Stadtgeflüster-Interview: Bodo Janssen und Claudia Maschner über das, was zählt
Was ist wirklich chefig?

Jeder Mitarbeiter soll im Unternehmen das leben können, was ihm als Mensch wichtig ist. So was sagt Bodo Janssen, Chef einer Hotelgruppe an der Nord- und Ostsee. Zu schön, um wahr zu sein? Hättet ihr auch gern so einen Chef?  Nur zu, Herr Janssen bekommt jeden Tag (JEDEN!) über 80 Bewerbungen, ohne dafür auch nur eine Stellenanzeige zu schalten.  Traumhaft für ein Unternehmen? Dann vielleicht mal zuhören, Chefinnen und Chefs.

Mittwoch, 09.01.2019, 12:25 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Bodo Janssen und Claudia Maschner über das, was zählt: Was ist wirklich chefig?
Mit dem Erlös seiner Bücher und Seminare zum „Upstalsboom Weg“ baut Hotelchef Bodo Janssen Schulen in Ruanda. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Führung ist kein Privileg, sondern eine Dienstleistung, sagst du den Managern. Winken die nicht alle ab?

(lacht) Die Dienstleistung der Führung besteht darin, Menschen zu helfen, das zu finden, was sie ein Stück weit zufrieden und glücklich macht. Ich kann niemand glücklich machen. Aber ich kann Rahmenbedingungen schaffen. Meine Dienstleistung besteht darin, den Mitarbeiter zu stärken. Bedingungslos. Ich verbringe inzwischen 90 Prozent meiner Arbeitszeit damit.

 

Und was hat das Unternehmen davon?

Wenn die Menschen aus dem Sollen rauskommen, dürfen sie das tun, was sie wollen, und dann tun sie es gern. Dann brauche ich zum Beispiel kein Controlling. Bei Upstalsboom schreiben wir keine Budgets mehr und die Mitarbeiter bestimmen ihr Gehalt selbst. Auch das ihrer Vorgesetzten, denn nur wenn die gute Dienstleistung machen, sind die Mitarbeiter zufrieden. Und je stärker die Mitarbeiter im Team, umso größer der Gehaltsscheck bei den Chefs.

 

Aber so harmonisch war das nicht immer?

Stimmt. Im Jahr 2010 schien noch alles in Ordnung. Ich thronte quasi in meinem Chef-Office und fand mich cool. Dann landeten die Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung auf meinem großen Schreibtisch.

 

Die gab es, obwohl alles in Ordnung schien?

Nach einer Insolvenz war ich in das Unternehmen meines Vaters eingestiegen. Nur zwei Jahre später kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und ich musste allein funktionieren. Ich hatte ein Qualitätsmanagement eingeführt und von Jahr zu Jahr übernahmen wir mehr Hotels.

 

Wo war der Haken?

Irgendwie war Unruhe bei den Mitarbeitern spürbar. Mehr Menschen kündigten, als Stellen neu besetzt werden konnten. Also holte ich einen unabhängigen Berater, der sollte uns aus dieser kleinen Schwierigkeit heraushelfen.

 

Hat er?

Ja, denn durch ihn gab es die Mitarbeiterbefragung, deren Ergebnis mir den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Darin stand unter anderem: „Wir brauchen einen anderen Chef als Bodo Janssen.“

 

Das tat weh.

Sehr! Da stand ich mit dem Rücken zur Wand, vor 500 Mitarbeitern. Denn die standen nicht hinter mir. Wäre ja besser gewesen, wenn man führen will, dass man in die gleiche Richtung geht. Für die Hotelmanager und Abteilungsleiter in der Zentrale galt das Gleiche. Und ich beschloss, dass wir uns alle schonungslos mit dieser Kritik auseinandersetzen würden.

 

Warum waren die Leute denn überhaupt so unzufrieden?

Früher war das Motto unserer Hotels: Sei Freund für jemanden, der bei uns zu Gast ist. Das hat was mit Begegnung zu tun, mit Menschlichkeit. Als ich ins Unternehmen kam, hielt das Management Einzug. Mit Zahlen, Daten, Checklisten. Aber Führung geht anders. Und ich hatte keine Ahnung wie.

 

Das wolltest du dann ausgerechnet im Kloster erfahren?

Ja, ich suchte dort die besten Tipps und Tricks. Zuckerbrot und Peitsche wie in der Zirkusmanege. In unserem Fall Boni und Abmahnungen. Gefunden habe ich was ganz anderes. Aber zunächst mal lernte ich Pater Anselm Grün kennen, meinen heutigen Mentor.

 

Der Benediktinerpater und Autor, ihr habt mittlerweile ein Buch zusammen geschrieben.

Über die Kunst, sich selbst und andere zu führen. Denn  genau das war ja auch mein Ausgangsproblem. Wie funktioniert Führung?

 

Ja, wie funktioniert Führung?

Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen. Wir meinen, aus einer guten Fachkraft wird automatisch eine gute Führungskraft. Das ist Unsinn.

 

Wie ging es weiter?

Mit der Frage: Wenn ich mich selber führen soll, wohin denn bitte? Darauf musste ich erst mal die Antwort finden, denn bis dahin hatte ich nur funktioniert. Termine bis zum abwinken, arbeiten, beschäftigt sein. Aber worum geht es überhaupt? Die Antwort war so einfach: Um das Glücklichsein! Die innere Ruhe oder die Zufriedenheit, wie immer man es nennen möchte.

 

So einfach, aber wie wird man glücklich und zufrieden?

Welche Fragen führen einen dahin? Anselm Grün sagte, die Fragen sind da. Denk nach! Und ich fand sie für mich: Was ist der Sinn meines Lebens, wofür stehe ich jeden Tag auf? Was ist das, was meinem Wesen entspricht. Und: Was sind meine Fähigkeiten?

 

Wie bist du auf deine Antworten gekommen?

Anselm Grün sagt, um herauszufinden, was dir inneren Frieden schenkt, was dich wirklich glücklich macht, schau in deiner Kindheit nach. Oder in deiner Trauer, denn in unseren Krisen sind wir uns selbst am nächsten.

 

Wo hast du geguckt?

Im Jahr 1998, dem Jahr meiner Entführung. Ich erinnerte mich, wie ich überwältigt und gefangen wurde, und ich erinnerte mich an den Tag, an dem die Entführer mich zum ersten Mal vom Bett zogen und mich auf die Knie drückten. Sie packten mir eine Tüte über den Kopf, luden die Pistole und sagten, gleich ist es vorbei. Und ich dachte: Mist, du darfst jetzt nicht sterben, du musst gleich zur Vorlesung.

 

Wie bitte?

Die Vorlesung stand für alle Erwartungen, die wir so haben. Für die Zukunft, in der es uns mal besser gehen soll. Als wäre jetzt alles schlecht und wenn wir uns nur genug anstrengen, wird alles besser. So entsteht Karriere. Kaum habe ich erreicht, was mich glücklich machen sollte, bin ich wieder unzufrieden und suche nach dem nächsten Ziel. Irgendwann haben wir alles erreicht, nur das Leben haben wir versäumt. Ach, hätte man doch mehr Zeit mit der Familie gehabt und so weiter. Die Antwort war also: Such dein Glück nicht in der Zukunft, das Glück ist da, in dem Moment.

 

Das war die erste Antwort.

Bei einer weiteren Scheinhinrichtung dachte ich an meinen Besitz. Schicke Wohnung, Autos, wozu hatte ich das denn alles? Ich durfte jetzt nicht sterben. Die Antwort war also: Mach dein Glück von nichts abhängig, was man dir nehmen kann, denn das spielt im Angesicht des Todes keine Rolle mehr.

 

Was war denn mit Familie, Freunden?

Auch die gingen mir natürlich durch den Kopf. Ich habe mich von meinen Lieben verabschiedet. Die Erkenntnis im Nachhinein war: Mach dein Glück nicht von einzelnen Menschen abhängig.

 

Also einige Ausschlusskriterien auf der Suche nach dem, was glücklich macht.

Es gab noch einige Begegnungen, durch die ich das wichtigste herausfand: Der Anblick eines glücklichen Menschen macht mich glücklich. Das ist es, wofür ich jeden Tag aufstehen möchte. So einfach. Es bestand alle drei Kriterien. Damit leitete ich einen Paradigmenwechsel im Unternehmen ein.

 

Eher ungewöhnlich.

Noch. Für uns bedeutet Erfolg, dass jeder Mensch die Freiheit hat, das zu leben, was ihm wirklich wichtig ist. Dass er seine Persönlichkeit, seine eigene Wahrheit in die Arbeit bringen kann. Dass er einfach sein darf.

 

Und wie kam diese Theorie in die Praxis?

Ich lud alle Führungskräfte ins Kloster ein. Manche haben die Stille erst gar nicht ertragen. Aber schließlich konnten wir mit allen arbeiten. Jeder sollte erst mal sein persönliches Leitbild mit Werten finden. Aus all den Werten wurden dann demokratisch die zwölf wichtigsten für das neue Unternehmensleitbild gewählt. Allerdings sind Werte wertlos, wenn sie nicht gelebt werden.

 

Das heißt?

Unsere Aufgabe war es, das passende Verhalten zu finden. Verben, die dem Wert entsprechen. Zum Beispiel das Verhalten zum Wert „Loyalität“: Mit Menschen sprechen, statt über sie zu reden! Oder zum Wert „Verantwortung“: Entscheide du und steh dazu! „Zuverlässigkeit“: Ein Upstalsboomer, ein Wort! Jeder Wert bekam einen Slogan, so ist unser Wertebaum entstanden. Und genau so haben es die Führungskräfte an 650 Mitarbeiter weitergegeben. Jeder hat sein persönliches Leitbild erarbeitet und mit dem des Unternehmens abgeglichen.

 

Und dann?

Die Mitarbeiterzufriedenheit stieg. Ich hatte versprochen, wenn Umfragen das bestätigten, würde ich alle einladen, nach Afrika zu fliegen, um in Ruanda eine Schule zu bauen. Das war schon immer meine Vision und es wurde eine Art Wette.

 

Die du gewonnen hast.

Ja, wir wurden in die Top 5 der beliebtesten Unternehmen im deutschsprachigen Raum gewählt. Beim ersten Ruanda- Projekt hatte ich sechs Upstalsboomer und 40 000 Euro dabei. Seitdem bauen wir jedes Jahr eine Schule. Immer fliegen andere Mitarbeiter mit.

 

Das heißt, ihr gebt viel. Zeit, Geld und Kraft.

Was dieses Land uns gibt, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Durch unsere Verbundenheit miteinander konnten wir die Menschlichkeit in unserem Unternehmen kultivieren. Es ist eines der ärmsten Länder, gezeichnet vom Völkermord. Trotzdem sind sie heute in der Lage, sich zu vergeben. Es gibt dort ein Sprichwort: Bitte mich um Verzeihung und ich verzeihe dir.

 

Klingt so einfach.

Als mich vor zwei Jahren einer meiner Entführer um Verzeihung gebeten hat, habe ich ihm zurückgeschrieben. „Lieber Melisaf, ich vergebe dir. Ich wünsche dir und deiner Familie für die Zukunft alles Gute.“ Und du kannst dir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt!

 

Schwierig, jetzt zu den Managern zurückzukommen.

Vielleicht mit zwei Zahlen: 91 Prozent der Kündigungen erfolgen wegen schlechter  Führung, aber 97 Prozent der Führungskräfte glauben, sie machen einen guten Job.

 

Was würdest du denen raten?

Mit dieser Haltung an ihre Führungsaufgabe heranzugehen: Was haben andere Menschen davon, das es mich und mein Unternehmen gibt. Das bedeutet, sinnorientiert zu führen. Und das ist der neue Weg.

 

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Bodo Janssen

Mit dem Erlös seiner Bücher und Seminare zum „Upstalsboom Weg“ baut Hotelchef Bodo Janssen Schulen in Ruanda. Seine Mitarbeiter helfen ihm. Weil sie Bock drauf haben und sich dabei gut fühlen. Sein Buch „Die stille Revolution“ sollte für jede Führungskraft Pflichtlektüre sein.

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