Stadtgeflüster-Interview: Chiara Kucharski spricht mit Delphine Minoui über die plötzliche Bekanntschaft mit syrischen Widerstandskämpfern
Von Bücherschmugglern in Syrien

In der Provinz Daraya entsteht ein geheimer Treffpunkt für Gespräche und Literatur mit 15 000 Büchern. Delphine Minoui trägt mit ihrer Arbeit einen Teil dazu bei, dass diese Leute wahrgenommen werden. 

Mittwoch, 27.03.2019, 10:00 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Chiara Kucharski spricht mit Delphine Minoui über die plötzliche Bekanntschaft mit syrischen Widerstandskämpfern: Von Büc...
Delphine Minoui, Jahrgang 1974, ist französisch-iranische Journalistin und arbeitet unter anderem für Le Figaro, Le Soir und Radio France. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

In ihrem aktuellen Buch „Die geheime Bibliothek von Daraya“ schreibt sie über die Macht der Bücher in Zeiten des Krieges und hält fest, wie alles begann, vieles endete und so einiges weitergeht. 

Wie hast du von der geheimen Bibliothek von Daraya erfahren?

Im Herbst 2015 wurde es schwieriger, aktuelle Nachrichten aus Damaskus zu erhalten, und für Reporter wurde es gefährlicher, auf die oppositionelle Seite Syriens zu kommen. So habe ich nach Alternativen gesucht, die syrische Story zu erzählen, ohne tatsächlich vor Ort zu sein. Im Internet stieß ich auf die Facebookseite „Humans of Syria“ – und da war das Bild dieser als „geheimes Untergrund-Projekt“ beschriebenen Bibliothek.

 

Was ist zu sehen?

Zwei Männer stehen in einem kleinen, dunklen Raum, umgeben von Wänden aus Büchern. Keine Fenster. Keine Türen. Es war paradox, diese Gegensätze zu sehen: eine Stadt mitten im Krieg und gleichzeitig so ein friedvolles Bild, auf dem es um den Schutz von Büchern geht. Da wollte ich mehr erfahren.

 

Wie ging es weiter?

Ich suchte Kontakt zu den Organisatoren der Facebookseite, die mich mit Ahmad, dem Mitbegründer der Bibliothek, verknüpften. Mit ihm und den anderen konnte ich per Skype und Messenger über die Bibliothek und den Krieg sprechen.

 

Was veranlasst Ahmad und Co., sich in Zeiten des Krieges um Bücher zu sorgen und ihre Leben mehr als ohnehin zu riskieren? 

Ja, das ist überraschend. Sie begannen, durch die zerstörten Häuser, Moscheen und Schulen zu gehen, und entdeckten unter den Schutthaufen eine Menge Schriftgut. Ihnen wurde klar, dass sie diese Überbleibsel ihrer Stadt und Kultur aufbewahren wollten. So begannen das geheime Sammeln und auch der Wunsch zu zeigen, dass die Revolution nicht ausgerufen wurde, um zu zerstören, sondern um etwas Neues zu schaffen.

 

Konntest du mit den Organisatoren oder Besuchern genauer über diese Bücher sprechen? 

Ja, sie erhielten eine enorme Vielfalt an Büchern, die auch die Demokratie zeigten, die sie kreieren wollten. Darunter fanden sich religiöse, politische, sozialwissenschaftliche Werke. Romane, die von der Regierung verboten wurden. Bände, die die Besitzer heimlich in ihren Häusern versteckt hatten. Aber auch solche, die wir in der westlichen Welt kennen.

 

Hast du Beispiele? 

Da gab es zum Beispiel neben „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry und „Der Alchimist“ von Paolo Coelho auch einen Selbsthilfe-Ratgeber „Die 7 Wege zur Effektivität“ von Stephen Covey. Überraschenderweise wurde dieser internationale Bestseller zu einem ihrer Lieblingsbücher.

 

Und was hat sie an dem Buch fasziniert?

Es gab ihnen Tipps, sich zu organisieren, Selbstmanagement zu entwickeln. Um am Leben zu bleiben, sich nicht zu radikalisieren oder depressiv zu werden. Aber es diente auch als Vorbereitung auf die Zukunft. Für die Zeit, wenn der Krieg vorbei ist. So wollten sie nicht all ihre Zeit während des Krieges vergeuden.

 

Wenn es öffentlich bei Facebook erschien: Wurde das Projekt geduldet oder gab es Widerstand? 

Auf Facebook wurden keine Indizien wie Hinweise auf Ort und Namen bekannt gegeben. Seit 2011 hat das Regime vor allem zivile Gruppen attackiert, Schulen und Krankenhäuser. Wäre der Ort der Bibliothek bekannt geworden, sie geriete möglicherweise zur Zielscheibe. Eines Tages wurde die Bibliothek auch tatsächlich von Bomben getroffen. Sie mussten sehr vorsichtig sein.

 

Was gibt dir als Journalistin die Sicherheit, dich vor falschen Informationen schützen zu können, wenn du dir nicht selbst ein Bild vor Ort machen kannst?

Es war riskant, weil ich bei anderen Berichten immer in die Gebiete gereist bin, nach Afghanistan, in den Irak. In diesem Fall habe ich viele Interviews geführt, via Skype, per WhatsApp und musste die Informationen dadurch gegenprüfen, um sicherzugehen, dass diese Leute nicht radikal und keine Islamisten sind.

 

Und doch musstest du dich  in politisch aufgeladenen Zeiten auf die Erzählungen Einzelner verlassen?

Ich habe sie nach Bildern und Videomaterial gefragt. Nach Monaten und Jahren konnte ich die Fragmente zusammenlegen. So kam ich zu dem Entschluss, dass diese Leute die Bücher als Waffe benutzen. Solche Leute können keine Extremisten sein.

 

Okay …

Als ich in den Endarbeiten meines Buches steckte, wurden sie aus Daraya nach Idlib evakuiert. Eine Provinz, sehr nah an der Türkei. Sie konnten die Grenze überqueren und wir uns persönlich kennenlernen. Da konnte ich mich einmal mehr vergewissern, dass sie keine potenziellen Terroristen sind.

 

Die meisten Männer, mit denen du gesprochen hast, sind Mitglieder der Freien Syrischen Armee. Um welche Ziele geht und ging es?

Ja, die Leute, die diese Bibliothek besuchten, waren nicht nur Zivilisten, sondern auch Kämpfer. Bücher waren für sie der Halt, Mensch zu bleiben, nicht zu kollabieren. Sie waren eigentlich junge selbst ernannte Kämpfer. Vor der Revolution waren es überwiegend Studenten, die ihre Stadt und die Bewohner schützen wollten. Es ging ursprünglich ums Demonstrieren, nicht ums Kämpfen um zu kämpfen.

 

Wie haben sie auf kritische Fragen deinerseits reagiert? Oder bei Erwähnung von Assad?

Sie hatten den Wunsch nach einer anderen Regierung. Sie sind unter einem freiheitsbeschneidenden Regime aufgewachsen. Unter Zensur, Gewalt, Ideologie. Ihre Opposition war ihre Art zu zeigen, dass sie etwas anderes wollen. Es ging nicht um Sturheit, sondern darum, Debatten zu fördern. Das wollte ich mit dem Buch zeigen.

 

Was hast du bis jetzt an  Resonanz auf dein Buch  bekommen? 

Es ist vor einem Jahr in Frankreich erschienen und hat viele schöne Reaktionen hervorgerufen. Und das in einer Zeit, in der die Leute genug von immergleichen Meldungen aus Syrien haben. Es gab Solidarität bei den Lesern, nicht nur in Frankreich, auch jetzt nach Erscheinen des Buches in Deutschland. Medien und NGOs helfen. Das ZDF hat eine Sendung gemacht und zur Unterstützung aufgerufen.

 

Du erwähntest, dass die Untergrundbibliothek mittlerweile zerstört und die Leute evakuiert wurden. Wie geht es weiter?

Jetzt in Idlib gibt es ein neues Projekt, eine mobile Bibliothek mit einem Minibus. Und Leute aus Frankreich und Deutschland helfen mit Büchersendungen. Die NGOs in der Südtürkei waren so überladen mit Büchern, das war wunderbar. Durch Bücher können wir viel erreichen, nicht nur Bildung.

 

Idlib ist momentan verstärkt als letzte syrische Rebellenhochburg in den Medien. Du hast kurz vor unserem Interview mit Shadi, einem deiner Kontakte, geskypt. Was berichtet er?

Leider spitzt sich die Situation in Idlib immer mehr zu. Durch aktuelle politische Vereinbarungen des Irans, Russlands, der Türkei und Syriens etc. konnte ein Blutbad vermieden werden. Das heißt nicht, dass es sicher ist, weil plötzlich die „moderate“ Opposition und Bürger zwischen zwei Positionen stehen.

 

Zwischen …

… der Regierung, die immer mehr Teile Idlibs unter die Kontrolle bringen will, und den Dschihadisten, die ihre eigenen Regeln durchsetzen wollen. Ein Freund von mir, Raed Fares, ein einflussreicher Aktivist in Syrien, wurde vor Kurzem in Idlib von extremistischen Gruppen erschossen, weil diese Gruppen keine friedliche Gegenwehr dulden. Also es ist immer noch brutal.

 

Wie möchtest du dein Buch verstanden wissen? Ein Aufruf gegen Ungerechtigkeit?  Dokumentation?

Ich sehe es als ein Denkmal aus Papier. Daraya wurde zur Geisterstadt. Es ist ein Versuch, die Dinge durch das Buch unsterblich zu machen. Und ich möchte die unglaubliche Arbeit der jungen syrischen Generation festhalten, von denen viele Opfer bringen mussten und einige gestorben sind. Zum Beispiel Omar, den ich in dem Buch erwähne. Ich hoffe, ich kann seiner Schwester, die nun im Libanon lebt, eines Tages dieses Buch geben.

 

Würden diese Leute im  Nachhinein sagen, dass  es die Sache wert war? 

Ja, die viele Zerstörung, die Toten. Das habe ich sie auch gefragt. Doch sie sagen, das, was nun passieren kann, kann nicht schlimmer sein als das, was sie bereits erlebt haben. Auch wenn die Dschihadisten viele Teile eingenommen haben. Und wenn man gegenüberstellt, wie viele Leute durch den Widerstand und wie viele durch das Regime getötet wurden, steht es in keinem Verhältnis.

 

Hast du eine Größenordnung?

500 000 Tote, die Hälfte der Bevölkerung des Landes musste umziehen oder ist in andere Länder geflüchtet. Das Hauptziel ist, sich von Assad freizumachen, weil er ihrer Meinung nach der Grund für all das ist. Also ja, das war es wert, sagen sie. Auch weil sie keine Angst mehr haben, ihre Stimme zu erheben. Dass sie für mein Buch ihre wirklichen Namen nennen, zeigt, dass sie bereit sind, hinter ihrem Handeln zu stehen.

 

Du hast über viele Krisengebiete geschrieben, warst im Iran und in Libyen. Hat dich dieses Projekt um den syrischen Krieg in irgendeiner Form verändert?

Ja, der syrische Krieg hat ein maximales Ausmaß an Gewalt. Der Iran, auch als nicht-demokratisches Land, ist nie so brutal zu seiner eigenen Bevölkerung gewesen. Jetzt in Syrien habe ich täglichen Kontakt zu Personen gehabt. Man schlägt sich Nächte um die Ohren, um via Chat zu hören, ob es ihnen während konstanter Bombardierungen der Stadt gutgeht. Es wird Teil deines täglichen Lebens und du kannst es nicht einfach vergessen.

 

Danke für das ausführliche Gespräch.  

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Delphine Minoui

Delphine Minoui, Jahrgang 1974, ist französisch-iranische Journalistin und arbeitet unter anderem für Le Figaro, Le Soir und Radio France. Sie gilt als Nahost-Expertin und wurde 2006 für ihre Artikelserien über den Irak und den Iran mit dem „Albert-Londres-Preis“ ausgezeichnet. Aktuell lebt sie in Istanbul.

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