Stadtgeflüster-Interview: Veronica Ferres überlegt mit Dominik Irtenkauf, zu was Menschen fähig sind
Klischee ade

Veronica Ferres kennt mehrere Etiketten, die ihr angeheftet werden: etwa das „Superweib“ oder ihre Rolle in „Rossini“.  Doch Veronica Ferres zeigt nicht nur in ihren Filmen, sondern vor allem auch im Interview, dass sie mit diesen Erwartungen spielen kann.  Von Zuschreibungen hält sie sich fern. Ihr Film „Unzertrennlich nach Verona“ mit Heiner Lauterbach ist ein schöner Anlass, bei  Frau Ferres anzurufen und nicht nur über eben diesen Film zu reden, sondern auch über Gott und die Welt.

Mittwoch, 30.01.2019, 12:03 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Veronica Ferres überlegt mit Dominik Irtenkauf, zu was Menschen fähig sind : Klischee ade
Veronica Ferres ist Schauspielerin und Inhaberin der Firma Construction Film. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Im neuen Film fährt die pubertäre Tochter nach Verona. Bis sie da ankommt, treten einige Probleme auf. Haben  Sie da eigene Erfahrungen aus dem Familienleben einbringen können?

Das Drehbuch hat Uli Brée geschrieben, der selbst Kinder hat und ein großartiger Autor ist. Natürlich haben wir bei der Drehbuchentwicklung viel Brainstorming betrieben, etliche Erfahrungen ausgetauscht.

 

Erzählen Sie bitte ein bisschen was zum Film.

Alles dreht sich um ein Paar, das in Scheidung lebt, aber sich immer noch liebt. Es kann nicht miteinander, aber auch nicht ohne. Diese Eltern haben Angst, ihr Kind loszulassen, das jetzt endlich flügge und erwachsen wird. Diese Herausforderung, die eigenen Befürchtungen nicht aufs Kind zu übertragen, das war uns enorm wichtig. Zumal Heiner und ich auch ein Lied davon mitsingen können, bei unseren fast gleichaltrigen Sprösslingen.

 

Sie verkörpern eine Richterin, Heiner Lauterbach einen verdeckten Ermittler. Sie haben beruflich immer wieder miteinander zu tun. Man merkt, dass er als Vater eher loslässt, Sie als Mutter aber schon sehr darauf achten, dass die Tochter wohlbehütet ist.

Da ich eine Richterin spiele, weiß ich mehr von den dunklen Seiten des Lebens und Straftätern. Ich weiß mehr, was alles schiefgehen kann. Er ist eher der coole Vater, der sagt: Ach, das wird schon alles gut werden. Ich muss im Laufe des Films erst noch lernen, das Vertrauen in sie zu haben, meine Ängste in den Griff zu bekommen.

 

Denken Sie, dass das Rollenzuschreibungen sind?

Ich glaube nicht, dass man das verallgemeinern kann. Ich denke, dass sich das individuell ausprägt, es auf den Mann und die Frau ankommt. Aber natürlich kann man nicht abstreiten, dass die Gefahren für ein Mädchen viel größer sind als für einen Jungen, wenn es etwa darum geht, nachts über eine dunkle Straße zu gehen.

 

Als Mutter denkt man da nochmal anders.

Die Mutterliebe ist eine einzigartige Liebe. Das Größte und Wichtigste für eine Mutter ist es, dass es dem Kind gutgeht. Die Väter sind da wahrscheinlich etwas lockerer.

 

Mutterliebe klischeefrei im Film zu zeigen, das ist sicher nicht einfach.

Das hat der Uli Brée geschafft, weil er die Menschen sehr gut kennt. Weil er sehr nah an den Charakteren dran ist. Er schreibt auch sehr komisch, voller Widersprüche.

 

Als ich den Titel gelesen habe, hatte ich die Angst, das würde eine romantische Schmonzette sein. Was der Film aber nicht ist.

Danke. Das freut mich sehr!

 

Ihr Name ist als Schauspielerin recht bekannt. Die Arbeit für die eigene Filmfirma wird eine andere sein und sich von den öffentlichen Auftritten ziemlich unterscheiden?

Die öffentlichen Auftritte sind ja im Wesentlichen immer für Promotionszwecke oder für Vereine, die ich unterstütze – etwa für „Power Child“, wo ich die Schirmherrin bin.

 

Sie modeln auch noch. Das spielt sicher nochmal in einer anderen Liga?

Das macht mir auch viel Spaß. Marc Cane, einer meiner Werbepartner, öffnet mir da noch ein anderes Feld. Die Modeschauen machen sehr viel Spaß. Das hat ja auch viel mit meinem Beruf zu tun, mit Kostümen, mit Spaß an Verwandlung.

 

Sie haben immer hart an sich gearbeitet. Im Film wirkt es stets so, als würde das leicht von der Hand gehen…

Das ist die Kunst. Letztens hat eine Frau zu mir gesagt: „Your face is your history.“ Also mein Gesicht erzählt meine Geschichte. Das Gesicht eines jeden sagt täglich so viel darüber aus, was die Person erlebt hat. Das finde ich sehr schön und bemerkenswert.

 

Sie haben selbst sicher auch viel erlebt.

Ich bin jetzt 53 Jahre, bin voller Freude und Dankbarkeit. Ich fühle mich sehr wohl mit mir in meinem Körper, mit meiner Sportlichkeit, meiner Neugierde im Leben. Mit der Schnelligkeit, die ich habe, mit den tollen kreativen Menschen, mit denen ich arbeiten darf. Ich sage deshalb jeden Tag: Ich arbeite nie. Obwohl ich sehr viel und lange arbeite. (lacht) Dadurch, dass ich das Schönste machen darf, was ich machen möchte.

 

Das ist ein großes Glück, weil solch ein kreativer Beruf enormen Einsatz fordert, das Resultat sieht dann sehr flüssig aus.

Das ist gerade die große Kunst – dass es nicht nach schwerer Arbeit aussieht.

 

Sie haben eben Ihr Alter  genannt. Spielt es für Sie  als Schauspielerin, als Frau, eine Rolle?

Ja, das Alter ist selbstverständlich von Bedeutung, weil sich die Rollen natürlich verändern. Die Charaktere werden erwachsener, selbstbestimmter, gebrochener und vielschichtiger. Das fordert mich stets aufs Neue heraus.

 

Versucht man, sich als Schauspielerin frei von Zuschreibungen zu halten? Ich frage das wegen Ihrer Geschichte mit dem „Superweib“. Hängt Ihnen das nach?

Durchaus. Das liebe ich sehr, weil es für mich hochspannend ist, mich an einem Klischee zu reiben, aber eines zu haben. Die Leute stets aufs Neue zu überraschen.

 

Wie verhalten Sie sich zu  den Charakteren? Nehmen  Sie etwa auch was von der Superweib-Rolle in Ihr  Alltagsleben mit?

Wenn ich die Dreharbeiten verlasse, versuche ich, das hinter mir zu lassen. Was aber oft nicht gelingt. Vor allem nicht bei schwierigen Figuren. Aber dann ist die Familie da. Da geht es zum Beispiel um den Mathe-Test – wie ist der gelaufen? Man wird unvermittelt vom ganz normalen Alltag überrannt. Ganz los lässt mich eine Rolle nicht. Während der Drehzeit nicht, in der Vorbereitung nicht – und natürlich auch nicht danach, weil man sich ja hochintensiv damit auseinandersetzen muss, um sie wirklich zu erleben.

 

Müssen Sie Ihre Charaktere dafür mögen?

Es ist schön, wenn ich von einer neuen Rolle auch etwas lernen kann. Aber jede muss eine potenzielle Schwester von mir sein können. Das ist mein Kriterium. Egal, welche Fehler diese Figur hat, welche Entscheidungen sie trifft, ich muss das nachvollziehen können, als wäre es meine Schwester oder mein Bruder. Wie bei einem nahen Verwandten, dem man vieles verzeiht, den man verstehen möchte. Dass er trotz aller Abgründe immer liebenswert bleibt.

 

Im aktuellen Film fällt das sicher leichter, aber wenn Sie jetzt eine Mörderin spielen müssen, wie sieht es da aus?

Ich muss Ihnen sagen, dass mir das sehr viel Spaß gemacht hat, wenn ich solche Rollen gespielt habe, wie zum Beispiel bei „Henning Mankell: Die Rückkehr des Tanzlehrers“. Das war mal etwas ganz anderes. Eine ganz neue Herausforderung. Damit geht man natürlich spielerisch um.

 

Sicher nicht immer leicht?

Ich saß in Gerichtsprozessen hier beim Landgericht München, habe mir angehört, wie eine Mörderin verhört wurde, weil ich für „Lena Fauch“ in einer Situation war, wo es um solch ein Verfahren ging. Es betraf den Mord an einer jungen Frau. Das ist mir unglaublich nahegegangen, mit welcher Eiseskälte die Mörderin erzählt hat, wie sie die andere Frau abgestochen hat. Das ist für mich unerklärlich. Ein Phänomen und Faszinosum. Wie müssen Menschen mit dem Rücken zur Wand stehen, um zu so etwas fähig zu sein?

 

Dass es überhaupt möglich ist. Im Affekt hat man vielleicht eher einen Bezug dazu. Aber wie bringt man sich zum Mord?

Die hat das eiskalt aus Raffgier gemacht. Sie hat das Opfer zuvor ausspioniert. Das war ein Mord am Tegernsee an einer Boutique-Besitzerin. Sie wollte den Inhalt der Kasse, den die Besitzerin immer abends in ihre Wohnung mitnahm, erbeuten. Es kam zum Gerangel – und da hat die Täterin die Frau umgebracht.

 

Sie waren da also mittendrin?

Ich saß in den Zuschauerbänken, rechts war die Familie des Opfers und links waren die Familienangehörigen der Mörderin. Die Spannung, die da war, das war unerträglich.

 

Das färbt dann sicher auf Ihre Rolle ab. Sortieren Sie eigentlich die Emotionen dann aus?

Ja, aber es hat mich wahnsinnig belastet. Es hat mir Angst gemacht. Sie können ja nicht in die Menschen hineinschauen.

 

Ein kleiner Sprung: Lassen Sie auch Kritik an Filmen an sich heran?

Ich lasse die Kritik an mich heran. Ich versuche stets, etwas zu lernen und das anzunehmen. Ich freue mich immer über gut geschriebene Kritiken, auch wenn sie schlechte Beurteilungen geben, weil allein das ist ein Genuss. Ich finde Besprechungen sehr wichtig, damit wir uns nie ausruhen, damit wir wach bleiben. Durch die Kritik ist man hoffentlich morgen ein stückweit besser als heute.

 

Wenn die Kritiken sachlich ausfallen, ist das sicher etwas anderes als Hater-Kommentare in den Social Media. Erhalten Sie da viele?

Wenige. Wenn ich ehrlich bin, sind das eher Stalker oder Menschen mit irgendwelchen schrecklichen sexuellen Fantasien. Die lösche ich einfach.

 

Durch Ihre Popularität sind Sie sicher eine Projektionsfigur. Wurde es denn schon mal richtig ernst für Sie?

Nein, noch nicht! Toi, toi, toi! Die Erfahrungen mit Stalkern sind einfach schrecklich.

 

Sie äußern sich in den Medien sehr positiv über Ihre Ehe. Gegen Ihren Mann Carsten Maschmeyer wird teilweise heftige Kritik vorgebracht. Wie gehen Sie damit um?

Eigentlich gar nicht, weil mich in den Interviews zu meinen Filmen niemand befragt. Aber generell kann ich Ihnen sagen, dass sich da letztes Jahr eine dunkle Wolke aus unserem Leben verzogen hat. Wir konnten aufatmen, seitdem dieser Rufmörder gestanden hat, dass er von der Konkurrenzfirma mit Millionen bezahlt worden ist, die Presse mit schlechten Artikeln zu füttern.

 

Kam dann noch was nach?

Seitdem er sich da geoutet hat, ist kein schlechter Artikel mehr erschienen. Fakt ist, dass da ein professioneller Rufmörder engagiert wurde, es ist schon erschreckend, was alles möglich ist.

 

Die Finanzwelt ist ein Haifischbecken. Es gibt ja immer verschiedene Sichtweisen auf ein Thema.

Die gibt es sicher. Ich kann mich über mangelnden Respekt jedenfalls nicht beklagen. Seitdem sich dieser Mensch geoutet hat, dass er gebucht worden ist, um Fake-Artikel zu lancieren, und sich Menschen wie Stefan Aust zudem öffentlich entschuldigt haben, sehe ich der Zukunft gelassen entgegen.

 

Wie steht es um den Zeitplan in der Ehe? Ihr Mann ist viel beschäftigt, Sie ebenfalls.  Wie hält man da eine Ehe glücklich?

Ich nenne das immer Inspektion. Wir geben ein Auto auch immer in die Inspektion, um es auf Vordermann zu halten. Bei Beziehungen machen wir das nicht. Indem man sich aber einmal in der Woche hinsetzt und sagt: Du, was war für dich das Schönste in der Woche, wo habe ich dich glücklich gemacht, wo habe ich dich erfreut und womit habe ich dich enttäuscht?

 

Hört sich nach einer guten Methode an. Funktioniert sie?

Klar. Wenn man das einmal in der Woche macht, geht eigentlich nichts schief, weil man immer an der Entwicklung des anderen dranbleibt, wenn man sich die Zeit nimmt und einander zuhört.

 

Ein schönes Schlusswort. Danke.

 

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Veronica Ferres

Schauspielerin und noch viel mehr. Spielte an der Seite von Heiner Lauterbach im Film „Unzertrennlich nach Verona“ (ARD). Ist Inhaberin der Firma Construction Film, in der sie auch konstruktiv zur Qualität des deutschen Films beiträgt. Kürzlich stand sie mit Ben Kingsley für eine internationale Krimiproduktion vor der Kamera.

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