Interview mit Helmut Krumminga
Der Wille ist das Ziel

Münster -

Helmut Krumminga fiel beim Vorspielen an Akademien durch, wurde aber als Autodidakt Gitarrist für Größen der deutschen Rockszene. Über den Weg dorthin und die Pläne nach der Pandemie sprach er mit Tom Feuerstacke.

Dienstag, 04.05.2021, 17:30 Uhr
Als Berufsmusiker teilte Helmut Krumminga sich die Bühne mit Rumpf, Mahn und Engel. 15 Jahre war er der Leadgitarrist der Band BAP.
Als Berufsmusiker teilte Helmut Krumminga sich die Bühne mit Rumpf, Mahn und Engel. 15 Jahre war er der Leadgitarrist der Band BAP. Foto: Thorsten Kambach

„Die Gitarren verstimmt und es ging tierisch los und wir hielten uns für Genies.“ So sang einst Marius Müller-Westernhagen in seinem Lied „Mit 18“. Genau so fühlte sich ein junger Mann aus Ostfriesland, der bei jedem Vorspielen an verschieden Akademien durchfiel. Ein Autodidakt, dem es am Feinschliff fehlte. Aber aufgeben ist nicht. Weitermachen und einfach einer der besten seines Fachs werden. Und wenn man immer weitermacht, öffnen sich Türen und man spielt plötzlich mit den größten der deutschen Musikszene. Wenn man dann über Nacht zum Leadgitarristen der erfolgreichsten deutschen Rockband wird, weiß man, das Nein der Akademie war erst der Anfang.

 

Helmut, was machst du mittlerweile seit einem Jahr während der Coronapandemie?

Das ist schon ganz schön lange. Ich kann mich erinnern, dass wir letztes Jahr im März bei Proben waren und auf einmal sämtliche Handys klingelten. Als wir zehn Minuten später auflegten, konnten wir uns mitteilen, dass sämtliche Gigs gecancelt wurden. Wir hatten in einen Zeitraum von zwei Stunden die Gewissheit, dass wir vorläufig keine Bühne mehr betreten werden.

Wie hatte dich die Pandemie getroffen?

Ich war gerade in den Proben für das Projekt „Taxi Galaxi“. Das Stück ist von Frank Schätzing, für den ich als musikalischer Direktor eine Band zusammengestellt habe. „Taxi Galaxi“ sollte auf die Bühne gebracht werden. Außerdem befand ich mich zu dem Zeitpunkt im Proberaum mit Tommy Engel und Band. Mitten in diesen ganzen Wahnsinn, wo wir praktisch in den letzten Ausführungen waren, platzte die Bombe Corona. Das hatte schon etwas von Science-Fiction.

 

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Heißt das jetzt, dass du zu Hause sitzt und Privatier bist? Wie vertreibst du dir die Zeit?

Genau, seit einem Jahr bin ich häufig zu Hause und Privatier. Mich erinnert das an die Zeit, wo ich noch in keiner Band gespielt habe. Ich entdecke das Gitarrenspiel neu. Ich bin Autodidakt und habe mir alles selber beigebracht. Wobei ich immer auf Leute getroffen bin, die mir entscheidende Dinge gezeigt haben. Es ist eine Zeit, in der ich Musik mache, um die Gitarre einfach nur zu spielen.

Das klingt für mich etwas komisch, dass du Musik machst nur aus Bock. Es klingt ein wenig so, als müsstest du Musik machen.

(Lacht) Es gibt ja im Moment keinen finanziellen Grund. Ich mache schon immer Musik, weil ich es will. Es macht mit Verlaub einen Heidenspaß.

Es scheint bei dir alles sehr entspannt. Das heißt für mich, dass du dir das Jahr Privatier gut leisten kannst?

Zum Glück kann ich das. Wobei mir immer mehr klar geworden ist, dass ich seit nunmehr über 30 Jahren mein Geld mit Musik verdient habe. Es wäre schon blöd, wenn da nichts hängen geblieben wäre. Um mich mache ich mir keine Sorgen. Was aber nicht heißen soll, dass ich mich nicht um viele andere Freunde und Kollegen sorge, die jetzt in echten Schwierigkeiten stecken. Vor allem geht es um junge Musiker, die ihre erste Erfahrung machen. Diese heißt Pandemie und sie rutschen jetzt in Hartz IV ab.

Du lebst fast 40 Jahre in Köln. Wenn ich das richtig gelesen habe, bist du als 21-Jähriger aus Ostfriesland nach Köln gezogen, um Jazzgitarre zu studieren. Warst du da als Autodidakt schon sehr überzeugt von dir?

Als Teenager habe ich angefangen, ernsthaft in Bands zu spielen. Da war ich ständig mit älteren Leuten zusammen. Man könnte sagen, das waren so die Guten. Und während ich in verschieden Formationen gespielt habe, wurde mir klar, dass es nicht mehr weitergeht, ich mich nicht entwickle. Ich musste irgendwo hingehen. Ich hatte zwei Möglichkeiten für mich erarbeitet.

Herrlich, ein junger Helmut, der sich bereits Optionen ausgearbeitet hat.

(Lacht) Es musste ja weitergehen. Die Optionen jedenfalls hießen für mich Hamburg oder Köln. Hamburg hatte mich abgeturnt, weil dort musikalisch in der Zeit nicht viel abging. Da ich aber anfänglich klassische Gitarre spielen wollte, habe ich sogar am Konservatorium in Bremen vorgespielt. Das ganze natürlich mit langen Haaren. Und bevor ich noch was sagen konnte, ergriff der Direktor das Wort und erklärte mir: „Herr Krumminga, wenn sie das hier schaffen wollen, müssen sie wirklich hart an sich arbeiten und enden vielleicht als Musiklehrer.’’ Nichts gegen all die tollen Musiklehrer da draußen, aber damit hat er natürlich recht gehabt.

Wenn ich mich jetzt nicht irre, liegt Bremen nicht ansatzweise bei Köln. Aber da bist du ja angekommen und das sogar recht erfolgreich. Also wie ist der junge Mann mit seiner Klassikgitarre unter dem Arm dort ge-landet?

Ich bin mit meiner Gitarre erst nach Sögel aufs Schloss, wo es ein Klassikseminar gab. Dort gab es einen Professor. Also habe ich mir ein Stück von Villa Lobos drauf geschafft. Und ich schaffte es glatt, bei besagtem Professor vorzuspielen. Nach einer Minute sagte der allerdings: „Stopp. So was machst du doch normaler Wei-se nicht?“ Ich erwiderte: „Das stimmt.“ Er mutmaßte: „Du spielst doch normalerweise Rockgitarre mit Plektrum.“ Auch das konnte ich nur bestätigen. Er forderte mich auf, das dann auch zu tun. Ich holte mein Plektrum raus und spielte ihm was vor. Rockriffs und Pentatoniken. Ich spielte alles, was mir so einfiel. Danach meinte er, dass wir uns jetzt unterhalten könnten. Er gab mir den Rat, nach Köln zu gehen und dort Jazzgitarre zu studieren. Aber vorerst sollte ich bei einem Dozenten Unterricht nehmen, damit ich auf das Vorspielen vorbereitet bin.

Mir scheint es, als wäre die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt?

Jeden Freitagmorgen um 5 Uhr bin ich mit dem Zug zum Gitarrenunterricht nach Köln gefahren und habe mir da zwei Stunden Privatunterricht mit sechs Leuten gleichzeitig abgeholt. Der Dozent hat sich bar bezahlen lassen, dass kann ich heute sagen.

Ernsthaft.

(Lacht) Wie der Kölner sagt: „Cash in de Täsch.“ Der Dozent war wirklich sehr nett und inspirierend. Irgend-wann war ich dann so weit, dass ich die Aufnahmeprüfung machen konnte. Der Dozent saß natürlich auch in der Jury. Ich fiel durch. Mein Problem lag im Blattspiel. Ich hatte ein halbes Jahr Zeit und durfte wiederkommen. In der Zwischenzeit habe ich mich mit Leuten, die bereits studierten, angefreundet und spielte mit denen zusammen in Bands. Nach einem halben Jahr bin ich wieder hin zum Vorspiel und was soll ich sagen? Ich bin erneut durchgefallen.

Mit dem Wissen um deinen Erfolg als Musiker klingt die ganze Geschichte ja nach einer Erfolgsstory. Ich weiß, dass du das zum Anlass genommen hattest, die Band „Paint The Town“ zu gründen?

Mit dieser Band haben wir angefangen, ganz ernsthaft Musik zu machen und eigene Stücke zu schreiben. Ich war Leadsänger und Gitarrist. Mit dieser Formation ging es dann richtig gut los. Wir hatten Wettbewerbe gewonnen und es gab Plattenfirmen und Labels, die starkes Interesse zeigten. Es war englischsprachige Rockmusik amerikanischer Prägung. Der Dolchstoß für die Band war die Aussage: „Ihr könnt den Amis keine Coca-Cola verkaufen.“ Obwohl wir wirklich gute Leute hatten, die uns produzieren wollten, haben wir am Ende auf-gegeben. Was mich wirklich traurig machte. Aber ich war zu dem Zeitpunkt bereits professioneller Musiker und spielte sieben Jahre unter anderem mit Wolf Maahn.

Wir könnten jetzt unendlich viele erfolgreich Musikprojekte von dir aufzählen. Die Liste ist lang. Aber es gab noch ein Vorspiel von dir und das endete in 15 Jahren BAP. Eine Zeit, die du entscheidend mitgeprägt hast. In der Zeit hast du mit BAP circa 6000 Alben eingespielt. Natürlich interessiert es mich, wie es dazu kam. Aber noch mehr interessiert es mich, wie es nach 15 Jahren zur Scheidung kam?

Ich habe eine Workshop-Tour gespielt mit Jürgen Zöller und Werner Kopal. Wir haben uns während der Tour näher kennengelernt. Zwei Jahre nach der Tour klingelte irgendwann nachts mein Telefon. Werner sprach mir auf Band, ob ich ihn zurückrufen könnte und gerne auch heute Nacht. Das tat ich und er fragte mich, ob ich bei BAP einsteigen wolle. Ich sagte das meiner Freundin, die mir nur erklärte, dass sie weiterschlafen möchte. Am nächsten Tag traf ich mich mit Wolfgang Niedecken, der mich nach unserem Gespräch fragte, ob ich ein-steigen wolle in die Band. Ob ich die Lieder kenne und ob ich Fan der Musik sei. Ich erklärte ihm, dass ich die Lieder aus dem Radio kenne, sie aber nicht so dolle finden würde. Seine Frage, ob ich mir vorstellen könne, dass ich mitarbeite und auf Dauer vielleicht Fan würde, zeigte mir, dass Wolfgang ernsthaft an mir interessiert war und nicht nur einen Major-Klon wollte. Als meine Freundin nach Hause kam, lag ich in der Wanne und sie fragte mich, was ich da machen würde. Ich dachte darüber nach, ob ich bei BAP einsteigen solle. Du spinnst, natürlich steigst du da ein, war ihre Antwort! Und ich stieg ein.

Es war eine lange und erfolgreich Zeit. Aber irgendwann warst du raus und dazu fehlt mir die Erklärung, die du aber hast.

Wir hatten jede Menge unfassbar tolle Erlebnisse. Letztendlich ist es so, wie es fast überall ist: Die Dinge nutzen sich ab. Es kommt der Zeitpunkt, wo jeder schauen muss, ob es für ihn Sinn macht, so weiterzumachen. Wir kamen zu dem Schluss, dass die gemeinsame Reise zu Ende geht.

Das klingt sehr salomonisch.

Das sind die Fakten. Wir kamen an einen Punkt, wo ich mit vielem nicht einverstanden war und Wolfgang auch nicht. Und wenn man schlau ist, trifft man dementsprechende Entscheidungen.

Und diese Entscheidung ist freundschaftlich gefallen?

Die Freundschaft hat natürlich gelitten. Wenn man so lange zusammen ist, kommt Konfliktpotenzial auf und dann wird es schwierig.

Habt ihr noch Kontakt?

Im Moment nicht.

Bei BAP gibt es ein Phänomen: Irgendwann nutzen sich Gitarristen ab. Wie kommt es deiner Meinung nach dazu?

Es gibt etwas und das kann ich ganz wertneutral sagen. Es gibt einen sehr positiven Moment. Wenn die Harmonie stimmt, ist Lead-Gesang und Lead-Gitarre eine perfekte Symbiose. Wenn die Dinge aber komplizierter und schwieriger werden, ist es nicht einfach, mit verschiedenen Alphatieren auf der Bühne zu stehen. Und ich war an dem Punkt, wo ich mit der Situation nicht mehr glücklich war.

Würdest du mit Wolfgang ein Kölsch trinken, wenn er sich meldet?

Eine sehr hypothetische Frage, zumal Wolfgang ja keinen Alkohol mehr trinkt. Aber ich bin mit der Gegenwart sehr glücklich.

Das Ende war für dich ein Anfang und bis jetzt hast du unglaublich viele erfolgreiche Projekte gespielt. Was kommt, wenn du morgen wieder auf die Bühne darfst?

Dann starten wir endlich mit „Taxi Galaxi“, für das wir hart gearbeitet haben und das auf seine Premiere war-tet. Mit Tommy Engel und Band geht es auf Tour, worauf ich mich sehr freue. Nach ganz vielen Jahren macht es noch immer Spaß, sich mit solchen Künstlern die Bühne zu teilen. Und es gibt noch eine tolle Geschichte mit Inga Rumpf, einer großartigen Sängerin!

Zum Schluss: Du bist Ostfriese, lebst in Köln. Sind die Zuhörer überrascht, wenn du plötzlich Kölsch singst?

(Lacht) Die Geschichte geht anders. Wenn ich mit einer kölschen Band in Hamburg spiele und nach der Show mich mit meinem ostfriesischen Akzent mit Leuten unterhalte, klopfen die mir auf die Schulter und sagen, dass ich den Dialekt perfekt imitieren könne.

Danke Helmut für dieses heitere und ehrliche Gespräch. Wir haben noch Pulver für eine Fortsetzung.

Ich danke dir und bleibe gesund.

 

Zur Person

Der 1961 in Papenburg geborene Rockgitarrist Helmut Krumminga zog nach Köln, um Jazzgitarre zu studieren, und scheiterte an der Aufnahmeprüfung. Dieser Zufall entpuppte sich als Glücksfall. Als Berufsmusiker teilte er sich die Bühne mit Rumpf, Maahn und Engel. 15 Jahre war er der Leadgitarrist der Band BAP.

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