Aktionsplan in der Klimakommune Saerbeck in Arbeit
Die Zukunft der Mobilität

Saerbeck -

Die Bürger fragen ist meistens eine gute Idee. Die Gemeinde Saerbeck hat das getan und wollte wissen, wo in Sachen Mobilität der Schuh drückt und wie der Weg hin zu einem nachhaltigen, ökologischen und sozialen Verkehrskonzept aussehen könnte. Experten haben sich über knapp 500 Antwortbögen gebeugt und Schwerpunkte herausgefunden.

Donnerstag, 26.10.2017, 18:00 Uhr aktualisiert: 27.10.2017, 16:20 Uhr
Beim Tag der Elektromobilität 2014 im Bioenergiepark wurde bereits gezeigt, was damals möglich war, hier der Ladeanschluss eines E-Autos.
Beim Tag der Elektromobilität 2014 im Bioenergiepark wurde bereits gezeigt, was damals möglich war, hier der Ladeanschluss eines E-Autos. Foto: Riese

Dass irgendwann fossile Brennstoffe so teuer werden, dass es sich nicht mehr lohnt, sie im Motor zu verbrennen, liegt auf der Hand. Dass es auch dann noch Mobilität und Verkehr geben wird, ebenso. Aber wie kann die aussehen, wie schnell lässt sie sich verwirklichen, auch im Sinne des Klima- und Umweltschutzes, was ließe sich jetzt schon bei der Mobilität verbessern? Was geht da im ländlichen Raum, auf dem Dorf? Solchen Fragen kann man theoretisch nachgehen. Die NRW-Klimakommune Saerbeck wählte einen praktischen Weg. Sie fragte – wie auch ihr „Regio-Zwilling“ Steyerberg und die Gemeinde Liebenau, beide in Niedersachsen – ihre Bürger.

Sechs Seiten hatte der Fragebogen unter dem Titel „Wir werden E-mobil: Neue Wege zur nachhaltigen Mobilität“. Ein Modellvorhaben des Bundesverkehrsministeriums stellte die Finanzierung der aufwendigen Auswertung durch einen Expertengruppe sicher. Ein Themenabend, auf dem die Ergebnisse präsentiert und diskutiert werden sollten, zeigte kürzlich zunächst einmal ein bemerkenswertes Phänomen: Mit 474 Teilnehmern der Befragung, darunter 33 Unternehmen, ist die Datenbasis etwa doppelt so groß wie in Steyerberg und Liebenau; aber außer den den Experten fand sich gerade mal eine Handvoll Bürger ein um mitzumachen bei der Schwerpunktsetzung und der Sammlung von Projektideen. Das erklärte Ziel der Gemeinde Saerbeck ist, ein „Konzept aufzustellen, wie wir Mobilität im ländlichen Raum verbessern können“.

Versammelt waren zur Präsentation das Ingenieurbüro SHP (Hannover), das auf Verkehrs-Masterpläne spezialisiert ist, das im Bereich öffentlicher Nahverkehr tätige Beratungsunternehmen Interlink (Berlin) und die Stadtwerke Osnabrück, die ein laufendes Konzept in Sachen Stadtteil-Auto und Car-Sharing im Angebot haben. Der Abschlussbericht der Befragungen und Workshop-Tage soll Ende November vorliegen, inklusive einem Kurzleitfaden mit einer Liste von umsetzbaren Maßnahmen.

„Mobilität im ländlichen Raum ist eine zentrale Ressource zur gesellschaftlichen Teilhabe auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“, gab Peter Bischoff (SHP) in die Debatte. Sie solle nachhaltig, ökologisch und sozial (auch bezahlbar) gestaltet werden. „Es scheint manchmal nur so, als ob das eigene Auto unersetzbar ist“, meinte er. Eine Rolle spielen laut den Stadtwerken Osnabrück mit ihrem Car-Sharing-Angebot auch die Mobilitätskosten.

Die Gemeinde Saerbeck ist sich bereits sicher, dass zumindest benzinbetriebene Autos nicht unersetzbar sind. Der Rat hat bereits die Anschaffung eines E-Autos für Dienstfahrten und den Bau einer Schnell-Ladestation auf dem Rathausparkplatz in die Wege geleitet.

Bürgermeister Wilfried Roos erinnerte daran, dass im Jahr 2008 das Integrierte Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept der späteren NRW-Klimakommune Saerbeck noch Theorie gewesen sei. Im ersten Handlungsfeld sei das ziel, mehr Strom zu erzeugen als im Dorf verbraucht wird, erreicht. Auf der Agenda bleiben würden die Themen Wärme und Mobilität.

Wünsche: Bessere Busverbindungen, billigere E-Autos, Mitfahren und Car-Sharing

Die Bürgerbefragung Ende September in Saerbeck brachte zunächst erwartbare Ergebnisse, stellte Victoria Vogt (SHP Ingenieure) vor. 81 Prozent der Befragungsteilnehmer nutzen als Hauptverkehrsmittel ein eigenes Auto als Fahrer, ein Großteil der täglichen Fahrtstrecken ist kürzer als 30 Kilometer, nur ganz wenige weiter als 100 Kilometer. Die Hälfte der Befragten hat schon einmal über darüber nachgedacht, in die E-Mobilität einzusteigen. Als Hinderungsgründen stehen hohe Anschaffungspreise, geringere Reichweite und spärliche Lade-Infrastruktur im Weg. Etliche wären bereit, Bekannte im eigenen mitzunehmen. Den Bus nutzen nur 5 Prozent täglich und mehr als Hälfte gar nicht und gaben als Gründe an: hohe Ticketpreise, undurchsichtiges Tarifsystem, zu wenige Abfahrtszeiten und zu schlechte Taktung mit der Bahn. Bei den Unternehmen zeigte sich deutlich mehr als Hälfte aufgeschlossen gegenüber E-Mobilität, der Hälfte war die Erreichbarkeit des Betriebs mit dem öffentlichen Nahverkehr wichtig.

Aus den Fragebögen filterten die Auswerter vier punkte heraus, die besonderen Stellenwert haben: Gewünscht wird eine Stärkung des Angebots beim öffentlichen Personennahverkehr (das ging mit recht konkreten Kritikpunkten direkt an den Vertreter der Regionalverkehr Münsterland, RVM); es gibt die Bereitschaft, die eigene Mobilität gemeinschaftlich zu organisieren mit Sammeltaxis, Mitfahrgelegenheiten und Car-Sharing; weit oben auf der Wunschliste steht der Ausbau der Lade-Infrastruktur; und: Mobilität muss auch in Zukunft sicher und verfügbar sein.

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