Stadtgeflüster-Interview: Susanne Thiel erklärt Christina Thorwesten, dass Muslime auch nur Menschen sind
Alle Menschen werden Brüder ... Inshallah

Den Ausgangspunkt für ein Gespräch mit der Ethnologin Susanne Thiel liefert ihr neues Buch „Kulturschock Islam“. Darin verbindet sie theoretisches Hintergrundwissen praxisorientiert mit lebensnahen Informationen über kulturelle Unterschiede und mögliche Stolpersteine. Da sie selbst seit vielen Jahren in diversen islamisch geprägten Ländern arbeitet und lebt, kann sie dafür aus einem reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfen.

Mittwoch, 13.02.2019, 12:17 Uhr aktualisiert: 19.02.2019, 12:22 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Susanne Thiel erklärt Christina Thorwesten, dass Muslime auch nur Menschen sind: Alle Menschen werden Brüder ... Inshallah
Neben der Autorentätigkeit arbeitet Susanne Thiel seit den 1990er-Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Schon im Zuge Ihres Studiums sind Sie in islamische Länder gereist, waren darauf deutlich besser vorbereitet als manch anderer. Gab es trotzdem Ihren persönlichen Kulturschock?

Ja, der hat mich häufiger erwischt. Weniger, wenn ich mich im städtischen Umfeld bewegt habe. Durch die Globalisierung sind die Städte dort sehr durchwachsen und die Bevölkerung oft westlich orientiert.

 

Wo dann?

Im familiären Kontext, wenn man vertrauter miteinander war und ich quasi als Familienmitglied angesehen wurde. Da kam es vor, dass von mir erwartet wurde, mich wie eine pakistanische oder afghanische Frau zu verhalten.

 

Was bedeutete das konkret?

Bei Besuchen zum Beispiel hatte ich mich etwa in den Frauenräumen aufzuhalten, konnte mich nicht mehr frei in den Dörfern bewegen oder mit Männern reden. Das habe ich als höchst befremdlich erlebt, als Beschneidung meiner persönlichen Freiheiten. Es ist ein einschneidendes Erlebnis, wenn man plötzlich vorgeschrieben bekommt, wie man sich zu kleiden habe.

 

Stichwort Kleidervorschriften: Haben Sie je eine Burka getragen?

Natürlich wollte ich das einmal ausprobieren, aber tragen musste ich sie nie. Gerade in den Dörfern habe ich meinen Kopf bedecken müssen und in familiären Umfeldern, wo es auch um die Sicherheit ging, habe ich ein Tuch angezogen, das den gesamten Oberkörper bedeckte.

 

Wenn man so verhüllt oder verschleiert ist, bewegt man sich dann anders? Nimmt man die Umwelt anders wahr?

Tatsächlich, ja. Man, oder richtigerweise frau, wird sensibler, was das eigene Erscheinungsbild angeht. Man kontrolliert sich häufiger: Ob die Kleidung sitzt, die Haare nicht zu sehen sind, die Garderobe lang genug ist. Gerade als junge Frau ist man auch immer ein Objekt, ich sage das ganz bewusst so, das in der Öffentlichkeit ständig betrachtet und angestarrt wird. Das verinnerlicht man irgendwann – versucht, möglichst nicht aufzufallen.

 

Inwiefern?

Einerseits durch die Kleidung, andererseits aber auch dadurch, wie man sich bewegt. Frauen in diesen Ländern bummeln oder schlendern nicht. Die stehen auch nicht in Grüppchen herum und unterhalten sich. Sie gehen zielstrebig und bewusst von Punkt A zu Punkt B, um nach außen zu betonen, dass sie in der Öffentlichkeit in diesem Moment etwas Wichtiges zu verrichten haben und nicht ihre Freizeit dort verbringen. Man übernimmt das, passt sich an und versucht, möglichst unauffällig zu sein.

 

Sie schreiben häufig, man solle anderen Kulturen mit Respekt begegnen. Doch selbst wenn man das grundsätzlich tut, kommt doch immer mal ein Punkt, an dem das eigene Empfinden aufschreit. Wann ist es bei Ihnen soweit?

Die Benachteiligung von Frauen und Mädchen, die Miss- achtung von Menschenrechten, die Einstellung gegenüber Kindern, das sind Dinge, die akzeptiere ich nicht und daran gewöhne ich mich auch nicht! Und wenn ich das nicht ansprechen kann, habe ich ganz oft die  geballte Faust in der Tasche.

 

Man hört direkt, wie sie raus will, um auf den Tisch hauen.

Diese Reaktion möchte ich auch gar nicht verlieren. Es gibt für mich universelle Rechte, die in vielen dieser Länder aber nicht als solche gelten. Da gelangt man rasch an einen Punkt, an dem man sagen muss: Hier finden wir nicht zueinander.

 

Sie haben dort in Familien gelebt. Kann man es in dem Rahmen thematisieren?

Man kann das ansprechen und es wird dort auch viel diskutiert. Gerade in gebildeten Kreisen. Dort findet man viel Verständnis – und auf theoretischer Ebene auch viele Eingeständnisse. Doch wenn es um die praktische Umsetzung geht, wird häufig wieder zu den traditionellen Formen gegriffen. Aber auch das darf man nicht verallgemeinern!

 

Warum betonen Sie diesen letzten Satz so?

Ich habe gerade in heutigen Diskussionen häufig den Eindruck, dass immer alles über einen Kamm geschoren wird. Man sieht die Vielfalt in den Staaten und Bevölkerungsgruppen gar nicht. Das sind dann eben einfach „islamische Länder“, die Bevölkerung ist konservativ – und fertig, aus. Diese Sicht bildet die Realität nicht ab.

 

Sie sagen, gerade in gebildeten Schichten kann man diskutieren und stößt auf viel Zustimmung. Wie begründen solche Gesprächspartner die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis?

Sehr häufig mit sozialen Zwängen. Man unterliege familiären und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Wenn man sich außerhalb dieser Norm bewegt oder entscheidet, kann es passieren, dass die Familie diskreditiert wird.

 

Was sind weitere Gründe?

In ländlichen Räumen kommen oft ökonomische Gesichtspunkte und ein allgemeines Verhaften an Traditionen hinzu. Ob die islamisch sind oder nicht, wissen die Menschen oft selbst nicht – und es spielt keine Rolle. Frühe Heiraten zum Beispiel sind auch ein Schutz vor Ehrverletzungen. Unverheiratete Töchter mit Anfang 20 bergen dahingehend durch ihr Verhalten und Benehmen ein gewisses Gefahrenpotenzial: Sind sie verheiratet, ist die Familie des Mannes für sie zuständig und muss sich darum kümmern.

 

Wenn solche Werte und Systeme aus religiöser Sicht betrachtet als gottgegeben angesehen werden, sind sie doch unverrückbar und gar nicht diskutabel.

Das stimmt. Zumindest ist es im Augenblick so. Im Islam haben sich gerade sehr konservative Tendenzen durchgesetzt. Es gibt moderate und moderne Muslime, die durchaus Inhalte des Korans diskutieren, die bestimmte Traditionen infrage stellen möchten.

 

Warum hört man davon  so wenig?

Im Moment sind derart aufgeschlossene Menschen, die analysieren und diskutieren möchten, in der Minderzahl und auch sehr gefährdet. Melden sie sich mit solchen Meinungen zu Wort, geraten sie rasch unter Druck, werden sogar bedroht. Sie sind extrem vorsichtig, aber nach wie vor da!

 

Und die weiteren Aussichten?

Das ist einfach eine aktuelle Strömung. Es wird momentan alles konservativer und fundamentalistischer. Und das ja auch nicht nur im Islam – sieht man sich zum Beispiel die evangelikalen Christen in den USA an oder wie allgemein Religion politisiert wird … Ich kann mir das nur mit Wellenbewegungen in der Geschichte erklären, die immer schon vorgekommen sind und die wir schlecht betrachten können, weil unsere eigene Lebenszeit so kurz ist.

 

Was sieht die Ethnologin, die den Menschen in den Fokus nimmt, beim Thema Integration anders als ein Politiker?

Es sind alles sehr langfristige Entwicklungen. Wir sind sehr ungeduldig geworden, auch was Entwicklungs- und Integrationsprozesse angeht. Innerhalb von fünf Jahren soll das jetzt alles funktionieren: Die Frauen in Afghanistan sind frei und alle Zuwanderer in Deutschland integriert – und dann ist gut. Die Italiener und Spanier, die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen, sind jetzt integriert. Das hat Jahrzehnte gedauert und diese Zeit müssen wir uns einfach geben. Zusammenleben ist ja auch möglich, wenn jemand nicht als vollintegriert gilt.

 

Je integrierter jemand ist, umso weniger bekommt man aber auch von ihm mit.

Das ist der Kern der Integration, dass man in der Bevölkerung untergeht. So soll es ja sein. Ich habe oft den Eindruck, dass es vielen Menschen gar nicht bewusst ist, wie reich unsere Gesellschaft durch bereits integrierte Bestandteile geworden ist. Ängste, Ablehnung und Fremdheitsgefühl stehen im Vordergrund und lassen alles in einem negativen Licht erscheinen.

 

Man hat oft nur undeutlich im Kopf, dass im Islam vieles verboten ist, ohne es genau zu wissen. Aber wenn man in ein Fettnäpfchen tritt, wird man doch auch nicht direkt gesteinigt?

Es gibt eine große Bandbreite an Toleranz. Gerade Leuten gegenüber, die nicht aus den eigenen Systemen kommen, die bestimmte Dinge einfach nicht wissen können. Das ist hier in Deutschland so, aber auch in den eigenen Ländern. Ich habe in all den Jahren nie erlebt, dass mir bei Fehltritten der Kopf abgerissen wurde oder ich zu leiden hatte, wenn ich mich nicht richtig verhalten habe.

 

Erschweren die unterschiedlichen Religionen ein mögliches Gespräch?

Im alltäglichen Miteinander, ob hier oder in den Ländern selbst, dreht sich ja gar nicht so viel um die Religion. Natürlich prägt sie. Aber wenn wir uns die einzelnen Systeme ansehen, stehen an erster Stelle Traditionen. Und die sind häufig bunt gemischt, vorislamisch mit islamisch …

 

Zum Schluss mal weg von den ganzen Problemen und Schwierigkeiten: Welche Aspekte der islamisch geprägten Kulturkreise würden den unseren bereichern?

Es wäre gut, wenn man einfach mehr voneinander wüsste, wenn wir uns mit der Literatur und der Mystik der Länder auseinandersetzten. Es ist immer eine Bereicherung, sich zu öffnen, andere Traditionen mitzubekommen und miterleben zu können.

 

Und auf persönlicher Ebene?

Wie in vielen dieser Länder Gemeinschaft und Familie gelebt wird. Da ist uns viel verloren gegangen. Bei aller Modernität und Befreiung für den Einzelnen vereinsamen viele Menschen bei uns auch immer mehr. Das findet man in den islamischen Ländern eher wenig. Auch viele junge Leute würden, bei allen Kritikpunkten, ihr System nicht tauschen wollen, weil es auch eine sehr große Geborgenheit vermittelt und gegenseitiges Auffangen bedeutet.

 

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Susanne Thiel

Neben der Autorentätigkeit arbeitet Susanne Thiel seit den 1990er-Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie berät bei Projekten und bereitet als  Trainerin auf den Kontakt mit islamisch geprägten Kulturkreisen vor.

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