Ein Tag als Straßenwärter
Frühschicht in Orange

Steinfurt -

Mittwochmorgen, Kreisbauhof Sellen, 6.30 Uhr. Was für eine unchristliche Zeit zum Arbeiten! Ja, der Journalist ist eher ein Spät­aufsteher, vor 9 Uhr läuft nicht viel. Ich stehe einem freundlich grüßenden Mann im orangefarbenen Arbeitsanzug gegenüber. Es ist Frank Wernsmann. Der 42-jährige Emsdettener ist Straßenwärter beim Straßenbauamt des Kreises Steinfurt mit 26-jähriger Diensterfahrung. Genau der richtige Mann also, um das an diesem Tag für mich anstehende „Mini-Praktikum“ zu absolvieren.

Dienstag, 05.09.2017, 17:26 Uhr
Spülung eines Durchlasses: Ein Straßenwärter ist auch für die straßenbegleitende Kanalisation verantwortlich.
Spülung eines Durchlasses: Ein Straßenwärter ist auch für die straßenbegleitende Kanalisation verantwortlich. Foto: rs

Während ich noch etwas Mühe habe, „in die Gänge“ zu kommen, ist der Kreisbauhof-Mitarbeiter schon putzmunter. Ich darf in einem noch sehr neu aussehenden Mercedes-Pritschenwagen einsteigen, dann geht es vom ebenso neuen Bauhof im Sellener Industriegebiet los in meine „Frühschicht“. Streckenkontrolle lautet die Aufgabe, die ansteht. Für den „alten Hasen“ Wernsmann reine Routine, obwohl er im Berufsalltag überwiegend eine andere Aufgabe wahrnimmt: Die Pflege des Fernradwegenetzes. Mehrere Tausend Kilometer sind das, ich bin beeindruckt.

Heute also steht allgemeine Straßenkontrolle an. Los geht’s. In Bilk, hat ein Kollege ihm gemeldet, liegen an der Kreisstraße einige Leitpfosten im Graben. „Da waren wohl einige Übermütige am Werk, das haben wir leider öfter“, spekuliert der Straßenwärter. Als wir die Kreisstraße erreichen, verlangsamt Wernsmann das Tempo des speziell auf die Anforderungen einer Straßenmeisterei angepassten Sprinters. Hinten auf der Pritsche finden sich Verkehrsschilder, Leitpfosten, Leiter, Warnlampen und diverse Gerätschaften wie zum Beispiel Spitzhacke, Schaufel oder Grepe. Sogar ein kleiner Kran gehört zum Inventar. Er kommt zum Einsatz, wenn Fundamente für Schilder gesetzt werden müssen, klärt Wernsmann seinen „Lehrling“ auf.

Auf dem Seitenstreifen fahrend geht es langsam vorwärts. Laufend überholen uns Autos, es herrscht reger Berufsverkehr. Insgesamt acht grell orange blinkende Warnleuchten sichern das Straßenmeisterei-Fahrzeug bei Schleichfahrt oder im Stand nach vorne und hinten ab. Für Wernsmann ausreichend viele, er fühlt sich sicher – ganz im Gegensatz zu seinem Begleiter, der immer mal wieder verstohlen in den Rückspiegel schaut.

Wernsmann setzt den Blinker, fährt rechts ran. Ein totes Kleintier liegt auf der Straße, im Kurvenbereich könnte es Motorradfahrer in Bedrängnis bringen. Wernsmann räumt den Kadaver beiseite. Später wird er noch mehrfach anhalten – um abgefallene Wahlplakate einzusammeln oder einen größeren Plastiksack zu entsorgen. All das gehört zum Aufgabenbereich eines Straßenwärters. Sein Begleiter würde vieles übersehen, der Emsdettener hat ein Auge dafür entwickelt. Sogar einzelne fehlende Pfosten-Reflektoren entgehen ihm nicht.

„Da, da liegen sie!“ Ich bin ganz froh, dass ich es bin, der die losgerissenen Leitpfosten an der Kreisstraße bei Bilk als Erster entdeckt. Zumindest lässt mich mein „Lehrmeister“ in dem Glauben. Schnell sind die Pfosten eingesammelt, begutachtet und gereinigt. Sie sind allesamt noch intakt, können wiederverwendet werden. Doch wo sind die Löcher im Straßenrandboden, in die sie gehören? Frank Wernsmann findet sie fast auf Anhieb. Mit dem Gummihammer schlägt er die Pfosten wieder ein. Reine Routine. Weiter geht’s.

Die Fahrt führt zur K77 bei Hauenhorst. Dort sind Kollegen von Wernsmann vor Ort, um Grabendurchlässe zu spülen. Eine ziemlich morastige Angelegenheit. Mit der Schaufel müssen die Arbeiter nachhelfen, damit der grobe Schmutz aus dem Rohr entfernt werden kann. Den Rest erledigt die Pumpe: Mit gehörig Wasserdruck wird die Verrohrung unter der Ackerdurchfahrt wieder freigespült. Ein kleines Pläuschchen mit den Kollegen – und weiter geht’s.

An der Straße zwischen Borghorst und Laer gibt es eine größere Baustelle, erzählt mir mein Begleiter. Dort sei an der Überführung über die B54 der Straßenuntergrund verschoben und habe Risse in der Fahrbahn verursacht. Sie ist auf einer Länge von rund hundert Metern zunächst abgefräst worden und soll heute mit Schotter als Grundlage für die spätere Asphaltschicht aufgefüllt werden. Straßenbau – auch das können die Mitarbeiter der Kreisstraßenmeisterei.

Das Ziel jetzt ist Altenberge. Dort ist eine weitere Kolonne mit Freischneidearbeiten an einem Graben entlang einer Kreisstraße beschäftigt. Über 230 Kilometer Straßennetz hat die Kreisstraßenmeisterei zu betreuen – von Ochtrup bis Greven, von Metelen bis nach Rheine. Den östlichen Teil des Kreises betreut die Meisterei Ibbenbüren. Dazu kommen über 200 Kilometer Radweg. 25 Mitarbeiter stehen dafür zur Verfügung – beim Kreis wird personell scharf kalkuliert.

Einer, der jüngst den Sprung ins Team geschafft hat, ist André Bültbrun. Der Ochtruper ist Quereinsteiger, kommt vom Bau. Der Schweiß steht dem Neuling im Straßenwärter-Fach, der im Nebenerwerb noch ein wenig Landwirtschaft betreibt, auf der Stirn. Das Hantieren mit dem benzingetriebenen Freischneider kostet Kraft. Davon kann ich mich selbst überzeugen. Doch Bültbun lacht: „Die Arbeit ist abwechslungsreich und macht mir Spaß.“

Um kurz vor halb zwölf ist der Kreisbauhof wieder erreicht. Für mich war es ein aufschlussreicher Morgen und Vormittag. Eins steht fest: Ich sehe die Arbeit der Männer mit den orangefarbenen Wagen jetzt mit noch größerem Respekt. Sie tragen einen Großteil dazu bei, dass Mobilität in unserer Region so gut und sicher funktioniert, wie sie es heute tut.

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