Interview mit Bürgermeister Roos zur aktuellen Klimaschutz-Debatte
Bestätigung für den Saerbecker Weg

Saerbeck -

Die Ergebnisse der Europawahl haben die Diskussion um den Klimaschutz in den Mittelpunkt gerückt. In der Klimakommune Saerbeck steht er dort schon länger. Bürgermeister Wilfried Roos, der 2020 nach mehr als 25 Jahren an der Rathausspitze in den Ruhestand geht, sieht diesen „Saerbecker Weg“ durch die jüngsten Wahlen bestätigt.

Freitag, 07.06.2019, 09:45 Uhr aktualisiert: 07.06.2019, 09:50 Uhr
Wilfried Roos 2017 beim Start des Projekts „Energiespeicher in der Praxis“ der Fachhochschule im Bioenergiepark mit (von links) Prof. Christof Wetter (Fachhochschule), Dr. Kawamata (japanischer Botschaftsrat) und dem damaligen NRW-Umweltminister Johannes Remmel.
Wilfried Roos 2017 beim Start des Projekts „Energiespeicher in der Praxis“ der Fachhochschule im Bioenergiepark mit (von links) Prof. Christof Wetter (Fachhochschule), Dr. Kawamata (japanischer Botschaftsrat) und dem damaligen NRW-Umweltminister Johannes Remmel. Foto: Alfred Riese

Weiter abwarten gehe nun nicht mehr, sagt er im Interview. Und er gesteht, wie sein Verhältnis zu Instagram ist. Das Gespräch führte unser Mitarbeiter Alfred Riese.

Den CO

Roos: Absolut ja. Insbesondere, weil in der Politik jetzt die Erkenntnis angekommen ist, dass man über diese Thematik nicht nur reden darf, sondern auch anpacken muss, Lösungen bieten muss. Wir haben 2008 ein theoretisches IKKK erstellt, in einer Steuerungsrunde qualifiziert und mit der Bevölkerung und dem Rat abgestimmt. Wir haben damals den einstimmigen Ratsbeschluss gehabt, dass dieses Papier nicht nur für die Schublade ist, sondern wir, Saerbeck, das umsetzen wollen. Im NRW-Umweltministerium und in der Jury des Wettbewerbs NRW-Klimakommune sind wir damals gefragt worden: Meint ihr das ernst? Ja, wir meinen das ernst.2008 waren wir Pioniere. Mit Hilfe der Bürger sind wir relativ schnell in die Umsetzung gekommen: Befragung aller Hauseigentümer zur energetischen Situation der Gebäude und Möglichkeiten für Photovoltaik, Umstellung auf die Heizzentrale mit Holzpellets. Es gab da auch große Skepsis bei einigen, auch beim wirtschaftlichen Risiko, ein Bundeswehrdepot zu kaufen und zum Bioenergiepark zu machen. Dass wir es trotzdem gemacht haben, hat dazu ge-führt, dass der CO²-Ausstoß in Saerbeck in der Bilanz um 50 Prozent reduziert wurde. Der Windpark in Sinningen hat das noch einmal verbessert.Unsere Ziele hat man mittlerweile über die Weltklimakonferenzen und in der Bundesregierung zu politischen Zielen erhoben. Aber ich habe das Gefühl, dass insbesondere die Regierungsparteien in Berlin bei allen positiven Ansätzen beim Klimaschutz immer noch denken: Es gibt viel zu tun, warten wir es ab. Das geht nicht mehr. Die besonders betroffene junge Generation zeigt das gerade sehr sachkundig bei den Fridays-For-Future-Protesten und treibt die Politik vor sich her. Die jungen Leute haben den Finger in die Wunde gelegt, und jetzt blutet sie.

Die Grünen waren hier im ländlichen Raum bisher nicht übermäßig beliebt auf den Wahlzetteln, auch in der Klimakommune Saerbeck nicht. Wie erklären Sie sich die Verschiebungen bei den Wählerstimmen bei der Europawahl, auch lokal. Waren das nur das Klimathema und die jungen Wähler?

Roos: Ich glaube, dass es den Grünen und ihrer derzeitigen Führung gelungen ist, Themen nicht nur anzusprechen, sondern auch Lösungsansätze zu liefern. Ich war davon überzeugt, dass die Grünen an Bedeutung auch in der Bundespolitik zunehmen würden, nachdem ich 2015 im Kommunalwahlkampf ein Gespräch mit Robert Habeck hatte. Er war zu Besuch bei einer Veranstaltung in Saerbeck und zu früh dran. Robert Habeck wollte mehr zum Bioenergiepark wissen. Er hatte zu allen Themen eine Ansicht und Meinung. Und ich hatte den Eindruck, dass er das auch tatsächlich umsetzen will. Die jungen Wähler haben diese grünen Positionen zu ihren eigenen gemacht. Das zeigt auch das Ergebnis der Jugendwahl der Messdiener in Saerbeck mit 48 Prozent für die Grünen. Die Hoffnung der jungen Menschen, dass die Grünen ihre Positionen auch umsetzen wollen, halte ich berechtigt.

Nächste Woche sind Sie mit dem Klimakommune-Manager Guido Wallraven in Saerbecks Klima-Partnerkommune Morris in Minnesota/USA. Was werden Sie den Menschen dort über die politische Entwicklung in Europa und Deutschland sagen.

Roos: Ich habe zwei kurze Reden auf Englisch vorbereitet. Darin weise ich auf den Ruck in Richtung Grüne, auf die Ernsthaftigkeit der Bewegung und die Fridays-For-Future-Aktionen hin. Ich will deutlich machen, dass weltweit jeder seinen Beitrag leisten muss, manche langsamer, manche schneller. Mit Morris haben wir einen Partner gefunden, der auf der Überholspur startet und als Gemeinde eine enorme Dynamik zeigt. Dort machen sie einfach, das ist bemerkenswert. Die Partnerschaft funktioniert in beiden Richtungen auf Augenhöhe und ist sehr fruchtbar.

Haben Sie einen Tipp für die zurzeit von vielen jun-gen Menschen gescholtenen Bundesparteien CDU und SPD in Sachen Klimaschutz?

Roos: Die sollen alle nach Saerbeck kommen. Dann erklären wir ihnen, wie wir es gemacht haben und wie der Saerbecker Weg Richtung Klimaneutralität aussieht. Saerbeck wird auf höheren Ebenen immer wieder als Beispiel genannt, als lebendiges und existierendes Lehrbuch für Klima- und Zukunftsfragen.

Erwarten Sie als Bürger-meister in den nächsten Monaten konkrete Auswirkungen der Wahlergebnisse auf die Klimakommune Saerbeck?

Roos: Das Interesse hat vorher schon deutlich zugenommen. Anfang Juli zum Beispiel kommt der NRW-Minister für Energie und Innovation, Andreas Pinkwart, nach Saerbeck und trifft im Bioenergiepark auf Vertreter eines großen taiwanesischen Batterieherstellers und deutscher Autokonzerne. Wasserstoff wird da Thema sein, die power-to-gas-Anlage des Enerprax-Projekts der Fachhochschule auch. Vier Ministerien und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) aus Berlin schicken uns regelmäßig Besucher, demnächst aus Jordanien und Marokko, für unser kostenpflichtiges Saerbeck-professionell-Programm. Auch die Konrad-Adenauer- und die Friedrich-Ebert-Stiftung nutzen unsere Expertise für internationale Besucher.

Benutzen Sie persönlich Instagram, Twitter, Youtube?

Roos: Nichts davon, aus voller Überzeugung. Habe ich auch nie gemacht. Das ist nicht mehr meine Welt. Den offiziellen Internetauftritt der Gemeinde unterstütze ich, aber WhatsApp- oder Facebook-Gewitter auf meinem Handy will ich nicht haben. 250 E-Mails am Tag reichen mir.

Haben Sie als Bürgermeister den Eindruck, dass Sie den Kontakt zu den jungen Menschen verloren haben?

Roos: Überhaupt nicht. Es gibt da zwischengeschaltete Filter. Die wirklich wichtigen Infos bekomme ich schon. Außerdem gibt es für alle die Möglichkeit, mir eine E-Mail zu schicken oder jederzeit das persönliche Gespräch zu suchen. Ich habe ständig Sprechstunde. Der persönliche Kontakt, als Bürgermeister im Rathaus, ist mir am liebsten, das ist meine Welt.

Was erwarten Sie für die Kommunalwahl nächstes Jahr?

Roos: Es ist kein Sommer-Hoch, dass die Grünen so viele Stimmen bekommen. Aus dem Kommunal- und besonders Bürgermeisterwahlen halte ich mich aber heraus und kandidiere ja auch nicht mehr. Ich kann sagen, dass mehrere Kandidaten sich für das Bürgermeisteramt interessieren. Dieser Stuhl in Saerbeck ist begehrt. Darüber freue ich mich. Aber ich habe nie eine Parteifahne getragen und fange jetzt nicht damit an.

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