Di., 30.01.2018

Interview mit FH-Professor zum Thema Photovoltaik Daumen hoch für Sonnen-Strom

Das vom Kreis Steinfurt initiierte Solarpotenzialkataster zeigt grundstücksscharf für jede Gemeinde, wo sich geeignete Dachflächen befinden.

Das vom Kreis Steinfurt initiierte Solarpotenzialkataster zeigt grundstücksscharf für jede Gemeinde, wo sich geeignete Dachflächen befinden. Foto: Solarkataster des Kreises Steinfurt

Steinfurt - 

Prof. Dr.-Ing. Konrad Mertens lehrt am Fachbereich Elektrotechnik und Informatik der Fachhochschule Münster, Campus Steinfurt. Anfang März hält der Photovoltaik-Experte einen Fachvortrag „Solarstrom von meinem Dach: Wie geht das? Lohnt sich das noch?“ während der Steinfurter Energiespartage. Im Vorfeld sprach Redaktionsmitglied Ralph Schippers mit dem Hochschullehrer über Zukunftsperspektiven der Photovoltaik, sich immer noch hartnäckig haltende Vorurteile und Guerilla-Taktiken in der Anwendung.

Prof. Dr.-Ing. Konrad Mertens lehrt am Fachbereich Elektrotechnik und Informatik der Fachhochschule Münster, Campus Steinfurt. Anfang März hält der Photovoltaik-Experte einen Fachvortrag „Solarstrom von meinem Dach: Wie geht das? Lohnt sich das noch?“ während der Steinfurter Energiespartage. Im Vorfeld sprach Redaktionsmitglied Ralph Schippers mit dem Hochschullehrer und Mitglied des Solarenergie-Fördervereins Deutschland seit 1992 über Zukunftsperspektiven der Photovoltaik, sich immer noch hartnäckig haltende Vorurteile und Guerilla-Taktiken in der Anwendung.

Bis Anfang der 2010er-Jahre herrschte Goldgräberstimmung auf dem Solarstrommarkt. Die Einspeisevergütungen waren hoch, die Modulpreise im Vergleich zu den Nuller-Jahren schon deutlich gesunken. Seitdem ist der jährliche Zubau merklich zurückgegangen. Lohnt sich die Installation einer Photovoltaik-Anlage für Otto-Normal-Eigenheimbesitzer heute noch?

Prof. Mertens: Tatsächlich gab es Jahre mit einem Photovoltaikzubau von neun GW (Gigawatt) pro Jahr, aktuell liegen wir bei nur rund zwei GW. Das ist deutlich zu wenig, um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen. Die gute Nachricht lautet aber: Photovoltaik lohnt sich wieder! Zum einen bekommt man ja nach wie vor eine Einspeisevergütung für den Solarstrom. Zum anderen hat man aber durch die Nutzung des Solarstroms für den Eigenverbrauch deutlich weniger Strombezugskosten. Ein typischer Haushalt kann so locker eine Rendite von über fünf Prozent erreichen.

Es halten sich eine ganze Reihe von Vorurteilen gegenüber der Solarenergie. Skeptiker bemängeln, dass sich diese Art von Energieerzeugung in unseren Breitengraden nicht lohne und der Wirkungsgrad zu gering sei …

Mertens: Leider ist es so, dass sich manche Vorurteile ewig halten, obwohl sie schon seit 20 Jahren überholt sind. So ist es zum Beispiel bei der Behauptung, dass eine Solaranlage mehr Energie bei der Herstellung verbraucht, als sie anschließend im Betrieb erzeugt. In Wirklichkeit hat eine moderne Photovoltaikanlage die Herstellenergie schon innerhalb von zwei Jahren „eingefahren“ und kann dann über 20 Jahre völlig emissionsfrei Strom produzieren. Deutschland ist ja tatsächlich nicht von der Sonne verwöhnt. Dennoch bringt eine Photovoltaikanlage in der Sahara nicht etwa das Zehnfache, sondern nur gut das Doppelte an Stromertrag. Dafür müssten allerdings teure Leitungen von Afrika nach Deutschland gelegt werden. Außerdem liegen im Sonnengürtel oft instabile Staaten, so dass man durch Strombezug aus diesen Ländern kaum die Versorgungssicherheit bei uns verbessern kann. Heutige Solarmodule haben Leistungen von rund 300 Watt. Ein solches Modul erzeugt im Münsterland knapp 300 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr. Eine Familie mit einem typischen Jahresverbrauch von 3500 kWh erzeugt also mit 15 Modulen auf dem Dach schon mehr als sie selbst verbraucht.

Wie sieht es ganz konkret in Steinfurt mit der Nutzung der Photovoltaik aus? Wie beurteilen Sie das Potenzial?

Mertens: Das Potenzial der Photovoltaik im gesamten Kreis Steinfurt ist noch riesig, grob geschätzt können wir noch fünfmal mehr Solarstrom produzieren, ohne auf Akzeptanzprobleme zu stoßen. Der Kreis Steinfurt hat vor kurzem den „Masterplan Sonne“ gestartet, dabei geht es zum einen darum, das Solarpotenzial genauer zu untersuchen und anschließend Maßnahmen zu ergreifen, damit dieses auch genutzt wird. Auch im Bereich der Stadt Steinfurt schlummert noch ein hohes Ausbaupotenzial. Wenn man mal mit offenen Augen durch die Wohngebiete geht, sieht man: Es gibt noch viel zu viele ungenutzte Dächer!

In den vergangenen Jahren sind viele Biogasanlagen in Steinfurt und Umgebung entstanden. Die Mais-Monokulturen, die uns überall im Sommer ins Auge springen, sind eine sichtbare Folge. In ihrem Vortrag betonen Sie, dass Photovoltaik die sinnvollere Variante sei, um grünen Strom zu produzieren. Warum?

Mertens: Zunächst muss man festhalten, dass Biogas einen wichtigen Vorteil hat: Im Gegensatz zu Wind- und Solarstrom kann man es sehr einfach speichern. Daher ist Biogasproduktion aus Reststoffen (Abfall, Gülle, Holzschnitzeln etc.) durchaus sinnvoll. Leider speisen aber die meisten Biogasanlagen einfach kontinuierlich ins Netz, sie nutzen also die Speicherfähigkeit gar nicht. Hinzu kommt, dass bei Biogas aus Mais große Flächen benötigt werden, die dann nicht mehr für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung stehen. Aus einem Hektar Mais kann man pro Jahr rund 20 000 kWh Strom erzeugen. Würde man auf die gleiche Fläche eine Photovoltaikanlage bauen, könnte diese rund eine Millionen kWh erzeugen, also das 50-fache! Anders gesagt: Mit Photovoltaik benötigt man nur 1/50-stel der Fläche. Und es gibt durchaus landschaftlich schöne PV-Freiflächenanlagen, bei denen Schafe zwischen den Modulen weiden. Gleichzeitig gilt: Die Nutzung von Dächern sollte vorgehen.

Eigenheimbesitzer haben die Möglichkeit, bei geeigneter Ausrichtung ihr Dach mit Solarmodulen zu bestücken. Mieter in der Regel nicht. Eine Alternative bieten Kleinstanlagen, die man zum Beispiel auf Balkonen aufstellen kann. Als Plug-and-Play-Anlagen speisen sie grünen Strom direkt über die nächste Steckdose ins Hausnetz ein und lassen Stromzähler entsprechend langsamer laufen. Sind solche „Guerilla“-Anlagen technisch ausgereift? Und was ist zu tun, wenn der Energieversorger sich querstellt?

Mertens: Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von ausgereiften Kleinstanlagen. Bislang lag allerdings das Problem darin, dass es keine Norm für diese Anlagenklasse gab. Im letzten Jahr ist es mit der Norm VDE 0100-551 endlich gelungen, die technischen Randbedingungen dafür zu klären, dabei durfte ich im Normungsprozess meinen Beitrag leisten. Allerdings wird in diesem Jahr noch eine Produktnorm veröffentlicht, die den Stecker festlegt, über den man dann in eine Steckdose einspeisen darf. Dies sollte man aus meiner Sicht abwarten. Ab dann sollten sich dann auch bisher bestehende Probleme mit einzelnen Netzbetreibern erübrigt haben.

Abschließende Frage: Welche Anreize müssen ihrer Meinung nach gesetzt werden, um die Akzeptanz gerade von Solarstrom als Energiequelle im Alltagsleben weiter zu steigern?

Mertens: Leider sind die Gesetze und Verordnungen im Energiebereich in den letzten Jahren immer komplizierter geworden. Dies führt dazu, dass viele Bürger verunsichert sind und im Zweifelsfall keine Photovoltaikanlage bauen. Eigentlich würde ein einfaches Gesetz, das eine Steuer auf die Emission von CO2 erhebt, ausreichen, um sauberen Technologien endgültig zum Durchbruch zu verhelfen. Allerdings gibt es Unternehmen und Interessengruppen, insbesondere im Kohlebereich, die das bisher verhindern konnten. Die Bürger sollten sich aber davon nicht abhalten lassen. Die Investition in eine Photovoltaikanlage ist heute sowohl umweltmäßig als auch finanziell ein Vorteil. Den sauberen Strom zu produzieren und zu nutzen, macht darüber hinaus einfach Spaß.



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