„Keiner will Müll vor seiner Haustür“
Klimaschutzmanager Lorenz Blume im Interview

Steinfurt -

China importiert den deutschen Plastikmüll nicht mehr, Tausende Tonnen Plastik schwimmen in den Ozeanen und es werden immer mehr. Die Nachrichten zum Kunststoff häufen sich. Für unser Online-Special „Das Essperiment“ hat Steinfurts Klimaschutzmanager Lorenz Blume mit Redaktionsmitglied Vera Szybalski über das Problem mit dem Plastik gesprochen.

Freitag, 23.03.2018, 16:00 Uhr
Als Klimaschutzmanager weiß Lorenz Blume um das Problem mit dem Plastik.
Als Klimaschutzmanager weiß Lorenz Blume um das Problem mit dem Plastik. Foto: Vera Szybalski

Wie schädlich ist der Verpackungsmüll denn für die Umwelt?

Lorenz Blume: Generell muss man das Volumen an Verpackungsmüll sehen, das wir täglich produzieren, und aus welchen Rohstoffen diese Verpackungen hergestellt werden. Plastik wird hauptsächlich aus Erdöl hergestellt. Einer endlichen Ressource, die auch in anderen Industrien großen Bedarf hat. Man ist dabei, biobasiertes Plastik zu entwickeln, um ein bisschen den Druck weg zu nehmen.

Das ist die eine Seite. Welche Schäden richtet der Verpackungsmüll sonst noch an?

Blume: Die Beseitigung der Verpackungen spielt eine große Rolle, die hat einen großen Umwelteinfluss. Der Müll wird oftmals nicht so gut recycelt, wie er es sollte. In Deutschland haben wir eine relativ hohe Quote, in anderen Ländern der Welt ist das ganz anders. Da wird der Müll oftmals einfach verbrannt oder deponiert. Und so ein Stück Plastik nimmt sich schon mal gerne 450 Jahre Zeit, um zu verrotten. Was wir heute konsumieren, bürden wir also den kommenden Generationen auf. Die Frage ist, wie wir den Müll nachhaltig wieder los werden.

Welche Projekte unterstützen Sie als Stadt Steinfurt?

Blume: Eine Aktion, die vom lokalen Agendabüro gestartet wurde, ist die „Steinfurt-tüt-was“-Initiative. Das ist eine öffentlichkeitswirksame Kampagne gewesen, die darauf aufmerksam machen sollte, dass man am besten auf Plastiktüten verzichtet. Seitens der Stadt wurden den Bürgern kostenlose Mehrwegtüten zur Verfügung gestellt – für den Einkauf in Supermärkten, aber besonders bei den Wochenmärkten. Den wollten wir auch noch mal fördern.

Welche Vorteile bieten Wochenmärkte und gibt es die Taschen noch?

Blume: Ein Einkauf ohne Verpackungsmüll ist auf den Wochenmärkten besonders einfach möglich. Die zu 100 Prozent recycelten Taschen aus PET-Flaschen haben wir auch nachbestellt. Wir wollen bald wieder knapp 1000 Stück an die Bürger verteilen. Das ist eine Aktion, die zum Nachdenken anregt. Eine weitere Aktion von den Stadtwerken zusammen mit Camphill Sellen ist der Hemdbeutel. Da werden Mehrwegbeutel aus alten Hemden hergestellt.

Es gibt immer mehr verpackungsfreie Einzelhändler in größeren Städten. Gibt es für Bewohner im ländlichen Raum spezielle Möglichkeiten, um ganz einfach auf Verpackungen zu verzichten?

Blume: Die Wochenmärkte bieten sich an. Es gibt einen Bioladen in Burgsteinfurt, da ist es in der Regel auch bedeutend einfacher, verpackungsfrei einzukaufen. Was es auch verstärkt gibt und ich sehr lobenswert finde ist, dass Bäcker in Steinfurt Mehrweg-Coffee-To-Go-Becher nicht nur zum Kauf anbieten, sondern auch sagen: Wir wollen das noch attraktiver machen für den Kunden.

Wie sieht das Konzept dann genau aus?

Blume: Wenn man den Mehrwegbecher kauft, bekommt man noch vier Mal umsonst den Kaffee nachgefüllt. Andere Kaffee-Unternehmen sagen, jedes Mal, wenn man seinen Becher mitbringt, kriegt man vielleicht zehn Cent Rabatt. Das ist natürlich auch eine klasse Aktion, die Unternehmer durchführen können, um zum Umweltschutz beizutragen.

Abgesehen von dem alltäglichen Verzicht auf Plastik. Was ist sonst noch wichtig?

Blume: Bildungsarbeit. Viele Leute machen sich keine Gedanken über den Müll. Deshalb ist es so wichtig, mit den Kindern darüber zu reden. Die sollten von Anfang an für das Thema sensibilisiert werden. Wir gehen in die Schulen, um die Kinder auf eine interessante Art und Weise für das Thema zu begeistern. Eine andere Sache ist die Müllsammelaktion. Keiner will den Müll vor seiner Haustür liegen haben, aber sobald man um die Ecke ist, fällt es ein bisschen leichter den Müll fallen zu lassen, wenn der Mülleimer zu weit entfernt ist.

Der Verzicht auf Plastik hat auf die Ozeane positive Auswirkungen. Welche Vorteile bringt er noch?

Blume: Er hat positive Auswirkungen auf das Klima. Ein Großteil des Mülls auf der ganzen Welt wird heute noch verbrannt. Dabei entstehen gesundheits- und umweltschädliche Abgase, aber auch Treibhausgabe, die den Klimawandel noch beschleunigen. Zum anderen hat die Müllverarbeitung große wirtschaftliche Auswirkungen. Umso mehr Müll reduziert wird, desto weniger Müll muss auch entsorgt werden. Die Entsorgung übernimmt in der Regel die öffentliche Hand. Wir als Stadt Steinfurt zahlen jedes Jahr einen Millionenbetrag für die Entsorgung. Umso weniger von den Steinfurtern weggeworfen wird, umso mehr Geld bleibt im Haushalt für andere Dinge übrig – sei es im sozialen oder im Umweltbereich.

Das "Essperiment"

Beim Essen geht es um mehr als nur ums Sattwerden. Es geht um Überzeugungen, Kommunikation, Zusammensein, um Identität. Doch was macht Essen mit uns und was machen wir mit dem Essen? Diesen Fragen sind sechs Volontäre der Zeitungsgruppe Münsterland nachgegangen – und haben sich dabei selbst einigen Regeln unterworfen.

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