir von der Qualität eines Werkes überzeugt sind, ist man vielleicht eher bereit, dem zu folgen.

 

Sie wünschten sich ja, dass die Leute Ihnen mitteilen, was gefällt – und was nicht.  Ist das geschehen?

Zum Teil ja. Ich merkte aber auch, dass in Münster die Person des Generalmusikdirektors ein wenig „unantastbar“ ist (Lacht). Das ist einerseits ganz schön, andererseits würde ich mich auch über etwas mehr Kontakt freuen. Wir denken auch darüber nach, wie wir Foren für den Kontakt des Publikums mit dem Dirigenten organisieren könnten – bzw. mit allen, die hinter einem Programm stehen.

 

Sie scheinen mir zufriedener mit den Münsteranern zu sein als der Intendant – Dr. Peters beklagte sich ja, dass die Münsteraner ihm zu wenig Neugier auf Neues oder Sperriges mitbrächten. Gähnt da eine Kluft zwischen Konzert und Theater?

Schwer zu vergleichen. Ich glaube, das Konzertpublikum ist in Teilen ein anderes als das (Musik-)Theaterpublikum. Naturgemäß versammeln sich im Konzert die Bildungsbürger, die man auf eine andere Weise ansprechen kann als das zahlenmäßig größere Publikum, das Oper, Theater oder Ballett besucht. Da muss man verschiedene Strategien haben, und ich kann nur sagen: Ich habe  das Gefühl, dass meine gegenwärtig greifen.

 

Ganz wunderbar hat mir just „Madama Butterfly“ zum Spielzeit-Auftakt gefallen. Ich hatte dabei das Gefühl, dass Sie mehr Analytiker als Kulinariker sind … Misstrauen Sie dem ganz großen Schwelgen?

Ich hoffe, dass es nicht so ist – gebe aber zu, dass ich manch tradiertem Interpretationskonzept gegenüber skeptisch bin. Ich weiß zuviel darüber, wie verzweifelt Verdi oder Puccini über ihre ersten Interpreten waren, und möchte die Partitur zum Maßstab machen. Gerade bei diesen vermeintlich süffigen Werken, deren Klänge wir verinnerlicht haben, muss man genau hinschauen. Der zweite und dritte Akt der Butterfly sind knallhartes Sozialdrama, jede Verkitschung verbietet sich für mich da komplett. Die Härten dieser Partitur muss man zeigen – natürlich gibt es auch die anderen Elemente, das gewaltige Pathos des ersten Aktes. Und ich hoffe, dass ich diese Grandezza genauso bediene wie die analytischen Momente.

 

Das führt uns zum Thema Opernregie. Mir persönlich geht es da nicht so sehr um „modern oder nicht modern“. Ich mag nur nicht, wenn die Regie gegen die Musik arbeitet und sich Auge und Ohr ständig streiten.

Das würde ich ähnlich formulieren. Es geht nicht um modern oder traditionell, sondern um knallharte Professionalität – dazu gehört, dass ein Opernregisseur Noten lesen und mit der Musik etwas anfangen kann.

 

Leider nicht immer der Fall…

Und der zweite Punkt: Ein Regisseur muss der Musik vertrauen können. Ich habe leider schon erlebt – auch einmal in Münster –, dass Regisseure eine Inszenierung machen, die mit der Musik oder gar dem ganzen Stück überhaupt nichts zu tun hat. Stattdessen bringen sie ihre Versatzstücke mit, die sie bei jedem Werk an jedem Ort benutzen. Sie versuchen nicht einmal, der Höhe des Werkes gerecht zu werden. Es sind Würmer, die sich an etwas vergehen, das weit außerhalb ihres Horizontes liegt.

 

Sind Sie da vom Orchestergraben aus Fatalist?

Im Gegenteil – ich biete jedem Regisseur lange vorher an, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Viele nutzen das, viele aber auch nicht, weil sie keine wirkliche Beziehung zu der Musik haben. Sie bedenken nicht, dass die Musik jeden einzelnen Opernabend gestaltet, auch nachdem der Regisseur schon lange abgereist ist. Ein Konzept, das die Musik nicht berücksichtigt, wird bei den großen Meisterwerken natürlich scheitern. Eine Mozartoper hat eine musikalische Dramaturgie, die zwingend ist und die im Saal jeder hört. Nimmt ein Regisseur diese Dramaturgie nicht auf, wird jeder, der sensibel genug ist (und das sind viele), merken: Hier stimmt etwas nicht.

 

Manche Inszenierungen versteht man erst, wenn man das Programmheft liest.

In dem Punkt bin ich rigoros – ob es um Bildende Kunst, Schauspiel oder die Oper geht: Kunst, die Erklärungen braucht, hat versagt.

 

Natürlich müssen wir auch auf das Thema Musikhalle kommen. Glauben Sie, dass wir in ihrer Amtszeit eine bekommen werden?

Ja – die Chance sehe ich. Als ich hier anfing, wurde ich umgehend mit einer Standortdiskussion konfrontiert, die aber eine grundsätzliche Frage des Musikhallen-Konzepts berührt. Als Zugereister habe ich ein Statement zum Standort jedoch abgelehnt, das steht mir nicht zu. Und ich finde es auch  nicht relevant.

 

Warum?

Ob eine Musikhalle im Zentrum einer Stadt steht oder in der Peripherie, ist für ihren Erfolg nicht ausschlaggebend. Weder wir Musiker noch unser Publikum leben „um das Theater herum“, sondern überall. Wir kommen dorthin, wo wir gebraucht werden bzw. wo Kultur angeboten wird. Das ist am Bült ebenso möglich wie an der Alten Pharmazie. Wichtig ist die Frage nach dem grundsätzlichen Konzept. Und ich bekenne mich mit Leidenschaft zu einem Modell, das die Universität – sprich: die Musikhochschule –, die Westfälische Schule für Musik sowie das Sinfonieorchester unter einem Dach sieht.

 

Eine große Vision…

… die eine historische Vorlage aufnimmt, nämlich die Gründung der Vorläufer-Institutionen vor hundert Jahren durch Fritz Volbach. Ein Modell, das weltweit dafür stehen kann, was für Synergien erreichbar sind, wenn Ausbildung und Praxis quasi von Kindesbeinen an bis ins Profi-Erwachsenenalter unter einem Dach passieren. Davon verspreche ich mir enorme Befruchtungen, eine kreative Atmosphäre des gemeinsamen Musikmachens. Ich bin überzeugt, dass dieses als „Münster-Modell“ in der ganzen Welt Furore machen würde.

 

Aber woher Ihr Optimismus, dass es klappen wird?

Weil wir eine einmalige Chance haben – jeder, der sie nicht sieht, muss sich vorwerfen lassen, sie zu verpassen. Wir haben einen überaus wohlwollenden Standpunkt aus Düsseldorf dazu vernommen. Wir haben eine Konstellation mit der Universität, die einen großen Drive entfaltet. Ich sehe wirklich die Gelegenheit, dass die Stadt Münster mit relativ geringem Eigenaufwand etwas Großartiges bekommt.

 

Wir hatten ja bereits einmal die Möglichkeit, die aber leider durch ein politisches Statement verpasst wurde.

Das hat damit zu tun, dass manch einer diese Institutionen als etwas Elitäres wahrnimmt – was sie nicht sind. Ein Theater, ein Orchester, eine Musikschule oder Musikhochschule sind nicht per se auserlesen. Wir machen nicht Kunst für die Oberen Zehntausend, sondern für eine breite Masse. Jeder von uns leistet eine sehr erfolgreiche Jugendarbeit. Wir müssen lernen, dies noch besser öffentlich darzustellen, damit Münster sieht, was wir leisten, und wie wichtig wir für die Stadt sind.

 

2019 ist ja das hundertste Jubiläumsjahr für Orchester, Musikschule und Musikhochschule – worauf kann man sich da freuen?

Es wird sehr, sehr viel geben. Zum Beispiel zwei sehr schöne Bücher – eines über die Geschichte des Sinfonieorchesters und eines über die Geschichte der Musikschule und Musikhochschule. Wir wollen die Bevölkerung auch bitten, uns zu unterstützen: mit persönlichen Erinnerungen, Fotos oder auch gern Anekdoten über die Historie unserer Institutionen.

       

Und in musikalischer  Hinsicht?

Da wird es quasi zwei „Kerne des Jubilierens“ geben: Der eine ist eine Festwoche, die im November 2019 begangen wird, beginnend mit dem Mensch-Musik-Festival in der Hochschule und endend mit einem Konzert des Sinfonieorchesters eine Woche später. Der andere Kern ist ein langes Pfingstwochenende auf dem Prinzipaltmarkt: Wir streben an, eine große Konzertbühne vor der Lambertikirche aufzubauen, die an drei Tagen von uns bespielt wird. Im Mittelpunkt soll eine Aufführung der „Carmina burana“ stehen, für die ich mir wünsche, dass mindestens 1000 Münsteraner mitsingen werden. Wir werden dafür bald in die Werbung gehen – und wenn wir es denn umsetzen dürfen, wird es ein großartiges Event werden.

 

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Golo Berg

Golo Berg studierte von 1985 bis 1991 bei Gunter Kahlert an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Er besuchte Meisterkurse von Lorin Maazel und anderen renommierten Dirigenten. 1990 war er Finalist des „Arturo Toscanini“-Dirigentenwettbewerbs in Parma. Mit 21 Jahren wurde Berg als einer der weltweit jüngsten Chefdirigenten am Landestheater Mecklenburg engagiert, 2001 bis 2009 Generalmusikdirektor am Anhaltischen Theater Dessau. Mit der Anhaltinischen Philharmonie spielte er etliche CDs ein. Ab 2012 war Berg Chefdirigent des Theaters Vorpommern und ist seit der Spielzeit 2017/18 in dieser Funktion in Münster.

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