Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Saerbeck
„Das war ein großes Glück“

Saerbeck -

Der Zweite Weltkrieg endete in Saerbeck am 1. April 1945. Am Jahrestag erinnert sich Zeitzeuge Alfred Maimann, damals zehn Jahre alt, für den Heimatverein an die Ereignisse. Für den Heimatverein bleiben die Nazi-Zeit, der Zweite Weltkrieg und die vielen Toten Mahnung und Verpflichtung, die Unantastbarkeit und Würde jedes Einzelnen zu achten. Seit etlichen Jahren erinnert daran der Saerbecker Friedensweg.

Mittwoch, 01.04.2020, 06:29 Uhr aktualisiert: 01.04.2020, 16:38 Uhr
Die Grabstätte für die Getöteten an der Flakstellung im Jahr 1945 (oben links) und die gleiche Kriegsgräberstätte als Station des späteren Saerbecker Friedenswegs (oben rechts). Die Stationstafel dort (unten links) erklärt das Zustandekommen in Zusammenarbeit mit MKG-Schülern. Mittlerweile schließt der Friedensweg das frühere Bundeswehrdepot, heute Bioenergiepark, ein (unten rechts).
Die Grabstätte für die Getöteten an der Flakstellung im Jahr 1945 (oben links) und die gleiche Kriegsgräberstätte als Station des späteren Saerbecker Friedenswegs (oben rechts). Die Stationstafel dort (unten links) erklärt das Zustandekommen in Zusammenarbeit mit MKG-Schülern. Mittlerweile schließt der Friedensweg das frühere Bundeswehrdepot, heute Bioenergiepark, ein (unten rechts). Foto: Archiv Heimatverein/ Alfred Riese

An das Ende des Zweiten Weltkriegs in Saerbeck am 1. April vor 75 Jahren erinnert der Heimatverein. Informationen, die der Verein aus dieser Zeit zusammengetragen hat, werden ergänzt durch Aussagen des Zeitzeugen Alfred Maimann.

„Am 1. April 1945 ging für die Gemeinde Saerbeck der Zweite Weltkrieg zu Ende. An diesem Tag rollten um 4 Uhr morgens die ersten Panzer in das Dorf ein. Sie befreiten den Ort von zwölfjähriger nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Hierbei gab es keinerlei Widerstand. Im Gegenteil, die einrückenden Truppen wurden mit weißen Tüchern begrüßt. Alle waren froh, dass der jahrelange Krieg endlich vorbei war. Diese Zeichen des friedlichen Ergebens waren bereits Stunden zuvor am Kirchturm und vielen Häusern angebracht worden.

Zeitzeuge erinnert sich

„Das war ein großes Glück“, weiß Alfred Maimann zu berichten. Als Zehnjähriger hat er als Augenzeuge miterlebt, wie am Tag zuvor gegen Mittag ein Militärmotorrad durch das Dorf geknattert kam und auf dem Kirchplatz anhielt. Im Beiwagen des Krads saß damals ein deutscher Oberstleutnant. Dieser stürmte die Amtsstube und drohte dem Bürgermeister, ihn zu erschießen und die Häuser und Höfe in Schutt und Asche zu legen, wenn er nach seiner Rückkehr aus Emsdetten noch weiße Fahnen sehen würde. Dann wandte er sich der Kaplanei zu.

Auch dem Kaplan setzte er ein Ultimatum und drohte, den Kirchturm beschießen zu lassen, wenn er auf dem Rückweg aus dem Nachbarort noch einen weißen Zipfel am Gotteshaus flattern sehen könnte.

Der Geistliche wandte sich an Alfred Maimann, der gerade auf dem Kirchplatz spielte, mit den Worten: „Dein Bruder Heinrich ist doch gerade auf Fronturlaub zu Hause. Frag‘ ihn bitte, ob er mir seine Dienstwaffe leihen kann. Ich brauche sie, um Schlimmeres zu verhindern, wenn der Herr Oberstleutnant von Emsdetten zurückkommt.“

Der Oberstleutnant kam nicht wieder

Bereit, den Oberstleutnant zu erschießen, wartete der Kaplan auf der Marktstraße in Höhe der Gaststätte Unkel/ Hagemann mit durchgeladener Waffe auf die Rückkehr des Offiziers. Bange Minuten des Wartens vergingen.

Der Oberstleutnant kam nicht wieder. Auf der Fahrt nach Emsdetten hatten alliierte Scharfschützen ihn und seinen Fahrer im fahrenden Krad erschossen. So blieben die weißen Tücher hängen und der Kirchturm heile.

Nachdem das Dorf friedlich an die Alliierten übergeben worden war, galt es noch, die Flakstellung Richter einzunehmen. Gegen 10 Uhr begann die Eroberung der Batterie. Zunächst setzten die Alliierten Granaten zur Bekämpfung der vier Flak-Geschütze ein. Als diese zerstört waren, wäre es an der Zeit gewesen, sich zu ergeben. Doch der diensthabende Major ließ weiterkämpfen. Nun rückten sechs Panzer an. Sie kamen auf 200 Meter an die Batterie heran, um sie anschließend unter Beschuss zu nehmen. Erst nach intensiver Beschießung durch die Panzer gaben die Soldaten und Flakhelfer endlich auf. In der Flakstellung gab es hohe Verluste. Die Gefallenen wurde noch am folgenden Tag auf dem Schlachtfeld begraben. Drei Woche später erfolgte die Überführung auf den Saerbecker Friedhof.

14 Jugendliche im „Flakhelfergrab“

Die Grabstätte wurde schon bald mit einer Gedenktafel versehen. Auf ihr sind 22 Namen eingraviert. 14 Getötete sind Jugendliche, das Gros von Jahrgang 1928, die in einem sinnlosen Kampf ihr Leben lassen mussten.

Die Toten mahnen uns, zu jeder Zeit die Lehre aus der deutschen Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 zu beherzigen: die Verpflichtung, unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten.

Um das damalige Geschehen nicht zu vergessen, haben Schülerinnen und Schüler der Oberstufe der Maximilian-Kolbe-Gesamtschule (MKG) in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge am ,Flakhelfergrab‘ eine Informationstafel aufgestellt. Die Grabstätte auf dem Saerbecker Friedhof ist heute ein fester Bestandteil des Saerbecker Friedensweges.“

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