Münsterland-Siegel für Camphill
Erfolg in 26 Schritten

Steinfurt -

Seit Anfang Februar ist die Camphill Dorfgemeinschaft neues Mitglied beim Münsterland-Siegel, das Produkte aus der Region kennzeichnet. Die Einrichtung hofft, ihre Arbeit bekannter machen und durch das Netzwerk neue Kunden gewinnen – innerhalb der Grenzen der Belastbarkeit der Mitarbeiter.

Freitag, 29.04.2016, 17:03 Uhr
Das Kastenbrot gehört zu den Produkten, die täglich aus regionalen Zutaten entstehen. Durch das Münsterland-Siegel hofft die Camphill Dorfgemeinschaft, die Produkte ihrer Bäckerei bekannter zu machen.
Das Kastenbrot gehört zu den Produkten, die täglich aus regionalen Zutaten entstehen. Durch das Münsterland-Siegel hofft die Camphill Dorfgemeinschaft, die Produkte ihrer Bäckerei bekannter zu machen. Foto: Münsterland e.V.

Wenn Hannes* seine Pflaumenmustörtchen backen will, legt er einen großen Ringordner vor sich hin. Auf der ersten Seite zeigen große Fotos, was er benötigt: Lineal, Hörnchen, Backblech mit Papier, Pinsel, Ausstecher. Dann folgt das Pflaumenmustörtchen-Backen in 26 Schritten auf 26 Fotos. Jedes Detail ist zu sehen. Am Ende zeigt ein Blatt voller hochgestreckter Daumen und dem fertigen Törtchen: Du hast es geschafft!

„Hannes hat fast ein Jahr gebraucht, um alles zu lernen. Jetzt ist er stolz, dass er es kann“, sagt Frank Stening . Er ist der Leiter der Bäckerei der Camphill Dorfgemeinschaft . Hannes ist einer seiner 14 Mitarbeiter und geistig behindert. Jeden Wochentag von 8.30 bis 15.45 Uhr arbeitet er in der Bäckerei auf dem Gelände der Gemeinschaft, wo er gleichzeitig wohnt und betreut wird. „All unsere Mitarbeiter, ob in der Bäckerei, der Gärtnerei, der Kerzen- oder Textilwerkstatt, sind gut ausgebildet. Sie haben Potenzial und können eine Menge leisten. Das wollen wir ihnen auch ermöglichen“, erklärt Bastian Kratz , Geschäftsführer der Camphill Dorfgemeinschaft.

Unter anderem deshalb ist die Bäckerei seit Anfang Februar neues Mitglied beim Münsterland-Siegel, das Produkte aus der Region kennzeichnet. „Wir wollen unsere Arbeit bekannter machen und durch das Netzwerk hoffentlich neue Kunden gewinnen – natürlich nur innerhalb der Grenzen der Belastbarkeit unserer Mitarbeiter. Sie sollen gefordert, aber nicht überfordert werden oder in Stress geraten“, sagt Bastian Kratz.

Brotwaren und Feingebäck von den Dörflern, wie sie genannt werden, gibt es bisher im Werkstattladen in der Burgsteinfurter Innenstadt, einigen Bioläden und Reformhäusern und auf Bestellung. Etwas mehr wäre möglich. „Schulverpflegung zum Beispiel können wir jedoch aufgrund unserer Arbeitszeiten nicht leisten“, sagt Kratz. Auch an die Herstellung feiner Sahnetorten sei ebenfalls nicht zu denken, da fehlt den Dörflern einfach die nötige, ausgeprägte Feinmotorik. „Großartig funktionieren dagegen Plätzchen, weil ihre Herstellung abwechslungsreich ist und unterschiedliche Schwierigkeitsgerade beinhaltet – vom Abwiegen der Zutaten bis zum Plätzchen aufs Blech legen. Deshalb bieten wir in diesem Bereich eine große Vielfalt an“, erklärt Stening.

Die Kriterien des Münsterland-Siegels für die regionale Herkunft der Produkte erfüllt die Camphill Dorfgemeinschaft sowieso. „Unsere Philosophie sieht eigentlich eine autarke Versorgung vor“, erklärt Bastian Kratz. „So haben wir 1989, als die Camphill Dorfgemeinschaft gegründet wurde, auch begonnen. Aber die Zahl der Dörfler ist schnell gewachsen. Mittlerweile leben und arbeiten 67 Menschen plus 6 externe Betreute hier. Es ist nicht mehr möglich, uns komplett selbst zu versorgen. Was wir benötigen, beziehen wir aber zum großen Teil aus der Region.“

Die Produkte der Bäckerei haben Demeter-Qualität, das heißt, sie werden in biologisch-dynamischer Landwirtschaft nach anthroposophischen Prinzipien sowie ohne Gentechnik hergestellt. Um die Qualitätsstandards zu halten, kommen einige wenige Zutaten auch aus anderen Regionen, wie zum Beispiel das Getreide aus Süddeutschland . Rund ein Hektar Land bewirtschaften die Dörfler selbst. „Wir haben Mutterkuhhaltung, bauen unter anderem Kohl, Gurken, Tomaten, Rhabarber, Stachelbeeren und Erdbeeren an“, erklärt Stening. „Das reicht für ein paar Mittagessen oder Kuchen für die Dorfgemeinschaft, aber nicht für die Produkte, die wir verkaufen.“

*Name von der Redaktion geändert.

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