Stadtgeflüster-Interview: Karlheinz Steinmüller bespricht mit Dominik Irtenkauf mögliche Szenarien für Deutschland und die Welt
Blick in die Zukunft

Wer behält in der sich stets schneller drehenden Welt noch den Überblick? Ist es nicht so, dass sich unsere Zukunft in viele Zukünfte aufspaltet? Diese Fragen beschäftigen Karlheinz Steinmüller von der Agentur für Zukunftsforschung „Z_punkt“ aus Köln. Für Unternehmen, öffentliche Stellen und Ministerien forscht Steinmüller im Team an unterschiedlichen Fragestellungen, die das Morgen beeinflussen können.

Mittwoch, 06.03.2019, 11:51 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Karlheinz Steinmüller bespricht mit Dominik Irtenkauf mögliche Szenarien für Deutschland und die Welt: Blick in die Zukunft
Karlheinz Steinmüller studierte Physik und Philosophie mit anschließender Promotion. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Wie hat man sich „Zukunftsforschung“ vorzustellen?

Aufgabe der Zukunftsforschung ist, Auftraggeber bei der Langfristorientierung zu unterstützen. Wir erarbeiten Szenarien, wie die Zukunft in einem speziellen Bereich aussehen könnte, unterstützen Innovationsprozesse. Zukunftsforschung geht von der Gegenwart aus, von heute existierenden Trends und Entwicklungen. Wir sammeln beständig eine Vielzahl von Informationen darüber, was sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt ereignet, kombinieren mit den Trends bzw. Megatrends Dinge, die erst in den Plänen vorhanden sind. In Unternehmensplänen oder in dem, was in Forschungslabors geschieht, was sich politisch in der Programmatik abzeichnet.

 

Sie gehen von der Gegenwart aus, um das Künftige zu beschreiben?

Ja. In der Gegenwart gibt es viele Hinweise darauf, was in der Zukunft auf uns zukommen kann. Das müssen wir in einer systematischen Weise sammeln und bewerten. In der Regel verlassen wir uns dabei nicht auf unseren eigenen Verstand, sondern beziehen Experten ein. Natürlich wird viel recherchiert: Was gibt es an wissenschaftlichen Publikationen, was ist in den Medien? Aber eine gute Basis sind die Aussagen von Experten, die sich auf diesem Feld gut auskennen und vielleicht manche Erkenntnisse noch nicht veröffentlicht haben, weil sie denken, die Zeit wäre noch nicht reif. So sind wir auch da stets am Puls der Zeit.

 

Es gibt sicher einige Sachen, die schwer vorhersehbar sind?

Auch diese versuchen wir über sogenannte „Wild Cards“ einzubeziehen: Überraschende Ereignisse, die wir für prinzipiell möglich, aber aus heutiger Sicht höchst unwahrscheinlich halten, die jedoch eine erhebliche Wirkung entfalten könnten. Sie treten aus heiterem Himmel auf und rufen häufig unangemessene, überzogene oder verspätete Reaktionen hervor.

 

Ich denke da spontan an Katastrophen, die plötzlich auftreten können …

Die typischen Desaster sind beinahe schon zu gut berechenbar, um sie als absolute Überraschungen (Wild Card) zu nehmen. Sie sind für die, die sie treffen, selbstverständlich ein unerwartetes Ereignis der bösen Sorte, aber da kennt man gute Statistiken. Gerade, wenn ich an fürchterliche Busunfälle oder Flugzeugunglücke denke. Da wissen wir ungefähr, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass im nächsten Jahr abermals dergleichen passiert. Insofern ist so etwas eine Art „berechenbarer Zufall“. Uns interessiert allerdings auch das, was sich an Zufällen nicht berechnen lässt. Das sind beispielsweise wissenschaftliche Durchbrüche, politische Umbrüche oder Umschwünge. Für diese gibt es keine einigermaßen praktikablen Vorhersage-Methoden.

 

Können Sie Beispiele nennen?

Ich denke da an den Arabischen Frühling, der doch als eine große Überraschung kam. Legt man dieselben Indikatoren (etwa Arbeitslosigkeit unter jungen Akademikern) an, so hätten in Spanien nach der Finanzkrise ähnliche Ereignisse eintreten können wie in Nordafrika.

Trotzdem gab es keinen „Spanischen Frühling“, keine Revolte. Insofern hat ein Instrumentarium, das sich auf Statistiken stützt, nur begrenzten Nutzen.

 

Wie lösen Sie das?

 

Wir betrachten erstens das, was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Zweitens versuchen wir stets, das Element des Unvorhersagbaren, des Zufälligen mit einzubeziehen. Das können positive wie auch negative Wild Cards sein. Negative Wild Cards sind in der Regel Umbrüche oder Unglücke von einer Dimension, die weit über das normale Maß hinaus geht, wie zum Beispiel Fukushima oder die Terroranschläge vom 11. September. Das sind, statistisch gesehen, Ausreißer.

 

Das klingt jetzt alles ziemlich negativ.

Es gibt durchaus positive Wild Cards, je nach Bewertung. Für mich beispielsweise waren der Zusammenbruch des Ostblocks sowie der Fall der Berliner Mauer so eine, für Erich Honecker ganz sicher nicht. Für die meisten Menschen in der DDR war das bestimmt eine positive Überraschung. Viele hätten nicht geglaubt, dass es so kommt. Ergo: eine Wild Card. Manche technologischen oder wissenschaftlichen Durchbrüche kann man ebenfalls auf diese Weise auffassen.

 

Die Zukunft verläuft ja nicht geradlinig. Sie entwickeln immer mehrere Szenarien?

In der Regel versuchen wir, das Ganze auf drei bis fünf Szenarien herunterzubrechen, wobei sich die Anzahl aus der Problemstellung ergibt. Wir können nicht im Vorhinein versprechen: Wir konstruieren Ihnen vier Szenarien. Aber wir sind dann ganz glücklich, wenn sich nach allen Analyse- und Konstruktionsschritten drei bis fünf ergeben. Alles, was mehr ist, sagen wir mal: über sieben, wird sehr unübersichtlich. Und nur zwei Szenarien, die hätte man sich meist vorher aus den Fingern saugen können. Bei uns drückt sich die Ungewissheit der Zukunft darin aus, dass wir mehrere Zukunftsbilder, mehrere Szenarien für ein- und denselben Gegenstand entwerfen, sozusagen eine Landkarte der Zukunft.

 

Lässt sich also bereits heute etwas über die Zukunft sagen?

Vielleicht kann ich auf eine sehr spannende Initiative hinweisen, an der ich im Moment mitwirke. Sie heißt „Deutschland 2030“ oder abgekürzt: „D2030“. Eine Gruppe von Zukunftsforschern versucht herauszufinden, wie Deutschland im Jahr 2030 aussehen könnte. Dabei haben wir eine Reihe namhafter Experten eingebunden und über öffentliche Online-Umfragen interessierte Bürger beteiligt. Anfang Juli haben wir eine  Zukunftskonferenz veranstaltet, die ersten Ergebnisse zur Diskussion gestellt sowie viele Anregungen erhalten.

 

Welche Auftraggeber stehen dahinter?

Wir wollten unabhängig arbeiten, haben dafür auch Sponsoren gewonnen. Uns geht es vor allem darum, überhaupt eine Debatte über Perspektiven für Deutschland anzuregen, denn verrückterweise gibt es über alles Mögliche Szenarien, nur nicht – auf einigermaßen neutraler Grundlage – über Deutschlands Zukunft. Wir wollen so mit unseren Mitteln zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung im Land beitragen. Ein klitzekleines Bisschen. Ich möchte das jetzt nicht übersteigern.

 

Können Sie diese Szenarien noch etwas erläutern?

Einerseits könnte es ein „Weiter so!“ mit einem Leben im Hamsterrad sein, das in einer Variante sogar zu einem wirtschaftlichen Abstieg führt. Möglich ist aber auch das Eröffnen neuer Horizonte durch gemeinsame Anstrengungen und viel Engagement der Leute, wobei die Variante „Stärke durch Vielfalt“ den meisten Zuspruch im Online-Voting erhielt. Möglich wäre, dass Deutschland sich aus Gründen der Nachhaltigkeit von der Welt abzukoppeln versucht – oder sich sogar rückwärts orientiert und beinahe vollständig abschottet. Wenig wahrscheinlich, aber eine Gefahr.

 

Schreiben Sie manchmal auch Science Fiction in der Zukunftsforschung?

Mitunter ergibt sich der Glücksfall, dass ein Auftraggeber möchte, dass Szenarien nicht abstrakt dargestellt werden, sondern dass man sie anhand von handelnden Personen schildert, in Form einer kurzen Science-Fiction-Geschichte.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die ersten derartigen Szenarien haben vor vielen Jahren ein Kollege und ich für den Deutschen Forschungsdialog Futur entwickelt. Beispielsweise ging es darum, welche Möglichkeiten die Hirnforschung für die Gesundheit eröffnet. Wenn man diese bloß abstrakt schildert und sagt: Ja, Gehirnforschung bringt viel für die Bekämpfung von Demenz und anderen neurodegenerativen Erkrankungen, spricht man den Alltagsmenschen kaum an. Anders, wenn man das konkret schildert, eine Art Story dazu verfasst.

 

Was thematisiert man denn da konkret?

Wie ergeht es bestimmten Personen? Wie werden sie behandelt, wenn sie etwa durch einen Unfall querschnittsgelähmt sind? Oder wenn sie beispielsweise der Sprache durch einen Schlaganfall verlustig gegangen sind? In dem Fall könnte ein Roboter mit ihnen trainieren – ständig, mit einer Geduld und einer Zeit, die der beste Pfleger bzw. die beste Logopädin nicht besitzen. So kann man Zukunft plastisch darstellen, so kann man Möglichkeiten lebensnah schildern – und dabei Einsichten für die Forschung gewinnen.

 

Wird denn inzwischen Ihre eigene Einschätzung der Zukunft von der Arbeit als Zukunftsforscher beeinflusst?

Ich schaue vielleicht etwas mehr auf langfristige Entwicklungen als es viele andere Leute tun. Immer, wenn ich Nachrichten höre oder irgendetwas lese, ordne ich bewusst oder unbewusst ein. Ach, das ist der Trend Nummer Sowieso oder: Oh, die Entwicklung ist aber jetzt neu, die ging bislang in eine andere Richtung. Oder dass ich mir sage: Daraus könnten sich aber spannende Konsequenzen ergeben. Ich habe da schon eine gewisse professionelle Verzerrung in meiner Weltwahrnehmung.

Der Spiegel hat einmal über mich geschrieben, dass ich zu sehr Skeptiker bin, um Pessimist zu sein. Das heißt, ich bin immer ziemlich kritisch gegenüber Aussagen über die Zukunft. Zumal, wenn sie in der Form von Prognosen kommen.

 

Herr Steinmüller, vielen Dank für diesen Blick in die Zukunft.

 

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Karlheinz Steinmüller

Studierte Physik und Philosophie mit anschließender Promotion. Publiziert seit den 1980er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Angela Science-Fiction. Sein Interesse an wissenschaftlichen Fragen und der Zukunft setzt er ab 1991 in der Zukunftsforschung ein, zunächst noch in Gelsenkirchen, dann ab 1997 in Köln und Berlin (Z_punkt GmbH The Foresight Company).

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