Stadtgeflüster-Interview: Thomas Bruckner erzählt Dominik Irtenkauf, wie er nach einem Wunderdoktor suchte
Unter Heilern

Thomas Bruckner steht als Reisereporter mitten im Leben. Bei einer Routineuntersuchung kommt die Diagnose: Hirntumor.  Was tun? 

Mittwoch, 20.03.2019, 12:00 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Thomas Bruckner erzählt Dominik Irtenkauf, wie er nach einem Wunderdoktor suchte: Unter Heilern
Thomas Bruckner ist Reisereporter für Österreichs Kultmagazin „Wiener“, veröffentlichte bei Al Jazeera, im Stern und Playboy. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Bruckner entscheidet sich gegen eine OP und für eine Reise zu den Wunderdoktoren unserer Welt. Die Erfahrungen hat  er unlängst in einem Buch veröffentlicht. Das Fazit: Wichtig ist, nicht aufzugeben. Und dafür manchmal bis ans  andere Ende der Welt reisen. Man weiß nie, wo Rettung wartet.

Zunächst – wie geht es Ihnen denn heute nach der Diagnose?

Mittlerweile wieder recht gut. Erstens, weil ich nach zweieinhalb Jahren den Befund verkraftet habe. Und zweitens haben sich die Kopfschmerzen, die ich während des Buchschreibens fortwährend hatte, als Auswirkungen eines beginnenden Bandscheibenvorfalls im Halswirbelbereich herausgestellt.

 

Sie haben das Buch geschrieben und die vielen Reisen unternommen. Das war sicher mit Unannehmlichkeiten verbunden?

Ich habe es damals für mich als Ausweg gesehen, mit dem Tumor umzugehen. Ich komme jetzt aber drauf, dass diese Zeit des Buchschreibens extrem belastend für mich gewesen ist, weil ich mich ja immer wieder darauf habe einlassen müssen. Das war eine schwierige Zeit. Nach dem Buch mache ich natürlich meine Therapien und Untersuchungen, aber ich muss mich nicht mehr so einlassen. Das ist fast schon angenehmer.

 

Sie müssen sich nicht mehr auf den Befund einlassen, meinen Sie?

Wegen des Buches war ich ja ständig mit dem Tumor konfrontiert. Es hat kein anderes Thema für mich gegeben. Ich bin da hingeflogen wegen des Tumors, habe deswegen mit den Leuten dort gesprochen, habe mich hingesetzt und meine Erfahrungen mit ihm aufgeschrieben – jetzt aber mache ich wieder andere Dinge. Das heißt, ich arbeite nun an Reportagen zu diversen Themen und führe ein eher normales Leben.

 

Wie sind Sie darauf gekommen, die Alternativmedizin zu konsultieren?

Das war ein erstes Erlebnis, das Jahre zurückliegt. Damals habe ich einen Freund zu Joao de Deus begleitet. Das hat mich beeindruckt: Ich stand vor ihm, habe ihn herausgefordert. Seinerzeit war ich ja noch gesund und habe ihm gesagt: Ich glaube, Sie sind ein Scharlatan! Da hat er mir über die Stirn  gewischt …

 

Was geschah dann?

Dann hatte ich die ersten Wahrnehmungen. Ich war völlig von der Rolle, bis ich am nächsten Tag erneut zu ihm gegangen bin und sagte: Bitte, ich möchte wieder ganz normal wahrnehmen. Er hat mich Gott sei dank „zurückgebracht“! Das war ein Erlebnis, das ich nicht einordnen konnte. Solange ich gesund war, habe ich mir gedacht, ich beschäftige mich mit diesen Dingen nicht mehr. Da gibt es keine klaren Antworten.

 

Für Sie als Journalist musste das ja eine besondere Herausforderung sein?

Wenn Sie Zeuge von – nennen wir sie mal: – „ungewöhnlichen Phänomenen“ werden, was sollen Sie dazu sagen? Man kann nur schlecht erzählen, was da teilweise passiert ist. Nach dieser Tumordiagnose ist mir das wieder in den Sinn gekommen. Was war das eigentlich damals? Ein Hauptgrund war die Feststellung, dass es doch noch etwas anderes gibt. Mehr, als man rational begreifen kann.

 

Sie haben ja sich beziehungsweise Ihren Körper als  Betroffenen eingebracht.

Wenn Joao de Deus eine Veränderung bei mir geschafft hat, als ich noch gesund war, da frage ich mich natürlich: Was ist da passiert? Was können die anderen, sehen die das? So habe ich mich vorangearbeitet, immer mit der Hoffnung, jemanden zu finden, der mich heilen kann oder halt mein Bewusstsein verändert. Das ist auch passiert. Die vollkommene Heilung (natürlich) leider noch nicht, aber die Begegnungen und Reisen sind nicht spurlos an mir vorübergegangen.

 

Sie besuchten insgesamt  über 70 Wunderheiler,  habe ich gelesen.

Mittlerweile sind es noch viel mehr. Ich suche ja immer noch nach Menschen, die mir helfen können. Aber damals, als ich das Buch abschloss, waren das ungefähr 70 Heiler. Daraus habe ich mir einige ausgewählt und die Kapitel geschrieben.

 

Wie haben Sie das denn  entschieden?

Es ähneln sich oft die Typen. Daher habe ich versucht, einen guten Mix aus allen Varianten vorzustellen, jeweils einen Protagonisten. Es hätte keinen Sinn ergeben, hätte ich fünf Leute vorgestellt, die sowohl von ihrem Zugang als auch von ihrer Art her ziemlich ähnlich sind.

 

Kam es auch mal zur  Eskalation?

Ja, bei Jürgen in Bulgarien war das. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Heiler es nicht unbedingt mögen, wenn ihren Ansichten widersprochen wird.

 

Für den Heilungsprozess muss man sich wohl unterordnen – tut man das nicht, wird der Arzt beziehungsweise Heiler sagen: Anders geht es nicht!

Für uns Journalisten ist es wichtig, stets zu hinterfragen. Das war auf der einen Seite natürlich die Schwierigkeit für mich. Auf der einen Seite war ich Patient, andererseits bin ich vom Wesen jemand, der nachfragt, der interessiert ist. Plötzlich soll man das praktisch unterlassen und nur folgen.

 

Wie haben Sie das Dilemma gelöst?

Ein Heiler hat zu mir gesagt: Kommen Sie zu mir rein, Ihren Verstand packen Sie bitte in ein Säckchen und das lassen Sie draußen stehen. Lassen Sie sich völlig darauf ein, versuchen Sie nicht, es mit dem Begriffsvermögen zu analysieren. Und wenn Sie rausgehen, nehmen Sie das Säckchen mit dem Intellekt mit – dann können Sie reflektieren. Hinterher ist alles erlaubt! Das war ein guter Tipp! Später nimmt man sich eine kurze Auszeit und kann das durchdenken. Aber das ist leichter gesagt als getan!

 

Gab es Momente, wo Sie sich quasi ausgeliefert hatten?

So weit kam es nicht. Es gab ein, zwei Momente beim Joao, aber so ganz fallenlassen konnte ich mich nicht. Vielleicht beim William Nonog, aber sonst nicht!

 

Sie haben häufig die Tumordiagnose verschwiegen und von den Heilern konnte keiner den Tumor selbst feststellen?

Das war eigenartigerweise und auch ernüchternd für mich nie der Fall. Aber alles Mögliche wurde diagnostiziert. Das war irritierend: Ich bin bei kaum jemandem herausgekommen ohne eine Diagnose, die sich jedoch schulmedizinisch nie bestätigt hat. Wie Sie richtig  sagen, der Tumor als solcher wurde nie festgestellt, aber ich kann dazu schon noch was sagen.

 

Ja, bitte! Nur zu!

Bei zwei, drei Heilern war es schon so, dass die punktgenau diagnostizieren konnten, wo der Tumor sich befindet, sobald ich ihn erwähnte. Ich habe keine Erklärung, warum das so war. Das war  auch Faktum.

 

Schon erstaunlich, so ohne jegliches medizinisches Gerät!

Ich habe gesagt: „Ich habe einen Tumor. Wissen Sie, wo? Sehen Sie das?“ Dann haben sie mich irgendwo hingestellt und dann gab es eigentlich nur zwei Leute, die den punktgenau feststellen konnten. Sie haben genau an meinem Kopf gezeigt, wo er ist.

 

Einen Tumor physisch wegzubekommen, ist die eine Sache. Aber Sie schreiben im Buch, dass Sie ganz andere Dinge durch die Kontakte mit den Heilern erfahren hätten.

Durch diese Begegnungen mit den Heilern ist mein Selbstbewusstsein ein Stück weit zurückgekehrt. Viele haben gesagt: „Das hat keine Auswirkung auf Ihr Leben. Da können Sie ganz beruhigt sein.“ Einerseits war das ganz angenehm, andererseits bin ich trotz Tumor fähig, anderen Menschen Paroli zu bieten. Ich habe mich ja selbst geschwächt durch die Diagnose. Das war das Seltsame daran. Aber mit dem Tun und Machen, dass man wieder einen Schritt nach vorne macht, habe ich auch mein Selbstvertrauen zurückgewonnen.

 

Wie geht es weiter?

Es geht darum, die Situation mit meinem Tumor so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich möchte irgendwann wieder gesund sein, diese Belastung nicht mehr in mir spüren. Da komme ich schon zur Erkenntnis, dass es nur wenig Sinn ergibt, weitere hundert Heiler aufzusuchen. Ich erlebte Patienten, die sich etwa von einem Heiler zum anderen bewegen. Das ist ja Heilertourismus.

 

Also keine Heilerbesuche mehr?

Bei mir wird das so sein, dass ich den William Nonog auf den Philippinen nochmals aufsuchen werde. Er ist mir fast zum Freund geworden. Bei ihm habe ich am ehesten etwas gefunden, das man als Heilen bezeichnen könnte. Ich habe noch andere Zugänge, die ich jetzt versuchen werde. Das sind ganz verschiedene.

 

Welche Reaktionen gab es denn auf das Buch?

Wegen des Buches kontaktierten mich sehr viele Leute, die sich von mir einen Tipp erhoffen, welcher Heiler der richtige ist. Diese Menschen sind zum Teil schwer krank. Das ist eine sehr schwierige Situation für mich. Ich möchte ja keinen Ratgeber schreiben.

 

Vor allem die Verantwortung, zu sagen, gehe zu diesem Heiler hin … und dann sind sie später enttäuscht und rufen wieder an!

Genau. Oder sie fragen mich, ob sie Chemotherapie machen sollen. Das ist genau das, worauf ich nie eine Antwort geben werde. Das kann nicht ich entscheiden. Aber da ist auch spürbar, wie schnell Leute bereit wären, ihre Verantwortung abzugeben. Das würde ganz schnell funktionieren, dass man eine besondere Stellung einnimmt. Aber die will ich nicht.

 

Verständlich!

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, ob jetzt jemand Chemotherapie machen soll oder nicht. Ob der Heiler helfen kann oder nicht. Es gibt diese Klarheit eben leider nicht, die wir alle gerne hätten. Das ist der harte Tobak! Aus meiner Sicht. Das ist wieder nur mein Empfinden.

 

Ist vielleicht Selbstinitiative im Umgang mit einer solchen Diagnose wichtiger?

Ja, man muss selbst wieder aktiv werden. Sich damit auseinandersetzen, sich den Ängsten stellen. Ich denke, dass da ein Heiler helfen kann. Spontanheilungen sind selten, aber möglich. Das ist bewiesen. Was ich sagen will – man sollte versuchen, positiv zu bleiben, ehrlich zu sich sein und beim Aufsuchen von Ärzten und Heilern sich selbst nicht untreu werden.

 

Vielen Dank. 

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Thomas Bruckner

Reisereporter für Österreichs Kultmagazin „Wiener“, veröffentlichte bei Al Jazeera, im Stern und Playboy. Früherer Snowboardprofi. Nach einer Tumordiagnose bereist er die Welt auf der Suche nach dem Heiler, der ihn wieder gesund macht. Über seine Erfahrungen schreibt er im Buch „Wundersuche. Von Heilern, Geblendeten und Scharlatanen“ für den Picus Verlag.

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