Zum Jahreswechsel: Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg über Finanzen, Baugebiete und die Enapter-Ansiedlung
„Gürtel enger schnallen“

Saerbeck -

Wahlkampf, Amtsübergabe, Umzug nach Saerbeck – 2020 war für den neuen Saerbecker Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg ein bewegendes Jahr. Unser Redaktionsmitglied Katja Niemeyer sprach mit ihm über das geplante Neubaugebiet „Hanfteichweg“, über Gemeindefinanzen – und über die Ansiedlung von Enapter. Der Hersteller von Elektrolyseuren, sagt Lehberg, steht unter einem großen zeitlichen Druck.

Freitag, 01.01.2021, 15:31 Uhr aktualisiert: 03.01.2021, 15:58 Uhr
Saerbecks neuer Bürgermeister Dr. Tobias in der Bürgerscheune, wo in der Coronakrise Ratssitzungen stattfinden. Der Familienvater freut sich darauf, dass ab dem Sommer auch seine Frau und seine Kinder in Saerbeck wohnen.
Saerbecks neuer Bürgermeister Dr. Tobias in der Bürgerscheune, wo in der Coronakrise Ratssitzungen stattfinden. Der Familienvater freut sich darauf, dass ab dem Sommer auch seine Frau und seine Kinder in Saerbeck wohnen. Foto: Katja Niemeyer

 

Herr Dr. Lehberg, was war in diesem Jahr – neben der Kommunalwahl – das für Saerbeck wichtigste Ereignis?

Lehberg: Definitiv die Ankündigung des Elektrolyseur-Herstellers Enapter, in Saerbeck einen Produktionsstandort aufbauen zu wollen. Das ist eine für die Gemeinde weitreichende Entscheidung. Und das aus vielerlei Hinsicht. Erstens wird damit das Signal ausgesendet, dass Saerbeck zum Standort einer Zukunftstechnologie wird. Zweitens kann man davon ausgehen, dass sich in der Folge weitere Firmen aus dem Bereich Wasserstoffwirtschaft ansiedeln. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Rolle die Klimakommune selbst bei der Nutzung von grünem Wasserstoff in Bereichen wie Wärme und Verkehr spielen wird.

Wie ist der Stand der Dinge bei den Planungen? Der Zeitplan, den Enapter vorgelegt hat, ist ambitioniert. 2022 soll der erste Elektrolyseur vom Band rollen.

Lehberg: Wir als Gemeinde sind ja nicht Genehmigungsbehörde, sondern das ist die Kreisverwaltung. Wir stehen aber in engem Kontakt mit der Unternehmensleitung. Es ist richtig, dass diese bei ihren Planungen ein enormes Tempo vorlegt. Die Branche steht unter einem großen zeitlichen Druck. Wasserstoff gilt als der Hoffnungsträger für die Energiewende. Und auch andernorts entstehen Produktionsstandorte.

Sie sind noch nicht lange im Amt, müssen sich in vielen Bereichen noch einarbeiten. Aber wie würden Sie die finanzielle Lage der Gemeinde beurteilen, insbesondere mit Blick auf pandemiebedingte Einnahmeausfälle?

Lehberg: Wegen der Ausgleichszahlungen für Gewerbesteuerausfälle sind wir 2020 noch einigermaßen glimpflich davon gekommen. Den Haushalt 2021 beraten wir gerade ämterübergreifend. Dieser soll Anfang des Jahres in den Rat eingebracht werden. So viel steht bereits jetzt fest: Wir müssen den Gürtel in den kommenden Jahren enger schnallen.

Geld in die Kasse dürfte der Verkauf der Grundstücke im Neubaugebiet „Hanfteichweg“ spülen. Anfang Februar soll der Bebauungsplan aufgestellt werden. Mit einem kalten Nahwärmenetz steht eine innovative Energieversorgung zur Diskussion. Dafür dürfte sehr viel Überzeugungsarbeit notwendig sein. Würden Sie gar einen verpflichtenden Anschluss befürworten?

Lehberg: Fakt ist, dass ein kaltes Nahwärmenetz nur funktionieren kann, wenn möglichst viele Häuser angeschlossen werden. Sicher ist aber auch, dass die Wärmeversorgung sicher und preisgünstig sein soll. Derzeit wird in der Verwaltung untersucht, ob das System nicht nur ökologisch vorteilhaft ist, sondern ob es für den einzelnen Bauherrn auch eine wirtschaftlich sinnvolle Lösung darstellt. Dabei spielen natürlich der betrachtete Zeitraum eine Rolle und die Möglichkeit, Fördermittel zu nutzen.

Welche großen Projekte stehen in 2021 an?

Lehberg: Im Mittelpunkt steht die Schaffung von Wohnraum. Bekanntlich sollen neben dem „Hanfteichweg“ auch die Planungen für den „Alten Reiterhof“ vorangetrieben werden. Dabei wird es unter anderem um die Frage gehen, wie viele Mehrparteienhäuser jeweils in den Gebieten entstehen sollen. Es muss gelingen, unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. So wollen zum Beispiel immer mehr ältere Menschen ihr großes Einfamilienhaus aufgeben, um in eine kleinere Eigentumswohnung zu ziehen. Für sie muss es Angebote geben. Das können wir als Gemeinde steuern. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Bedürfnisse von Bauwilligen berücksichtigen. Wir sind gerade dabei, ihre Wünsche auch hinsichtlich einer Energieversorgung abzufragen und die Liste der Bauinteressierten zu aktualisieren.

Welches weitere große Projekt steht auf der Agenda?

Lehberg: Auf dem Areal westlich des Ortskerns an der Industriestraße muss es voran gehen. Die Raiffeisen-Genossenschaft hat ja noch einmal eine Fristverlängerung bekommen. Sie hat nun bis Ende 2021 Zeit, mit dem Bauvorhaben am neuen Standort im Gewerbegebiet Nord I zu beginnen. Ich kann sagen, dass ich zu dem Thema Industriestraße bereits viele Gespräche geführt habe und noch weitere anstehen. Bis Mitte Januar will ich diese abschließen. Ziel ist es, die Interessen aller Beteiligten unter einen Hut zu bringen. Mein Eindruck ist, dass alle an einer einvernehmlichen Lösung interessiert sind.

Mit der Wahl zum Bürgermeister sind für Sie und Ihre Familie weitreichende private Veränderungen verbunden. Wie haben Sie 2020 persönlich erlebt?

Lehberg: Das Jahr war sicherlich zunächst von Unsicherheit geprägt. Als sich das Corona-Virus im Frühjahr immer mehr ausbreitete, war kurzzeitig sogar fraglich, ob die Kommunalwahl überhaupt stattfinden würde. Auch die Wahlkampfzeit war sehr intensiv. Kurzum: Es war ein bewegendes Jahr. Den Entschluss, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren, habe ich zu keiner Zeit bereut. Die neue Aufgabe macht mir große Freude. Inzwischen haben meine Frau und ich ein Haus gekauft, das in den kommenden Monaten renoviert wird. Ich freue mich natürlich darauf, dass meine Familie dann ab dem Sommer auch in Saerbeck wohnt.

Zum Schluss die Frage nach der aktuellen Corona-Lage: Wie kommt Saerbeck durch die Krise?

Lehberg: Bislang hatten wir Glück, dass sich die Zahl der Infizierten in den vergangenen Wochen stets im einstelligen Bereich bewegt hat. Das ist auf die gegenseitige Rücksichtnahme der Menschen im Ort zurückzuführen. Für dieses verantwortungsvolle Verhalten bin ich den Bürgerinnen und Bürgern sehr dankbar. Aber die zweite Welle ist noch lange nicht überstanden. Daher kann ich nur appellieren, die Schutzmaßnahmen weiter gewissenhaft zu befolgen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7747369?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686837%2F
Nachrichten-Ticker