Interview mit Bonaventure Dossou
Google-Translate war gestern

Münster -

Zahlreiche Apps helfen heutzutagen beim Übersetzen. Für alle Regionalsprachen und Dialekte klappt das allerdings noch nicht.  Bonaventure Dossou erzählt im Interview, wie er es möglich gemacht hat.

Dienstag, 27.04.2021, 17:44 Uhr aktualisiert: 27.04.2021, 17:47 Uhr
Bonaventure Dossou leistet mit Künstlicher Intelligenz Pionierarbeit zur Übersetzung afrikanischer Sprachen.
Bonaventure Dossou leistet mit Künstlicher Intelligenz Pionierarbeit zur Übersetzung afrikanischer Sprachen. Foto: Thorsten Kambach

Es gibt mehr als 2000 afrikanische Sprachen und Dialekte und keine der allseits bekannten Plattformen von Google, Apple und Co. können sie übersetzen. Das war eine Ansage für Bonaventure aus dem westafrikanischen Benin, der für seinen Master in Bremen studiert. Im Interview mit Chiara Kucharski erläutert der Mathematiker und „Data Engineer“, wie er es nun dank seines Übersetzungsprojektes schafft, seine Mutter in ihrer Regionalsprache „Fon“ zu verstehen, was vorher nicht möglich war.

Du kriegst gerade ziemlich viele Medienanfragen. Hast Du das erwartet?

Nein, nicht ansatzweise. (Lacht)

Ist das vor allem in Deutschland so oder kommt das Interesse auch aus anderen Ecken der Welt?

Da kommt viel aus Deutschland oder auch aus meiner Heimatstadt Benin. Aus Russland, wo ich vorher studiert habe, aus Frankreich und auch vielen afrikanischen Ländern. Die Aufmerksamkeit ist international sehr hoch.

Wie kommt es, dass Du als Kind die Sprache deiner Mutter nicht gelernt hast?

In meinem Heimatland Benin ist es so, dass alles offiziell, alles organisiert ist. Man soll Französisch lernen, um an Bildung teilhaben zu können. In der Highschool war es nicht erlaubt, die Muttersprache zu sprechen. Es gab also keinen Nährboden, die afrikanische Sprache zu erlernen. Die meiste Zeit des Alltags verbrachte ich nicht bei meiner Mutter, sondern in der Schule. Die wenige Zeit, die ich zu Hause war, verbrachte ich meist mit Cousins oder mit meinem Vater.

… die Französisch sprechen?

Genau. Oder ich war die übrige Zeit eben der kleine Junge, der die Umwelt erkundet. Etwas später war ich dann fokussiert, die englische Sprache zu lernen, und bin in verschiedene Länder gereist, um mein Englisch zu verbessern.

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Du warst wild auf Bildung in jeder Hinsicht.

Ja.

Wolltest Du Data Engineering studieren, um solche Sprachsoftware zu entwickeln?

Das war gar nicht so der Punkt. Bevor ich für das Studium nach Deutschland kam, war ich einige Zeit in Russland und habe Mathematik studiert. Dieser Wissenshunger, alles was ich gemacht und gelernt habe, ist reine Leidenschaft und mit den Studien wollte ich dem Ganzen einen offiziellen Rahmen geben.

Gibt dir dein aktuelles Studium das Rüstzeug für das FFR-Projekt? (Anm.: FFR = Fon-French Neural Machine Translation Project)

Um ehrlich zu sein, nein. Ich brauchte vor allem die Kenntnisse aus meinem Mathematik-Studium. Bis dato also… nein.

Wie hast Du also angefangen, dein Übersetzungsprogramm zu entwickeln?

Das war vor gut einem Jahr, Anfang 2020. Da gab es die Möglichkeit eines Wettbewerbs, afrikanische Sprach-Programme zu entwickeln. Mein Kollege Chris Emezue und ich versuchten uns an einem Programm zur Übersetzung der Sprache „Fon“.

Die Sprache deiner Mutter.

Genau. Wir wollten das immer schon machen. Mein Kollege ist aus Nigeria und spricht „Igbo“. Nachdem wir diesen Wettbewerb bestanden hatten und die Unterstützung bekamen, sagten wir: „Wow! Jetzt ist die Zeit, jetzt oder nie.“ Wir wollten unabhängig in unseren Forschungen werden und bekamen nun die Möglichkeit.

Welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz bei der Entwicklung?

KI ist das, worauf das ganze Programm basiert, würde ich sagen. Dadurch lernt das System, eine Art neurona-les Netzwerk, das wir für die Sprache benutzen.

Wurde es damit möglich, eine Sprache zu programmieren, die Du selbst gar nicht sprichst? Oder wie konn-test Du das managen?

In jedem KI-Projekt ist das Wissen als Basis enorm wichtig. Das System mit Wissen zu füttern, hat also mehr Bedeutung als der Ansatz. Dafür habe ich vor allem Leute aus Benin gebraucht, die zum Beispiel Recht studiert haben, Politik studiert haben oder Psychologie. Die waren viel näher an den jeweiligen Sprachbereichen dran. Mit diesem Wissen konnte man die KI dann arbeiten lassen, den Satzbau trainieren und so weiter.

Okay.

Über Social Media kamen verschiedene Übersetzungen für alle möglichen Sprachvarianten und Redewendun-gen. Das war eine große Unterstützung für das Projekt. Und so ging es los.

Du hast also direkt schon Feedback von Leuten aus dem Alltag bekommen.

Ja, genau.

Wie war das Feedback? Kann jeder das Programm nun öffentlich nutzen?

Aktuell noch nicht. Wir müssen es noch schaffen, das Ganze jedem zugänglich zu machen. Daran arbeiten wir jetzt. Wir haben alle möglichen Konferenzen besucht und dort bereits Zusicherungen bekommen, die sehr hohe Qualität haben. Es steht also nur noch die Veröffentlichung an sich aus, es auf die Server zu setzen und zu hosten, sodass es für alle zugänglich ist.

Ist geplant, die Software auf andere Sprachen und Dialekte auszuweiten?

Das ist definitiv der Plan. Wir versuchen, in Zukunft so viele afrikanische Sprachen wie möglich darauf aus-weiten zu können. Das System ist dann ein Ähnliches und lässt sich sicherlich auch schneller übertragen. Aber es gibt mehr als 2000 afrikanische Sprachen… (Lacht)

Du bist sozusagen eine Art Pionier im zukünftigen Austausch von afrikanischer Kultur.

Oh, wow. Das wäre natürlich super. Sowohl in Hinsicht auf die Kultur, aber auch auf Technologien oder diese Forschungsfelder. Es gibt in diesen Bereichen viele Vorbilder, zu denen man aufschauen kann, aber keine afri-kanischen. Vielleicht ist das etwas, wo die junge afrikanische Generation ein afrikanisches Vorbild für Inspi-ration bekommen kann.

Wie bist Du an der Universität in Bremen gelandet? Ist man dort besonders affin für dein Vorhaben?

Ich bin für das Master-Studium hier nach Bremen gekommen und ich bereue es nicht, denn die Unterstützung ist sehr, sehr hoch. Hier ist eine Menge an internationalen Studenten und die Umgebung, die Unterstützung ist darauf ausgelegt, deswegen bin ich hier. Es ist fast wie eine Art Familie.

Wirst Du deine Technologien auch für die Übersetzung von Deutsch in afrikanische Sprachen nutzen oder ist Bremen eher eine Zwischenstation für Dich?

Es ist schon so, dass wir uns auf die Übersetzung von Fon zu Igbo und umgekehrt konzentriert haben und es auf andere erweitern wollen. Für die westlichen Sprachen – wie Deutsch, Englisch, Französisch – gibt es auch von anderen Anbietern genug Grundlagen und Ressourcen.

Für die westlichen Sprachen untereinander schon.

Um diese Sprachen zukünftig in beispielsweise Fon zu übersetzen, das werden wir definitiv im Hinterkopf behalten.

Dann danke ich Dir für deine Zeit. Alles Gute.

Zur Person

Bonaventure Dossou (23 Jahre) hat seine Heimat Benin als 17-jähriger Stipendiat verlassen, um an der russischen Universität in Kasan Mathematik zu studieren. Nach Abschluss mit Auszeichnung ging er für den Mas-ter an die Jacobs University in Bremen, wo er „Data Engineering“ studiert. Zusammen mit seinem Kollegen Chris Emezue hat er das FFR-Projekt (Fon-French Neural Machine Translation) gegründet und eine App geschaffen, mit der er nun seine Mutter verstehen kann und als Wegbereiter für die Kommunikation mit ursprünglichen afrikanischen Sprachen und deren Erhalt gilt.

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