Interview mit Waldemar Korte
Häuser aus dem 3-D-Drucker

Münster -

Die Zukunft ist jetzt - das gilt auch für den Hausbau. Architekt Waldemar Korte baut aktuell ein Haus - oder besser gesagt: Er druckt es. Das Haus wird das erste bundesweit, das von einem Drucker errichtet wird.

Dienstag, 23.03.2021, 16:01 Uhr
Interview mit Waldemar Korte: Häuser aus dem 3-D-Drucker
Architekt Waldemar Korte setzt beim Hausbau auf eine neue Technologie: Beton aus dem Drucker. Foto: Thorsten Kambach

Chiara Kucharski befragt den Architekt Waldemar Korte in Sachen neuester Zukunftstechnologien in Architektur und Hausbau. Denn in Beckum im Münsterland gibt es mit folgendem Projekt eine bundesweite Neuheit: Hier wird aktuell das erste Einfamilienhaus Deutschlands aus dem 3D-Drucker gebaut, pardon gedruckt.

Braucht das 3D-Druck-Projekt mehr Zeit als Ihre üblichen Bauprojekte?

Definitiv. Das hat einerseits mit der Entwicklung des 3D-Betondrucks an sich zu tun, weil es eine komplett andere Bauweise ist. Zum anderen gibt es viel mehr Rummel. Man hat da schon zu bis 30 Prozent des Tages mit dem Projekt zu tun, selbst wenn vor Ort gerade nichts stattfindet. Das Interesse ist groß, aber das ist schön. Wir wollen ja auch, dass die Bauweise vorangebracht wird.

Viele kennen sicherlich nur den Papierdrucker gut. Wie kann man sich so einen 3D-Drucker vorstellen?

Der 3D-Drucker für den Betondruck ist ganz gut vergleichbar mit den herkömmlichen Kunstoff-3D-Druckern. Das kleine Gerät fährt über das Bauteil, das gedruckt werden soll und legt Kunststoffschlangen aufeinander ab. Bei dem Betondrucker ist es nicht anders. Wie ein großer Portalkran fährt er über die gesamte Baustelle und den Grundriss und legt Betonspuren ab. Eine Spur ist sechs Zentimeter breit und zwei Zentimeter hoch. Durch die wächst dann quasi die Wand.

Fallen Materialien weg oder geht es hier nur um ein anderes Verfahren?

Das geht nicht mit Standardmaterial. Es muss spezieller Druckmörtel auf Zementbasis sein, der bestimmte Eigenschaften hat, gut pumpbar ist und sehr schnell die Form behält.

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Haben Sie diese Technologie entwickelt?

Diese Technologie ist nicht neu von uns entwickelt worden. Seit vielen Jahren wird die auch an Unis und Fachhochschulen entwickelt. Aber es ist das erste Mal, dass wir diese Technologie in Deutschland auf den Markt bringen und auch wirklich an einem Wohngebäude anwenden.

Wie kam es zu der Umsetzung?

Für das gesamte Projekt gibt es ein großes Team. Das besteht eigentlich aus drei Hauptprotagonisten. Das ist die Firma Peri, die den Drucker liefert. Dann die Firma Heidelberg Cement, die den Druckmörtel liefert, und wir als Büro Mense-Korte, die die Gebäude- und Tragwerksplanung liefern. Gleichzeitig bin ich aber auch mit drei anderen Leuten mit der Firma Hous3Druck dabei, die als Bauherr fungiert.

Was ändert sich für Sie als Architekten, wenn der Hausbau maßgeblich von der Maschine übernommen wird?

Für uns Architekten ändert sich, dass wir noch umfassender und genauer planen müssen. Man kann so ein Gebäude nur komplett dreidimensional planen. Und dann muss dieses 3D-Gebäudemodell, das wir in unserer Zeichnungssoftware entwickeln, alle Informationen schon vorab beinhalten.

Was wäre das?

Wo ich meine Aussparungen habe, wo die Elektro- oder Wasserleitungen herlaufen, das muss alles vorher klar sein. Diese Vorgaben gehen dann an die Maschine und werden realisiert. Es braucht also eine umfassende Planung. Das ist natürlich schon besonders und fordert uns als Planer heraus. An der Baustelle selbst verrichtet die Arbeit, also das Wände-Errichten, dann die Maschine und muss dann nur noch von maximal zwei bis drei Personen begleitet werden.

Es sind also eher Architekten und IT-Fachleute vor Ort als Maurer?

Der Architekt müsste eigentlich gar nicht mehr vor Ort sein. Wir waren jetzt dabei, um alles komplett abbilden zu können, aber ansonsten ist es nur noch Arbeit im Vorfeld. Statt IT-Fachleuten waren in diesem Fall tatsächlich nur Ingenieure an der Baustelle, aber es soll schon so sein, dass der Bauarbeiter in der Lage ist, so eine Maschine zu steuern. Hierfür braucht es geschultes Personal, welches zurzeit auf dem Markt noch nicht verfügbar ist.

Also wird Personal reduziert?

Im Grunde genommen sind im Planungsablauf die gleichen Mitspieler, wie wir es sonst auch haben. Was jetzt anders ist, ist in der Umsetzung des gedruckten Bereichs, also in der Herstellung der Wände. Im Druck können wir Personal reduzieren. Das ist aber nicht unbedingt negativ zu verstehen, weil uns das qualifizierte Personal an der Baustelle einfach fehlt.

Fachkräftemangel?

Wir haben in der Branche kaum Facharbeiter im Bereich Maurer, Betonbauer. Da wird es schon schwierig sein, diese zwei Stellen, die wir brauchen, überhaupt zu besetzen. Von daher lösen wir eigentlich das personelle Problem, das wir auf dem Bau an der Stelle haben. Es entsteht natürlich ein Berufsfeld eines Bauarbeiters, der aber viel technikaffiner sein muss. Das spricht sicherlich die Jugend mehr an, wenn mehr Digitalisierung im Spiel ist.

Wie schnell druckt sich das Haus?

Da kann ich nur für jedes Gebäude im Einzelnen sprechen, weil es sich je nach Aufwand des Gebäudes anders auswirkt. Das Projekt in Beckum hat viele Rundungen, hat eine freie Geometrie, ist also schon sehr speziell. Ich rede jetzt mal nicht vom Erdgeschoss, weil da zu Anfang noch sehr viel zu lernen war. Das Obergeschoss ist für die Bauweise repräsentativer, das haben wir in sechs Tagen gedruckt, das sind effektiv 50 Druckstunden.

Hui. Wie viel schneller ist das im Vergleich zu sonst?

Das wäre in herkömmlicher Bauweise bei diesem Gebäude mindestens das Dreifache. Eine extreme Zeitersparnis, definitiv. Man muss dazu sagen: Wir drucken ja nicht nur die Wände, sondern auch die Fassade direkt mit. Auch Steckdosen setzen wir direkt mit ein und befüllen die Zwischenwände mit einer Schüttdämmung, das ist noch mal ein Zeitvorteil.

Also ein neuer Trend? Würde das im Miet- oder Kaufpreis erschwinglich werden?

Davon sind wir absolut überzeugt. Bei diesem Projekt haben wir geschafft, es kostenneutral zur herkömmlichen Bauweise herzustellen. Weil dieses Haus in der üblichen Bauweise teuer wäre – muss man fairerweise dazu sagen. Wo wir jetzt hinmüssen, ist, dass wir auch bei Standard-Gebäuden wirtschaftlicher werden und uns mit herkömmlichen Bauweisen vergleichen können.

In der Menge steckt dann noch mehr Potenzial?

Wir sehen sehr viel Potenzial. Einmal im Material, das wir einsparen können, aber auch mit dem Drucker selber, in der Baustelleneinrichtung, sodass wir in ein bis zwei Jahren das Ganze auch dem gewöhnlichen Häuslebauer zu einem marktüblichen Preis anbieten können.

Gibt es auch negative Aspekte, wofür Lösungen gefunden werden müssen?

Als Nachteil sehe ich eigentlich rein die Einschränkung, dass man nur einen gewissen Typus an Gebäuden abbilden kann. Eine gewisse Größe. Ich kann mich mit diesem Drucker nicht in Münster in eine Baulücke stellen und die Baulücke schließen. Dafür nimmt die Baustelleneinrichtung zu viel Platz ein. Den Drucker kann ich dort nicht installieren, dann komme ich nicht mehr links und rechts an die bestehenden Gebäude heran.

Wie viel Platz braucht man?

Links und rechts mindestens drei Meter vom Gebäude. Das ist nicht viel, aber in Baulücken mit einer geschlossenen Bauweise geht es eben nicht. Ansonsten können wir über eine Breite von 15 Metern momentan auch nicht hinaus. Breiter als 15 Meter sollte das Gebäude nicht sein, kann aber beliebig lang sein, weil wir den Drucker dort modular erweitern können.

Müsste man größere Drucker herstellen?

Ich glaube, das macht gar nicht so einen großen Sinn. 15 Meter sind schon eine ordentliche Gebäudetiefe. Wenn es noch größer würde, würden Schwingungen dazu kommen und dann könnte man nicht mehr genau arbeiten. Wenn es wirklich große Komplexe sind, sind diese meistens sehr lang, aber nicht so breit. Eine weitere Einschränkung liegt momentan in der Höhe, die bei drei Geschossen limitiert ist.

Wird man 3D-Druck-Häuser in ihrem Erscheinungsbild in Zukunft mit diesen markanten Rillen von anderen Häusern unterscheiden können?

Wenn man es sichtbar lassen möchte definitiv. In Beckum werden wir es sichtbar lassen, um auch ablesbar zu lassen, was wir da gemacht haben. Wenn wir alles verputzen würden, könnte es alles sein, dann sieht man den Betondruck nicht mehr. Ich glaube allerdings schon, dass viele Leute es verputzen werden, weil es nicht jedermanns Geschmack ist.

Ist es das einzige typische Merkmal?

Man kann es höchstens noch an den freien Formen sehen. Denn da gibt es nicht mehr den limitierenden Punkt, dass es teurer wird, wenn man sich Rundungen im Bau wünscht. Im Betondruck spielt das keine Rolle, die Herstellungskosten sind gleich hoch. Da ist der Vorteil, dass wir wieder mehr Vielfalt in der Architektur sehen können und nicht immer nur 08/15-Kisten bauen müssen.

Bei der Einrichtung ist das sicherlich eine Herausforderung, oder?

Ja, obwohl wir uns im Innenraum schon darauf konzentrieren, möglichst viele rechte Winkel zu schaffen, um es auch ganz herkömmlich möblieren zu können. Es wäre natürlich kein Thema gewesen, alles rund zu machen. Aber da kommt sicherlich der große Aha-Effekt, wenn man das Gebäude möblieren muss. Da sind wir als Planer gefragt, das richtige Mittelmaß zu finden, dass es spannend, aber immer praktikabel ist.

Danke und viel Erfolg weiterhin!

Zur Person

Waldemar Korte ist Architekt M. A. und Büroinhaber des Planungsbüros Mense-Korte ingenieure + architekten in Beckum. Studiert hat er Architektur in Münster. Bei diesem Vorreiterprojekt ist er sowohl als Planer als auch als Bauherr mit seiner neu gegründeten Firma Hous3Druck beteiligt. Sobald das 3D-Druck-Haus fertiggestellt ist, wird es nach Terminvereinbarung zu besichtigen sein.

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