Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant spricht mit Doku-Filmer Jörg Rehmann über die Schattenseiten der Windkraft
End of Landschaft

Wenn im Hunsrück oder Odenwald Hunderte Windräder immense Flächen fressen, herrscht Schweigen im Walde. Auf engagierte Fürsprecher wie beim Hambacher Forst dürfen die Bäume dort nicht hoffen – Windstrom gilt als „guter“ Strom. Der Dokumentarfilmer Jörg Rehmann hat nun kräftig Wasser in den Öko-Wein gegossen und zeigt in seinem über 100 Minuten langen Film sämtliche Schattenseiten der  Windenergie. 

Mittwoch, 06.02.2019, 12:10 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant spricht mit Doku-Filmer Jörg Rehmann über die Schattenseiten der Windkraft: End of Landschaft
Jörg Rehmann befasst sich seit Jahren mit der deutschen Energiewende. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Auch deren Profiteure. Die finden das gar nicht lustig, haben so manchen Kinobetreiber unter Druck gesetzt, den kritischen Streifen nicht zu zeigen. Münsters „Cinema“ indes nennt für die Absage der bereits terminierten Vorführung organisatorische Gründe.  Nun wird die Doku „End of Landschaft“ am 9. Februar im Freilichtmuseum Mühlenhof zu sehen sein.

Wie wurden Sie zum Windkraftkritiker? Sie stammen doch aus einer umweltbewegten Familie.

Ein kritischer Film über problematische Auswirkungen der Energiewende macht mich nicht per se zum „Windkraftkritiker“. Ich habe ein Grundinteresse an grünen Themen, daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich die Politik – speziell in Rheinland-Pfalz. Da hat die Landesregierung irgendwann beschlossen, durch Windkraft den Wald zu industrialisieren.

 

Sie sind also nicht grundsätzlich Windkraftgegner?

Nein, ich bin Journalist. Kritisches Hinterfragen ist mein Job. Aber es ist einfach der brutalste Eingriff in das Landschaftsbild. Daher verwundert es nicht, dass sich ein Großteil des Protestes an der Windkraft festmacht. Auch hier will man oft nur einen Teil der Problematik sehen, denn wenn man schon der Natur so viel Gewalt antut, müsste es sich ja wenigstens lohnen!

 

Warum genau lohnt es  sich nicht?

Das Problem der Energiewende war, dass sie von Anfang an auf eine Stromwende hin konzipiert wurde – und die hat eben in Sachen CO2 nichts gewendet, sodass wir jetzt mit diesen Mengen sinnloser Folgeerscheinungen kämpfen. Da sehe ich mich als Journalist gefordert, denn im Medienbereich wird offensichtlich öfter mit manipulativen Mitteln gearbeitet.

 

Können Sie ein Beispiel  nennen?

Es werden aus den Statistiken immer nur jene Zahlen herausgegriffen, die positiv wirken – aber die Energiewende wird nicht unter dem Aspekt gesehen, was unterm Strich für das Klima rauskommt. In den sozialen Netzwerken geschah vor ein paar Tagen Folgendes: Es war wieder irgendwo ein Windradflügel heruntergestürzt. Das Foto, das ich ins Netz gestellt hatte, ist in kürzester Zeit an die 20 000-mal geteilt worden. Die Leute äußern berechtigte Kritik, aber sofort kommen die Trolle aus der Ecke der Befürworter, die das Ganze relativieren, zum Beispiel auf eine Thematik wie den Infraschall reduzieren. Dabei müsste es doch im Interesse derer liegen, die Klimaschutz wollen, aus ihren Fehlern und Mängeln zu lernen.

 

Stichwort Trolle: Sie haben berichtet, dass solche in den Filmvorführungen saßen – dunkle Gestalten, die Notizen machten, die Besucher fotografierten. Kaum zu glauben!

Und doch ist es so passiert. Jetzt gerade wieder, am 5. Dezember in Borgentreich in Ostwestfalen. Da sind jene Leute vorher auf den Kinobetreiber zugegangen, um ihn unter Druck zu setzen, damit er den Film absetzt – das hat er mir selbst berichtet. Borgentreich liegt direkt an der Grenze zu Nordhessen, da waren auch viele hessische Besucher über mehrere Hundert Kilometer weit angereist. Keine Seltenheit bei den Aufführungen – ebenso wie diese stasi-artigen Vorgänge.

 

In Münster hat sich hingegen ein Herr von einer Windkraftfirma direkt an Sie gewandt – und das hiesige Programmkino „Cinema“ hat etwa zu diesem Zeitpunkt einen Rückzieher gemacht. Obwohl der Film schon fest terminiert war für den 15. Januar.

Die Windkraftfirma versuchte, uns mit falschen Behauptungen unter Druck zu setzen. Der zeitnahe Rückzieher des Kinos wurde mit einem Wechsel des Kinobetreibers begründet…

 

... den es wirklich gab.

Aber normalerweise hat kein Kinobetreiber ein Interesse, alle Programme „pünktlich“ zum Stichtag auslaufen zu lassen. Man rechnet die Filme finanziell meist einfach dann ab, wenn sie ohnehin abgesetzt werden. Ich halte diese offizielle Begründung für wenig überzeugend.

 

Hat das auch damit zu tun, ob eine Stadt sich als „grün“ definiert?

Ich finde, man könnte es gerade in umweltbewegten Städten wie Münster auch positiv sehen – so wie uns Kinobetreiber sagten: „Wir haben auch Filme von anderen Interessengruppen (etwa dem BUND) gezeigt – solche, die sich sehr positiv mit der Energiewende befassen –, nun machen wir etwas, um den Ausgleich herzustellen.“ Es ist doch bekannt, dass eine Energie-Kontroverse in der Gesellschaft besteht, und Kinos haben eigentlich ein Interesse daran, sich als soziales Zentrum darzustellen.

 

Sie zeigen ja ebenfalls ein großes Netz an Windkraftprofiteuren – hingegen herrscht in den Medien eine Schieflage. Man gewinnt oft den Eindruck, das seien alles Umweltengel, die nur den Dienst an der Menschheit im Kopf haben. Sind die Medien zu grün?

Rein statistisch gibt es da wohl eine Schräglage. Aber mittlerweile wird relativ offen diskutiert, weil allgemein bekannt ist, dass ein grüner Überhang herrscht. Ich habe mich damit intensiv beschäftigt, auch im Gespräch mit Medienwissenschaftlern. Ein Grund ist, dass junge Leute gern in die Medien gehen, weil sie etwas bewegen wollen, weil sie die Aktualität und die Technik schätzen. Außerdem konzentrieren sich die Jungen in den Zentren – also sammeln sich dort auch Bildung, Wissenschaft, politisches und junges Leben. Und die Medien sind ebenfalls dort ansässig. Diese sind wiederum geprägt vom Publikum der urbanen Räume. Aber die sind kaum von den Folgen der Energiewende betroffen.

 

Das gilt großteils auch  für Münster.

Deswegen greift es zu kurz, zu sagen: „Okay, diese Stadt ist halt einfach so grün…“ – es liegt an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Wir haben es bei der Energiewende mit hochkomplexen Zusammenhängen zu tun – und auf der anderen Seite mit einer Politik, die ihre Veränderungen im kurzen Takt von Legislaturperioden durchbringen will: Was sich früher im Zeitraum von 50 bis 100 Jahren vollzogen hat, soll nun in drei oder vier Jahren über die Bühne gehen! Da kann weder die Gewöhnung der Bevölkerung geleistet werden noch die nötigen Fehlerkorrekturen.

 

Ein Zeitungsartikel hat es so zugespitzt: Es existiere offenbar eine Spaltung zwischen dem urbanen Milieu und dem ländlichen. Und Letzteres müsse die Folgen der städtischen Wohlfühl-Ideologie ausbaden.

Bei den jungen Leuten, insbesondere bei den Grünen, herrscht der Wunsch nach einem Ideal (ich sage bewusst nicht: Ideologie) – der Wunsch nach einer besseren Welt. Ich glaube, das ist etwas, das uns Menschen ausmacht. Was jedoch zu kurz kommt: Dieser Eingriff der Energiewende in das Leben von Mensch, Tier und ländliche Lebensräume verursacht einen Jahrtausend-Schaden an der Natur. Das Ganze verbunden mit Abermilliarden von Kosten – und dann bringt es noch nicht mal, was es soll! Eine „gesamtgesellschaftliche Transformation“ kann man eben nicht in irgendeiner Büroetage beschließen und den Leuten ad hoc zwangsweise überstülpen, wenn man nur ein bisschen herumstudiert hat und die nötige Lebenserfahrung noch fehlt.

 

Sie plädieren also für eine langsamere Gangart?

Die Wissenschaft hat herausgearbeitet: Ob der Klimawandel nun von Menschen gemacht ist oder nicht – so haben wir doch in jedem Fall viel Zeit, um vernünftige Konzepte zu entwickeln. Aber kaum hat der IPCC (auch als „Weltklimarat“ bekannt) wieder neue Meldungen herausgegeben, kommt aus dem Dunstkreis der Erneuerbare-Energien-Branchen diese verdächtige Eile: Nein, wir müssen noch heute! Jetzt! Sofort!

 

In Münster wird nun das Freilichtmuseum Mühlenhof den Film am 9. Februar zeigen – das wurde von Prof. Werner Mathys („Gegenwind Greven / Windkraft mit Vernunft e.V.“) organisiert, oder?

Wir legen Wert auf eine gewisse Distanz zu jedem Veranstalter. Wenn die Demokratie es aber nicht leistet, öffentliche Orte wie Kinos für einen Film über ein demokratisches Thema verfügbar zu machen, sind Alternativen gerechtfertigt. Natürlich muss am Ende immer jemand vor Ort die Aufführung organisieren, sei es das Kino oder jemand anderes.

 

Glauben Sie, dass die Energiewende nochmal eine Biege machen wird in Richtung Mäßigung und Naturschonung?

So, wie es ist, kann es nicht weitergehen. Mehrere meiner Gesprächspartner bestätigen diese Sicht. Etwa der Ökonom Hans-Werner Sinn, der sagt, dass spätestens durch die explodierenden Kosten die Energiepolitik in eine andere Richtung gehen werde. Man werde die neueren, verbesserten Atomtechnologien wieder in Betracht ziehen, weil man gar nicht anders könne.

 

Was hat Sie persönlich von  all den Schattenseiten am meisten berührt?

Die Veränderung der Landschaft wird von der Bevölkerung meist in den Vordergrund gestellt. Was ich dagegen für wichtiger (weil viel, viel gefährlicher) halte: Den manipulativen Charakter, mit dem die Energiewende in das Bewusstsein der Allgemeinheit gerückt wurde.

 

Woran machen Sie das fest?

Nach einer Vorführung äußerten sich zwei junge Leute. Ein 18-jähriger Mann bereitete sich gerade auf die Führerscheinprüfung vor. Er erzählte von einem Fahrsimulator, der soeben ein Software-Update bekommen hatte. In der neuen Version seien plötzlich im Hintergrund der Landschaft überall Windräder zu sehen. Daraufhin meldete sich eine 20-jährige Frau: „Ich hatte bei Videospielen ebenfalls ein Software-Update – und nun sieht man ebenfalls im Hintergrund überall Windräder!“ Dann haben sich die beiden vor dem Publikum ausgetauscht: „Hier wird uns eine Normalität vorgegaukelt, die gar keine ist. Wir fühlen uns durch die Hintertür manipuliert.“ Diese Art der Gehirnwäsche macht mir persönlich Angst. Aber man sieht: Die jungen Leute sind gar nicht so unkritisch, wie es immer heißt.

 

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Jörg Rehmann

Der Berufsweg Rehmanns ist reich an Facetten. Aus einer rheinischen Musiker- und Pfarrersfamilie stammend, machte er zunächst eine Fotografenlehre und dann ein Staatsexamen in Kardiotechnik. Worauf sich eine Kreativphase als Musikstudent und Musikkritiker anschloss. Nach achtjähriger Anstellung als Kirchenmusiker sattelte Rehmann noch ein Studium zum Videojournalisten und Filmautor drauf. Seit Jahren befasst er sich mit der deutschen Energiewende. Einen Trailer von „End of Landschaft“ gibt es auf Youtube zu sehen.

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