Stiftskreuz-Prozess
Stiftskreuzdieb: Mit erbeutetem Geld Spielschulden des Bruders bezahlt

Borghorst/Münster -

„Super-geil. Erst gibt es das Geld, dann geht das Kreuz zurück in die Kirche.“ So super-geil lief es für den heute 32-jährigen Stiftskreuzdieb dann aber doch nicht. Im Gegenteil: Die Bilanz des 32-jährigen Stiftskreuzdiebes, der am Freitag vorm Landgericht Münster aussagte, fiel bitter aus.

Freitag, 07.04.2017, 16:53 Uhr aktualisiert: 07.04.2017, 21:50 Uhr
Stiftskreuz-Prozess : Stiftskreuzdieb: Mit erbeutetem Geld Spielschulden des Bruders bezahlt
Welch enormen Wert und Bedeutung das Borghorster Reliquiar hat, erfuhren die Diebe erst nach ihrer Tat. Foto: Gunnar A. Pier

Die 37 500 Euro, die er von dem mutmaßlichen Auftraggeber bekommen haben will, seien für die Spielschulden seines Bruders draufgegangen. Und auf die Rückgabe des Kunstschatzes musste er drei Jahre warten. Da saß er schon längst mit seinen beiden Kompagnons im Knast.

„Es hat so viel Streit wegen des Kreuzes gegeben. Ich bin psychisch völlig fertig“, zog der Dieb am Freitag eine bittere Bilanz zu seiner Tat, die am 29. Oktober 2013 mit dem dreisten Aufbrechen der Glasvitrine in der Borghorster Nikomedeskirche ihren Anfang nahm und derzeit vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster den juristischen Schlusspunkt findet. Dort wird gegen den 42 Jahre alten mutmaßlichen Chef eines Bremer Familienclans verhandelt, der den Auftrag zum Diebstahl erteilt haben soll.

Der Plan: von der Versicherung kassieren

Immer wieder, so sagte der 32-Jährige vor den Richtern, hätten er und seine Freunde den Angeklagten bekniet, das Kreuz doch zurück nach Borghorst zu schicken. Der soll zuvor versprochen haben, das Stiftskreuz über die Versicherung an die Kirche zurückzugeben und von dem kassierten Geld die insgesamt vier Täter – die drei verurteilten Diebe und den unbekannten Fahrer des Wagens – mit 150 000 Euro zu entlohnen. Der 42-Jährige soll das Quartett aber so lange hingehalten haben, bis die Diebe im Gefängnis saßen.

Reliquiar lag Wochen lang in Sporttasche 

Bis der mutmaßliche Drahtzieher das Kreuz in Händen hielt, vergingen allerdings nach dem Diebstahl einige Wochen. In dieser Zeit soll das Reliquiar schutzlos in einer Sporttasche im Keller einer Bremer Wohnung gelagert haben. Der am Freitag als Zeuge vernommene Dieb will es dort versteckt haben. „Einem Verwandten“, so der 32-Jährige, gehöre der Keller. Darum weigerte er sich auch, den Namen des Wohnungsinhabers zu nennen. Das Trio hatte das Kreuz direkt nach dem Diebstahl erst einmal aus dem Verkehr gezogen, weil es gesehen hatte, dass es wohl erheblich mehr wert war als die 3000 Euro Lohn, die zuallererst angeboten worden sein sollen.

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Täter schwiegen aus Angst

Weil sie Streit zwischen den Familien verhindern wollten und immer noch glaubten, der Auftraggeber bringe den Kunstschatz zurück nach Borghorst, hielten die Täter auch in ihrem eigenen Prozess die Klappe. Als Schmerzensgeld für das Schweigen sollen die Drei jeweils 50 000 Euro angeboten bekommen haben. „Wir haben das aber nicht angenommen. Wir wollten nur, dass das Kreuz zurückgeht“, beteuerte der 32-Jährige vor Gericht. Gerade die Eltern hätten „richtig Druck gemacht“. Sie hätten damit gedroht, ihre eigenen Kinder zu verstoßen.

„Da hätten wir es am liebsten selbst zurückgebracht“

Welch enormen Wert und Bedeutung das Borghorster Reliquiar hat, das hatten die ahnungslosen Diebe wenige Tage nach ihrer Fahrt zur Nikomedeskirche schwarz auf weiß. In der Bild-Zeitung konnten sie da von ihrem Raubzug lesen. „Da hätten wir es am liebsten selbst zurückgebracht“, berichtete der Zeuge. Als sie dann noch auf den Fahndungsfotos der Polizei zu erkennen waren, da seien die Eltern „richtig sauer“ geworden.

Offene Fragen bleiben

Lange sei es mit dem Auftraggeber hin und her gegangen, so der 32-Jährige. Sie hätten ihm nicht vertraut, obwohl einer der Diebe sein Neffe ist. Letztendlich habe er die unscheinbare Sporttasche aber doch aus dem Keller des Verwandten geholt. In einem Hotel in Bremen habe die Übergabe an den Angeklagten stattgefunden. Wo das Stiftskreuz bis zu seiner unverhofften Rückkehr nach Münster lagerte? Vielleicht gibt der Fortgang des Prozesses eine Antwort. 

Zeitablauf

► 22. März 2008, Ostern: Das Stiftskreuz wird feierlich von der nicht zugänglichen Stiftskammer in die diebstahlgesicherte Vitrine in der Nikomedes­kirche überführt.

► 29. Oktober 2013: Um die Mittagszeit fahren drei Diebe vor, hebeln den Glastresor auf und stehlen das wertvolle Reliquiar. Sie flüchten in einem Mercedes mit Bremer Kennzeichen.

► 19. November 2013: Die Polizei hat die Namen der Verdächtigen ermittelt. Zuvor hatte das Bistum eine Belohnung von 50 000 Euro ausgesetzt, die Festnahme lässt aber noch über ein Jahr auf sich warten.

► 8. Juli 2015: Der Prozess gegen die drei Hauptverdächtigen wird vor dem münsterischen Landgericht eröffnet. Mitte Oktober das Urteil: Die drei Männer werden zu viereinhalb und fünf Jahren Haft verurteilt.

 ► 21. September 2016: Die Polizei nimmt in Bremen den mutmaßlichen Auftraggeber für den Stiftskreuzdiebstahl fest.

► 14. Februar 2017: Nach über einem Jahr Verhandlungen ist das Kreuz wieder da. (ar)

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