Enkel von Auschwitz-Opfern besuchen Borghorst
„Beginn einer neuen Beziehung“

Borghorst -

„Smile, You‘re still alive.“ Madeleine Fane winkt dem kleinen Grüppchen, das sich unter bunten Schirmen vor dem kalten Winterregen versteckt, freundlich zu. Ihre Aufforderung, doch mal unbeschwert in die Kamera zu lachen, zeigt Erfolg. Klick, klick, schnell sind ihre Handyfotos von den Mitgliedern der „Stolpersteine“ im Kasten.

Freitag, 16.03.2018, 17:16 Uhr aktualisiert: 16.03.2018, 18:01 Uhr
Claude Heimann und seine Schwester Madeleine Fane begeben sich unter Anleitung der Gruppe „Stolpersteine“ auf die Spuren ihrer Großeltern, die im Jahr 1943 ins Ghetto Riga deportiert wurden.
Claude Heimann und seine Schwester Madeleine Fane begeben sich unter Anleitung der Gruppe „Stolpersteine“ auf die Spuren ihrer Großeltern, die im Jahr 1943 ins Ghetto Riga deportiert wurden. Foto: Axel Roll

Ihr fröhlicher Hinweis, dass man ja noch lebe und deswegen allen Grund zum Lachen habe, bekommt vor dem Hintergrund des Fotos an der ehemaligen Synagoge eine ganz besondere Bedeutung. . .

Die 71-jährige Südafrikanerin ist die Enkelin von Albert und Frieda Heimann, die 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Mit ihrem Bruder Claude Heimann, der seit vielen Jahren im kanadischen Toronto lebt, besucht sie die Stätten der Erinnerung an ihre Familie, die mit der Deportation ins Ghetto Riga auf brutalste Weise Opfer der Nazi-Diktatur wurde.

Symbol für jüdisches Leben abgerissen

„Das ist für mich hier ein sehr emotionaler Moment“, beschreibt Claude Heimann die Situation, als er an dem Ort steht, wo vor vier Jahren die Abrissbagger die Mauern des Hauses seiner Großeltern einrissen.

Der 74-Jährige hat damals Bürgermeister Andreas Hoge noch geschrieben und sich eindringlich für den Erhalt der Villa eingesetzt. „Nicht, weil es das Haus meiner Familie, sondern weil es ein Symbol für das jüdische Leben in der Stadt ist“, wie er klarstellt.

Unverschämte Antwort aus dem Rathaus

Die Antwort aus dem Steinfurter Rathaus hat er damals als „nasty“, als böse oder unverschämt, empfunden. Hoge hatte mit finanziellen Gründen argumentiert. „Ich glaube nicht, dass es am Geld gelegen hat“, sagt der Enkel von Albert Heimann. Und betont: „Wenn 100 000 Euro gefehlt hätten, die hätte meine Familie liebend gern aufgebracht.“

Bill Heimann, der Vater der beiden Geschwister, hat Zeit seines Lebens nie viel aus seiner Borghorster Jugend erzählt, erinnert sich Madeleine Fane. Nur, dass er bei seinem Schulabschluss wegen seiner jüdischen Herkunft eine vorbereitete Rede plötzlich nicht mehr halten durfte. Madeleine Fane hat aber oft gehört, wie es für ihren Vater war, als er ganz allein als 21-Jähriger in Südafrika ein neues Leben beginnen musste. „Er hat immer Schuldgefühle gehabt, er war nie ein glücklicher Mensch“, weiß die Tochter.

Begeistert von "Stolpersteinen"

Die Geschwister kommen von Teneriffa, wo sie eine Verwandte besucht haben. Von dem Engagement der Borghorster „Stolpersteine“ sind sie begeistert. „Was Sie für uns gemacht haben, ist mit Worten nicht zu beschreiben“, sagt Claude Heimann. Damit meint er nicht nur das Programm, das unter Leitung von Josef Bergmann von dem Team für die drei Besuchstage erarbeitet wurde. „All die Nachforschungen, das ist kaum zu glauben“, pflichtet Madeleine Fane bei.

Die beiden Gäste kamen dem Wunsch von Bürgermeisterin Claudia Bögel-Hoyer nach, sich bei einem Empfang im Heimathaus in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. Für sie ein Zeichen: „Die Familie Heimann ist wieder zurück.“ Claude Heimann gibt mit seinem Eintrag der Hoffnung Ausdruck, dass der Besuch der Beginn einer neuen Beziehung ist. Seine Schwester Madeleine bedankt sich für die Wärme und Freundlichkeit, mit der beide in Steinfurt empfangen wurden.

Ein ganz besonderes Geschenk hatte Werner Bülter für die Geschwister. Jeweils ein silbernes Lesezeichen, das das Haus ihrer Großeltern zeigt. Werner Bülter wörtlich: „Ein verlorenes Denkmal.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5596174?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686838%2F
Nachrichten-Ticker