4000 Tonnen Feinstaub an Silvester
Die Kehrseite des schönen Scheins

Steinfurt -

Feuerwerk fasziniert an Silvester jedes Jahr aufs Neue. Wunderkerzen, Raketen, Böller – wie funktionieren die eigentlich? Und sind sie gesundheitlich bedenklich? Das erklärt Prof. Dr. Thomas Jüstel, Dekan des Fachbereichs Chemieingenieurwesen an der FH Münster.

Mittwoch, 27.12.2017, 14:24 Uhr aktualisiert: 30.12.2017, 16:45 Uhr
Zehn Prozent des Feinstaubausstoßes, den der Autoverkehr in einem Jahr produziert, wird an Silvester durch Feuerwerk verursacht.
Zehn Prozent des Feinstaubausstoßes, den der Autoverkehr in einem Jahr produziert, wird an Silvester durch Feuerwerk verursacht. Foto: hh

Herr Prof. Jüstel, wie funktioniert eine Wunderkerze?

Thomas Jüstel: Die Basis einer Wunderkerze besteht aus einem verkupferten Metallstäbchen. Um den oberen Teil des Stäbchens ist eine rund zwei Millimeter dicke Schicht aufgebracht, das ist ein organisches Bindemittel – ähnlich wie ein Kleber. In diesem Bindemittel sind unterschiedliche Chemikalien miteinander vermengt: Kaliumchlorat, welches oxidierend wirkt, wenn wir die Wunderkerze anzünden; aber auch Metallspäne. Während der chemischen Reaktion werden diese Späne stark erhitzt und vom Metallstäbchen weggeschleudert – das sind die knisternden Funken, die so typisch sind für unsere Wunderkerzen.

Und wie kommen die Farben in die Funken?

Jüstel: Das kommt darauf an, welche Chemikalien beziehungsweise Metallspäne verwendet werden. Sind es Aluminium- oder Magnesiumpulver oder -späne, dann hat die Wunderkerze keine Farbe, ist einfach rein weiß oder silbern. Bei Eisen bekommen die Funken einen gelb-gold-orangenen Farbton. Wer Rot haben will, mischt Strontiumnitrat hinzu. Bariumnitrat sorgt für einen grünen Farbton, Kupferchlorid für blau.

Sicheres Silvester

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  • Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann rät, in der anste-henden Silvesternacht nur geprüfte und zugelassene Feuerwerksartikel zu benutzen. „Insbesondere über das Internet werden immer wieder illegale Böller und Raketen gekauft, die eine unberechenbare Wirkung haben. Wer diese verbotenen Pyrotechnikartikel zündet, riskiert seine Gesundheit und sogar sein Leben“, warnt Minister Laumann.

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  • Jedes Jahr kommt es in der Silvesternacht zu schweren Unfällen, bei denen Menschen Augenlicht, Hörvermögen oder Hände verlieren. Die Ursache ist meist: ein zu leichtfertiger Umgang mit gefährlichen Knall-körpern.

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  • Verbraucher können geprüftes und zugelassenes Feuerwerk unter an-derem am CE-Kennzeichen und der Kennnummer der Prüfstelle erken-nen. Der Kauf im namhaften Einzelhandel gibt zusätzlich Sicherheit.

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  • Auch in diesem Jahr sind wieder die Expertinnen und Experten der Be-zirksregierungen unterwegs, um gefährliches Feuerwerk aus dem Ver-kehr zu ziehen, bevor es in die Hände der Verbraucher gelangt. Dabei kontrollieren sie auch die Einhaltung der Vorschriften für den Verkauf von Feuerwerk. Feuerwerksartikel der Kategorie F2 (Raketen, Kano-nenschläge, Böller) dürfen nur an Personen ab 18 Jahren verkauft oder weitergegeben werden.

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  • Der Verkauf ist in diesem Jahr vom 28. bis zum 30. Dezember erlaubt, das Abbrennen nur am 31. Dezember und 1. Januar.

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  • Beim Kauf und Zünden von Feuerwerksartikeln sollten folgende Tipps beachtet werden:

    • beim Kauf auf das CE-Kennzeichen achten
    • Sicherheitshinweise genau lesen und beachten
    • Sicherheitsabstand, insbesondere zu Personen, einhalten
    • Böller nach dem Anzünden sofort wegwerfen
    • sich nach dem Zünden von Raketen und Fontänen schnell entfernen
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    • bei Raketen auf eine sichere „Abschussrampe“ achten.
    • Raketen und Fontänen nie unter Vordächern, Bäumen etc. zünden
    • „Blindgänger“ nie erneut zünden – am besten mit Wasser übergießen
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    • Keine Basteleien mit Feuerwerkskörpern – dies ist eine häufige Unfallursache
    • Fenster und Türen geschlossen halten, damit angezündete Feuerwerkskörper nicht in das Gebäude gelangen können
    • Haustiere in einen möglichst ruhigen Raum bringen
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  • Einen Handzettel mit den wichtigsten Tipps stellt das Ministerium kostenlos zur Verfügung: https://www.mags.nrw/broschuerenservice

    Weitergehende Informationen sind auch bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) erhältlich: https://www.bam.de/

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Wie ist das mit den Feuerwerkskörpern – funktionieren die nach dem gleichen Prinzip?

Jüstel: Eigentlich schon – aber es kommt noch Schwarzpulver hinzu. In der Pyrotechnik unterteilt man die Feuerwerkskörper übrigens in vier Kategorien: Vulkane, Bodenfontänen, Raketen und Böller. Vulkane und Fontänen haben in ihrem Brennraum eine Mischung aus Schwarzpulver, Metallspänen und den bunten Metallsalzen. Der Brennraum ist letztendlich der Behälter aus Pappe, den wir auf die Straße stellen. Außerdem gibt es bei jedem Feuerwerkskörper einen eingeleimten Boden aus Pappe und obendrauf eine Schutzkappe, durch welche die Zündschnur verläuft.

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Und Böller und Raketen?

Jüstel: Böller bestehen nur aus Schwarzpulver, Zündschnur und der Pappe – keine Metallspäne, keine bunten Salze, deshalb knallt und raucht ein gezündeter Böller auch nur. Eine Rakete ist in ihrem Aufbau zweigeteilt: Sie hat einen Treibsatz und einen Effektsatz. Im Treibsatz sitzt das Schwarzpulver, das durch die V-förmige Öffnung unten an der Rakete den notwendigen Rückstoß erzeugt, wenn man die Schnur anzündet. Ist das Schwarzpulver komplett verbrannt und die Rakete am Nachthimmel, entzündet sich das Gemisch im Effektsatz. Es besteht auch aus Schwarzpulver und zusätzlich aus Leuchtkugeln. Das sind dicke, geknetete Kugeln bestehend aus Bindemittel, Oxidationsmittel und den Metallspänen, die auch bei den Wunderkerzen zum Einsatz kommen. Solche Leuchtkugeln sind übrigens auch in Signalraketen, wie sie als Notsignal in der Schifffahrt verwendet werden, verarbeitet.

Das hört sich danach an, dass wir an Silvester ganz schön viele Chemikalien in die Luft pusten?

Jüstel: Wenn der Inhalt unserer Feuerwerkskörper verbrennt, entstehen zwar eine Reihe an Oxiden, aber die sind ökologisch unbedenklich. Was wesentlich bedenklicher ist: Wir produzieren massig Feinstaub in einer Nacht! Genau genommen etwa 4000 Tonnen, und das allein in Deutschland. Das sind zehn Prozent unseres Feinstaubausstoßes, den unser Autoverkehr verschuldet – aufs ganze Jahr gesehen. Das ist gesundheitlich schon bedenklich. Man weiß ja selbst, wie die Luft aussieht in der Silvesternacht. . .

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