Overeaters Anonymous
Waage steht nicht im Mittelpunkt

Steinfurt -

Dass die „Traditionen“ an die der Anonymen Alkoholiker erinnern, ist kein Zufall. Denn das Programm der „Overeaters Anonymous“ – einer Gruppe für Menschen mit Essstörungen – orientiert sich daran. Aus einem bestimmten Grund: Wie Alkohol kann auch Essen zur Sucht werden.

Samstag, 03.06.2017, 16:00 Uhr
Burger & Co. sind für viele nicht nur Nahrung, sondern auch Mittel zur Befriedigung einer Sucht. Die kann von ganz verschiedenen Ursachen ausgelöst worden sein.
Burger & Co. sind für viele nicht nur Nahrung, sondern auch Mittel zur Befriedigung einer Sucht. Die kann von ganz verschiedenen Ursachen ausgelöst worden sein. Foto: a

Ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist die Wortwahl schon: „Für Ziel und Zweck unserer Gruppe gibt es nur eine höchste Autorität – einen liebenden Gott, wie Er sich in unserem Gruppengewissen ausdrücken kann.“ Oder: „Unsere Öffentlichkeitsarbeit beruht eher auf Anziehung als auf Werbung; wir sollten stets unsere persönliche Anonymität gegenüber Presse, Rundfunk, Film, Fernsehen und anderen öffentlichen Kommunikationsmedien aufrecht erhalten.“ Das sind zwei der insgesamt zwölf „Traditionen“ der „Overeaters Anonymous“.

Das klingt irgendwie fast schon wie ein Geheimbund oder eine Sekte. Das weiß auch Britta* – und auch sie hat sich anfangs gewundert: „Der Begriff ‚Gott‘ hat mich erst irritiert – ich war gerade aus der Kirche ausgetreten.“

Dann ließ sich die heute 41-Jährige aber doch nicht abschrecken und besuchte weiter die Treffen der Gemeinschaft für Menschen mit Essstörungen. Viereinhalb Jahre ist das her, „bis dahin hatte ich eine 20-jährige Diätkarriere hinter mir“, denkt die Wahl-Steinfurterin an das ständige Pingpong von Zunehmen und Abnehmen zurück. „Ich habe oft heimlich gegessen. Und als ich merkte, dass es so nicht weitergeht, hat es mich schon richtig Überwindung gekostet, nur das Wort ‚Esssucht' bei Google einzugeben."

Erst in der Gruppe stellte sich dauerhaft Erfolg ein – innerhalb von anderthalb Jahren nahm sie 38 Kilo ab. „Die halte ich jetzt seit drei Jahren.“

Die eingangs erwähnte gewöhnungsbedürftige Wortwahl führt Britta* auf die Ursprünge der Gruppe zurück: „Das Programm wurde von den Anonymen Alkoholikern übernommen, die in den 1930er Jahren gegründet wurden“, deshalb klinge das heute etwas altmodisch. „Wir gehören zu keiner Konfession oder Religion“, betont sie.

Aber ebenso wie der Alkohol könne auch das Essen eine Sucht sein, deshalb mache es durchaus Sinn, ein sehr ähnliches Programm zu nutzen. Und das beinhaltet keine „schlauen“ Tipps oder Vorschriften. „Es werden grundsätzlich keine Ratschläge oder direkten Kommentare gegeben“, sagt Britta. „Es werden nur Erfahrungen weitergegeben.“

Genau das habe zumindest ihr entscheidend geholfen: „Es ist eine unglaubliche Befreiung, zu erfahren, dass man nicht alleine mit einem Problem ist. Sondern dass es andere gibt, denen es genauso geht.“

Durch die Gruppengespräche sehe sie ihr Essverhalten jetzt aus einem anderen Blickwinkel. „Ich habe gelernt, dass ich nicht anders essen muss, um abzunehmen – sondern um gesund zu sein. Das Abnehmen ist nur ein angenehmer Nebeneffekt.“ Deshalb gebe es bei den Treffen auch keine Waage, sie selbst wiege sich höchstens einmal im Monat. Denn: „Das steht nicht im Vordergrund.“

Bislang besuchte Britta* eine Gruppe in einem Nachbarort, vor kurzem hat sie selbst eine in Steinfurt gegründet. Wer daran teilnehmen will, kann sich bei ihr unter Telefon 01 73 / 2 87 12 12 melden.

*Name von der Redaktion geändert

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