„Pünktchen und Anton“ leisten Intensiv Betreuung für traumatisierte und bindungsgestörte Kinder
Wenn die Kinderseele blutet

Saerbeck -

Auch kleine Kinder werden oft traumatisiert. Das muss, das darf nicht sein, sagt das Team um Melanie Albersmann, die in Saerbeck seit Jahresbeginn die Kindergruppe „Pünktchen und Anton“ leitet. Im Obergeschoss des Hauses mitten in einem Saerbecker Wohngebiet finden Kinder ab dem vierten Lebensjahr in einer Wohngruppe mit vier Plätzen in der Gruppe „Pünktchen“ einen überschaubaren Lebensort. Im Erdgeschoss werden dort sieben Kinder ab dem sechsten Lebensjahr in der Gruppe „Anton“ betreut.

Dienstag, 05.09.2017, 22:48 Uhr aktualisiert: 05.09.2017, 22:50 Uhr
Vernachlässigte Kinder  mit Gewalterfahrungen und traumatisierte Kinder brauchen insbesondere verlässliche und konstante Bezugspersonen“, sagt Gruppenleiterin Melanie Albersmann.
„Vernachlässigte Kinder mit Gewalterfahrungen und traumatisierte Kinder brauchen insbesondere verlässliche und konstante Bezugspersonen“, sagt Gruppenleiterin Melanie Albersmann. Foto: picture alliance/dpa

Ein Stich ins eigene Fleisch ist schlimm, aber meistens hilft ja schon ein Pflaster. Wenn der Stich aber die Seele triff – Fachleute nehmen dafür das griechische Wort für Wunde: Trauma – bleibt die Verletzung oft lebenslang und will nicht heilen.

Auch kleine Kinder werden oft traumatisiert. Sie machen Erfahrungen, die sich tief in ihre Kinderseele einbrennen. Vielleicht wird ihnen die Liebe entzogen, vielleicht werden sie im Stich gelassen, gedemütigt, fallen in bodenlose Ängste, sehen unermessliches Leid, das nicht mal für Erwachsene zu verkraften ist. Dann bleiben diese Kinderseelen oft ein Leben lang verletzt.

Das muss, das darf nicht sein, sagt das Team um Melanie Albersmann, die in Saerbeck seit Jahresbeginn die Kindergruppe „Pünktchen und Anton“ leitet. Im Obergeschoss des Hauses mitten in einem Saerbecker Wohngebiet finden Kinder ab dem vierten Lebensjahr in einer Wohngruppe mit vier Plätzen in der Gruppe „Pünktchen“ einen überschaubaren Lebensort. Im Erdgeschoss werden dort sieben Kinder ab dem sechsten Lebensjahr in der Gruppe „Anton“ betreut.

Brigitte Lysk, pädagogische Leiterin der Evangelischen Jugendhilfe, hat schon alles erdenkliche Leid gesehen, das diesen Kindern angetan wurde: „Hilflose oder drogensüchtige Eltern, auf den Ärmchen ausgedrückte Zigaretten – wir haben auch Kinder, die wissen, wie Tapeten schmecken, weil sie nichts zu essen bekommen.“

Gruppenleiterin Melanie Albersmann umreißt den pädagogischen Ansatz so: „Unser Schwerpunkt liegt bei Kindern, die in ihrer Familie nicht ausreichend gut versorgt wurden und dadurch Bindungsstörungen und Traumafolgestörungen erlitten. Vernachlässigte Kinder mit Gewalterfahrungen und traumatisierte Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen, die ihnen und ihren Verhaltensweisen mit Empathie und Wertschätzung begegnen.“

Ganz wichtig ist ihr auch die Mitarbeit der Eltern, „am besten vom ersten Tag an“. Sie sollen Verantwortung übernehmen und zum Beispiel kleine Aufgaben erledigen, gemeinsam einkaufen, zum Arzt gehen, „wenn das der Entwicklung des Kindes förderlich ist“. Unter dem Dach von „Pünktchen und Anton“ gibt es auch eine Trainingswohnung. Dort können Eltern übernachten oder auch länger bleiben und werden von den Pädagogen, Psychologen und Therapeuten begleitet.

Wie lange die Kinder bleiben, vermag Brigitte Lysk verständlicherweise nicht zu sagen: „Die haben ihre Kindheit abgegeben; aber wir setzen alles daran, dass sie eines Tages Freude am Leben haben und den Kopf wieder heben können.“

Wenn traumatisierte Kinder sich sagen lassen und begreifen, was sie sich selber nicht sagen können, dann brechen innere Lähmungen auf, lange versiegte Kraftströme rühren sich, verloren geglaubte Energie fängt an zu fließen. Sie bleiben zwar traumatisiert, aber aus Wunden können Narben werden, mit denen sie leben und agieren können.

 

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