Interview mit Sissi Perlinger
Die Welt den Müttern

Münster -

Sissi Perlinger ist eine Art Gesamtkunstwerk. Sie singt und spielt, witzelt und tanzt, konzipiert ihre eigenen Shows bis hin zu den Kostümen. Nach 15 Jahren Schauspiel-Abstinenz kehrte sie nun ins Fernsehen zurück.

Dienstag, 06.04.2021, 12:00 Uhr aktualisiert: 06.04.2021, 18:18 Uhr
Das Gesamtkunstwerk Sissi Perlinger ist nach längerer Pause wieder als Schauspielerin zu sehen: in der
Das Gesamtkunstwerk Sissi Perlinger ist nach längerer Pause wieder als Schauspielerin zu sehen: in der Foto: Thorsten Kambach

Zu sehen ist Sissi Perlinger in der ZDF-Serie „Kanzlei Berger“. Dort übernehmen nach einem Herzinfarkt des Patriarchen die Frauen das Ruder. Das, so meint Perlinger im Gespräch mit Arndt Zinkant, täte durchaus dem kompletten Planeten gut.

Frau Perlinger, lassen Sie uns über Humor sprechen!

Ja, gerne.

Bei unserem Gespräch vor fünf Jahren haben Sie einen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Humor ausgemacht.

Ich würde sagen, der männliche zeigt tendenziell eher auf andere, der weibliche eher auf sich. Ich persönlich mache oft und gern Witze über mein eigenes Versagen und meine Krisen. Damit können sich die Zuschauer gut identifizieren, denn wir haben alle die gleichen Schwächen und es löst ein erleichtertes Lachen aus: „Siehe da, ich bin ja gar nicht alleine! Die Person auf der Bühne hat genau die gleichen Themen wie ich!“ Ich habe das in all meinen Programmen gemacht, denn ganz ohne Drama gibt es auf der Bühne keine Spannung, keine Fallhöhe, keine Geschichte, keinen Spannungsbogen und keine Katharsis, und ich habe aus all dem immer sehr viel gelernt.

Hat die neue Anwaltsserie „Kanzlei Berger“ Sie nun davor bewahrt, im Lockdown „abzustürzen“?

Nein, abgestürzt wäre ich sowieso nicht, ich ruhe sehr gefestigt in mir. Ich habe schon immer in meinen Auszeiten geübt, die freie Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich habe immer was Neues dazugelernt und in meine nächste Show eingebaut. So habe ich Gitarre, Percussion und Schlagzeug spielen gelernt. Außerdem lebe ich nicht von der Hand in den Mund, Gott sei Dank war ich viele Jahre erfolgreich und habe von Anfang an auf meine Altersvorsorge hin gespart. Ich bin Aszendent Jungfrau – ich wollte schon als Kind immer was Vernünftiges tun.

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Ich kenne Sie bislang nur als Kabarettistin – ist Schauspielerei eine große Umstellung?

In der Filmbranche wurde ich anfangs hoch gelobt und habe viele Preise bekommen, aber die Schauspielerei hat mich eigentlich total von dem weggelockt, was meine wahre Berufung ist: meine Soloprogramme auf der Bühne. Dafür lebe ich. Ich schreibe, inszeniere, choreografiere, mache die Kostüme, die Musik und so weiter. Dafür habe ich ja Singen, Tanzen und Schauspielen gelernt. Film und Fernsehen waren anfangs verlockend, aber ich habe das vor 15 Jahren bewusst an den Nagel gehängt. Die Drehtage einer Filmproduktion verschieben sich immer wieder, aber dann muss man trotzdem die Livetourneen durchziehen und da hat es so oft Überschneidungen gegeben, dass ich mir ein böses Burn-out eingefangen habe!

Wurde Ihnen die Mutterrolle in „Kanzlei Berger“ auf den Leib geschrieben?

Nein – im Gegenteil, ich war anfangs beim Drehbuchlesen völlig verdattert. Die Rolle einer Frau, die „das Maul nicht aufkriegt“ und nur für Mann und Kinder lebt, die entspricht mir überhaupt nicht! Ich wollte nie heiraten und Kinder haben. Doch die Produzenten sagten: „Wir möchten, dass gerade du dieser Frau Leben einhauchst, ihr quasi Fleisch zwischen die Rippen gibst.“ Und ich war froh, dass ich das Innenleben und die Motivation dieser Figur herausarbeiten durfte.

Ist das eine Frauenserie oder auch für ältere Knaben wie mich interessant?

Also, da spielt ein „alter Knabe“ mit – der Robert Giggenbach als mein Ehemann –, aber die Frauen, also meine beiden Töchter, sind schon die absoluten Hauptrollen. Es gibt innerhalb der Familie viel Reibung, das ist spannend, aber die Fälle vor Gericht sind schon das Hauptthema der Serie. Robert Giggenbach ist der Patriarch, der durch einen Herzinfarkt die Initialzündung liefert, dass wir alle zusammenrücken müssen. Auch hier eine große Krise eben, die die Dinge in Bewegung bringt.

Der Drehbuch-Vater steht hier ja wohl für den Patriarchen allgemein. Der hat ausgedient, und ausschließlich Frauen übernehmen das Ruder. Finden Sie das wünschenswert?

Ganz allgemein gesprochen, fände ich das für unseren Planeten sehr wichtig, denn nur ein Prozent des Geldes ist in weiblicher Hand und Geld regiert die Welt. Darunter leidet die Umwelt, die Natur, dass die Balance zwischen männlicher und weiblicher Energie vor langer Zeit verlorengegangen ist. Mütterliche Energie ist beschützend, väterliche begrenzend, und beides gemeinsam ist gut, das braucht jedes Kind. Aber wie sich die Dinge entwickelt haben, konzentriert sich extrem viel Macht in den Händen von extrem wenigen Männern.

Das klingt mir zu klischeehaft. Reiche Frauen mit Macht gibt es in Deutschland durchaus, etwa Liz Mohn oder Friede Springer.

Es gibt zwar einige wenige einflussreiche Frauen, die aber in einem patriarchalischen System stecken – da kommst du nur an die Spitze, wenn du männlicher tickst als alle Männer. Siehe eine Thatcher, eine Merkel oder eine von der Leyen. Alles Frauen, die das hierarchische Prinzip der Profitmaximierung um jeden Preis mitspielen. Sie verkörpern nicht das mütterliche Prinzip.

Das wäre?

Wenn viele weise Frauen in vielen wichtigen Positionen an die Macht kämen, die würden auf den Tisch hauen und sagen: „Wir müssen jetzt etwas gegen die Ausbeutung der Natur tun, gegen den Klimawandel, gegen Armut und Kriege!“ Ich sage nicht, dass jede Frau besser ist als jeder Mann, ich rede ausdrücklich vom „mütterlichen Prinzip“, welches auch Männer ausleben können, wenn sie sich zum Beispiel für den Schutz der Umwelt starkmachen. In unserer Serie gewinnt übrigens der Mann am Schluss einen ganz wichtigen Prozess, ist also wieder in seiner Kraft, aber er hat sich innerlich verändert – er hat sich weiterentwickelt. Weg vom sturen Patriarchen, hin zu einem toleranteren Umgang mit Frau und Töchtern.

Mir fiel auf, dass die Serie im Kleinen durchspielt, was sich weltweit viele der politischen Linken vom Weißen Haus wünschen: Der alte „Sleepy Joe“ Biden bekommt einen Herzkasper – und Kamala Harris muss übernehmen. Aber nach Ihren Worten würde das gar nichts nützen, oder?

Das kann ich nicht sagen, ich habe sie ja noch nicht regieren gesehen. Aber Politiker haben meiner Meinung nach immer weniger Macht – sondern eher das Geld der Lobbyisten, die in jedem Büro vorstellig werden. Dann wird die Gesetzgebung beeinflusst durch schiere Machtinteressen. Eine einzelne Frau wird dieses Prinzip nie umkrempeln können. Deshalb befürworte ich auch eine Fifty-fifty-Quote für Machtpositionen. Um das weibliche Teamwork zu stärken.

Sind Sie immer noch drei Monate pro Jahr in Indien?

Ja, aber da kann man zurzeit ja nicht rein! Aber sonst bin ich jedes Jahr für drei Monate dort – allerdings renne ich nicht dem Klischee gemäß in einen Ashram oder zum Guru. Ich habe mich immer ganz eigenständig weiterentwickelt.

Was hat Sie einst dorthin verschlagen?

Gute Frage – während andere einen Kulturschock bekommen, habe ich beim Anblick des Landes spontan gesagt: Endlich daheim! In meiner Jugend bin ich durch München gelaufen und habe mich fremd gefühlt. Indien war mir sofort vertraut. Ich lebe dort aber nicht im „tiefsten Indien“, sondern in Goa, das ist sozusagen „Indien light“.

Ich würde zum Abschluss gern noch mal zum Humor kommen, zur Satire. Die wird ja nicht nur vom Virus, sondern auch von der Cancel Culture in die Zange genommen. Mittlerweile entschuldigen sich jede Woche irgendwelche Promis. Macht Ihnen das Angst?

Ich muss zugeben, dass ich in meiner Lust, auf Deutsch freche Sachen zu schreiben, eingebremst wurde. Momentan schreibe ich nur auf Englisch. Meine englische Show, die ich viele Jahre in Indien aufgeführt habe, und meine ganzen englischen Songs sind mir grade näher. Ich finde, die englische Sprache ist geeigneter zum Witzigsein.

Klar – kürzer und knackiger!

Die Engländer haben den Humor ja erfunden, und die Amerikaner haben ihn dann weiterentwickelt. Dort betritt man am besten kein Büro ohne eine „Punchline“ auf den Lippen. Da mein Vater lange in Amerika lebte, war mir die Sprache schon früh sehr vertraut.

Haben Sie die Skandälchen in der deutschen Szene mitbekommen? Nehmen wir mal ein konkretes Beispiel: Dieter Nuhr – der hat zwei Tabus verletzt: Greta und den Islam. Darf er das?

Interessante Frage. Beim Thema Islam fand ich das, was er gesagt hat, sehr wichtig. Bei Greta dachte ich wiederum:„Warum macht er das?“ Gut, er sagte, er hat nicht nach unten getreten, weil sie in seinen Augen die mächtigste Frau der Welt gewesen sei, weil sie von allen Mächtigen empfangen wurde. Aber es ist trotzdem David gegen Goliath. Die Klimabewegung wurde von extrem jungen Leuten initiiert, die sich sehr berechtigt wehren gegen das ganz große Geld auf dieser Welt – und was es anrichtet, ist unglaublich, und wir schauen seit Jahrzehnten alle tatenlos zu. Dieses Mädchen hat, dem oben erwähnten „mütterlichen Prinzip“ folgend, den Finger in die Wunde gelegt und gesagt: „Wie könnt ihr es wagen, unsere Zukunft zu zerstören!“ Das war sehr wichtig und total unterstützenswert.

Was würden Sie Nuhr privat in der Kneipe fragen?

„Dieter, warum haust du da jetzt auch noch drauf? Wo eh so viel Fake News über Greta in Umlauf gebracht worden sind, um die Bewegung zu schwächen, damit man weiter machen kann wie bisher?“ Aber es ist fatal, wenn jetzt jedem Komiker jedes Wort aufs Brot geschmiert wird. Da ist Humor kaum noch möglich.

Zur Person

Sissi (eigentl.: Elisabeth Judith Michaela) Perlinger absolvierte eine Schauspielausbildung in München, Wien, New York und Los Angeles sowie eine Gesangsausbildung und eine Tanzausbildung in klassischem Ballett und Jazz. Mehrere Monate im Jahr lebt sie in Indien.

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