Diskussion um Frauenförderung
„Keine Frau will eine Quote sein“

Steinfurt -

Für die eine ist sie nicht sinnvoll, für die andere notwendig – die Frauenquote. Erste Beigeordnete Maria Lindemann und Gleichstellungsbeauftragte Nadine Rath diskutieren über Frauenförderung. Und sind mehr als einmal nicht einer Meinung.

Freitag, 08.09.2017, 18:00 Uhr
In puncto Frauenquote unterschiedlicher Meinung: Die Erste Beigeordnete der Stadt, Maria Lindemann (l.), und Gleichstellungsbeauftragte Nadine Rath.
In puncto Frauenquote unterschiedlicher Meinung: Die Erste Beigeordnete der Stadt, Maria Lindemann (l.), und Gleichstellungsbeauftragte Nadine Rath. Foto: Vera Szybalski

Frauenförderung oder Beförderungsstau? Um den Paragraf 19 des Landesbeamtengesetztes, nach dem Frauen bei im Wesentlichen gleicher Eignung bevorzugt zu befördern sind, gab es seit der Einführung im Juli 2016 viele Diskussionen. Das Oberverwaltungsgericht erklärte das Gesetz im Februar für verfassungswidrig, die neue Landesregierung aus CDU und FDP kündigte die Abschaffung an. Höchste Zeit, mit Maria Lindemann und Nadine Rath über Frauenförderung und den Sinn einer Quote zu sprechen.

Ein Reizthema, bei dem die Erste Beigeordnete und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Steinfurt unterschiedlicher Meinung sind. Während Lindemann eine Quote für „nicht sinnvoll“ hält, betrachtet Rath diese als „notwendig“. Nicht um der Quote willen, sondern um damit die Strukturen zu ändern: „Es bringt etwas, wenn Menschen gezwungen sind, sich mit einem Denkmuster zu beschäftigen“, meint die Gleichstellungsbeauftragte. Als Anreiz, um die Strukturen zu hinterfragen, ist die Quote für Rath wichtig.

Auch wenn Lindemann zu Bedenken gibt, dass „ein zwanghaftes Denkmuster etwas ganz anderes ist als ein überzeugendes Denkmuster“. Es mache sich zudem bemerkbar, wenn man die Quotenfrau ist, sagt Lindemann. Und: „Keine Frau will eine Quote sein.“ Für Rath ein „typisches Frauenproblem“: Viele denken, ich möchte nicht die Quotenfrau sein. Männer würden so etwas gar nicht hinterfragen. Ich verstehe Frauen, die keine Quotenfrau sein wollen. Aber wenn der Mann besser ist, dann wird die Frau es nicht.“

Im Landesbeamtengesetz von Nordrhein-Westfalen ist im Paragraf 19 festgelegt, dass Frauen schon bei im Wesentlichen gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung bevorzugt zu befördern sind, sofern nicht in der Person eines Mitbewerbers liegende Gründe überwiegen. Den Beförderungsparagrafen hatten SPD und Grüne eingeführt, am 1. Juli 2016 trat er in Kraft. Etliche Beamte reichten daraufhin Klage ein. Mehrere Verwaltungsgerichte erließen Beschlüsse, mit denen die Beförderung von Frauen aufgrund des Gesetzes auf Eis gelegt wurde. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster urteilte im Februar schließlich, dass das Gesetz verfassungswidrig ist. Es verstoße gegen das im Grundgesetz verankerte Gebot der Bestenauslese. Die neue Landesregierung aus CDU und FDP einigte sich im Koalitionsvertrag darauf, verfassungswidrige Regelungen im Landesbeamtengesetz abzuschaffen. Die Gleichstellung von Frauen und Männern müsse auch für berufliche Aufstiegsmöglichkeiten in der Landesverwaltung gelten. CDU und FDP wollen in der Landesverwaltung eine wirkungsvolle Frauen- und Familienförderung betreiben. Ziel sei die Chancengleichheit für Frauen und Männer.

Deutlich wird in der Diskussion auch, dass die Rollenmuster aus dem Denken und damit aus der Gesellschaft noch nicht verschwunden sind. Ob Betreuung der Kinder oder Pflege von Angehörigen – beides liegt häufig immer noch in Frauenhand. Das wirkt sich auch auf die Arbeit aus. Teilzeit wird nicht selten primär mit Frauen in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt deshalb, weil kaum Männer in Teilzeit arbeiten.

Rath erzählt von Vorstellungsgesprächen für Teilzeitstellen, bei denen den Männern erklärt wurde, sie dürften zusätzlich einen anderen Nebenjob annehmen. Bei Frauen wurde die Frage nach der Betreuung der Kinder gestellt. Und besonders in klassischen Männerdomänen müssen Frauen noch kämpfen. Doch welche Rolle spielt die Gesellschaft? Für Lindemann eine untergeordnete: „Die Frau entscheidet, nicht die Gesellschaft. Die Frau muss es wollen.“

Es gibt aber nicht nur unterschiedliche Ansichten, in einigen Punkten sind sich die Frauen einig. Beide befürworten ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. „Bunt gemischt schafft die beste Atmosphäre“, meint Lindemann und Rath fügt hinzu: „Männer und Frauen haben ganz andere Blickwinkel.“

Vor allem in einem Punkt gibt es keine zwei Meinungen: Es hat sich schon viel getan. „In den letzten 20 Jahren hat sich sehr viel positiv verändert. Und es wird sich weiter entwickeln. Die Quote wird das aber nicht beschleunigen“, sagt Lindemann. Während die Entwicklung für Rath auch deshalb in Gang gekommen ist, „weil es so etwas gibt, wie das Landesgleichstellungsgesetz“.

Ein beliebtes Beispiel für die positive Veränderung: die Feuerwehr. In Steinfurt ist der Anteil der Frauen um acht Prozent gestiegen, neun Frauen sind mittlerweile bei Rettungsdienst und Feuerwehr beschäftigt, darunter eine Brandmeisteranwärterin.

Wenn es um Frauen in Führungspositionen geht, ist die Verwaltungsspitze in Steinfurt ein Musterbeispiel. Mit Claudia Bögel-Hoyer ist nicht nur die Bürgermeisterin weiblich, sondern mit Lindemann schließlich auch die Position der Ersten Beigeordneten und mit Heike Melchers die der Kämmerin mit einer Frau besetzt. Trotz Fortschritt sagt Lindemann aber auch: „Männer und Frauen sind noch nicht auf Augenhöhe.“

Die Frau entscheidet, nicht die Gesellschaft. Die Frau muss es wollen.

Maria Lindemann

Ich verstehe Frauen, die keine Quotenfrau sein wollen. Aber wenn der Mann besser ist, dann wird die Frau es nicht.

Nadine Rath
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