Eine Milchkanne als Briefkasten – und was es damit auf sich hat
KO 9 weckt Erinnerungen wach

Saerbeck -

Am Haus mit der Adresse Marktstraße 24 in Saerbeck sucht die Postzustellerin vergeblich nach einem Briefkasten. Stattdessen steht eine alte Milchkanne mit der Aufschrift KO 9 vor der Tür.

Dienstag, 16.02.2021, 11:00 Uhr
Hildegard Stakenkötter mit ihrer geschichtsträchtigen Milchkanne.
Hildegard Stakenkötter mit ihrer geschichtsträchtigen Milchkanne. Foto: tkl

Kühe, Milch und Behältnisse für eben dieselbe, gehören theoretisch unweigerlich zusammen. Was haben Briefe mit einer Milchkanne zu tun? Prinzipiell gibt es da keinen kausalen Zusammenhang. Es sei denn, die Postzustellerin steht in Saerbeck auf der Marktstrasse vor dem Haus Nummer 24 und sucht vergeblich nach einem Briefkasten.

Den wird sie dort nicht finden. Stattdessen steht eine alte Milchkanne mit der Auf-Schrift KO 9 vor der Tür. „Als ich meine erste Einweisung für die Straße erhielt, wurde mir sofort gesagt, dass die Post da rein soll. Ich wollte das erst nicht glauben“, verriet Marta Zaleska, die aktuelle Postbotin für das Gebiet, sichtlich amüsiert. So etwas habe sie vorher noch nie gesehen, aber es sei allgemein bekannt.

Wie es zu so einer Idee kam, erzählte Hildegard Stakenkötter, die mit ihrem Mann Albert seit über 40 Jahren in dem Haus wohnt, wo auch ihre beiden Töchter Johanna und Julia aufgewachsen sind, mit einem Schmunzeln.

„Eigentlich sollte das mit der Kanne nur eine Übergangslösung sein, weil wir 1977 bei dem Einzug in unser neues Haus noch keinen Briefkasten hatten. Wie man sieht ist es dabei geblieben.“ Anfänglich sei es Bequemlichkeit gewesen, später eine bewusste Entscheidung, keinen „ordentlichen“ Briefkasten anzubringen. „Immerhin hat dieses Teil viel erlebt und erinnert mich gerne an meine Kindheit“, berichtete Stakenkötter mit einem Hauch von Melancholie in ihrer Stimme.

Ihre Eltern besaßen einen Bauernhof in Saerbeck mit Kühen, Schweinen und Hühnern. In den fünfziger Jahren war es so üblich, dass die Höfe Milchkannen mit ihrer eigenen Nummer hatten. KO war das Kürzel des Milchbauern Albert König, der jeden Morgen die befüllten Milchkannen noch mit Pferd und Wagen abgeholt und sie zu der ehemaligen Molkerei Wierlemann auf der Grevener Straße gebracht hat.

„Wir mussten als Kinder schon früh mithelfen und haben auch oft die Kühe gemolken. Da die Tiere von Mai bis Oktober weiter weg auf der Weide standen, sind wir erst mit Fahrrädern inklusive Gepäckträgern, auf denen zwei Kannen mit Zinken fixiert waren, rausgefahren. In den Sechzigern nahmen wir den VW Käfer, in dem schon fünf Platz fanden und das Melken mit der Hand bald von der guten Melkmaschine „Melotte“ übernommen wurde. Bevor wir ins Bett gingen gab es keine Gute-Nacht-Ge-schichte, sondern einmal Milchumrühren, wobei ich mit meinen beiden Schwestern öfters einen ordentlichen Schluck von der frischen, leckeren Milch nahm,“ erinnerte sich Hildegard Stakenkötter.

Nachdem sie das Elternhaus verließ, ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Dorsten machte, ihren Mann Albert kennenlernte und ihre eigene Familie gründete, nahm sie die Milchkanne KO 9 mit, die ihre Eltern schon vor dem Krieg in ihrem Besitz hatten.

„Sie stammt aus einer ganz anderen Zeit, sie erinnert mich an damals und ist ein Kompliment und Respekt für unsere Vorfahren“, so Stakenkötter.

Bis heute weiß jeder, wo bei Haus Nummer 24 die Post hinkommt, ob Kirche, Sportverein oder Zeitungsbote. Die Milchkanne als Relikt an vergangene Tage, erweist immer noch ihren Dienst, auch wenn es jetzt ein anderer ist.

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