Folgen des Klimawandels machen sich in Natur und Landwirtschaft bemerkbar
Feuchtgebieten geht das Wasser aus

Saerbeck/Tecklenburg -

Dr. Peter Schwartze sagt, dass es eigentlich drei Monate durchregnen müsste, um das aufzuholen, was es in den vergangenen zwei, drei Jahre zu wenig an Niederschlägen gegeben hat.

Montag, 02.11.2020, 12:45 Uhr aktualisiert: 02.11.2020, 12:48 Uhr
Der Wiedehopf (Foto oben) mag es warm und trocken. Das könnte nach Einschätzung von Dr. Peter Schwartze dazu führen, dass der Vogel künftig auch im Tecklenburger Land zu finden ist. Die vergleichsweise wenigen Niederschläge der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass es auf manchen Ackerflächen staubtrocken zuging.
Der Wiedehopf (Foto oben) mag es warm und trocken. Das könnte nach Einschätzung von Dr. Peter Schwartze dazu führen, dass der Vogel künftig auch im Tecklenburger Land zu finden ist. Die vergleichsweise wenigen Niederschläge der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass es auf manchen Ackerflächen staubtrocken zuging. Foto: dpa/Gertrud Scheele

In den vergangenen Tagen sind in Saerbeck und Umgebung immer wieder heftige Regenschauer heruntergekommen. In einigen Teilen kam es zu Wolkenbrüchen, verbunden mit Blitz und Donner, der kurzzeitig sogar Straßen überflutete. Bei einem solchen Wetter über geringe Niederschlagsmengen zu sprechen, könnte ein wenig abwegig erscheinen. Ist es aber für Dr. Peter Schwartze keineswegs.

Der Leiter der Biologischen Station des Kreises Steinfurt sagt, dass es eigentlich drei Monate durchregnen müsste, um das aufzuholen, was es in den vergangenen zwei, drei Jahren zu wenig an Niederschlägen gegeben hat. Verbunden mit steigenden Temperaturen, die es ebenfalls zu verzeichnen gebe, ist für ihn klar, dass der Klimawandel auch in dieser Region bereits zu spüren ist. Und für die Natur habe das ebenso Auswirkungen wie für die Landwirtschaft.

Eine Aussage, die Moritz Tessmann in Bezug auf Grünland, Ackerflächen und Tierhaltung bestätigt. Allerdings wird der Verwaltungsleiter vom Grünen Zentrum der Landwirtschaftskammer in Saerbeck in seiner Wortwahl nicht ganz so deutlich wie Schwartze. Er erinnert an die fast 300 Millionen Euro Dürrehilfen, die 2018 an Landwirte ausgezahlt worden sind. Im Vergleich dazu sei 2020 bei Weitem nicht so schlimm gewesen. Soll heißen: Kritische Jahre habe es ebenso wie Extremwetterereignisse immer einmal wieder gegeben.

Tessmann stellt aber auch fest, dass er mit dauerhaften Veränderungen rechnet. Die müssen allerdings nicht nur negativer Art sein. Gebe es genug Feuchtigkeit im Boden, böte sich durch insgesamt wärmere Temperaturen und dadurch mehr Wachtsumstage zum Beispiel öfter die Möglichkeit zum Grünschnitt.

Verfestige sich allerdings die Erkenntnis, dass dauerhaft mit weniger Niederschlägen zu rechnen ist, hätte das umfassende Auswirkungen. Tessmann nennt als Beispiel die Bodenbearbeitung. Weniger pflügen sei dabei nur ein Punkt. „Das allein hätte Vor- aber auch Nachteile.“ Konsequenterweise müsste die gesamte Bearbeitung umgestellt werden und der Punkt Bodenerosion werde dabei auch Berücksichtigung finden.

Dass im Winter zunehmend Schnee und Minusgrade fehlen, bleibt gleichfalls nicht ohne Folgen. Der 32-Jährige verweist auf die Zunahme von „Schadnagern, die nicht kaputt frieren“. In Kombination mit den trockenen Sommern wird das als Ursache für die Feld-mausplage gesehen, unter der Bauern in einigen Teilen Deutschlands bereits leiden.

Tessmann führt weiter an, dass Wintergetreide Frost brauche, allerdings dürfe der nicht zu spät im Winter oder gar im Frühjahr auftreten. Das und die trockenen Sommer könnten seiner Ansicht nach dazu führen, dass Landwirte nach und nach umdenken. Der Beratungsbedarf sei gewachsen, das Thema „treibt viele um“. Manch ein experimentierfreudiger Bauer habe im Kleinen bereits das ein oder andere probiert

Der Verwaltungsleiter sagt zum einen, es werde künftig womöglich weniger auf Hochertragssorten beim Getreide gesetzt, sondern mehr auf solche, die besser mit „Trockenstress“ klarkommen. Denkbar sei zum anderen, dass Hirse und andere Feldfrüchte, die bislang in hiesigen Breitengraden keine Rolle spielen, Einzug halten.

Einzug halten, das ist auch ein Stichwort für Peter Schwartze. Der Biologe erklärt, dass der Klimawandel bereits jetzt zu Ab- und Einwanderung führe. Vögel wie der Wiedehopf und der Bienenfresser seien sehr wärmeliebend. Vorausgesetzt, es gebe in der Region passende Lebensräume, sei es denkbar, dass sie hier bald heimisch werden. Erste Anzeichen dafür gebe es. So sei der Bienenfresser bereis bei Emsdetten gesichtet worden. Als weitere Einwanderer-Beispiele nennt Schwartze zwei Schmetterlingsarten, das Taubenschwänzchen und den Schwalbenschwanz. „Aber auch der Eichenprozessionsspinner profitiert von den Veränderungen.“ Ebenso Eidechsen und andere Reptilien.

Wärme und Trockenheit führten zudem zur Ausweitung von Magerrasenflächen, bedeuteten gleichzeitig jedoch eine Gefahr für Bäume wie bekanntermaßen die Fichte aber auch massiv die Buche sowie Moore und andere feuchte Areale. Was wiederum Tieren wie dem Laubfrosch, der Bekassine oder dem Kiebitz zu schaffen mache.

Schwartze spricht von „sehr komplexen Zusammenhängen“ und davon, dass die Wasserfrage dabei eine zentrale Rolle einnehme. Er sei skeptisch, dass der große Nachholbedarf an Niederschlägen, den es gebe, noch kompensiert werde. Das führe zu einem erhöhten Wasserbedarf in der Landwirtschaft, dürfe aber nicht zulasten der Natur gehen. Wenn dann noch Hausbrunnen auf Privatgrundstücken entstehen, um Gärten darüber zu versorgen, sieht der Leiter der Biologischen Station eine mehr als kritische Situation gekommen, die das Handeln der Politik und der Behörden erfordere.

Moritz Tessmann verweist im Gespräch noch auf ein Tier, an das beim Thema Klimawandel zwar viele denken. Allerdings nicht in dem Sinne wie der Mann vom Grünen Zentrum. Bekannt ist, dass Kühe eine Menge Methan freisetzen und damit zur Erderwärmung beitragen. Dass sie unter der leiden, ist weit weniger bekannt. Tessmann sagt, dass die „Wohlfühltemperatur“ für Holstein-Rinder bei etwa 20 Grad liege. „Bis 25 Grad ist noch alles ok.“ Alles, was darüber hinaus gehe, sei den Tieren zu warm und mache sich in einer sinkenden Milchleistung bemerkbar. Werden sie auf der Weide gehalten, sollte somit auf jeden Fall für Schatten gesorgt sein.

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