Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant lässt sich von Steven Goldstein erzählen, warum er zum Kiepenkerl wurde
Ein Kerl wie Münster

Der aktuelle Monat bringt Münster einen traurigen Gedenktag. Am 7. April letzten Jahres fuhr ein offenbar psychisch labiler Mann mit  einem Kleinbus in die Menschenmenge am Kiepenkerl-Denkmal. Vier Menschen starben, über 20 weitere wurden verletzt, Münster trauerte. Steven Goldstein trauerte mit – und besann sich darauf,  dass er bereits als Schüler die Kiepenkerl-Montur im Mühlenhof-Museum getragen hatte. Nun trägt Goldstein sie dort wieder. 

Mittwoch, 03.04.2019, 12:09 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant lässt sich von Steven Goldstein erzählen, warum er zum Kiepenkerl wurde : Ein Kerl wie Münster
Steven Goldstein ist gelernter Bankkaufmann und Business Coach. Ehrenamtlich arbeitet er als Museumsführer (Kiepenkerl) im Mühlenhof-Museum. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Herr Goldstein, ich habe mich das öfter gefragt: Wie wird man Kiepenkerl?

In meinem Fall steckt eine Geschichte dahinter. Ich bin ja in Münster aufgewachsen, an der Sentruper Höhe, und besuchte die Erich-Klausener-Realschule. Es muss so um 1984 gewesen sein, da arbeitete ich bereits im Mühlenhof-Museum.

 

Als Kiepenkerl?

Nein, im Bienenhaus. Damals konnte ich viel über die Bienen erklären und den Besuchern zeigen. In Kiepenkerl-Montur lief ich damals durchaus übers Museumsgelände, allerdings nicht, um Führungen zu machen – nur als „Fotomodell“. (lacht)

 

Ihre aktuelle Tätigkeit auf dem Mühlenhof-Gelände hängt aber mit dem tödlichen Anschlag von vor einem Jahr  am Kiepenkerl-Denkmal  zusammen, oder?

Ja – dazu komme ich gleich. Wie die Geschichte so spielte, zog ich als Erwachsener aus Münster weg, „schwirrte“ jedoch im Umland um meine alte Heimatstadt herum. Einige Zeit habe ich in Sendenhorst gelebt, später in Greven. Im letzten Jahr habe mich beruflich neu orientiert – vom Business Coaching hin zum Bereich transkulturelles Coaching.

 

Münster war also ein  Heimat-Anker für Sie …

Genau. Das Zurückkommen war immer schön, und ich habe, wenn ich in Münster war, auch stets Bekannte getroffen. Im März letzten Jahres habe ich eine schöne neue Wohnung in Gremmendorf gefunden und bin zum Glück wieder nach Münster zurückgezogen.

 

Und kurz darauf kam dieser furchtbare Tag im April. Wie haben Sie den erlebt?

Ich war vormittags wie so oft wegen des Wochenmarktes in der Stadt. Weil das Wetter so schön war, beschloss ich, einen Balkon-Tag einzulegen – mit Zeitunglesen und einem kühlen Weizenbier, nebenher Radio hören. Da fiel mir dieser spezielle Ton auf, der mir anzeigte, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Auch die Einsatzfahrzeuge nahe den Loddenbüschen konnte ich hören.

 

Und dann?

Obwohl der Anschlag natürlich ganz Münster aufwühlte, fragte ich mich: Warum bist du davon eigentlich so betroffen? Plötzlich dämmerte es mir: Ich war ja früher selber einmal Kiepenkerl! Den Platz besuchte ich dann wie viele andere Menschen auch, zündete eine Kerze an.

 

Ist der Ort für Sie seit dem Anschlag ein anderer, „blutiger“ Platz geworden?

Nein, vom Gefühl her nicht. Vor allem tat mir die Mannschaft des Restaurants leid  – und natürlich alle Betroffenen, klar. Ich gucke zur Statue seitdem immer herauf, weil es eben eine Symbolfigur ist. Und ich möchte der Stadt einfach etwas zurückgeben. Eine Zeitlang gab es ja die – wie sagt man? – „Erlebnistouristen“, die den Ort des Anschlags aus Sensationslust begutachten wollten. Da sagte ich zu den Besuchergruppen im Mühlenhof immer: „Macht das nicht, aus Anstand!“

 

Seit einiger Zeit ist dort eine Gedenkplakette am Boden angebracht.

Ich finde die Plakette dezent und gelungen. Übrigens habe ich bei einer Fortbildung eine junge Frau aus Syrien kennengelernt – ich bin ja ausgebildeter Coach. Sie sagte mir, dass sie große Probleme hätte, die Eindrücke des Anschlags zu verarbeiten, weil ihre Kriegserlebnisse hochkamen. Sie saß zwar damals nicht direkt auf dem Platz, hat aber alles mitbekommen.

 

Wie war es denn nun, die alte Kiepe wieder auf die Schultern zu nehmen?

Das Anzünden der Kerze löste in mir seinerzeit den Impuls aus, den Mühlenhof wieder einmal zu besuchen. Mein Weg führte mich auf dem Gelände auch in das Mühlenhaus, das in diesem Jahr 400 Jahre alt wird. Dort war gerade zufällig ein Kiepenkerl anwesend. Mit dem kam ich ins Gespräch – nach dem Motto: „Wie geht es so? Seid ihr zufrieden?“ Zuvor hatte der Mühlenhof nämlich für viele negative Schlagzeilen gesorgt. Wegen der dramatischen Finanzsituation, die sich aber inzwischen gebessert hat.

 

Das habe ich gelesen.

Ich erzählte dem Kiepenkerl also, dass ich früher als Schüler bereits mitgearbeitet hätte. Sofort kam die Frage, ob ich nicht wieder einsteigen wolle. Und das, obwohl ich ja seinerzeit nur als Symbolfigur fungierte.

 

Jetzt sind Sie ein „richtiger“ Kollege, der auch Führungen machen darf.

Ganz genau. Mir gefiel besonders die Einarbeitung, das Mitgehen mit den Älteren: Was erzählen die zu den einzelnen Gebäuden? Welche Geschichten gibt es? Es sind vor allem viele Sprichwörter oder Redewendungen, die sich bei den Führungen schön visualisieren lassen.

 

Zum Beispiel?

„Leg mal einen Zahn zu!“ – Die Redewendung zeige ich immer im Gräftenhof an der Feuerstelle. Da hängen so zwei Kessel an Apparaturen, die wie Sägeblätter aussehen. Damit kann man die Kessel rauf und runter fahren. Wenn in den alten Zeiten der Bauer Punkt zwölf vom Feld kam und sich alle zum Mittagessen versammelten, war der Appetit natürlich groß. Wenn dann das Essen noch nicht auf dem Tisch stand, rief der Bauer seiner Frau zu: „Mensch, leg mal ‘nen Zahn zu – ich hab‘ Hunger!“ Das bedeutete, dass der Kessel einen Zahn näher zum Feuer runtergefahren wurde.

 

Wie viel Arbeitszeit fällt für Sie im Monat an?

In den Wintermonaten ist es ruhig. Das zeigt sich jetzt gerade wieder. Morgen hätte ich zwei Schulklassen gehabt – die leider wieder abgesagt haben. In den Sommermonaten hingegen sind durchaus so bis zu drei, vier Mal in der Woche Führungen. Die müssen Interessierte vorab buchen, viele Vereine sind dabei. Donnerstag kommt zum Beispiel die Polizeigewerkschaft, so vielfältig ist das Publikum – und das ist das Schöne: Ich treffe viele unterschiedliche Menschen.

 

Da müssen Sie bestimmt  flexibel „switchen“ …

Ja – bei Schulklassen versuche ich zum Beispiel immer, einen Vergleich zu ziehen: Wie lebten die Kinder im Gegensatz zu heute? Ich sage dann: „Versetzt euch mal 300 bis 400 Jahre zurück – kein Strom, kein fließend Wasser, keine Playstation!“ Mir geht es darum, dass die merken: Es gab mal eine andere Zeit. Die meisten Menschen lebten hier im Münsterland als Bauern, und die erste Kinderpflicht war zu helfen. Deshalb gibt es ja auch noch den Begriff „Kartoffelferien“: Sobald die Ernte anstand, musste die Schule ausfallen.

 

Ihr Job ist also nur für Leute geeignet, die bereits in Rente sind oder einen flexiblen „Brot-Job“ haben, oder?

Ja. Der Mühlenhof hat sich deshalb auch gefreut, dass ich mich gemeldet habe. Diese Flexibilität habe ich mir geschaffen, die bestand vor zwei, drei Jahren noch nicht. Das bedeutet auch öfters Wochenendarbeit, klar …

 

Wie viele Kerle sind denn im Mühlenhof-Pool?

Im Kern nur zehn. Es gibt kaum Nachwuchs, deshalb werde ich auch öfters gefragt: „Kennst du vielleicht noch jemanden?“ Der älteste Kollege ist weit über 80, ich bin mit 45 der Jüngste. Zwei haben aus Altersgründen im letzten Jahr aufgehört. Manchmal mussten wir schon Wochenendtermine absagen.

 

Welche Art Kiepenkerle sind denn außerhalb des Mühlenhofs unterwegs?

Mir ist bekannt, dass man solche Kollegen im Stadtgebiet buchen kann. Genaueres weiß ich aber nicht – allerdings habe ich neulich bei einer Recherche „Die singenden Kiepenkerle“ aus Nottuln entdeckt; ein Duo, das vorwiegend plattdeutsche Lieder singt.

 

Wann war eigentlich der letzte „echte“ Kiepenkerl in Münster unterwegs?

Oh, zufällig letzte Woche hatten wir einen Vortrag von einer WWU-Professorin, in dem diese Frage aufkam: Wann und wo taucht der Kiepenkerl nachweislich auf? Das ist schwer rauszufinden. Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts datieren die ersten Fotos und Dokumente. Es waren in jedem Fall bodenständige Menschen mit wenig Geld.

 

Wanderhändler eben.

… und die hatten einen harten Job. Die große Kiepe war sehr schwer.

 

Wie weit sind die denn pro Tag gelaufen?

Ich denke, so fünf bis 15 Kilometer waren keine Seltenheit. Und die Kiepe war voll, sonst lohnte sich das nicht. Daher der Stock zum Abstützen. Der Handel war jedoch nur ein Aspekt von vielen.

 

… denn außerdem ging es ums Weitererzählen von  wichtigen Neuigkeiten  oder Tratsch!

Eben. So ein Kiepenkerl hat für Unterhaltung gesorgt, durfte manchmal über Nacht bleiben. Und dem wurden Löcher in den Bauch gefragt: Was passiert denn so im Dorf? Die Bauern hatten ja keine Freizeit. So fungierte er wie eine Zeitung. Er berichtete auch von anderen Höfen – wer hat geheiratet, etc. Die Kiepenkerle waren jedoch keine angesehen Leute wie der Lehrer oder Pfarrer. Aber zu ihren Aufgaben gehörte auch die Heiratsvermittlung. Da sage ich der Jugend immer: „Bauer sucht Frau gab’s damals schon!“ (lacht) Denn welche Möglichkeiten zum Kennenlernen gab es denn sonst?

 

Wann endete diese Tradition?

Das hat die erwähnte Professorin nicht so konkret gesagt. Irgendwann gab’s einfach einen Punkt, da wurde das Ganze nicht mehr nachgefragt, das hatte auch mit den frühen Tante-Emma-Läden zu tun, sowie mit stärker aufkommenden Kutschen. So ab den späten 1950-er Jahren hat es sich nicht mehr rentiert …

 

Der Kiepenkerl ist ja ein Symbol für unsere Stadt. Im Krieg mutierte er sogar zum Durchhaltesymbol, weil er zwischen den zerbombten Häusern lange Zeit einsam und „heldenhaft“ stehen blieb. So wurde die Statue sofort zur Propaganda missbraucht.

Das hat die Professorin auch erzählt. Am Ende hat es ihn dann doch noch getroffen.

 

Beim Stichwort Propaganda landen wir ja – zynisch gesprochen – auch beim Thema Marketing. Schon unter OB Tillmanns Ägide sagten die Stadtoberen: „Wir wollen weg von Münsters Kiepenkerl-Image – zu altmodisch!“

Vielleicht war das zu dieser Zeit so. Wenn ich aktuell aber so durch die Marketing-Brille auf die Stadt gucke, bemerke ich, dass die Figur sehr wohl genutzt wird. Natürlich durch die beiden Restaurants, aber es gibt auch eine Immobilienfirma, die den Namen verwendet, zudem die Kiepenkerl-Bäckerei. Sogar neue Start-up-Firmen – zum Beispiel ein junges Unternehmen für Lastentransporte („Leezen-Kiepe“), das sich entschieden hat, die Figur zu verwenden. Auch war just unser aktueller Oberbürgermeister Markus Lewe am Rosenmontag als Kiepenkerl verkleidet. Also: So angestaubt kann die Figur doch nicht wirken!

 

Es gab auch mal eine Firma, die mit T-Shirts und dergleichen eine „Kiepenkaline“ etabliert hat.

Genau, von denen habe ich ein Shirt und ein Poster gekauft. Eine Comicfigur als Kiepenkaline auf den Markt zu bringen – diese Modernisierung fand ich toll. Ich hab‘ bei meinen Führungen übrigens noch nie erlebt, dass ein Gast sagte: „Das war aber dröge …“ (lacht). 

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Steven Goldstein

Wer die Begriffe „Key Account Manager“ oder „Marketingmanager“ hört, denkt sicher nicht an einen, der sich die Kiepe umhängt und im Mühlenhof-Museum Führungen macht. Doch genau das tut Steven Goldstein, der das Bodenständige und die Finanzwelt in sich vereint. Der 45-Jährige ist gelernter Bankkaufmann und Business Coach. Außerdem arbeitet er als Nebendarsteller in Filmproduktionen von filmpool entertainment GmbH, Köln-Hürth. Ehrenamtlich arbeitet er als Museumsführer (Kiepenkerl)  im Mühlenhof-Museum.

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