St.-Georg-Gemeinde legt Institutionelles Schutzkonzept vor
Aus der Tabuzone holen

Saerbeck -

Sexueller Missbrauch. Das Thema jagt die katholische Kirche. In Saerbeck gibt es mit Nadine Hülsmann jetzt die erste Präventionskraft der Gemeinde.

Sonntag, 19.07.2020, 12:40 Uhr aktualisiert: 21.07.2020, 15:28 Uhr
Haben jetzt das Institutionelle Schutzkonzept der Pfarrgemeinde St. Georg vorgestellt: Pastoralreferent Werner Heckmann, Kerstin Ahlert (Kolpingsfamilie), Gabriele Grothaus-Schreiber (Juze), Präventionsfachkraft Nadine Hülsmann, Pfarrer Ramesh und Pastoralassistent Philipp Langenkämper (v.l.).
Haben jetzt das Institutionelle Schutzkonzept der Pfarrgemeinde St. Georg vorgestellt: Pastoralreferent Werner Heckmann, Kerstin Ahlert (Kolpingsfamilie), Gabriele Grothaus-Schreiber (Juze), Präventionsfachkraft Nadine Hülsmann, Pfarrer Ramesh und Pastoralassistent Philipp Langenkämper (v.l.). Foto: Katja Niemeyer

Nadine Hülsmann hat eine sehr genaue Vorstellung davon, was mit dem 32 Seiten starken Papier, das die katholische Pfarrgemeinde jetzt vorgelegt hat, erreicht werden soll. „Ich möchte“, sagt die erste Präventionsfachkraft der Pfarrei, „dass das Thema sexueller Missbrauch aus der Tabuzone geholt wird“.

Ein Jahr lang haben sie und weitere Vertreter unterschiedlicher Einrichtungen unter der Federführung von Pastoralassistent Philipp Langenkämper an dem sogenannten Institutionellen Schutzkonzept (ISK) gearbeitet.

Herausgekommen ist ein Handlungsleitfaden, der mehr ist als ein bloßes Auflisten von Regeln. „Wir wollen sensibilisieren und nicht nur ein klug geschriebenes Konzept anbieten. Wir wollen erreichen, dass sich das Thema in den Köpfen verankert“, fasst Pastoralreferent Werner Heckmann das Anliegen der Autoren des Leitfadens zusammen.

Neben Vertretern der Pfarrgemeinde und der Kolpingsfamilie hat auch Juze-Leiterin Gabriele Grothaus-Schreiber an dem Konzept mitgeschrieben. Das Thema, sagt sie, „geht auch Jugendzentren wie unseres an“.

Das ISK setzt verbindliche Standards, um zu verhindern, dass es zu sexuellen Übergriffen kommt – im Ferienlager, nach der Gruppenstunde oder in der Kirche. Zweitens beschreibt es Beschwerdewege: Wann wird die Präventionsfachkraft informiert? Wann das Jugendamt und gegebenenfalls die Polizei?

Unterschieden wird dabei zwischen einer Grenzverletzung, einem sexuellen Übergriff und sexuellen Missbrauch. Eine Grenzverletzung, erläutert Philipp Langenkämper, passiere häufig unbeabsichtigt. Eine anzügliche Bemerkung, sexualisierte Komplimente. Es geht darum, dass Erzieher, Gruppenleiter und Kirchenpersonal in ihrer professionellen Rolle bleiben und eine gesunde Distanz zu Kindern und Jugendlichen einhalten. Aber wo ist die Grenze? „Bevor ich jemanden in den Arm nehme, um ihn zum Beispiel zu trösten, frage ich, ob das in Ordnung ist“, berichtet Gabriele Grothaus-Schreiber. „Und natürlich“, ergänzt Werner Heckmann, „sollten wir uns eine natürliche Unbefangenheit bewahren.“

Sexuelle Übergriffe lassen sich damit freilich nicht erklären. Diese, erläutert Philipp Langenkämper, „sind körperlich und mit Absicht“. Darunter falle zum Beispiel ein Ans-Knie-Fassen.

Bei Verdacht eines sexuellen Missbrauchs wird ein weitgehendes Beschwerdeverfahren in Gang gesetzt, in das unter anderem auch externe Beratungsstellen einbezogen werden.

Es gebe Studien, die besagen, dass Kinder im Durchschnitt bis zu zehn Mal versuchen, sich mitzuteilen, wenn sie Opfer geworden sind, bevor sie Hilfe bekommen, sagt Nadine Hülsmann. In der Saerbecker Pfarrgemeinde, das ist das erklärte Ziel der Verantwortlichen, müsse Kindern sofort geholfen, wenn sie in Not sind. Als Präventionsfachkraft ist Nadine Hülsmann erste Ansprechpartnerin für Kinder und Jugendliche.

Das ISK geht in Kürze in Druck. Es ist in zwei Versionen entstanden: einer kurzen mit einer Auflage von 1500 und einer langen (Auflage 200). Außerdem kann es auf der Internetseite der Pfarrgemeinde eingesehen werden. Der Pfarreirat hat das Papier bereits verabschiedet.

Bevor es in Kraft treten kann, muss aber noch der Kirchenvorstand grünes Licht geben. Auf der nächsten Sitzung des Gremiums am 13. August steht das ISK auf der Tagesordnung.

Das Schutzkonzept war für die Pfarrgemeinde ferner Anlass, zu prüfen, ob die ehrenamtlichen Mitarbeiter regelmäßig ihre Führungszeugnisse vorgelegt haben. „Wir bringen unsere Listen jetzt auf Vordermann“, kündigt Heckmann eine Bestandsaufnahme an. Und: Zum Schutzkonzept gehört auch eine mehrstündige Schulung, zu der die Mitarbeiter nach und nach eingeladen werden sollen.

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