Mo., 30.07.2018

Interview Alternative zu Pokemon und Co.

Werner Engels, Leiter der Literaturkurse an der Gesamtschule und in diesem Jahr Regisseur mehrerer Stücke.

Werner Engels, Leiter der Literaturkurse an der Gesamtschule und in diesem Jahr Regisseur mehrerer Stücke. Foto: Alfred Riese

Saerbeck - 

Vor den Sommerferien glänzte die Maximilian-Kolbe-Gesamtschule (MKG) mit einer ganzen Reihe von Theateraufführungen. Sie waren das Ergebnis monatelanger Arbeit in mehreren Kursen des Fachs Darstellen und Gestalten (DuG) in der Sekundarstufe I und in Literaturkursen der Oberstufen.

Von Alfred Riese

Wir sprachen mit der Lehrerin Sabine Ebbing und dem Lehrer Werner Engels über Theater an der Schule.

„Eichmann in Jerusalem“, „U 96“, „Chaos im Märchenland“, „Arche Noah“, „In 300 Jahren vielleicht“ – habe ich etwas Aktuelles vergessen? Verzeihen sie das Wortspiel: Manchmal scheint es, als gäbe es an der MKG ziemlich viel Theater. Gefällt ihnen dieser Eindruck?

Sabine Ebbing: Sie haben etwas vergessen. Die Zehner hatten auch noch ein Stück mit ihrem Lehrer Herr Kraemer. Alle DuG-Gruppen haben dieses Jahr ein Stück aufgeführt.

Werner Engels: Der Eindruck kann gar nicht gefallen. Theater ist nicht spielen, sondern harte Arbeit, das Erfassen von Texten auf ganz vielen Ebenen.

Angriff, Rotlicht: Der 13er-Literaturkurs von Werner Engels sparte bei seiner Inszenierung von „U96“ nach Motiven des Romans „Das Boot“ nicht mit Licht- und Geräuscheffekten. Foto: Alfred Riese

Viele Schulen setzten auf die Mint-Kombination Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, auf Sport, neuerdings Ernährungskunde als Profile. Warum sollten Schulen ihrer Meinung nach auch auf DuG und Literatur und Theater setzen?

Engels: Novalis hat mal gesagt, „Literatur ist die tätige Reflexion des Menschen auf sich selbst.“ Man erfährt mit Literatur und Theater viel über sich. Theateraufführungen vorzubereiten und durchzuführen, das fasst ganz vieles zusammen, auch als Entgegensetzung zu Pokemon und Spielekonsole. Auf der Bühne müssen Schülerinnen und Schüler auf jeden Augenaufschlag des Anderen eingehen. Auch so etwas wie die Digitalisierung ändert nichts daran, dass ich Texte verstehen muss, genauso wie Matheaufgaben.

Ebbing: Ein Schwerpunkt des Faches DuG ist Körpersprache. Damit starten wir im sechsten Jahrgang, wenn die Schülerinnen und Schüler das Fach wählen können. Der Körper ist ein Grundelement, er kann so viel ausdrücken. Wir haben Kinder, die einen eklatanten Sprachförderbedarf haben. Ein Einstieg über Körpersprache ist für die wie eine Therapie. DuG bewirkt Integration und Inklusion. Zusammen etwas zu leisten und auf die Bühne zu bringen, das hat einen unglaublichen Effekt auf die Psyche des Einzelnen und den Gruppenzusammenhalt. Man lernt dabei: Jeder hat Stärken! Das wirkt sich bei den Schülerinnen und Schülern auf alle Fächer positiv aus.

Engels: Ich sehe mich in der Sekundarstufe II als Kultur-Dealer. Viele Jugendliche kommen außerhalb der Schule mit Theater sonst überhaupt nicht in Berührung. Hier bei uns machen sie es selbst.

Werner Engels, Lehrer des Literaturkurses und Theatermacher an der MKG, erschöpft nach der letzten Aufführung des Anti-Kriegs-Stücks „U96“. Foto: Alfred Riese

Man spricht heute in der Schule von Kompetenzerwerb. Welche Kompetenzen zeigen sich in DuG- oder Literaturklassen, welche sollen entstehen?

Ebbing: Das sind so viele: Persönlichkeitsfindung, eigene Stärken entdecken, Selbstbewusstsein bilden. Es geht auch darum, Interpretation und Wiedergabe von Texten zu üben, dann kommen die technischen Sachen und das Bühnenbild dazu.

Engels: Wir können in DuG und Literatur die ganze Bandbreite der Kompetenzorientierung abarbeiten, weil dieses Fach so umfassend ist.

Ebbing: Ganz wichtig sind die Fähigkeiten, im Team zu arbeiten, und die Sozialkompetenz. Ich glaube, dass die Gesellschaft solche Dinge braucht.

Körpersprache: Die gute Fee und das fiese Rumpelstilzchen ziehen an den beiden „Looserinnen“ in dem DuG-Stück des achten Jahrgangs, „Chaos im Märchenland“. Foto: Alfred Riese

Gibt es einen speziellen Schülertyp für DuG- und Literaturkurse?

Ebbing: Eben gerade nicht! Ich habe in meinem Kursen häufig angehende Oberstufenschüler, aber auch Schwächere. Es ist ein bunter Haufen.

Engels: In der Oberstufe sind es nicht selten Schülerinnen und Schüler, die auf ein Einser-Abitur zulaufen. Sie spielen Theater, weil es sie interessiert. Die treten dann auch anders im Unterricht oder in Prüfungen auf, weil sie wissen, dass sie auch vor 150 Zuschauern bestehen können.

Und gibt es einen speziellen Lehrertyp für DuG und Literatur?

Engels: Man muss positiv bekloppt sein.

Ebbing: Man sollte nicht penibel sein, von den Schülerinnen und Schülern Erarbeitetes auch mal gelten lassen. Sehr gut vorbereitet sein muss man, sonst bekommt man nichts auf die Bühne.

Engels: Im Ernst – wenn mal der Literaturunterricht ausfällt zum Beispiel wegen einer anderen Klausur, dann geht es außerhalb der Unterrichtszeiten weiter. Die Schülerinnen und Schüler machen auch viel davon zu ihrem eigenen Projekt, übernehmen manchmal selbst die Regie.

Sie beide sehen nach Aufführungen manchmal aus, als hätten sie gerade einen Ironman-Triathlon hinter sich. Was ist da so anstrengend?

Ebbing: Aufführungstage fangen bei DuG morgens an mit dem Aula-Umbau. Wir müssen mit vielen Halbheiten etwas gestalten und hoffen, dass es hält. Man muss die Technik in die Gänge bekommen. Und alles ganz schnell an einem Tag. Dann geht es weiter mit Schminken, Stühle schleppen, Orga.

Engels: Weil kein Unterricht wegen Literatur ausfallen soll, müssen wir Licht und Technik abends schnell von null auf 100 hochfahren. Man schubst dann ja auch Jugendliche in neue Situationen, die sind aufgeregt. Und man selbst steht am Bühnenrand, hat kaum noch eine Möglichkeit einzugreifen. Man zittert mit, man leidet mit, man schwitzt mit.

Was ist denn das das Schöne daran?

Ebbing: Strahlende Gesichter, stolze Eltern. Kinder, die sonst vielleicht selten ein positives Feedback bekommen, freuen sich über ihre Leistungen.

Engels: Nachher holen sich die Schülerinnen und Schüler ein Eis, bleiben noch. Man ist fertig, kaputt, geschafft – aber glücklich.

Finden ihre Schüler Probenarbeit schön?

Engels: Ja.

Ebbing: Nicht immer. Aber wenn zwischendurch Hänger kommen, heißt es: Wir haben uns das Stück zusammen ausgesucht, lasst uns gemeinsam weitermachen. Dann sagen die Schülerinnen und Schüler auch: Texte zu Hause lernen ist gar keine Hausaufgabe.

Engels: Oberstufenschüler kommen gerne zu Proben, weil das Bearbeiten von Texten für das Theater ganz anders ist, eine eigene Dynamik hat. Die Fehlstundenzahlen im Literaturunterricht sind sehr gering. Und noch ein Wort: Zurzeit wird der Fokus stark auf Digitales und Technik gelegt. Aber der Mensch, seit er Mensch ist, spielt und singt.

Ebbing: Das ist ihm eben in die Wiege gelegt.



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