Lehreraustausch zwischen Deutschland und China
„Ein kultureller Hammer“

Borghorst -

Einmal Kulturschock und zurück – so in etwa dürfte es sich für Philipp Kovermann und Tan Min anfühlen. Die beiden Lehrer nehmen an einem Austauschprogramm zwischen Deutschland und China teil, um die jeweils andere Kultur kennenzulernen. Schnell steht fest: Unterschiede gibt es eine Menge.

Dienstag, 21.11.2017, 17:06 Uhr
Darf auf Fotos nicht fehlen, sagt Tan Min: das Victory-Zeichen. Das beste Beispiel dafür liefern Tan Mins Schüler beim Gruppenbild mit dem deutschen Austauschlehrer Philipp Kovermann. Tan Min: „Jeder, der Erfolg hat, ist doch glücklich.“
Darf auf Fotos nicht fehlen, sagt Tan Min: das Victory-Zeichen. Das beste Beispiel dafür liefern Tan Mins Schüler beim Gruppenbild mit dem deutschen Austauschlehrer Philipp Kovermann. Tan Min: „Jeder, der Erfolg hat, ist doch glücklich.“ Foto: privat

Die Graffiti an den Häuserwänden in Berlin, die Obdachlosen in den Straßen der deutschen Hauptstadt und natürlich das zimmertemperierte Wasser. Hat nichts miteinander zu tun? Wie man es nimmt. Für Tan Min sind es drei Dinge, die den kulturellen Unterschied zwischen ihrer Heimat China und Deutschland demonstrieren.

Seit Freitag ist die 30-jährige Englischlehrerin in Deutschland, es ist der Gegenbesuch bei Philipp Kovermann, der im Rahmen eines Lehreraustauschs im Herbst für zwölf Tage in China war. Das Ziel der Aktion: die andere Kultur zu verstehen. Und da gibt es eine Menge zu verstehen. „Der Kulturunterschied ist immens“, sagt Kovermann, der an der Realschule am Buchenberg Englisch und Erdkunde unterrichtet. „Das ist ein kultureller Hammer.“

Schon bei der Ankunft in der Stadt Urumqi und der scheinbar alltäglichen Suche nach einem Kaffee wurden die ersten Unterschiede deutlich. Während in Peking der Kaffeedurst noch in einer amerikanische Café-Kette gestillt werden konnte, sah das in der Vier-Millionen-Stadt – für chinesische Verhältnisse eine Kleinstadt – ganz anders aus.

„Als ich versucht habe am Flughafen einen Kaffee zu bekommen, habe ich gemerkt, wie fremd ich wirklich bin. Es ging einfach nicht, weil die keinen Kaffee trinken“, erklärt Kovermann. Neben dem Kaffee musste der 32-jährige Grevener noch auf etwas anderes verzichten: WhatsApp war während der gesamten zwölf Tage in China blockiert.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Peking ging es für Kovermann nach Urumqi. „Vier Stunden Flug ins Nichts.“ Am Zielort warteten Wüste und Berge, im Winter sinken die Temperaturen auf bis zu minus 30 Grad. „Eine unendlich schöne Gegend“, sagt Kovermann. Aber keine konfliktbefreite. In der nordwestchinesischen Region Xinjiang gibt es viele Minderheiten, das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung ausgegeben. Andere Europäer? Nicht zu sehen. „Ohne Tan Min hätte ich nichts gekonnt“, wäre der 32-Jährige angesichts fehlender Chinesischkenntnisse alleine aufgeschmissen gewesen.

Die Region „Xinjiang“

Das Auswärtige Amt gibt für die Autonome Region der Uiguren Xinjiang eine Reisewarnung aus. Xinjiang grenzt an die Mongolei, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan, Indien, Pakistan, Afghanistan und Russland. Man sollte bei Reisen in die nordwestliche Region Chinas Menschenansammlungen meiden und die Nachrichten aufmerksam verfolgen. Seit 2013 häuften sich gewaltsame Zusammenstöße mit vielen Toten und Verletzten. Die chinesische Regierung verschärfte daraufhin 2014 die Sicherheitsmaßnahmen. Insbesondere in der Urumqi beziehungsweise an den Zugangspunkten zur Stadt finden laut Auswärtigem Amt verschärfte Kontrollen statt. Trotzdem gibt es weiter Angriffe.

...

Unterschiede ohne Ende gab es in der Schule. Das Gelände von Tan Mins Schule ist abgeriegelt, die Schulleitung kontrolliert, wer auf das Gelände kommt. Morgens reinigen die Schüler den Schulhof, in Reih und Glied wird in der Pause Morgengymnastik absolviert. Politische Botschaften sind keine Seltenheit, sei es auf Transparenten oder in der Musik zur Morgengymnastik. Die Flagge wird jeden Morgen gehisst. Kovermann: „Wo man ist, nimmt man Haltung an und wartet, bis die Flagge oben angekommen ist.“

Die Strukturen sind klar hierarchisch. Tan Min hat 54 Kinder in ihrer Klasse – Normalität in China. Für die 3400 Schüler und 300 Lehrer wird die Schule zu einer Art zweitem Zuhause. Denn Unterricht gibt es täglich von 8.30 bis 19 Uhr. Disziplin wird dabei groß geschrieben. Nach der Schule stehen noch Hausaufgaben an, die schon mal mehrere Stunden in Anspruch nehmen können. „Besonders vor Klassenarbeiten“, sagt Tan Min. „Manche können sich ihre Zeit gut einteilen, die erledigen ihre Hausaufgaben schon in der Schule.“ Die Wochenenden? Stehen nicht immer zur freien Verfügung. Es gibt freiwillige Klassen. Wer gute Noten haben will, um später auf die Universität zu gehen, muss viel leisten. Tan Min: „Die Schüler stehen unter großem Druck.“

Positiv aufgefallen ist Kovermann die Nächstenliebe: „Es wird viel stärker als in unserer Gesellschaft auf den anderen geguckt.“ Und es gibt auch Gemeinsamkeiten: „Ein Lächeln funktioniert überall auf der Welt. Die Kinder haben keine Berührungsängste, da sind wir Erwachsenen anders.“

Einiges in China war Kovermann zudem vertraut: „Es gibt deutsche Produkte in Hülle und Fülle.“ Von den Autos über Schokolade bis zu Produkten von Siemens, Thyssenkrupp und Bosch. „Alles, was im entferntesten mit Hightech zu tun hat.“ Ein besseres Verständnis untereinander, das zu einer engeren Zusammenarbeit der beiden Wirtschaftsmächte führt – einer der zentralen Gründe für den Start des Austauschprogramms.

Über Gemeinsames und Trennendes haben die zehn deutschen Lehrer und ihre chinesischen Kollegen jeweils zu Beginn und Ende der Reisen diskutiert. Graffiti und Obdachlose? Sind in China nicht sichtbar. Kovermann erinnert sich an die Reaktion der Gäste in Berlin: „Die Chinesen waren geschockt.“ Themen wie Kriminalität, Freiheit und deren Grenzen wurden im Seminar miteinander diskutiert. Andere Themen blieben tabu.

Die Temperatur der Getränke gehört da nicht zu. Für kalte Getränke konnte Kovermann Tan Min nicht begeistern. Einer der kleinen Unterschiede, der wohl bleiben wird.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5304192?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686838%2F
Nachrichten-Ticker