Stadtgeflüster-Interview: Ninet Tayeb und Tomer Kapon teasern Tom ihr neues Projekt an
When Heroes fly

„When Heroes Fly“ ist ein zehnteiliger Thriller, der auf dem Bestsellerroman von Amir Gutfreund basiert, angesiedelt im kolumbianischen Dschungel. Geschrieben wurde die Serie von Omri Givon. Die Rollen wurden hochkarätig mit international bekannten  Schauspielern besetzt, darunter der mit dem Ophir Award ausgezeichnete Tomer Kapon sowie Sängerin/Liedermacherin Ninet Tayeb,  der derzeit wohl bekanntesten Unterhaltungskünstlerin Israels.

Mittwoch, 27.02.2019, 11:37 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Ninet Tayeb und Tomer Kapon teasern Tom ihr neues Projekt an: When Heroes fly
Tomer Kapon und Ninet Tayeb spielen in „When Heroes Fly“ mit, einem zehnteiligen Thriller, der auf dem Bestsellerroman von Amir Gutfreund basiert. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Das Format „When Heroes Fly“, in dem ihr in Hauptrollen zu sehen seid, wurde beim Festival „Cannesseries“ in Frankreich als „beste Serie“ ausgezeichnet. Wie wichtig ist ein solcher Preis noch vor Serienstart?

Tomer Kapon: Das war natürlich eine Riesennummer, dass wir noch vor Ausstrahlung der ersten Folge prämiert wurden. Ob das gewaltige Vorteile bringt, weiß ich nicht. (Lacht) Schaden wird es sicherlich nicht. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir danach mit vielen Menschen gesprochen haben, die auf die Serie aufmerksam geworden sind.

 

Ninet Tayeb: Letztendlich war die Reise nach Cannes für uns ein Abenteuer. Letztes Jahr im April war die Premiere des Festivals. Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Als dann am Abend der Auszeichnungen unser Name fiel, war mein erster Gedanke: WTF?! Meine  zweite Wahrnehmung war  Tomers Ellbogen, der mich beim Freudensprung erwischte. Wir waren so fürchterlich stolz, diesen Preis in Empfang nehmen zu dürfen.

 

Aber da kam noch mehr: Im Mai 2018 erfolgte die Premiere im israelischen Free TV auf Keshet 12. Netflix entschied sich, die Serie exklusiv auf der ganzen Welt zu zeigen.

Ninet Tayeb: Dass Netflix unsere Serie ausstrahlt, ging über unsere Vorstellungskraft. Uns war nach der Auszeichnung von Cannes klar, dass wir etwas Besonderes gedreht haben. Aber dass auch Netflix uns wollte, Wahnsinn. Allein die Vorstellung, dass Menschen weltweit sehen können, was unsere Landsleute in Israel bereits kennen – den Krieg und seine Folgen für die Betroffenen … Aus einer zentralen Geschichte wird so ein globales Thema.

 

Tomer, wovon handelt die Serie?

Tomer Kapon: „When Heroes Fly“ ist ein rasanter Actionthriller. Die Charaktere haben die dunkle Seite des Lebens kennengelernt. Sie müssen jetzt noch einmal durch die Hölle gehen, um endlich Frieden zu finden. Es geht um Freundschaft, Verlust und zweite Chancen. Aber vor allem geht es um die Macht des Lebens, um den Willen, darum zu kämpfen. Inspiriert von dem Bestseller von Amir Gutfreund handelt dieser Thriller von vier Freunden, die im Krieg zusammen bei einer Spezialeinheit gedient und sich danach aus den Augen verloren haben. Elf Jahre nach dem Krieg müssen sie noch einmal für eine letzte und  ausgesprochen persönliche Mission zusammenarbeiten.

 

Ninet, wie lange hast du nach dem Lesen des Drehbuchs gezögert, bevor du deine  Mitwirkung zugesagt hast?

Ninet Tayeb: Die Geschichte hat mich sofort begeistert. Ich habe sie an einem Wochenende verschlungen, habe weder gegessen noch getrunken noch geschlafen. Ich dachte immer nur: „Wahnsinn! Was kommt wohl als Nächstes? Wow!“

 

Kannst du uns etwas über deine Rolle erzählen?

Ninet Tayeb: Yaeli ist ein Freigeist, sie liebt Aviv von ganzem Herzen. Der ist eine der zentralen  Personen in der Geschichte. Yaeli ist sehr offen, sie hält mit nichts hinterm Berg. Sie und ich sind uns sehr ähnlich, wenn es darum geht, keine Kompromisse einzugehen. Was die Wahrheit anbetrifft zumindest, da lassen wir keine Mittelwege zu. Ganz egal, was das bedeutet oder was wir dafür opfern müssen.

 

Yaeli ist vermutlich mehr als nur eine wichtige Person in der Geschichte?

Ninet Tayeb: Yaeli, Dubis jüngere Schwester, ist schön, intelligent, witzig und einfühlsam. Wäre sie woanders aufgewachsen, würde man sie vermutlich als die perfekte Frau betrachten. Aber in der religiös geprägten Gesellschaft Jerusalems galt Yaeli als Rebellin. Sie hat das Leben umarmt, sich darauf gefreut, ihre Träume umzusetzen. Aber alles endete an dem Tag, als Aviv, ihr Freund, aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Ihre Beziehung scheiterte, so wie alles, an das Yaeli bis dato geglaubt hatte. Sie entschied sich fortzugehen und flog alleine nach Südamerika, wo sie bei einem Autounfall ums Leben kam.

 

Tomer, bevor du Schauspieler wurdest, warst du bei einer Spezialeinheit, hast im zweiten Libanonkrieg gekämpft. Wie schwer war es für dich, die Zusage zu erteilen? Dir musste doch bewusst sein, dass eine Menge Erinnerungen hoch- kochen könnten?

Tomer Kapon: Für mich war die Über- legung schon problematisch. Gerade mit dem Wissen, wie das Ganze seinerzeit war. Aber ich war von dem Projekt so überzeugt, dass ich mitmachen wollte.

 

Wie hast du dich beim Dreh von Kampfhandlungen gefühlt, die du real miterlebt hast?

Tomer Kapon: Bei der Scheiße kommen eine Menge Erinnerungen hoch. Wir haben mit echten Truppen aus der Einheit Sayaret gedreht, Leute, die als Reservisten tätig sind, aber auch Soldaten aus der Golani-Brigade. Man hat uns zur tatsächlichen Basis der IDF (Israel Defense Force) gebracht. Am Ende gebe ich den Soldaten, die diesen Krieg erlebt haben, so eine Stimme …

 

Wie meinst du das?

Tomer Kapon: Mein Charakter ist eine Kunstfigur, die erzählt, was passiert ist, und den Hinterbliebenen hilft, zu verstehen. Die meisten Verletzungen zum Beispiel waren nicht äußerlich. Nein, es waren die Wunden der Seele, die aus einem Macho- soldaten ein Häufchen Elend gemacht haben.

 

Wie wurde die Serie gedreht, die zwei Geschichten erzählt?

Tomer Kapon: Es war seltsam, denn wir mussten ja ständig die Szenarien wechseln. Ich kann das selbst nicht einmal in Reihenfolge bringen, also habe ich das Ganze für mich in zwei Geschichten aufgeteilt, in zwei Ordner: Einen für die Vergangenheit und einen für die Gegenwart – ich sehe die beiden als unterschiedliche Serien an. Wir hatten etwa gerade eine traurige Begräbnisszene fertig- gedreht, als sich das Blatt am Set um 180 Grad wendete  und wir eine Hochzeit filmen mussten.

 

Du spielst die Rolle des Aviv, der unter posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) leidet. Wie hast du dich darauf vorbereitet, einen Menschen mit diesem Krankheitsbild zu spielen?

Tomer Kapon: Das war ziemlich technisch – und pragmatisch zugleich. Ich habe mir Fachliteratur besorgt, mich mit Ärzten besprochen, die voll im Thema stehen. Außerdem habe ich mich mit Menschen getroffen, die unter PTBS leiden, seitdem sie in Kampfhandlungen verwickelt waren. Die Problematik, die es zu erkennen und zu meistern galt: die Ankunft eines erkrankten Soldaten im normalen Leben nach dem  Verlassen der Armee. Wie so jemand den Alltag bewältigt. Es bedurfte vieler Gespräche und meiner eigenen Erfahrung aus dem Erlebten, das zu spielen.

 

Ninet, wie schwierig war es für dich, in zwei Ländern, auf verschiedenen Kontinenten zu drehen? Zum einen die Flashbacks in deinem Heimatland Israel – und dann Szenen in Kolumbien, wo das Leben auch zu Extremen neigt?

Ninet Tayeb: Das ist eine gute Frage. Wichtig war, dass Tomer und ich uns gemeinsam auf die Serie und unsere Rollen vorbereitet haben. Es bedeutete eine große Anstrengung und kostete jede Menge Kraft, uns mit den Rollen und dem Skript zu beschäftigen. Schließlich mussten wir uns ja mit den Dämonen unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Auf der anderen Seite sollten unsere Rollen aufrichtig erscheinen.

 

Was war bei den Dreharbeiten die größte Herausforderung für dich?

Ninet Tayeb: Für mich – und ich denke, ich kann hier auch für Tomer sprechen – war das Wichtigste, ehrlich mit uns zu sein und die Zuschauer dies spüren zu lassen. Sich dauerhaft mit der Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, ist alles andere als einfach. Wichtig ist: Wir erzählen hier nicht unsere Geschichte, wir sind bloß Teil davon. Vielmehr sind dies die erlebten Schilderungen all derer, die dabei waren. Das verlangt kompromisslose Ehrlichkeit. Darüber hinaus geht es um Freundschaft und Liebe, die parallel zu einem Krieg  erblühen.

 

Tomer Kapon: Die Serie ist sehr israelisch. Sie ist eindeutig militärisch geprägt, geht aber weit darüber hinaus. Vor allem dreht sich hier viel um Freundschaft. Darum, wie man sich Herausforderungen stellt. Und natürlich ist es am Ende auch eine tragische Liebesgeschichte. Diese Vielschichtigkeit stellt einen Schauspieler vor eine  Belastungsprobe.

 

Ninet Tayeb: Wenn ich im Nachhinein erlebe, wie die Menschen auf uns zukommen … Wie dankbar sie sind, dass wir ihnen mit der Serie geholfen haben, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Ihnen ermöglicht haben, sie noch mal zu erleben – und anderen die Chance gegeben haben, zu verstehen, was diese Menschen durchgemacht haben. Dann war es das allemal wert, diese Herausforderungen anzugehen.

 

Tomer, du warst Fallschirmjäger im Kriegseinsatz. Jetzt hast du das Erlebte als Schauspieler noch mal durchlebt. Wenn du dir all die Probleme in der Welt anschaust, etwa Kriege in deiner unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch weltweit: Wie gehst du damit um?

Tomer Kapon: Ich gebe dir recht, dass sich in der Welt momentan eine Menge Scheiße abspielt. Ich bin jetzt 33 und als Soldat habe ich viel gesehen, das mich geprägt hat, nicht nur im Positiven. Wenn ich mir nun den ganzen Mist anschaue, ist mir klar, dass es Eigenverantwortung braucht, dem entgegenzutreten. Abgesehen davon gibt es nicht den einen Ansatz, Probleme und Krisen zu lösen. Zudem müssen wir lernen, mit diesen Schwierigkeiten zu leben. Es ist unerlässlich, Verantwortung für sich zu übernehmen. Was mit mir nicht funktioniert, ist Patriotismus. Der wird zu Populismus. Ein  absolutes „No-Go“. Unterm  Strich: Wir leben alle gemeinsam auf Mutter Erde.

 

Bessere Schlussworte kann es kaum geben. Ninet und Tomer, alles Gute für euch und eure Arbeit.

Tomer Kapon und Ninet Tayeb: Danke und liebe Grüße aus Israel nach Münster.

 

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Ninet Tayeb

Die 1983 geborene Schauspielerin und Musikerin gewann mit 19, noch während sie den Militärdienst ableistete, das israelische Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“, „Kochav Nolad“.

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Tomer Kapon

Der 1985 in Münsters Partnerstadt Rishon LeZion geborene Schauspieler ist außerdem Model. Er leistete ab 2006 seinen Militärdienst, wo er neben dem Abzug der Truppen aus Gaza auch am zweiten Libanonkrieg beteiligt war.

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