Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Maite Kelly und die Entstehung eines Bildes
Die Liebe siegt sowieso

Schon Wahnsinn: Mit deiner Geburt steht quasi fest, dass du Kind einer Familie bist, die sich der Musik verschrieben hat. Kreuz und quer geht es durch Europa, um die Klänge in die Herzen der Menschen zu tragen. Wie schwer mag es da wiegen, wenn dir das Erlernen eines Instrumentes nicht flott von der Hand geht? Umso besser, wenn du in dem Fall einen Vater hast, der deine wahre Gabe erkennt. Der dir Stift und Block in die Hand drückt, damit du Worte zu einem Ganzen zusammenführen kannst. Dass Maite das beherrscht, beweist sie auf ihrem neuen Album.

Mittwoch, 20.02.2019, 11:30 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Maite Kelly und die Entstehung eines Bildes: Die Liebe siegt sowieso
Maite Kelly schreibt und singt als Solokünstlerin in deutscher Sprache. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Maite, es gibt Neuigkeiten. Du hast ein frisches Album mit dem Titel „Die Liebe siegt sowieso“ eingespielt, schon bald geht es auf Tournee. Was war der Anlass für das neue musikalische Projekt?

Es ist die Liebe zur Musik, die mich antreibt, immer weitere Projekte anzugehen und zu realisieren. Wenn man so will, war es die organische Weiterentwicklung nach einer erfolgreichen Tournee. Ich nahm diesen Erfolg zum Anlass für das neue Album. Es ist für mich mein zweites eigenes Album in deutscher Sprache. 2018, während der Tournee, hatte ich bereits begonnen, an meinem zweiten Longplayer zu schreiben. Wobei ich sagen muss, dass ich durchgängig Liedtexte zu Papier bringe. Es ist die passende Lebensreife, die mich viel erzählen lässt.

 

Wieso produzierst du in deutscher Sprache? Deine Muttersprache, sollte man vermuten, ist doch Englisch?

Mein musikalischer Werdegang sieht so aus, dass ich an erster Stelle Texterin bin. Melodistin steht auf Platz zwei. Als ich die Idee deutscher Texte hatte, riet man mir davon aus vielfältigen Gründen ab. Dass ich das nicht könne, war die einhellige Meinung. Nachdem ich sehr erfolgreich Lieder für Roland Kaiser geschrieben hatte, bekam ich die Möglichkeit, die Platte „Sieben Leben für dich“ zu produzieren. Der Erfolg meines ersten Albums ließ die Kritiker verstummen. Es war der Beweis, dass Deutsch bei mir als Sprache sogar sehr gut funktioniert.

 

Texterin und dann Melodistin. Du betonst diese Reihenfolge. Ist eine solche Einordnung eine Besonderheit in der Musik?

Mein Vater sagte mir, als ich klein war, dass es tausend Wege zur Musik gäbe. Ich würde sagen, dass meine Gabe „Fluch und Segen“ bedeutet. Im Gegensatz zu meinen Geschwistern fiel mir das Erlernen von Instrumenten sehr schwer. Ich habe darunter etwas gelitten. Es stellte sich dann aber rasch heraus, dass Schreibgeräte mein Instrument sind. Das hat mich anders gemacht in meiner Familie, etwas einzigartig. Ich kann sagen, dass es frustrierend war. Gott sei Dank war mein Vater Lehrer.

 

Wie genau habe ich mir das vorzustellen, dass aus solchen Textausflügen ein vollwertiges Lied entsteht?

Das ist relativ unspektakulär. Ich male mit Worten erst ein Bild. Wenn ich dieses Bild vor Augen habe, verleihe ich dem Ganzen einen musikalischen Rahmen.

 

Also ohne Bild kein vollendetes Werk?

Wenn man so will, ja. Ich höre manchmal bereits während des Abbildens eine Melodie. Aber ohne Bild daran zu arbeiten, das bekomme ich nicht hin. (lacht) Was das Spannendste ist. Ich rede gerne und viel…

 

Für mich zum Schreiben ist das super…

… aber ich ärgere mich manchmal darüber. Ich habe das Gefühl, dass es zu viel ist. Aber wenn ich für meine Lieder schreibe, schaffe ich es, mit wenigen Worten den Kern zu treffen. Mir ist unwahrscheinlich wichtig, ein Lied abzubilden, das der Zuhörer nicht nur hört, sondern auch sieht.

 

Du sprachst davon, dass  man dir ausreden wollte,  auf Deutsch zu singen. Wie lautete die Begründung? Du bist doch nicht die erste Musikerin, die eine ausländische Muttersprache hat und auf Deutsch singt?

Deutsch ist eine schwierige Sprache, die dich nicht gleich belohnt. Es ist älter als das Englische. Viel definierter. Hinzukommt, dass es melodisch griffiger ist. Auf der anderen Seite sind die Endungen der Worte nicht so weich und rund. Ich schaffe es trotzdem, sie so zu singen, dass sie weich und rund klingen.

 

Ein gewagter Schritt. Wenn ich mir vorstelle, in einer anderen Sprache als Deutsch zu schreiben, hätte ich arge Bedenken, auch ohne, dass mir jemand den Ratschlag geben würde, es besser zu lassen. Du wiederum hast diese Herausforderung angenommen, mit allen damit verbundenen Stolpersteinen. Warum hast du dich einem solchen Stress ausgesetzt?

Ich bin eine Entwicklerin. Ich glaube an die Entwicklung, meine Karriere besteht nur aus Entwicklungsstufen. Es hat lange gebraucht, für mich zu verstehen, dass ich überhaupt ein Talent besitze. Dass es meine Berufung ist, auf einer Bühne zu stehen. Jetzt darf ich mich auf die größte Show meiner Karriere freuen – und die beginnt in diesem Frühjahr. Ich bin da reingewachsen.

 

Maite, wenn du träumst, passiert das in deutscher oder englischer Sprache?

In beiden Sprachen. Aber ich könnte nicht mehr auf Englisch Lieder schreiben. Ich wüsste nicht mehr, wie das geht…

 

… also keine englischen Lieder von Maite…

… selbst, wenn ich wollte, ich könnte es nicht. Ich habe mich so auf die deutsche Sprache konzentriert, dass es mir schwerfallen würde, geradezu unmöglich wäre, eine andere Weise für meine Bilder zu benutzen. In Deutsch kann ich meinen Humor und meine Zweideutigkeit viel besser ausleben. Ich habe im Moment nicht das Gefühl, ich müsste in einer anderen Sprache schreiben.

 

Du sprichst über große Shows, die deine Fans bei der kommenden Tour sehen werden. Sind so zentrale Events mit Blick auf die Kelly Family überhaupt möglich?

Es geht ja nicht um die Menge. Mit zehn Personen auf der Bühne zu stehen, hat eine ganz andere Gewichtung, als alleine dem Publikum gegenüberzutreten. Als Gastgeber alleine 5000 Menschen zu unterhalten, das ist schon was anderes. Hinzu- kommt, dass du Gewohnheiten ändern musst, lieb gewonnene Hobbys müssen hintenanstehen. Ich habe angefangen zu trainieren. Gesundbleiben steht ganz oben auf dem Aufgabenzettel. Für zweieinhalb Stunden liegt der Fokus allein auf mir. Das ist eine ganz andere Geschichte, als mit meiner Familie auf der Bühne zu stehen.

 

Bist du sprunghaft in deiner Show, jeden Abend was Neues? Oder hältst du dich streng an einen Ablauf?

Es gibt ja Künstler, deren Abendshow abhängig vom jeweiligen Befinden ist. Das ist bei mir nicht so. Ich setze auf garantierte Kontinuität. Abgesehen davon funktioniert ja regional nicht alles. Was in Hamburg gut ankommt, funktioniert eventuell in München nicht. Da gibt es unterschiedliche Überraschungen. Aber im Kern kommt der Hamburger Besucher der Show genauso auf seine Kosten wie der in München.

 

Was funktioniert den in Hamburg gut?

Hamburg hat einen wirklich feinen Humor und der liegt mir im Blut. Es gibt Städte, da lockst du niemanden mit schwarzem Humor. Aber in Hamburg heißt es: je schwärzer, je trockener, desto besser. Aber es geht nicht nur um Humor. In der Philharmonie in Dresden saß ein hauptsächlich älteres Publikum. Das ist eher selten. Meine Besucher sind ganze Familien. Also stand die Entscheidung für mich und die Band, an dem Abend lieblicher zu spielen, da das Gehör bei älteren Menschen empfindlicher ist. An dem Abend hatten die Beats etwas Pause und wir waren melodischer. Eher ein Flötenkonzert mit weicher Stimme. Der Abend war gelungen, da das Publikum dafür dankbar war. Das ist die Flexibilität, die ich in meinen Shows habe. Ich ändere nicht das Programm, wohl aber die Tonalität.

 

Aufmerksamkeit ist dabei nicht ganz unwichtig … 

… das ist das Fingerspitzengefühl, welches ein Entertainer mitbringen muss. Man braucht im Voraus das Gespür, zu merken, was auf einen zukommt. Man muss darauf achten, wer abends zu Gast ist. Ich trage dafür Sorge, dass jeder an dem Abend beachtet wird.

 

Wer sind deine größten  Kritiker? Wessen Meinung  ist dir wichtig?

Ich frage meinen Manager.

 

Du machst, seitdem du denken und sprechen kannst, Musik und stehst auf der Bühne. Wie tankst du Energie? Hand aufs Herz, hat man manchmal einfach keine Lust mehr?

Die große Präsenz täuscht. Ich arbeite im Moment nicht mehr als drei Tage die Woche. Ich habe mein Homeoffice. Es gibt drei Mädchen in meinem Leben, für die ich als Mutter da sein möchte. Zuerst bin ich Mutter, dann Künstlerin. Es gibt immer eine Sommerpause – und ab dem ersten Advent kehrt Ruhe ein. Zwei Wochen vor Weihnachten nehme ich komplett frei. Die Tournee ist hochintensiv, da habe ich meine Mädels dabei. Auch da achten wir auf Pausen und Freizeit.

 

Sehr löblich!

Danke. Ich gebe aber zu, wie vermutlich jede Mutter, die im Beruf steht, dass die Zeitfenster für mich alleine selten sind. (lacht) Tatsächlich erhole ich mich unterwegs, um als Mama wieder fit zu sein. Mein Manager hat da ein gutes Auge drauf. Intensiv arbeiten, um Freiraum zu schaffen, so lautet unsere Devise.

 

Drei Töchter bedeuten eine Menge Aufmerksamkeit?

Durchaus. Es gibt Künstler, die machen so viel, dass sie keine Kinder haben können. Ich wiederum bin dankbar, dass ich eine Menge meiner Arbeit von zu Hause aus erledigen kann. Ich behaupte mal, dass meine Bäckereiverkäuferin nebenan abgekämpfter ist als ich. Das bedeutet nicht, dass ich weniger arbeite. Aber das Umfeld der Arbeit ist ruhiger und dadurch deutlich entspannter.      

 

Aber wie sieht es aus, wie tankst du Energie und bleibst so kraftvoll, dass du Mutter und gleichzeitig Künstlerin sein kannst? Das ist ja nicht mit „etwas von zu Hause  arbeiten“ getan?

Ich finde Ruhe im Gebet und unternehme gerne Pilgerreisen. Ich gönne mir diese stillen Tage. Diese Einkehr ist für mich der schnellste Weg, Kraft zu tanken. Wobei ich diese Reisen nicht zwangsläufig alleine unternehme. Letztes Jahr in Medugorje, hatte ich meine Töchter dabei. Es ist wichtig, dass sie lernen, keine Angst vor der Langeweile zu haben. Sondern dass die Stille ein guter Freund sein kann. Dadurch kann einem die Muse schneller erscheinen und den bekannten Kuss geben.

 

Maite, zum Schluss: Wann geht es 2019 auf Tour?

(lacht) Oh Gott. Ich meine, Ende Februar oder Anfang März. Ich versuche, so wenig wie möglich daran zu denken.

 

Warum?

(lacht) Ich habe so viel Ehrfurcht und Respekt vor der Tournee. Ich trainiere gerade für die Tour. Aber wenn ich zu viel darüber nachdenke, dann, ach dann…

 

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Maite Kelly

Die 1979 in Westberlin Geborene ist das zweitjüngste Geschwisterkind der „Kelly Family“. Ihr Alleinstellungsmerkmal in der Familie, in Deutschland das Licht der Welt erblickt zu haben, nutzt sie. Denn Maite schreibt und singt als Solokünstlerin in deutscher Sprache.      

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