Pflegeeltern in Steinfurt
Eltern auf Zeit

Steinfurt -

Manchmal muss alles ganz schnell gehen. Dann erhalten Kerstin und Ralf* am Morgen einen Anruf und am Nachmittag steht schon ein kleines Kind vor ihrer Tür, das die kommenden Wochen, Monate und manchmal Jahre bei ihnen leben wird. Das Paar nimmt Kinder in Obhut, die gerade nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können.

Montag, 26.12.2016, 22:00 Uhr
Steht den Familien zur Seite: Gabriele Schilling ist bei der Evangelischen Jugendhilfe für die Inobhutnahme zuständig.
Steht den Familien zur Seite: Gabriele Schilling ist bei der Evangelischen Jugendhilfe für die Inobhutnahme zuständig. Foto: Linda Braunschweig

2009 sind die Steinfurter, die selbst zwei erwachsene Töchter und ein Enkelkind haben, erstmals für die Evangelische Jugendhilfe (siehe Infokasten) aktiv geworden. Es sollte eine schwere Premiere werden: Das kleine Mädchen, das sie aufnahmen, war mehrfach behindert. Es starb schließlich in den Armen seiner Pflegeeltern. Danach brauchte das Paar eine Pause, zu groß war die Trauer.

Doch irgendwann „juckte es uns wieder in den Fingern“, sagt Kerstin. So sind im Haus der Familie seit 2012 elf Kinder gekommen und bis auf zwei, die zurzeit bei ihnen leben, auch wieder gegangen. Der Abschied fällt nie leicht. „Wir nehmen jedes Kind ganz und gar in unser Herz auf“, sagt die 49-Jährige. „Aber wir haben einen klaren Auftrag: Den Kindern all unsere Liebe und Fürsorge zu geben – und sie dann wieder gehen zu lassen.“

Gerade in den ersten Wochen geht das Paar bei dieser Aufgabe bis an seine Grenzen. „Alle Antennen sind täglich auf Aufnahme“, sagt Kerstin. Schließlich wissen die Steinfurter vorher praktisch nichts über die Kinder. Und jedes von ihnen hat ein Päckchen zu tragen. Grundlos wird kein Kind aus seiner Familie genommen. Keines von ihnen kennt ein intaktes Familienleben mit Regeln und täglichem Mittagessen. So viel Normalität wie möglich versuchen Kerstin und Ralf den Kindern deshalb zu geben.

Ankunft und Abschied seien schwer, sagt die Steinfurterin. „Aber dazwischen haben wir einfach eine schöne Zeit.“ Die Aufgabe sei erfüllend, bringe viel Leben ins Haus. „Es macht Spaß, wir lernen immer wieder andere Menschen kennen.“ Unter anderem auch die Eltern der Kinder. Bei den Kontakten legt das Paar wert auf einen respektvollen Umgang. Das mache es auch für die Kinder leichter, die sehen, dass sich Eltern und Eltern auf Zeit verstehen.

Etwa 30 Prozent der Kinder, so Gabriele Schilling , bei der Jugendhilfe für die Inobhutnahme zuständig, kehrten später zu ihren Eltern zurück. Die übrigen wechseln in eine Dauerpflegefamilie (siehe unten) oder in eine andere Betreuungsform. Wenn dieser Tag gekommen ist, fließen bei Kerstin stets die Tränen. Aber da ist auch Zufriedenheit, alles gegeben zu haben. Verlässlichkeit, Wertschätzung, klare Strukturen und Essen zählen für das Paar dazu. „Die Kinder lechzen förmlich nach einem normalen Familienleben und für jedes Kind lohnt es sich zu kämpfen“, sagt die Steinfurterin. Dafür brauche es Platz im Haus, Zeit, Nervenstärke und Organisationstalent.

Das Paar hat sich einen großen Fundus nicht nur an Erfahrungen, sondern auch an Kleidung, Kinderwagen, Spielsachen und Bettchen zugelegt. Alles wartet im Obergeschoss auf seinen nächsten Einsatz – dann, wenn Gabriele Schilling anruft und es mal wieder ganz schnell gehen muss.

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* Das Ehepaar muss inkognito bleiben, deshalb nennen wir nur die Vornamen.

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